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Full text of "Ferdinand Bonn Gesammelte Werke 1"

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Ferdinand Bonn als Parforce-Reiter 

Olgemalde von I. Koppay 



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FERDINAND BONN 

GESAMMECEE WRKI I 



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IM XENlBN'\TSRLAG 

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FERDINAND BONN 

GESAMMEUBWERKB 




LEIPZIG 
1M XENiEN'VERLAG 



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ALLE RECHTE VORBEHALTEN 



COPYRIGHT 1911 BY XENIEN-VERLAG, LEIPZIG. 



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FERDINAND BONN 
GESAMMELTEWERKE 

ERSTER BAND 



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Ferdinand Franz Josef Bonn ist geboren am 20. De- 
zember 1861 in Donauworth als der Sohn des da- 
maligen Staatsanwalts Franz Bonn und seiner Qattin 
Bertha geborenen Promoli. Franz Bonn, als Humo- 
rist und Mitarbeiter der „Fliegenden Blatter" unter 
dem Namen von Miris bekannt, war eine auBer- 
ordentlich vielseitig begabte Kiinstlernatur. Er mu- 
sizierte, malte, dichtete und w&re, wenn ihn das Ge- 
schick nicht in die juristische Laufbahn gebracht 
h&tte, sicher fiir die deutsche Blihne von eminenter 
Bedeutung geworden. Noch in spateren Jahren in 
Amt und Wlirden bedauerte er oft, seinem Jugend- 
drang, Schauspieler zu werden, nicht gefolgt zu sein, 
und seinen unerschopflichen Humor meist in Vereins- 
theatern und Qelegenheitsdichtungen verzettelt zu 
haben. Waren ihm auch manche Erfolge als Humo- 
rist beschieden und hat er auch in seiner Qedicht- 
sammlung „Fiir Herz und Haus" manches zarte Lied 
von dauerndem Wert geschaffen, so nahm ihn doch 
der juristische und sp&ter parlamentarische Beruf 
zu sehr in Anspruch, als daB er seine herrlichen 
Qaben zu voller Reife hatte bringen konnen. Qliick- 
lich im Familienkreise, kindlich und bescheiden, ohne 
alle die harten, selbstischen Charaktereigenschaften, 
die im Leben sich Qeltung verschaffen, gentigte es 
ihm, Kindertheater zu schreiben, die zu dem besten 
zahlen, was in dieser Qattung sich erh&lt. Fer- 
dinand Bonn war sonach seit den Anfangen seines 
1* 

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Denkens in einer durchaus kiinstlerischen Atmo- 
sphare. Die Talente, die er s&mtlich vom Vater 
erbte, wurden von auBen fortwahrend genahrt. Im 
Hause Bonn wurde immer gesungen, gepfiffen, de- 
klamiert, improvisiert, gemalt und geschnitzt. Schon 
der GroBvater, Oberrechnungsrat Bartholomaus 
Bonn, muB nach den Aufzeichnungen Franz Bonns 
in der Familienchronik ein sehr lustiger Herr gewe- 
sen sein. Er spielte gut Flote und wie er beim Ti- 
roler Aufstand als bairischer Beamter aus Innsbruck 
fliehen muBte, hatte er nur ein paar silberne Loffel 
retten kSnnen, was seinem Humor nicht den minde- 
sten Eintrag tat. Qegen Vorgesetzte war er wider- 
haarig, mild gegen Untergebene, ein Original nament- 
lich im hoheren Alter. Zu Beuerberg in Oberbaiern 
ist er begraben, nachdem er 82 Jahre erreicht hatte. 
Er folgte dahin seiner Tochter Elisabeth, die in das 
Salesiannerinen-Kloster eingetreten war. Eine an- 
dere Tochter wurde Barmherzige Schwester. Ein 
sehr frommer Zug neben einer unb&ndigen Lebens- 
freude charakterisiert die ganze Familie, in der die 
Sohne, trotz aller Begabung, friih sterben und ver- 
kommen, die Tochter den Schleier w&hlen. Qanz 
anders war die Familie der Mutter. Vater Promoli, 
der 95 Jahre alt wurde, ehemaliger Apotheker und 
auBerst liberal, und seine Frau Louise geb. Knorr, aus 
einer Munchener Patrizier-Familie mit italienischem 
Einschlag. Die Firma Angelo Sabadini besteht noch 
in Miinchen in der KaufingerstraBe. Sabadinis ein- 
zige Tochter heiratete der Stammvater der Knorrs. 
Die Promolis, friiher Pr6moly geschrieben, stammen 
aus Ungarn. Vater Bonn wurde von Donauworth 
nach Ansbach versetzt, spater nach Baireuth und 
Miinchen. Dort besuchte der kleine Ferdinand die 
deutsche und lateinische Schule mit sehr m&Bigem 
Erfolg. In Miinchen starb seine junge Mutter bei 
einer Typhusepidemie, ein nachhaltiger und schwerer 
Verlust fiir den Zehnjahrigen. Viel allein, macht er 



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sich, wenn er nicht auf der StraBe tollt, fiber den 
Bucherschrank des Vaters her und verschlingt alles 
ohne Auswahl. Doch bleibt ihm Shakespeare das 
Buch der Bticher. Ihn liest er wieder und wieder. 
Von da ab beginnt er selbst Dramen zu schreiben. 
So bleibt, da er auch malt und Violine spielt, flir die 
Schule wenig Zeit. Er kommt gerade so mit, na- 
mentlich in der Mathematik leistet er wenig, dagegen 
weisen die Zeugnisse in Deutsch und Turnen immer 
die ersten Noten auf. Besonderes Ansehen erlangt er 
bei Professoren und Mitschtilern durch Theaterauf- 
ftihrungen, in denen er Autor, Darsteller, Regisseur, 
Dekorationsmaler in einer Person ist. Einige dieser 
Stlicke sind noch vorhanden: „Aus H£ndels Jugend" 
und „Der Tilly kommt". Endlich wird das Gymna- 
sium absolviert und Ferdinand Bonn wird als Horer 
der Rechte an der Mlinchener Universit&t immatriku- 
liert und tritt gleichzeitig in das 3. reitende Artillerie- 
Regiment als Einjahriger. 

Wir lassen hier die lustigen Soldatengeschichten 
folgen, die Bonn als junger Soldat geschrieben und 
die als Separatband bei Hugo Steinitz, Berlin, er- 
schienen, bis jetzt 18 Auflagen erlebten. Sie sind 
zwar fiir Jugend und Volk berechnet, aber in den ge- 
sammelten Werken dtirfen sie doch nicht fehlen. Es 
zeigt sich in dem urwiichsigen Humor und der plasti- 
schen Kraft dieses Erstlingswerkes der kiinftige Dra- 
matiker. 

Der Xenien-Verlag. 



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Eine Million. 



„Peter!" 
Keine Antwort. 
JPe— e— eter!" 

„Herr Leidnam?" tont es aus dem Nebenzimmer. 

Peter kommt herein und tritt stramm an vor seinem 

Herrn, dem Dragonerleutnant Freiherrn von Muller, 



welcher an seinem Schreibtisch sitzt und den Wolken 
der Zigarre nachschaut. 

Peter ist ein kleiner, stammigerDragoner mit einem 
dicken Kopf, einer groBen Nase und etwas abstehen- 
den Ohren. Mit den blauen Augen schaut er ehrlich 
und dabei pfiffig seinen Herrn an. 

„Wenn du nur nicht gar so schwerhorig warst, 
Peter, man muB sich ja die Knopfe aus der Uniform 



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schreien. — Ja, ja, du brauchst nichts zu erwidern, 
ich weiB schon, Alter, wie du dazu gekommen bist — 
horch — es l£utet — sieh nach drauBen!" 

Peter kehrt mit zwei Briefen zuriick. „Melde ge- 
horsamscht d'r BrieftrSger." 

Der Leutnant durchfliegt die Papiere. 

„0 du vernageltes Kanonenrohr!" ruft er. „Tee 
bei Kommerzienrats! — Und der Hebe Herr Samuel 
Einstein will mich heute um 11 Uhr besuchen. 




— Peter! — Spitz' deine langen Ohren. Qeh* zu 
Kommerzienrat Protzler. Eine Empfehlung, ich kann 
nicht die Ehre haben, — horst du? — weil — na, 
warum denn gleich — weil ein Fremder da 
ist." 

„Sie kommen heut awend aus der Wasch, Herr 
Leidnam", entgegnete Peter. 

„Was willst du? — Schwatz kein Blech, sondern 
paB auf !" 

Damit setzte der Herr Leutnant die Miitze auf, 
drehte seinen schonen, blonden Schnurrbart, schnallte 
den Pallasch um und ging aus. 



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Peter nahm erst den Zigarrenstummel seines Herrn 
aus dem Aschenbecher, steckte ihn in seine Spitze 
und ging dann, lustig dampfend, zu Kommerzienrat 
Protzler. 

Qegen Abend kam der Herr Leutnant heim. 

„Peter!" 

„Herr Leidnam?" 

„Hole ein Abendessen ftir zwei Personen. Mein 
Kamerad Hutter kommt den Abend. — Apropos, hast 
du meine Befehle vollzogen? — Zieh' mir die Stiefel 
aus! — Na, was sagten sie bei Protzlers? — Oh! 
Du wirfst mich ja um — na, was grinst du denn wie 
ein Maikafer?" 

„Ach, entschuldige der Herr Leidnam. Des sin so 
freundliche Leut. Die Frau Kommerzienrat hat m'r 
aach en Dohler geschenkt." 

„Wie ist denn das zugegangen?" 

„Ja, die Frau Rat un die Fr&ulein, die wollte ewe 
ausgehe un sin an der Tiir gewese, un da hawe se 
mich gleich gefrogt, un da sach ich: 'n schan Empfehl 
vum Herr Leidnam, und er kennt die Ehre nit hawe 
— esseikeiHem dm e h r d o " 

Sprachlos sah der Leutnant seinen Diener an. 

„Un da hawe se ang'fange zu lache, daB se sich 
geboge hawe, un daB ich gemeint, der Frau Rat 
mocht ihr dicker Kropp blatze. Un da sin se doher- 
nacher recht freindlich gewese, un ob ich aus d'r 
Pfalz sei, un " 

„Peter", sagte Baron Miiller, sein Lachen ver- 
beiBend, „wenn du nicht ein so treuer Kerl warst, 
k6nnte ich dich bei deinen langen Ohren nehmen. 

EsseieinFremderda, hab* ich gesagt, nicht 
esseikeinHemdmehrda. In was ftir Ver- 
legenheiten hast du mich schon gebracht, du Dick- 
hauter!" 

Inzwischen kam der Kamerad Hutter, ein netter 
Junger Offizier mit einnehmendem Qesicht. 

Peter deckte den Tisch, stellte das dampfende 

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Goulasch darauf, sorgte fiir Bier und Wein und rich- 
tete das Rauchtischchen. 

Die Herren amusierten sich nattirlich sehr iiber 
Peters neuestes Stuck, deren er schon viele geliefert 
hatte, und nach denen im Offizierskasino stets Nach- 
frage war. 

„Warum schickst du eigentlich den schwerhorigen 
Burschen nicht fort?" fragte Hutter, als sie allein 
waren. 

„Weil er eine Perle ist!" 

„Eine Perle — mit d e m Kopf ?" 




„Jawohl! Er hat mir im 70er Feldzug das Leben 
gerettet, dann blieb er bei mir und stand wieder ein, 
nachdem seine Dienstzeit schon abgelaufen war, aus 
bloBer Anh&nglichkeit." 

„Das Leben hat er dir gerettet?" 

„Ja, mein Lieber. — Nimm dir eine Zigarre! Du 
warst 70 noch Kadfctt, ich ein junger Offizier — na, 
also das weifit du, daB ich bei Qravelotte eine Kugel 
in die Existenz bekam. Ich blieb liegen, wo ich vom 
Gaul gef alien war; unterdessen zog sich die Schlacht 
weit fort, es war keine Aussicht, daB die Verwunde- 
tentrager mich finden wiirden, denn es wurde Abend 



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— da kam auf einmal mein Peter grinsend daher. 
Schlau, wie er ist, sieht er sich nach einem Obdach 
um und schleppt mich auf dem Rticken einen Htigel 
hinauf zu einer arg zerschossenen Kapelle. Da macht 
er mir ein Lager auf einer Kirchenbank. Auf dem 
Hugel hatte franzosische Artillerie gestanden. Un- 
sere Reiter batten sie tiber den Haufen geritten, und 
nun lagen und standen die verlassenen Qeschiitze 
und Protzen da herum. Eine Kanone stand im Ein- 
gang der Kapelle, garniert mit den toten Artilleristen. 



Ich fieberte tiichtig und konnte nicht schlafen, und 
Peter wachte mit mir. Der Mond schien hell. Da 
stofit mich Peter auf einmal: 

,Um Qotteswille, Herr Leidnam — die Hyane!" — 
„Was willst du?" fragte ich matt. „Die Hyane des 
Schlachtfelds!" sagte er; das hat er einmal irgendwo 
gelesen gehabt. Aber es war in der Tat so. Ich rich- 
tetQ mich muhsam auf und sah durch das offene Tor 
der Kapelle eine Schar bewaffneter Strolche drauBen, 
welche eben daran waren, die Qefallenen zu pliindern. 

„Wir sind verloren!" sag' ich und laB mich wieder 
zurucksinken. „Alleweil noch net", meint Peter, „i 



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dunner, warm nor des Ding do gelade war — e Zind- 
schnur hangt dran", — und damit macht er sich an 
die Kanone, die wirklich noch geladen war, und in 
dem Augenblick, wo die Kerls ihn bemerken, reiBt 
Peter an der Schnur, und mit einem furchtbaren 
Donner kracht der KartatschenschuB unter die 
Bande, die tot und verwundet liegen bleibt oder 
schleunigst ReiBaus nimmt. Es war ein Schlag in 
dem Gewolb der Kapelle, daB ich meinte, es fiele 




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alles zusammen. Als ich meinem braven Peter dan- 
ken woilte, da grinste mich der Armste sehr freund- 
lich an, aber er verstand mich nicht mehr, er war 
fast taub. Es hat sich seither etwas gebessert, aber 
zeitweise ist er wie vernagelt." 

„Ja, jetzt begreife ich es 4 , sagte Hutter, „das ist ja 
eine famos schneidige Geschichte, so was mochte ich 
auch erlebt haben! 44 

„Ach ja 44 , begann Baron Mtiller wieder, „die Er- 
innerung an den Feldzug gabe ich um nichts — ist 
mir doch viel Merkwtirdiges passiert. — Zum Bei- 
spiel die Geschichte mit der dummen Million. 44 



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„Halleluja! Heute taut er auf!" rief Hutter. „Ober- 
all heiBt es, du seist ein so interessanter Mensch, viel- 
leicht bloB deshalb, weil du uberall den groBen 
Schweiger spielst. Also raus mit der Millionen- 
geschichte!" 

„Ist sehr einfach", sagte Miiller. — „Willst du weiB 
oder rot — brennst du noch? — Na also, weil ich 
doch schon davon gesprochen habe und du mein 
liebster Kamerad bist — also ich war mit Peter und 
zehn Dragonern auf einem SchloB einquartiert in 
Aumont. Die Marquise d'Aumont, die dort mit ihrer 
Tochter wohnte — " 

„Aha!" machte Hutter. 

„Keine Randglossen! Wenn ich bitten darf, sonst 
erzahle ich nicht " 

Die machten zu der Einquartierung anfangs bose 
Qesichter, als sie aber sahen, wie meine Leute dis- 
zipliniert waren, und daB ich ein Mann von Erziehung 
sei, der sogar einen Walzer von Chopin auf ihrem 
Flfigel spielte, als wenn er mein Landsmann 
gewesen ware, da wurden sie freundlicher, und wir 
wurden zuletzt ganz herzlich miteinander. — Es 
waren schone Tage!" 

Hutter hatte schon wieder eine Bemerkung auf der 
Zunge, schluckte sie aber mit einem Qlas Wein 
hinunter. 

„Wir erwarteten schon langst Feindseligkeiten der 
Franktireurs, die mehrfach als in nachster Nahe sicht- 
bar gemeldet wurden. Ich hatte den Auftrag, mich 
bei ihrer AnnSherung zur Schwadron, die eine Meile 
hinter uns lag, zuruckzuziehen. — Eines Abends, als 
ich eben die junge Marquise zu einem ihrer Lieder, 
die sie so schon sang, am Fliigel begleitete, und wir 
alle drei ganz vergaBen, daB rings um uns Krieg sei, 
krachten Schusse, mein Unteroffizier rumpelt in den 
Salon und meldet, Franktireurs in groBer Anzahl fiat- 
ten das SchloB iiberfallen. Ich eilte sogleich hinunter 
und fand meine braven Burschen schon im Qefecht 

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an dem groBen Gittertor des Parks. Wir konnten 
tins da nicht halten, denn die Franktireurs stiegen 
iiber die Parkmauer. Tapfer aus den Karabinern 
feuernd, zogen wir tins ins SchloB zurtick. Aber ein 
dicker Rauch, der aus einem Nebengebaude dessel- 
ben aufstieg, zeigte mir, daB hier das Heil nur im 
Riickzug liege, der mir ja ohnehin anbefohlen war. 
Ich lieB im geschlossenen Hofraum aufsitzen und 
wollte von den Damen Abschied nehmen, wie es un- 
ter diesen Umstanden notig war. 

Die Marquise aber beschwor mich unter Tranen, 
sie nicht zuruckzulassen, sie hatten das Schlimmste 
von ihren Landsleuten zu befurchten. Die beiden 
Damen waren auch schon zur Flucht mit der ganzen 
Dienerschaft bereit, die Equipage war angespannt, 
und wenn der Feind das SchloB noch nicht umringt 
hatte, konnten wir durch das Tor rtickwSrts auf das 
freie Feld entkommen. Der Riickzug stand gottlob 
nach offen. Ich lieB fiinf Mann mit dem Unteroffizier 
zuriick. Sie sollten aus den Fenstern feuern, bis wir 
drauBen waren. In hochster Eile galoppierten wir 
anderen durchs Tor. Kaum sind wir ein paar hundert 
Schritte weit, so fangt die Marquise, die ganz den 
Kopf verloren hatte, im Wagen ein fiirchterliches 
Lamento an. Sie teilte mir, wShrend ich nebenher- 
ritt, in abgebrochenen S&tzen kurz mit, daB sie ihr 
Vermogen in einer groBen Blechschatulle auf ihrem 
Schreibtisch habe stehen lassen — es sei eine Mil- 
lion. Ich lasse also halten, gebe dem Kutscher die 
Richtung an, die er fahren sollte, und jage mit 
meinen fiinf Dragonern und Peter wieder zuriick. 
Unterdessen war es den Franktireurs eingefallen, 
sich die Riickseite des Schlosses zu betrachten, und 
als wir zum SchloB bei der hinteren Ttir wieder 
hineinwollten, kamen uns die Kameraden entgegen 
mit der Meldung, wir wiirden im Augenblick um- 
zingelt sein. Jetzt gait kein Feiern, ich gab Peter 
mein Pferd zu halten, wShrend die Leute wieder tiich- 

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tig auf die Franktireurs feuerten, die wir im Scheme 
der brennenden Qebaude heranschleichen sahen. 

Ich wie der Wind die Treppen hinauf ins Zimmer 
der Marquise — da steht die Schatulle — drauBen am 
Korridor tappen schon die Franktireurs und schlagen 
in ihrer dummen Wut alles kurz und klein. Die 
Schatulle gepackt — hinunter — aufs Pferd ge- 
sprungen, Pallasch 'raus — im linken Arm die Million 
— „Zur Attacke vorwarts marsch!" Und wie alle 



Wetter reiten wir auf den Feind los, der uns ehr- 
erbietigst durchlaBt und uns nachfeuert, was das Zeug 
halt. Sieben Verwundete hat mich die Affare ge- 
kostet, auch die Schatulle hat was abgekriegt — 
siehst du hier das Loch — und dem Peter haben sie 
eins von seinen langen Ohren gestreift. Wir ritten 
in der Richtung der vorausgefahrenen Equipage; die 
aber muBten mit Windes Fliigeln gefahren sein, denn 
als wir nach einstundigem Ritt zu unserer Schwa- 
dron kamen, waren die Fliichtlinge nicht da. Sie 
hatten offenbar den Weg verfehlt. Zu meinem groB- 



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ten Leid muBten wir gleich zum Regiment stoBen, 
und es ging in Eilmarschen weiter. Nein, Hutter, du 
kannst dir nicht denken, was ich diese Blechschachtel 
verwunscht habe — was hat Peter ihretwegen 
fur VerdruB gehabt! Ich konnte sie doch nicht immer 
unterm Arm tragen, deshalb wurde dem Peter so 
eindringlich klar gemacht, welche Verantwortung er 
mit diesem Reichtum tibern&hme, daB er in seinem 
Obereifer eine Dummheit nach der andern machte. 

Wunderbarerweise brachten wir unser Sorgenkind 
glticklich nach Hause. Da liegt es jetzt zwei Jahre 
und kein Mensch fragt nach ihm. Ich habe alle nur 
mflglichen Nachforschungen angestellt; in vielen fran- 
zosischen BUittern lieB ich's ausschreiben. Ich wen- 
dete mich um AufschluB an die Behorden. Alles, was 
ich erfuhr, war: die letzten Angehorigen der Familie 
seien ein General d'Aumont in Amerika und die Mar- 
quise mit ihrer Tochter. Ober den ersteren wisse 
man zurzeit nichts Naheres, die beiden anderen seien 
bei dem durch dieDeutschen zerstorten Schlosse 
Aumont im Feuer umgekommen. DaB dies nun nicht 
der Fall war, wuBte ich — aber was war aus ihnen 
geworden? 

„WeiB Gott, ob ich die gute Marquise und Claire 
wiedersehe?" 

„Claire?!" entschliipfte es Hutter. 

„Ja, Claire hieB die junge Marquise, warum fragst 
du?" 

„Pardon, es fiel mir nur ein, daB du deinen heiB- 
geliebten Vollblutrenner auch Claire genannt hast, 
und weil wir Kavalleristen — " 

— „Unsere Pferde fast ebenso lieben wie unsere 
Braute", erganzte Miiller, „so vermutest du? u — 

— „Vermute ich", erganzte Hutter, „daB du in die 
allerdurchlauchtigste Marquise junior verliebt bist!" 

„Verliebt? Ob dies das richtige Wort ist?" ent- 
gegnete Miiller traurig: „Seit zwei Jahren denke ich 
nur e i n e n Qedanken!" 

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„Also darum so schweigsam! Na, und sie, deine 
Claire ?" 

„M e i n e Claire! Qlaubst du denn, ich war so un- 
hoflich, als Feind und Einquartierter die leiseste An- 
deutung zu machen? 44 

„Geh! Pack' deine Million wieder ein 44 , sagte Hut- 
ter, „es wird einem ganz unheimlich, so viel Geld an- 
schauen zu mtissen, wenn man drei Mark vierzig 
Pfennige in der Tasche hat. — Da weiB ich, zu wem 
ich kommen muB, wenn mir einmal das Moos ausgeht. 
Jetzt begreif ich, warum du dem Herrn von Tele- 
witz immer aushilfst, dem ich iibrigens an deiner 
Stelle keinen Groschen pumpen wtirde, weil er ein 
undankbarer falscher Schw&tzer ist; es kann ihn so 
kein Mensch ausstehen im Regiment." 

„Ja", sagte Mtiller, „es ist eine dumme Gutmiitig- 
keit von mir, da ich ja selbst voriaufig auf Pump lebe 
— nicht hiervon", er deutete auf die Kassette, „denn 
hier liegt noch alles gerade so, wie es gelegen hat, 
und kann meinetwegen noch hundert Jahre so liegen. 
Mein Vermogen schwebt zurzeit in der Luft. Du 
weiBt ja, mein Vater hatte schon einen ProzeB wegen 
unseres groBen Gutes mit einer Seitenlinie unseres 
Geschlechtes. Er folgte wahrend des Feldzuges 
meiner seligen Mutter, und als ich nach Hause kam, 
hatten meine lieben Verwandten von meinem Erbe 
Besitz ergriffen. Ich fing naturlich gleich einen Pro- 
zeB an, den ich in diesen Tagen endlich gewinnen 
muB; ich erwarte taglich Nachricht von meinem An- 
walt, da die Sache eben endgiiltlg vor dem Ober- 
tribunal entschieden wird. Dann, liebes Hutterchen, 
bin ich ziemlich wohlhabender Gutsbesitzer, dann 
kommt auch Herr Samuel Einstein bald zu seinen 
vorgeschossenen Moneten. 44 

Leutnant Hutter machte sich auf den Heimweg. 

Peter leuchtete hinunter und schloB das Haustor 
auf, da wollte eben der Telegraphenbote lauten. 

„Ein Telegramm fur dich 44 , rief Hutter zum Fenster 



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hinauf. „Gratuliere zumSieg. Das kostet morgen Sekt. 
Qute Nacht!" Peter brachte das Telegramm seinem 
Herrn, der es ihm eilig aus der Hand nahm, und las: 

„Sehr geehrter Herr! Herzliches Bedauern. Pro- 
zeB in letzter Instanz verloren. Hochachtungsvoll — 
Kniffler, Rechtsanwalt." 

Bleich bis in die Lippen stand Baron Mliller da und 
reichte seinem treuen Diener das Blatt. 

„I, da soil doch e heelig Dunnerwetter drein- 
schlage!" meinte Peter, sich hinterm Ohr kratzend. 

„Jetzt konnen wir die Uniform ausziehen, Peter!'* 
sagte Mtiller. 

„I bewohre, Herr Leidnam", grinste Peter, mit dem 
Daumen auf den Schreibtisch deutend, „do in der 
Blechbix is ja noch e bische!" 

„Peter!" fuhr sein Herr auf, „du bist ein " 

Peter ging. 

„Was bin ich?" sagte er vor der Ttire zu sich sel- 
ber, „ich hab's net verschtanne, jedenfalls ein Esel 
oder so was. Na, wer vun uns beide der grdschte 
is, des weeB ich als noch net, denn, wann mer e 
Blechbix voll Kapitalie doliege hat un lamentiere will 
un nor eneinzelange braacht. — Die alt* Schnurchel 
war* mit der HSlft' aach zufriede, wenn se heut 
komme dSht un wann se net zufriede war, wollte mer 
se schun zufriede mache, daB se sich net beklage 
konnf; ich wollt* *r zeige, wo der Bartel de Moscht 
holt — jawohl, ich loB mer de Ohre abschieBe von 
wege dem alte Bockfell ihrer lumpige Blechbix, krieg 
vun mein Herre die grSschte Unannehmlichkeite, 
schlepp sie rum wie e Wickelkind, un da hernacher 
soil mer net das kleinste DuBehr oder Trinkgeld 
hawe r 

So philosophierte Peter noch lange und schlief dann 
selig auf seinem Strohsack, w&hrend sein Herr die 
Na9ht fiber unruhig in seinem Zimmer auf und ab 
ging- 



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Nun kamen schlimme Tage. Die Pferde des Herrn 
Leutnant hatten es besser, als ihr Herr. Sie bekamen 
ihre gewohnte Abendration. — NTemand aber ahnte, 
daB der Herr Baron jetzt ein Stlick Schwarzbrot als 
Souper nahm; Peter gab es nobler, er kaufte sich 
immer noch eine Wurst dazu, von der er gem setnenr 
Herrn angeboten hatte, wenn er sich getraut hatte. 
Wenn der arme Leutnant auch mit knapper Not von 
der Gage hittte Ieben konnen, die im Vertrauen auf 
sein gutes Recht gemachten Schulden konnte selbst 
die allergroBte Sparsamkeit nicht tilgen. Dieser Qe- 
danke vertrieb alles Rot aus den Wangen des bltihen- 
den jungen Mannes, und hoffnungslos sah er in einc 
entsetzliche Zukunft. Vergebens suchten seine Kame- 
raden ihn mit der Aussicht auf eine reiche Partie zu 
trosten. Sie nannten ihm die und jene, wo er als 
schoner, junger Offizier von Adel nur anklopfen dtirfe 
— bei solchen Vorschlagen konnte er sehr zornig 
werden* 

Peter dagegen war kreuzfidel. Er sah in dem 
Schwarzbrot das einzige Mittel, das seinen Herrn 
bald bewegen diirfte, ein wenig in die „BIechbix" 
hineinzulangen. 

Sogar der ehrliche Hutter, der selber nicht viel 
iibrig hatte, meinte, eine solche Anleihe konne die 
Marquise nicht iibelnehmen; wenn er Rittmeister 
oder Major sei, konne er es ja wieder heimzahlen. 

Muller hatte ihn kopfschiittelnd angehort. Hutter 
wagte den Vorschlag nicht zu wiederholen; in dem 
Punkt der Ehre war Muller von eiserner Konsequenz. 

Der Qewinn beim Friihjahrsrennen, wo Mtiller mit 
seiner treuen Claire als erster hereinkam, genugte, 
um die laufenden Rechnungen zu bezahlen; aber 
Samuel Einstein drohte mit Klage, und nirgends war 
Aussicht, ihn zu befriedigen. Da wollte Muller, so 
ungern er es tat, den Herrn von Telewitz an seine 
Darlehen mahnen. 



18 .... .„ . .__' 



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Eines Morgens schickte er Peter mit einem Bricf- 
chen hin. 

Peter, der auf Antwort warten sollte, stand 
stramm vor dem Leutnant, w&hrend dieser das Bil- 
let las. 

Stirnrunzelnd sah Telewitz den Burschen an: „Na, 
ihr seid wohl jetzt recht arm, was?" Diese un- 
passende Frage Srgerte Peter. Dank dem schnarren- 
den Organ des Leutnants hatte er sie auch ver- 
standen. 

„Ach nee", sagte er trotzig, „wir ha we genuch!" 

„Es scheint nicht!" 

„Wann mir wollte, Herr Leidnam", fuhr Peter fort, 
„wir konnte dem ganze Regiment die Pferd abkaafe 
un noch e paar Hauser derzu!" 

Telewitz sah den Burschen zweifelhaft an: „Du 
hast wohl getrunken, Kerl?" 

Das „Du" und der „Kerl" argerten den braven 
Peter noch mehr, und er vergaB den strengen Befehl 
seines Herrn, von der Million zu schweigen, und 
platzte heraus: 

„Was getrunke, Herr Leidnam — melde gehor- 
schamst, nix getrunke als en ganz dinne Kaffee, aber 
wann der Herr Leidnam gehorschamst wisse wolle 
— mei Herr hat aus'm Feldzug in ene Blechbix e 
Million mitgebracht, ich hab' se getrache, und wer 
sacht, daB mei Herr Schwarzbrot esse dut zu Awend, 
der is — den soil, bitte gehorsamscht mit Respekt zu 
melde, der Deibel hole!" 

Das Herz schlug dem wac^eren Peter vor Freude, 
daB er seinem geliebten Leutnant so tapfer die Stange 
gehalten hatte gegenuber dem faden Junker. 

„Sagen Sie Ihrem Herrn, ich kame im Augenblick 
selbst zu ihm. 's ist gut." 

Peter machte ein „Kehrt" auf dem glatten Parkett- 
boden, daB der Herr von Telewitz, wenn er Lust 
dazu gehabt hatte, nach Jahren genau hatte wissen 
2* 

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konnen, wieviel NSgel Peter in seinen KommiBstiefeln 
habe. 

Alsbald erschien Telewitz bei Peters Herrn. 

„Aber Kamerad!" rief er schon beim Eintreten, 
„was machen Sie denn fflr Qeschichten? Riickzah- 
lung der Bagatelle von mir zu verlangen! Sie Krosus 
— ne, das ist nicht nett von Ihnen!" 

„Krosus!? Sie wollen spotten, Herr Kamerad", 
sagte Miiller verbliifft. 

„Nein, Sie verspotten mich, Herr Kamerad", 
sagte Telewitz ISchelnd. „Eine Million ist doch kein 
Pfifferling — aber nett ist das nicht von Ihnen, eine 
Million zu haben und so knickerig gegen einen flotten 
Kameraden zu sein!" 

„Woher wissen Sie?" entfuhr es Miiller. 

„Ja, das wei8 man so per Zufall", lachte Telewitz. 

„Sie irren sich, ich habe f r e m d e Gelder in Ver- 
waltung, ich selbst aber " 

„In Verwaltung? ha, ha, das ist famos, aus dem 
Feldzug bringt man Gelder zur Verwaltung mit : Ba- 
ron Miiller, der Verwaltungsbeamte! ha ha ha!" 

„Wer hat Ihnen denn gesagt, daB ich aus dem 
Feldzug eine Million mitgebracht habe?" 

„Ihr trefflicher Peter, Ihr Bursche und Vertrauter." 

„Sie irren gleichwohl. Die Million gehort der Mar- 
quise d'Aumont, die ich bei Erstiirmung ihres 
Schlosses durch Franktireurs aus den Augen verlor; 
alle meine in den Zeitungen angestellten Nachfor- 
schungen waren vergebens." 

„Na natiirlich", lachte von Telewitz, „das muBten 
Sie ja schandenhalber tun!" 

Miiller entfarbte sich. 

„Ich weiB nicht, ob ich Sie recht verstehe, Herr 
Kamerad? Sie scheinen der Ansicht zu sein, ich hatte 
diese Papiere — Das Wort will mir nicht iiber die 
Lippen." 

„Ah bah — nach dreimaligem Anrufen vorschrifts- 

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maBig geschossen, Sie sind ein Gliickspilz, Muller, 
aber nun seien Sie aucb nicbt egoistisch!" 

Muller trat hart vor den kleinen Telewitz, der 
einen Scbritt zurttckwich* 

„Wissen Sie", sagte er mit zornbebender Stimme, 
„was Sie eben ausgesprochen haben? Sie beschul- 
digen mich hier eines Verbrechens, auf dem Zucht- 
haus steht! — Auf Ihre Riickzahlung verzichte ich 
und wenn ich Sie nicht so ztichtige, wie es Ibnen 
gebtihrt, so danken Sie es dem Rock, den Sie an- 
haben!" 

Wiitend wandte sich Herr von Telewitz nach der 
TOre. 

„Es ist gut. Sie wissen, Herr Baron Mtiller, daB 
jeder Offizier die traurige Pflicht hat, derartige Wahr- 
nehmungen dem Ehrenrat mitzuteilen — das wird 
von meiner Seite heute noch geschehen, 

Auf Ihre Beleidigung werde ich nach dem Aus- 
spruch des Ehrengerichts zuruckkommen!" Damit 
ging er sabelrasselnd ab, von Peter eskortiert, der 
im Innern sich allerlei dachte, was ihm, wenn er es 
ausgesprochen hfitte, gewiB Versetzung in die zweite 
Klasse des Soldatenstandes eingetragen h&tte. 

JPeter", sagte Muller, als sie allein waren, „du 
hast mir einmal das Leben gerettet, ich bin dir nichts 
mehr schuldig. Heute hast du's wett gemacht!" 

„s'Bett haw ich nett gemacht? . I freilich, Herr 
Leidnam. Schaue Sie sich nor gehorsamscht urn!" 

Muller schwieg traurig. 

„Was hat der nor?" dachte Peter. 

„Der wird noch ganz rabbelich vor lauter Schwarz- 
brot esse; etz will ich sehe, ob er net bald in die 
Blechbix langt!" 

Mehrere Tage vergingen. Baron Muller konnte 
bemerken, daB sich manche Herren des Regiments 
von ihm zuriickzogen und ihm auswichen. 

Er tat mechanisch seinen Dienst und iiberlieB sich 
seinen qualvollen Qedanken. Was sollte aus all dem 

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werden? Die Entbehrungen, die seine finanzielle 
Not ihm auferlegte, hatte er noch ertragen, aber der 
Verlust seiner stets so rein gehaltenen Ehre, der un- 
ausbleiblich war, wenn von der Marquise keine 
Nachricht einlief ? Und wtirde der Ehrenrat ihn frei- 
sprechen, der Verdacht wiirde immer an ihm hangen 
bleiben. — 

Alle Pretiosen waren schon verkauft, da entschloB 
er sich mit schwerem Herzen, auch seinen Liebling, 
die braune Claire, das edle Tier, herzugeben. Ein 
Ulanenoffizier hatte 6000 Mark dafiir geboten. Das 



konnte den drangenden Samuel Einstein fur einige 
Zeit beschwichtigen. 

Am Morgen des Tages, wo Claire abgeholt wer- 
den sollte, putzte Peter seine Freundin noch einmal 
mit aller Liebe und unterhielt sich noch eif rig mit 
dem schonen Tiere. 

„Ja du mein goldich's lieb's Clairche, du gut's, 
sphan's Tierche, ich bitt dich nor um eens, schmeiB 
mer den Hulanerich nor glei s* erschte mol dichtig 
erunner, da8 T ms Hore un' Sehe vergeht, un' daB er 
dich wieder hergibt, denn jetzt wirst de nor verkaft, 
damit mei dappiger Herr net in die Blechbix enein zu 
lange braacht. Weischt du mei gut's Viechelche, e 

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guter Herr ist er jo, aber do is er letz, denn wann 

heur die alt' Mamsell wieder komme d£ht " 

da blieb Peter das Mundwerk offen stehen und er 
starrte zur offenen Stalltiire hinaus, als ob er Qe- 
spenster s&he. 

„Wohnt hier der Herr Leutnant Baron Mttller?" 
fragte eine weibliche Stimme mit etwas fremdem 
Akzent. 

„Ja, Mama, wir sind am rechten Ort", fugte eine 
andere hinzu, „ich erkenne den drolligen Burschen 
wieder." 

Zwei elegante Damen standen im Hofe vor der 
Stalltiire und sahen sich verlegen um. 

Eine altere, stattliche Dame und ein bildhubsches 
junges MSdchen. 

Peter vergaB zu antworten. Plotzlich bewegten 
sich seine Qesichtsmuskeln, er wurde rot wie ein 
Zinshahn, seine Hand lieB Striegel und Kardatsche 
fallen: „Kriech die Krenk, do is se ja!" schrie er, und 
die Damen bei Seite schubsend, rannte er tiber den 
Hof, die Treppe hinauf in das Zimmer seines Herrn, 
fortwahrend schreiend: „Se is do, se is do!" 

„Wer?" fragte Miiller. 

„Die Olle mit der Blechbix — un' die Junge aach!" 

„Claire?" schrie Muller aufspringend. 

„Jo — die Claire — un' die Olle — un die Claire 
— un* die Blechbix." 

Peter wuBte nicht, wo ihm der Kopf stand vor 
Vergniigen. 

„Claire!" rief Muller und seine Augen funkelten 
vor Freude, dann aber verschwand dies kurze Licht 
und sein Antlitz verdiisterte sich. Er ging den Damen 
entgegen, die schon auf der Treppe waren. 

„QriiB Qott, grtiB Gott!" rief die Frau Marquise 
und streckte ihm herzlich die Hand hin — „nicht 
wahr, wir haben lang gebraucht — da sind wir end- 
lich — oh ich habe so viel zu erzShlen aber wie 

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sehen Sie aus — waren Sie krank — mein Gott, wie 
blaB — und so ernst!" 

Muller konnte kaum eine Antwort stammeln, das 
Herz wollte ihm brechen, er h&tte vor Schmerz und 
Scham laut aufschreien mogen. Wie hatte er diesen 
Augenblick ersehnt, und jetzt war er ein Bettler, ja 
schlimmer als ein solcher; denn er hatte Schulden, 
die er nie bezahlen konnte, seine Entlassung stand 
bevor, was war er dann? 

Man war unterdessen in das Zimmer getreten, 




auch Peter blieb im Hintergrunde, da ihn niemand 
gehen hieB, und grinste, so freundlich er konnte. 

„Ja denken Sie, mein Lieber", floB der Redestrom 
der Frau Marquise weiter — „dies Malheur, daB wir 
Sie in jener unglucklichen Nacht nicht mehr fanden. 
— Unser Kutscher hat den Weg verfehlt. — Als wir 
endlich in das bezeichnete Dorf kamen, war die Es- 
kadron fort — zum Gliick erfuhren wir von den Ein- 
wohnern, daB elf Dragoner und ein Offizier mit einer 
groBen Schatulle unter dem Arm nachts angekom- 
men seien. — Sie Edler, Sie Tapferer, was haben 
Sie fiir uns getan! Wie spllen wir Ihnen danken! 
Aber erzahlen Sie, wie gelang es Ihnen denn — oder 



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lassen Sie mich erz&hlen — Sie Barbar, bieten Sie 
uns doch Platz an." 

Muller stammelte eine Entschuldigung, die Damen 
setzten sich. Auch Claire war bleich, das Benehmen 
des Offiziers floBte ihr eine Beftirchtung ein. 

„Wissen Sie, Baron, ich bin ein wenig umst&ndlich 
— Sie kennen mich ja — wo blieb ich denn — ja, 
also wir konnten in der Feme recht deutlich den 
Feuerschein unseres Besitzes sehen — Sie aufzu- 
suchen schien uns gewagt und Claire versicherte 
mich immer, unser Verm6gen sei bei Ihnen am besten 
aufgehoben — um kurz zu sein, wir fuhren in der 
Equipage bis Marseille, da ging uns das Qeld aus — 
ich telegraphierte nach Cayenne an meinen Bruder, 
der mich gleich mit allem versah, mich aber drin- 
gend bat, zu kommen, er sei schwer krank. — Wir 
fuhren fiber" — die Marquise fing an, ein wenig zu 
weinen, so daB Peter, der sehr aufmerksam zuhorte, 
das Qrinsen vergaB. — „Mein Gott, der Armste, fast 
ein Jahr muBten wir ihn noch leiden sehen — bis er 
erlflst wurde; dann wurde ich sehr krank in dem 
ungesunden Klima — endlich sahen wir unser schones 
Vaterland wieder — bis wir nun da alle Angelegen- 
heiten geordnet hatten — Sie kennen mich ja, hStte 
Claire nicht immer so gedrSngt, ich wfire wahr- 
scheinlich rioch nicht fertig — wir machen uns end- 
lich auf, Sie zu suchen — ich hatte von Cayenne aus 
ein paarmal geschrieben an „Baron Miiller, deutscher 
Offizier" mehr wuBten wir ja nicht, nattirlich werden 
Sie nichts erhalten haben. — In Berlin ging ich gleich 
aufs Generalkommando. Die Herren waren sehr 
hoflich und sagten, in der deutschen Armee gebe es 
JVltiller", „Miller" „Moller", so viel ich nur wollte — 
Claire aber, die nattirlich immer kliiger ist als ihre 
Mama, wuBte: „Freiherr von Miiller" in der deut- 
schen Kavallerie. Nun, das war schon etwas — ich 
weiB ja nicht einen Grenadier oder Musketier oder 
Pompier zu unterscheiden. — Man sah nach und es 

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ergab sich, daB in der Kavallerie sechzehn Offiziere 
namens Baron Miiller vorhanden seien. — Was war 
da zu tun? Wir machten eben in Qottes Namen bei 
alien die Runde, bis wir endlich den rechten linden 
wiirden — auf diese Art haben wir ganz Deutschland 
und die ganze Kavallerie kennen gelernt — denn Sie 
sind der vierzehnte und endlich der Richtige — und 
jetzt noch einmal GruB Qott — jetzt lassen Sie 
horen!" 

Miiller hatte sich gefaBt. 

„Frau Marquise, ich habe sehr wenig zu erzahlen, 
ich holte die Kassette ohne jede Miihe" — 

„Nicht wahr!" rief die Marquise: „das ist nicht 
wahr — Sie sind fast alle verwundet worden; so 
wurde mir erzahlt — " 

„ — Und da wir uns verfehlten," fuhr der Leutnant 
fort, „so bewahrte ich sie Ihnen bis heute auf, nach- 
dem ich vergebens nach Ihnen geforscht hatte — 
hier ist sie." Er nahm die Schatulle aus dem Schreib- 
tisch und stellte sie vor die Marquise. Es entstand 
eine kleine Pause. 

„Herr Baron", begann die Marquise etwas ver- 
legen, „Sie werden mich nicht falsch deuten, wenn 
ich der Ansicht bin, daB Sie an den Inhalt dieser 
Schatulle ein groBes Anrecht haben. Ich bin durch 
den Tod meines Bruders so reich, daB ich sie voll- 
standig entbehren konnte. — Machen wir moitie, 
halbpart, Herr Baron." 

Miiller schwieg. Peter klopfte das Herz, er konnte 
kaum mehr stehen vor Freude. 

„Es ist etwas undelikat von mir", fuhr die alte 
Dame fort, „aber unter Freunden kann man schon 
reden — ich kenne Ihre Verhaltnisse nicht, aber Sie 
wiirden uns den groBten Gefallen erweisen, wenn 
Sie das BewuBtsein einer solchen Schuld von uns 
nehmen wiirden. 

Peter hatte seinen Herrn innerlich gern an die 
Ohren genommen, daB er sich so lange bitten lieB. 

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In des jungen Offiziers Brust wogte es einen Mo- 
ment in einer Flut von Qedanken. Am Rand des 
Verderbens bot sich ihm Rettung, er war im Be- 
griff zu sagen : „Ja, ich nehme es an, aber geben Sie 
mir Claire dazu." Er sah Claire fragend an, diese 
wich seinem Blick aus und sah ernst zu Boden. Sie 
kannte ja die Lage des Offiziers nicht, sie wuBte 
nicht, daB die Verwirrung nur das besch&mende Ge- 
flihl seiner Armut war, wShrend sie glaubte, er habe 
sie vergessen und habe einer anderen sein Herz ge- 




weiht. — Dies war fur ihn entscheidend! Hatte sie 
mit einem leisen Wink angedeutet, daB audi sie ein- 
verstanden sei, er hatte das beschamende Wort ge- 
sprochen. Aber so, zu sagen, ich bin ein Bettler, Sie 
retten mich mit Ihrer Qabe vom Untergang! Nein, 
niemals! Lieber untergehen, als von ihr, der er ja 
doch gleichgultig war, ein Qeschenk nehmen. Der 
ganze Stolz des deutschen Edelmannes baumte sich 
empor. 

Ernst und fest sagte daher der junge Mann: „Frau 
Marquise, von ganzem Herzen danke ich Ihnen fiir 



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die mehr als groBmiitige Absicht. Allein erblicken 
Sie in der Rettung dieser Kassette nur eine Galan- 
terie, die jeder deutsche Soldat Ihnen geleistet h&tte, 
und suchen Sie nicht diese hiibsche Erinnerung durch 
das Anbieten eines Lohnes zu verwischen. Ich bitte 
ernsthaft, dariiber kein Wort weiter zu verlieren!" 

Alles schwieg. Peter war wie vom Blitz getroffen. 
Er hatte seinen Herrn in diesem Punkt immer fiir 
dappig gehalten, aber fiir einen solchen Esel doch 
nicht. 

Miiller war es leichter urns Herz, er hatte wie ein 
Gentleman gehandelt und gesprochen und stand vor 
sich selber nobel da. 

Claire erhob sich und drangte die Mama zum Fort- 
gehen. 

Diese war beleidigt. „Sie haben sich verandert, 
Herr Baron!" 

„Iri meinen Gefuhlen fiir Sie niemals!" entgegnete 
Baron Miiller. „Die Zeit freilich andert manches!" 
setzte er seufzend hinzu. 

Claire glaubte verstanden zu haben. „Seien Sie 
glucklich!" sagte sie, ihm die Hand gebend und miih- 
sam die Tranen zuriickhaltend. 

„Frau Marquise," erinnerte Muller, die Damen 
hinausbegleitend, „Sie vergessen zum zweiten Mai 
Ihre Schatulle — mein Peter soil sie Ihnen nacfi- 
tragen!" 

„Vielleicht besuchen Sie uns noch, bevor wir ab- 
reisen", meinte die alte Dame pikiert. 

„Ich werde die Ehre haben", sagte Miiller trocken. 

Die Damen gingen. Hinter ihnen Peter mit der 
Blechbix. 

Die junge Marquise iiberlieB sich jetzt ihrem 
Kummer. „0 Mama, wie kannst du mich so qualen. 
Auf den ersten Blick sah ich, daB er mich vergessen 
hatte — was muBtest du ein Anerbieten machen, das 
er natiirlich zuruckwies!" 

„Kind, mir scheint, du liebst diesen Deutschen!" 

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„Ja, von ganzem Herzen", sagte Claire weinend, 
„und er hat mich vergessen!" 

Peter tappte brummend hinterdrein; er hStte die 
„Blechbix" am liebsten der „ollen Schnurchel an de 
Kopp geworfe". „Solche Schienooser", philo- 
sophierte er, „da rede sie urn enander rum un spiele 
die gekrankte Leberwerscht, statt daB se sage, 
Seg'ns Qott un Vergelts Qott un fertig mit der Wix. 
Meim Herre dem is schun wShrend dem Schwarzbrot- 
esse der ganze Verschtand ausgeraacht. Des is der 




dumm Ehrepunkt, iwer den kummt er net enuwer, jo, 
awer iwern Geldpunkt, da were mir bald driwe sein! 
Do soil doch gleich e siebefach heelich's Dunner- 
wetter neuneuneunzig Klafter dief die ganze Bu- 
dike in die Erd' enein verschlage!" 

Peter begleitete die Damen ins Hotel und wies das 
dargebotene Trinkgeld mit riesigem Trotz ab. Wollte 
sein Herr die halbe Million nicht, so wollte er die 
halbe Krone auch nicht. 

Claire war gar nicht zu beruhigen. „Mama, wir 
reisen auf der Stelle ab, mit dem nMchsten Zug, es ist 



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noch nicht ausgepackt, ich kann hier keine Minute 
mehr bleiben!" 

Die Mama gab nach. 

Peter trollte unterdes nach Hause, wo er seinen 
Herrn finster briitend auf dem Sofa liegend traf. 

Peter ging in den Stall, wo eben der Bursche des 
Ulanenoffiziers das Pferd abholen wollte. Peter 
gab es ihm und sagte es dann dem Herrn, der dem 
treuen Tier wehmiitig vom Fenster nachschaute. 
Kaum war es verschwunden, so kam dem jungen Of- 
fizier ein EntschluB. Audi ich muB verschwinden, 
dachte er und zwar gleich. Ich kann mich nicht anders 
retten. Serbien braucht jetzt Offiziere, vielleicht 
mach ich dort mein Gliick, besser noch ich falle. Im 
Regiment kann ich mich mit den Schulden nicht 
mehr halten — also fort, fort, heute noch, und auch 
mein treues Pferd muB mit, auf ihm entflieh' ich. 

Sein Herz schlug freudig bei dem Gedanken, der 
ganzen Qual zu entrinnen. 

„Peter, Peter!!" 

„Herr Leidnam?" 

„HoIe mir die Claire auf der Stelle zuriick und 
dann hah' ich mit dir zu reden." 

„Die Claire?!" 

„Ja, guter Junge, sage, dein Herr hat sich anders 
besonnen und will sie behalten. Ich pfeife auf das 
Geld. Die Alte, meinen Rappeii, den geb ich her. 
Die Claire ist mir ans Herz gewachsen und ich will 
mit ihr durchgehen. Verstehst du mich, Peter?" 

Peter grinste ein freudiges Ja. 

„Die Alte schenk ich her urn eine Bagatelle, richte 
das aus!" 

Peter lief wie ein Wiesel und grinste dazu. 

Aber er lief nicht in der Richtung, wo das Pferd 
abgefiihrt worden war, sondern geradeswegs ins 
Hotel. 

„Ich muB zu die Marquisinne," schrie er den Por- 
tier an, der ihn aufhalten wollte. 

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„Die Damen sind schon fort." 

„Des is net meglich!" 

„Bestimmt! Vor zwei Minuten mit dem Hotel- 
wagen nach der Bahn gefahren. Sie werden die Da- 
mem kawn nteht einholen. In zehn Minuten f ahrt 
der Zug ab, so lange braucht eine Droschke gerade 
bis zur Bahn." 

„Ich braach ke Droschk," sagt Peter, „da gucke Se 
her;" er nimmt „Hliften fest" und fangt an zu laufen, 




was das Zeug halt. Wer nicht ausweicht, wird nieder- 
gerannt. Ein Vorgesetzter will ihn anhalten. „Ich 
hab ke Zeit," schreit der alien militarischen Anstand 
vergessende Dragoner und rennt weiter. Einen 
Sporn hat er schon verloren; er keucht wie eine Lo- 
komotive, die Seiten stechen, er laBt nicht nach. Er 
stiirmt durch den Bahnhof, da steht ein Zug; eben 
wird abgel&utet, da entdeckt Peter in einem Coupe 
1. Klasse den Kopf der Frau Marquise — der Zug 
fangt an, sich in Bewegung zu setzen. 
„Wo isch die Fraile Clar?" schreit Peter neben- 



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hergehend. Die Marquise geht zuriick und Claire 
schaut heraus. Peter geht schneller. 

„Sie wtinschen?" 

„E sch&n Empfehl vun meim Herrn un Sie mechte 
uf der Stell zurtickkomme." Peter f£ngt allmahlich 
an zu laufen. 

Jetzt kommt audi der Kopf der Marquise wieder 
ans Fenster. 

„Mein Herr hat sich annersch besonne un will Ihne 
behalte. Aufs Geld pfeift er. Sie sinn ihm ans Herz 



gewachse un er will mit Ihne durchgehe — " Starker 
muBte Peter laufen. 

„Die alte Frau Marquisin schenkt er mit Ver- 
gnieche her." 

Wahrend die Frau Marquise einen Ruf der Ent- 
riistung ausstieB, sprang Peter auf das Trittbrett, 
er konnte mit dem besten Willen den Wettlauf mit 
der Eisenbahn nicht mehr fortsetzen. Der Zug war 
bereits auBerhalb des Perrons und der Schaffner 
schwang sich von Tritt zu Tritt, um die Billets zu 
kupieren. 

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„Sapperment, machen Sie gleich, daB Sie runter 
kommen! 44 schrie der Peter an. 

„Ich wer mich htiten!" sagte Peter kalt. „Do 
lasse Se nor erscht den dummen Zug halte, awer de 
Hals brech ich mer wech'n Ihne noch lang net. 44 

„Ich frag' Sie, ob Sie da weggehen wollen oder 
nicht? 44 

„Sie sehe jo, daB ich net will, ich hab' do zu rede! 44 

„Jetzt scheren Sie sich da weg, oder ich zeige Sie 
der Behdrde an. 44 

„Jetzt halte Sie emol Ihr'n Rand, 44 replizierte Peter 
mit seiner ganzen Dickkopfigkeit, „sonscht krieche 
Se vun mir e solche Dachtel uf Ihre groBe Brotlade, 
daB Se iwer un iwer fliege. Wann Se iwrigens do 
vorbei wolle, dann mache Se mer halt das Coup6 
auf, dann wern mer uns gleich einiche! 44 

„Fahren denn Sie erster Klasse? 44 

„Wann Se nix dergege hawe, Herr Oberbilletter- 
zwicker, bin ich so frei! Ich geh8r' zu dene Herr- 
schafte 'enein! 44 

„Ah, das ist was anderes!" Der Schaffner 
schloB auf. „Ihr Billet? 44 

„Ich hah' keens! 44 

„Ja, Donnerwetter " 

„Es wird alles besorgt und bezahlt 44 , beschwichtigte 
die Marquise den Schaffner und driickte ihm etwas in 
die Hand. Sie hatte Angst, der schrecklich 
schwitzende und ganz unheimlich ausschauende 
Mensch mochte den armen Kondukteur zum Zuge 
hinauswerfen. 

Da saB also Peter bei den zwei Damen, die nicht 
recht wuBten, wie ihnen geschah. Bald aber ersahen 
sie mit Ruhrung, wie die Sache stand, denn Peter 
erzShlte in seiner derben, treuherzigen Weise alles: 
vom verlorenen ProzeB, von den Abenteuern mit der 
Blechbix, vom Schwarzbrot, von seinem braven 
Herrn, von dem Herrn von Telewitz, vom Ehrenge- 
richt, von Samuel Einstein — kurz, Claire strahlte 
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vor Gltick, wenn sie auch die Art dieser Frei- 
werbung, wie ihre Mama, etwas eigentumlich land. 
Letztere erklarte sich zwar zu der Annahme bereit, 
es moge bei den deutschen Offizieren Sitte sein, in 
solchen Fallen ihre Burschen zu schicken, fand aber 
den Zusatz, der sie selbst betraf, hochst unchevale- 
resk — allein Peter erklarte, er sei manchmal sehr 
schwerhorig, und sein Herr werde wahrscheinlich et- 
was anderes gemeint haben. 

Dabei beruhigte sich auch die Frau Marquise. 

Auf der ersten Station, die kam, stiegen alle drei 




aus und fuhren nach einer Stunde wieder zuriick. 
Peter war in seinem Element, er schwamm in Gliick- 
seligkeit, daB er „die Claire" noch erwischt hatte, 
und schnalzte unaufhorlich zum groBen Amusement 
der beiden Damen mit der Zunge. 

Sie stiegen wieder im Hotel ab und wurden dann 
von Peter, der in der leutseligsten Weise, keinen 
Stolz kennend, zwischen den beiden ging, als ware 
er auch ein Marquis, zur Wohnung des Leutnants es- 
kortiert. 

Baron Miiller hatte seinen Burschen mit brennen- 
der UngeduW erwartet, 



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JVLelde gehorsamscht, Claire zur Stelle!" sagte 
Peter in seiner ganzen Strammheit 

„Meinen Segen von ganzem Herzen!" begann die 
Frau Marquise und suchte gerfihrt nach ihrem 
Schnupftuch. „Auch Claire liebte Sie schon lange — 
heute friih das torichte MiBverstSndnis — aber jetzt 
ist alles wieder gut!" 

Dem Herrn Leutnant ging plStzlich ein Licht auf, 
so groB wie eine Brandrakete. 

Das Glfick hielt wieder Einzug in des armen Ba- 
rons Stube. 

„Siescht de," sagte Peter, nachdem er drauBen 
war, „so geht's, zuerscht hat 'r die halwe Blechbix 
net hawe wolle, etz kriecht er die ganze un' e bild- 
schSne Fraa derzu. Un' — wer hat des alles ge- 
macht — ich hab's gemacht, un' womit haw ich's ge- 
macht? mit em Dauerlauf haw ich's gemacht. Des 
sollt mer eigentlich alle junge Rekrute einsch&rfe, 
daB se als ordentlich ,Hflfte fesf nehme, denn so e 
Dauerlauf kann e Million wert sein!" 

Das Ehrengericht wandte sein Amt gegen Herrn 
von Telewitz, dessen Angabe freilich unter diesen 
Umstanden einer Verleumdung gleich sah. 

Er muBte das Regiment verlassen. 

Auch Baron Miiller quittierte den Dienst nach sei- 
ner Hochzeit, aber in alien Ehren und in bester Kame- 
radschaft mit alien. Er hat ein groBes Out gekauft 
und betreibt es frohlich; sein Freund Hutter bringt 
jeden Urlaub dort zu. 

Peter ist Kutscher geworden und herrscht fiber 
einen Stall voll schSner Pferde, unter denen sich 
auch die treue Claire wieder befindet. Sein unter- 
gebenes Stallpersonal komandiert er ttichtig und l&Bt 
sie ordentlich laufen, wenn etwas geholt werden soil. 
„Kinder," sagt er dann, „lernt mer beizeiten laufe, 
denn, wann es aach im Feldzug nach riickw&rts net 
angewandt werde soil, so kann's doch unter Um- 
stSnde e Million wert sein!" 
3* 

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Die unheimliche Wache. 



Wenn die Tage merklich ktirzer werden und frtih 
morgens die Nebel in den Talern wallen, gibt es in 
alien Regimentern junge.Fahnriche. Obwohl dieser 
Umstand mit den erwahnten Naturerscheinungen 
kaum zusammenhangen kann, so ist er doch eine Tat- 
sache, ebenso wie daB urn diese Zeit die Zwetschen 
blau werden. — Fritz von Lilienfeld war aus einem 
suddeutschen Kadettenhaus als Fahnrich entlassen 
und beim Qarderegiment eingereiht worden. Sein 
Stolz war groB, als er zum erstenmal gegriiBt wurde, 
und wehe dem armen Soldaten oder gar Einj&hrig- 
Freiwilligen, welcher es nicht stramm machte, oder 
gar zu lacheln schien. Fritz von Lilienfeld war n&m- 
lich sehr klein trotz seiner 18 Jahre. Sein feines 
m&dchenhaftes Qesichtchen ging in dem hohen Rock- 
kragen vollstandig verloren. Nur die beiden Gehor- 
muscheln, die weit abstanden und bei Sonnenschein 
wie zwei Wagenlaternen leuchteten, machten deh 
jungen Helden von weitem kenntlich. Diese Ohren- 
verhaitnisse krankten den F&hnrich im Innern sehr, 
und er hatte schon viel versucht, sie naher an den 
Kopf heranzubringen — denn derartige Vorkomm- 
nisse, wie der Ausspruch des Herrn Hauptmanns 
beim ersten Exerzieren, muBten ihn in den Augen der 
Untergebenen heruntersetzen. Der Herr Hauptmann 
hatte nSmlich gesagt: „FShnrich Lilienfeld, konnen 
Sie die Ohren nicht 'n wenig zurficklegen — Sie ver- 

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derben mir die ganze Richtung!" Diese korperlichen 
Mangel suchte Fritz durch energisches Auftreten zu 
verdecken. Napoleon und Friedrich der QroBe waren 
ja auch kleine Leute, von Prinz Eugen, dem petit 



abb6, gar nicht zu reden. Freilich, ob diese Herren 
auch so lange Ohren hatten, war aus der Kriegsge- 
schichte nicht recht ersichtlich. 

Eines Tages hieB es beim Verlesen: „Wache am 
Pulvermagazin — F&hnrich von Lilienfeld ." 

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Wer war stolzer als unser Fritz? Jedem Bekann- 
ten auf der StraBe erzahlte er mit leuchtenden Augen, 
daB er morgen den Pulverturm zu bewachen habe. 
Im Traume erschienen ihm die Pulverf&sser, die sich 
freundlieh mit ihm unterhielten, und als er frtih in 
der Kaserne sich beim Herrn Hauptmann als Wacht- 
befehlshaber meldete, kam er sich wirklich als eine 
sehr wichtige Personlichkeit vor. 



„Haben Sie Ihre Wachtinstruktion fleiBig stu- 
diert?" sagte der Hauptmann. „Es ist ein verant- 
wortlicher Posten." 

„Zu Befehl!" 

„Dann marschieren Sie mit Qott! Es wird schon 
gehen. Ftirchten Sie sich nicht!" 

Fritz wurde blutrot bei dieser Zumutung. 

Er sich ftirchten! 

„Nein, Herr Hauptmann — ich fiirchte mich nicht!" 
schrie er und machte ein strammes Kehrt, wShrend 
ihm der Hauptmann lachelnd nachsah. 

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Sejnen Zorn fiber diese Beleidigung liefi der tapfere 
Fritz gleich an seinen Grenadieren aus, von denen 
ein halber Zug im Kasernenhof bereit stand. Keine 
Kuppel saB ordentllch, kein Knopf war blank genug. 
So belferte Fritz wie ein kleines Hfindchen an den 
baumlangen Grenadieren hinauf. 

„Gewehr auf," „Bataillon marsch" — „das Gewehr 
fiber!" — und dahin gink's. 

Wie ein SchSferhundf seine Herde, so umkreiste 
der kleine F&hnrich seine Schutzbefohlenen, hier einen 
ermahnend, die Knie durchzudrficken, dort die Hal- 
tung eines Gewehres beanstandend ; eben war er be- 
sch&ftigt, dem letzten Mann den Helm gerade zu 
rficken, wobei er kaum hinauflangte, als eine wohl- 
bekannte Stimme sprach: „Wer ftihrt denn eigent- 
lich die Abteilung?" Es war detf Herr Oberst. 

Der kleine FShnrich faBte das Gewehr an und 
wollte seine Meldung stammeln, wMhrend der halbe 
Zug munter vorwSrts marschierte mit „Gewehr 
fiber". 

„Ach, was da," unterbrach der Oberst — „wenn 
Sie eine Truppe ftihren, dann mtissen Sie sie auch 
wirklich ftihren, und nicht hinterdrein laufen, davon 
habe ich nichts. Wenn ein Soldat nichts sieht, so 
kann man ihn auch nicht brauchen. Wo marschieren 
Sie denn hin?" 

„Zum Pulvermagazin, Herr Oberst!" 

„Na, da nehmen Sie sich mal zusammen, daB es 
keine AnstSnde gibt mit dem Platzkommando. Sehen 
Sie sich Ihre Vorschriften durch — machen Sie die 
Augen auf und die Ohren — und daftir, daB Sie nicht 
haben ,anfassen* lassen, melden Sie sich 3 Tage zum 
Kasernenarrest, wenn Sie von Ihrer Wache zurtick- 
kommen. Morr rrrgen ! " 

„Morgen, Herr Oberst." 

Da stand er. Ganz am Ende der StraBe marschier- 
ten schon die Grenadiere. Fritz setzte sich in Trab 

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i 



1 



— Herrje, wie der Tornister driickt und erst das Ge- 
wehr. 

„Da schau her, des is a Schachtelsoldat," schrie 
jetzt ein Schuster junge. 

Zorngluhend blieb der F&hnrich stehen. 

„Meinen Sie mich, Sie unversch&mter Mensch? — 
Ich lasse Sie sofort arretieren." 

„Ach, wo werd' ich denn Ihnen meinen," replizierte 
der junge Schuster, „i hab' den andern g'meint, der 
vergangnes Jahr auf Pfingsten vorubergegangen is. 
Verstehn Sie, der mit der seligen Tante ihrem Schwa- 
ger verwandt g'wesen war." 

Unterdessen sammelten sich auch einige Kollegen 
des jungen Schusters, sowie ein paar heimgehende 
Maurerburschen, es war eben 12 Uhr. 

Die Qrenadiere, die fiihrerlose Schar, bogen schon 
um die Ecke den wohlbekannten Weg zur Stadt hin- 
aus. Sie beeilten sich nach Moglichkeit, dem jungen 
Peiniger wenigstens fiir eine Zeitlang aus dem Ge- 
sicht zu kommen. 

„Hiiten Sie sich — mich hier zum Narren zu hal- 
ten!" sagte Fritz zornig, „ich habe scharfe Patronen 
beimir!" '«.• 

Ein Hohngelachter samtlicher Jungen war die Ant- 
wort. „Scharfe Patronen," nahm der erste Schuster- 
junge wieder das Wort, „des glaub' i scho — du hast 
ja auch die Patronentaschen dazu," er deutete auf 
des F&hnrichs purpurgliihende Ohren. 

Dieser Witz f and lebhaften Beifall. 

Mit behender Auffassung begriffen die iibrigen Jun- 
gen, daB dies der wunde Punkt sei, und nun ging's 
iiber die armen Ohren her, „dem sein Vater is eine 
Fledermaus gewesen!" 

„Langohr" — „Sie horen wohl nicht gut, Herr 
Nachbar, weil Sie sich 2 Telephone an den Kopf ge- 
macht haben." — „Auf dem seine Ohren konnen die 
Franzosen Scheiben schieBen," so riefen die Jungen 
durcheinander. 

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Fritz konnte sich kaum mehr halten — doch schien 
ein Angriff seinerseits nicht ratlich, da die Maurer- 
jungen sich bereits mit StraBenkot versehen hatten 
— eine Waffe, die zwar nicht vdlkerrechtlich ver- 
boten, aber doch sehr unritterlich ist. 

Der junge Schuster, welcher unter der iibrigen Ge- 
sellschaft das groBte Ansehen genoB, weil er die Ur- 
sache des ganzen Auflaufs war — iibergoB den ar- 
men Fahnrich mit der Lauge seines Witzes. 

Da kam ein Reiter im Qalopp — die Buben stoben 
auseinander. Es war der Herr Major. 

„Was machen Sie denn da? Sie gehoren wohl zu 
der Abteilung, die ganz da drunten marschiert? Eine 
nette Auffiihrung, Sie wollen wohl da den Gassenjun- 
gen imponieren — " 

„Naa, imponiert hat er uns net — da is er unschul- 
dig!" schrie der Schusterjunge vom Trottoir heriiber 
und nahm dann Hals fiber Kopf ReiBaus, denn an der 
Ecke zeigte sich ein Schutzmann. 

„Machen Sie, daB Sie Ihrer Abteilung nachkom- 
men" — fuhr der Major fort — „und ftir Ihr kindi- 
sches Benehmen melden Sie sich in einen 8t£gigen 
Kasernenarrest! — Laufschritt marsch, marsch!" 

Fritz lief, was er konnte. — Diese Expedition ging 
ja recht vielversprechend an! 

Doch, wo waren die Grenadiere? Fritz lief und 
lief, die SchweiBtropfen schlangelten sich an den 
Ohren herunter — - allmahlich gelangte er aufs freie 
Feld, da stand noch ein einsames Haus — ein Wirts- 
haus, dann dehnte sich die Ebene aus, aber ohne die 
mindeste Spur von Grenadieren. 

Fritz konnte nicht mehr laufen — er hatte am lieb- 
sten geweint vor Wut und Scham. Denn bei der 
ersten selbst&ndigen Aufgabe gleich die ganze Mann- 
schaft verlieren und 11 Tage Kasernenarrest oben- 
drein — das war doch zu viel. 

Auf einmal tSnte ein mehrstimmiges „Herr Ffihn- 

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rich" aus dcm Wirtshaus. Ja, da saBen die Herren 
Qrenadiere und tranken Bier. 

Jetzt hatte Fritz seine Mannheit wieder. „Wollen 
Sie augenblicklich machen, daB Sie herauskommen!" 
schrie er im hdchsten Diskant. 

Zogernd schickten sich die Soldaten an, ihre Ge- 
wehre zu nehmen. 

„Angetreten!" briUlte Fritz. 

Die Qrenadiere standen in Reih und Qlied. 

„Rechts um — Vorwarts marsch." 

„Sie, haltens!" kam jetzt eine Stimme aus dem 
Haus. 

Die Manner marschierten weiter. 

„Haltens, sag i," tonte oder kreischte vielmehr die 
Stimme wieder — sie gehfirte einer sehr korpulenten 
Kellnerin an, die jetzt aus dem Hause sprang und der 
Abteilung nachlief. 

„Halten's a bissel — Herr Kommandant — des geht 
ja do net so gschwind — zahln hamms vergessen die 
Herren!" 

DaB das Publikum gar so wenig Achtung vor des 
Konigs Rock hat, dachte Fritz. 

„Sie sehen, daB ich im Dienst bin — scheren Sie 
sich weiter," sagte er. 

„Oho," rief die Kellnerin, „da bin i scho da — ja, 
was glabens denn eigenli, moana Sie vielleicht, ma 
schenkt Eana 10 MaB Bier — mir war's gnua — " 
immer marschierte die Beleidigte mit — „wissens, ich 
frag gar nix nach Ihrn Dienst — aber mei Qeld mocht 
i hamm!" 

Die Qrenadiere lachten verstohlen, der Fahnrich 
geriet wieder einmal in Wut. 

„Augenblicklich machen Sie jetzt, daB Sie fortkom- 
men, sonst — " 

„So, was sonst — drohn a no, den schaugts an, des 
Buberl da, wann i jetzt net auf der Stell mei Qeld 
krieg, nacha geh i direkt nei auf die Regimentskanz- 

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lei, nacha wern mers scho segn. Moana Sie, i lauf da 
noch lang auf der LandstraBen rum!" 

Die Nennung der Regimentskanzlei beriihrte Fritz 
nach seinen jiingsten Erfahrungen sehr unangenehm. 
Er blieb stehen. 

„Hier haben Sie 2 Mark, jetzt machen Sie, daB Sie 
weiter kommen!" 

„Na, bitt recht schon," entgegnete die Kellnerin, 
„10 MaB Bier macht 2 Mark 40 und 5 Brote sind 55." 

Muhsarn suchte Fritz die 95 Pfennige hervor und 
ging dann rasch der Abteilung nach. 

„Schaugts den Schundian net an," rief die Kellnerin 
hinterdrein, „net amal a Trinkgeld — und do muBt 
noch hintn nachlaufen an halben Kilometer, bis daB's 
Geld kriegst. Notnickel — 6s halbverhungerte — 
rotpaBpolierte!" 

Fritz seufzte. Es ist doch schwer zu befehlen, leich- 
ter ist es, zu gehorchen. Was fiir frohliche Qesichter 
machten seine Untergebenen. 

„Rtihrt euch," kommandierte er. 

„Wir danken furs Bier, Herr FShnrich," ergriff der 
Qefreite Flerx das Wort — . „Wir danken, Herr 
Fahnrich!" wiederholte der Chorus, und s&mtliche 
Qesichter grinsten ihren jungen Ftihrer an. 

Fritz wuBte nicht recht, ob er sich &rgern sollte 
oder nicht. Indes er hatte sich heute schon mehr als 
genug geargert, deshalb zog er vor, mit der Strenge 
nachzulassen und den Weg der Popularity zu be- 
treten. 

„Waren Sie schon ofters da drunten auf Wache?" 
fragte er den Qefreiten. Flerx, seines Zeichens ein 
Biirstenbinder, gait unter seinen Kameraden als ein 
geriebener Pfalzer, der gescheiter als der Feldwebel 
und noch nie erwischt worden sei. 

„Ich bin schon mehrmals do drunne gewese. Ofter 
als mer lieb war, Herr Fahnrich. *s is als doch alle- 
weil e unheimliche Sach mit dem Pulver un was da 
sonst noch alles los is. Sie werde sich wundere." 

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„Ja— a" — sagte der Nebenmann von Flerx, der ge- 
meine Grenadier Gingele, seines Zeichens Knopf- 
macher aus Schwaben. „Wann i auf de Nachtposchte 
komm', mach i mei Reu und Leid — da hent si scho 
drei Grenadier mit em Dienschtgewehr erschosse, 
erscht vor e paar Monate der letschte, i sag Ihne, 
Herr FShnrich — ." 

„Geht's weiter!" mischte sich der Hintermann, Gre- 
nadier Fausthuber, Bauernsohn aus Niederbayern, in 
die Unterhaltung. „Tut's enk ebba gar fiirchten. Ihr 
seid's mir die Richtigen!" 

Fritz von Lilienfeld hielt es fiir genug und wollte 
sich nicht zu sehr herablassen. Er eilte voraus, was 
seinen kurzen Beinen neben den langen FtiBen der 
Soldaten etwas schwer wurde. 

„Verstehst de dann net, du Schinoos?" wandte sich 
Flerx der Pfaizer an den Fausthuber, „daB mer dem 
Grasteufelche e biBche Angst mache wolle. Der is 
sonst imstand und visitiert uns alle halwe Stund in 
der Nacht — dem wer ich die H611 so heiB mache, 
daB er sich net aus'm Wachtlokal heraus traut." 

„Ja, etz hast du wieder recht," entgegnete der 
Fausthuber lachend, „bist halt alleweil ein Pfiffikus. 
I hab mir a schon vorgenomme, amal wieder ordentli 
auszuschlafn." 

„Wie mer da schlafe ka — des versteh i net," 
mischte sich Gingele drein, „s'ischt do wahrhaftig e 
onheimliche Sach, besonders auf m Magazin 3, wo der 
Wasserfall so vorbeirausche tut." 

„A Rausch scheniert mi net, 44 sagte Fausthuber 
lachend, „und a Geschpenst hat bei an armen Sol- 
daten a nix zu suchen! 44 

„Etz haltet nur euren Rand, 44 beendete Flerx den 
Diskurs, „und iiberlaBt mir die Sach, des wird a ganz 
fidele Wach, wie wir noch gar keene gebrennt hawe. 
Zehn MaB Bier hat er schun bleche misse — gebt 
Owacht, mit dem Knirpsche hawe wir noch unsern 
SpaB, der hat mich net umsonst neilich beim Exer- 

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ziere mit 'm Seitegewehr in de Buckl geschtoBe, daB 
ich noch e blaue Fleck hab." 

Fritz von Lilienfeld marschierte in tiefen Gedan- 
ken. Der schwere graue Himmel, die Einformigkeit 
der Ebene und der klagende Ton des Windes, der die 
Baume langs der LandstraBe schiittelte, waren recht 
dazu angetan, den jungen Mann sich als Krieger 
ftthlen zu lassen, der da fortmarschiert, nur der Pflicht 
gehorchend, dem Ziel der Ehre entgegen. — Na, mit 
der Ehre hatte er bis heute, auBer Qrobheiten und 
11 Tage Kasernenarrest, noch nicht viel Riihmens- 
wertes aufgesteckt — das imiBte erst noch kommen. 

Fritz seufzte tief. So ein Tornister ist schwerer, 
als man glaubt, und erst der SchieBprugel und die 
Patronen. Das alles zusammen wog fast mehr als 
der Trager. Zwei Stunden war die Truppe so fort- 
marschiert, mtihsam gegen den Wind kampfend, teils 
durch den Wald, teils iiber die Heide. Eben marschier- 
ten sie im dichtesten Wald. Fritz war seiner Abtei- 
lung mehrere hundert Schritte voraus, als er pl6tz- 
lich zusammenschrak. Ein rotb&rtiger Mann lag im 
Qrase neben dem Weg, in der Hand ein Qewehr, es 
schien ein Forstbediensteter zu sein. „Quten Abend!" 
sagte der RotbSrtige, „heute kriegen wir noch 
Regen!" 

„Kann schon sein," entgegnete Fritz, indem er 
stehen blieb. „Sind Sie Jagdaufseher?" 

„So was dergleichen," erwiderte der Mann mit 
einem eigentiimlichen Lachen. „Sagen Sie, kommen 
hinter Ihnen keine Gendarmen?" 

„Nein — ich habe keine gesehen — warum fragen 
Sie?" 

„Wir stobern einen Wildschiitzen auf," antwortete 
der Mann, indem er aufstand, wobei seine riesenhafte 
LSnge erst sichtbar wurde. „Ich hStte gedacht, die 
Gendarmen miiBten diesen Weg kommen. Ich danke 
Ihnen — Guten Abend." Damit grfiBte er und ver- 
schwand im Dickicht; es war Frite, al§ ob sich noch 

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jemand zu ihm gesellt hatte — wahrscheinlich sein 
Hand. 

Fritz machte sich seine Gedanken fiber diese Be- 
gegnung, w&hrend er weitermarschierte. Endlich 
wurde in der Feme das Wachthaus sichtbar. Neu- 
gierig betrachtete er den Schauplatz seiner Tatigkeit. 
Es war nicht eben.viel zu sehen. Ein kleines Haus 
und in groBen Entfernungen Magazine, die mit Erd- 
wallen umgeben waren. Eine einformige, traurige 
Gegend. 

Die alte Wache stand schon ungeduldig da. 

„Na, kommen Sie endlich mal," brummte der Vize- 
feldwebel, der die alte Wache befehligte, w&hrend 
der Fahnrich reglementsmaBig mit angefaBtem Ge- 
wehr auf ihn zutrat. 

Die beiden Wachen prSsentierten und begaben sich 
danh ins Wachtlokal, die einen, urn sich's bequem zu 
machen, die andern, um auf die abgelosten Posten zu 
warten und dann heimzumarschieren. 

Der Vizefeldwebel iibergab dem FShnrich das 
Meldebuch und das Inventar. 

„Hier sind die Schlussel zu den Pulvermagazinen" 

— mit heiliger Scheu nahm sie der Fahiirich — „der 
Schlussel zu Magazin 3 ist abgebrochen, schreiben 
Sie eine Meldung driiber an die Garnisonsverwaltung, 
ich konnte deshalb nicht wieder zusperren, iiistru- 
ieren Sie den Posten danach. Das Seitengewehr von 
dem Grenadier, der sich vor drei Monaten erschossen 
hat, wurde von einem Bauern am FluBufer gefunden 

— da nehmen Sie sich iibrigens in acht, der Steg fiber 
den Wasserfall bei Magazin 3 ist dringender Rejjara- 
tur bedtirftig — schreiben Sie's nur nochmal ins 
Meldebuch — - vofs nicht ein dutzendmal drinsteht, tut 
die Garriison-Verwaltung doch nichts. — Und jetzt 
mach' ich, daB ich fortkomme, eine halbe Stunde seid 
ihr ohnehin zu spat dran gewesen. Servus." 

Damit verlieB der Vizefeldwebel das Wachtlokal 
und marschierte alsbard mit seinen Soldaten ab. 
4 

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Fritz konnte der neuen Eindrflcke noch nlcht ganz 
Meister werden — Schliissel — * Seitengewehr — Steg 

— Selbstmord — Wasserf all — Garnison-Verwaltung 

— Meldebuch vor allem sturzte er sich auf die 

Wachtinstruktion, die in der Schublade des Tisches 
lag, und verschlang sie eifrig, kaum, daB er sich Zeit 
nahm, den Tornister abzulegen. Es war ein dickes 
Buch, diese Wachtinstruktion, der Stil erinnerte an 
eine mittelalterliche Chronik, und doch, wie dunkel 
und geheimnisvoll lautete das alles! So viel wurde 
Fritz klar, daB er fur alles und jedes verantwortlich 
sei, was im Bannkreis von einer Quadratmeile sich 
ereignete, was da kreuchte oder fleuchte, daB er fur 
alles beim Schopf genommen werden konnte, wenn 
der Blitzableiter krumm war, wenn ein Bauer 
sich dem Pulvermagazin naherte, wenn eine 
Fensterscheibe zerbrach oder wenn der vorher- 
gehende Wachtbefehlshaber eine Flattermine gelegt 
haben sollte. Fritz hatte immer, wenn er als Kadett 
ins Theater durfte, mit einem Schauer zugesehen, wie 
Faust sich dem Mephisto verschreibt. Doch das war 
eine Kinderei gegen die Unterschrift, die er eben 
selbst gefertigt hatte, als er schrieb: „Wache richtig 
iibernommen," damit hatte er alle Verantwortung von 
dem Vizefeldwebel genommen und die Zentnerlast 
auf sich selbst gew&lzt. Allerdings konnte er es nach 
24 Stunden mit seinem Nachfolger gerade so machen, 
aber — es gibt ein Kinderspiel, „die glSserne Briicke" 

— da heiBt es, „der letzte muB bezahlen," so ist es 
auch da. — „Wache richtig iibernommen, ja, wie 
konnte ich das nur schreiben?" dachte Fritz, „ich habe 
ja gar nicht nachgesehen, dazu hatte ich allerdings 
mehrere Stunden gebraucht, und der Vizefeldwebel 
pressierte so. Das einfachste ware, wenn das ganze 
Pulvermagazin in die Luft ginge — dann ware die 
Verantwortung aus." Das war der Gedanke, mit wel- 
chem Fritz, nachdem er iiber eine Stunde studiert 
hatte, seine Lektflre der Wachtinstruktion beendete. 

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Wie schon hatten es doch die Untergebenen! Sie 
brauchten keine Wachtinstruktion zu studieren, son- 
dern saBen gemiitlich rauchend vor dem Wachthaus, 
vorm Winde geschiitzt. 

Doch halt — auf einmal rumpeln sie in die Hohe — 
was ist los? Fritz sttirzt hinaus — wahrscheinlich 
brennt schon das Pulvermagazin — oder der Wasser- 

fall ist iiber die Ufer getreten nein! — Aber et- 

was viel Schrecklicheres — der Offizier vom Garni- 
sontagesdienst, der Major von Zwicker vom 2. Regi- 
ment — der die Grenadiere haBt — richtig, da 
schimpft er schon. 

„Na, wann wird mal einer von euch langen Schlin- 
geln sich bewogen fiihlen, mir das Pferd zu halten, 
daB ich absteigen kann — da kommen Sie her — nein, 
auf die andere Seite — ich sag's ja immer, je lSnger 
so 'n Kerl, desto diimmer!" 

Fritz raffte seine Mannheit zusammen und schnarrte 
die Meldung, die er sich auf dem Wege schon hun- 
dertmal vorgesagt hatte, in einem Atem herunter, 
wahrend der Herr Major ihn durchbohrend ansah. 

Der Gewaltige trat ins Wachthaus und packte das 
Meldebuch : 

„Was ist denn das fiir eine Schweinerei?" er deu- 
tete auf einen groBen Tintenklex im Meldebuch, der 
mit einer Schnauze und Schweifchen versehen war. 

„Das ist ein Tintenklex, Herr Major, aber ich — " 

„Danke fiir die gtitige Aufkiarung," schnitt Major 
von Zwicker ab, „das scheint mir doch nicht der rich- 
tige Platz fiir Kadettenwitze — bitte, sagen Sie gar 
nichts — ich kann die vielen Entgegnung^n von jun- 
gen Leuten nicht gut vertragen. — Haben Sie die 
Patronkasten nachgezahlt?" 

Fast hatte Fritz „zu Bef ehl" gesagt, so hatten seit 
Jahren taglich alle Wachtbefehlshaber geantwortet, 
und jeder Visitierende hatte sich begniigt. Fritz aber, 
ein so eitles Burschchen er auch w^r, hatte in seinem 
Leben noch nie gelogen. 
4* 

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„Nein, Herr Major!" 

„Ja, Kreuzkieselement, wofiir sind Sie denn da — 

doch nicht urn ja, was ist denn das?" Die Augen 

des Herrn Majors quollen fast aus dem Kopf heraus 
— dort an der Wand war sein leibhaftiges Konterfei. 
Fritz sah audi hin, ware die Situation nicht so ernst 
gewesen, er hatte hell auflachen miissen, so wohl ge- 



troffen war die Karikatur. Darunter stand, urn jedem 
Irrtum vorzubeugen: 

Das ist der Herr von Zwicker 
Mit seinem krummen Pferd, 
Die Wut macht ihn nur dicker, 
Der is sein Qeldl wert. 

Er leidet an der Leber, 
Und wenn es heuer gliickt, 
Dann wird er im Manfiver 
Fur inuner abgezwickt 



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„Sie dichten wohl auch, Fahnrich?" sagte der Ma- 
jor, ganz blafi vor Zorn auf das Qedicht deutend. 

„Herr Major," sagte Fritz von Lilienfeld mit aller 
Bestimmtheit, obschon tief gekrSnkt, „ich bin in einer 
Milit&rbildungsanstalt erzogen und weiB, was ich mei- 
nen Vorgesetzten schuldig bin!" 

„Schon, mein Lieber — warum haben Sie dann bei 
der Wachtiibernahme das mit tlbernommen?" 

„Ich habe es nicht gesehen, Herr Major!" 

„Ah, gut — vor allem loschen Sie dieses witzlose 
Ding aus und dann melden Sie sich bei Ihrem Regi- 
ment in einen vierwochentlichen Kasernenarrest we- 
gen Obernahme eines verunreinigten Wachtlokals. 
Ich stehe mir zu hoch, um solchen Sachen weiter 
nachzuforschen — Ihren Namen will ich mir indessen 
merken." 

Der F&hnrich wischte mit seinem weiBen Taschen- 
tuch Zeichnung nebst Inschrift weg. Der Herr Major 
schrieb noch die Stunden ein, zu denen der Wacht- 
befehlshaber die Posten zu visitieren hatte, um 12 Uhr, 
V& Uhr und 3 Uhr. Dann warf er dem unglucklichen 
Fritz noch einen vernichtenden Blick zu und galop- 
pierte davon. 

Fritz war so niedergeschlagen, daB er nicht einmal 
seinen Zorn an den Untergebenen auslassen mochte. 
Das war der Lohn fur seine militSrische Begeisterung 
— jetzt war er bis Weihnachten mit Kasernenarrest 
versehen, vielleicht krieg' ich noch mehr dazu, dann 
gebe ich gleich das Zimmer in der Stadt auf — aber, 
wann werde ich dann Offizier? 

Indem Fritz sich diese traurigen Qedanken machte, 
sah er auch, daB das weggeloschte Pasquill hinter 
einer holzernen Pritsche verborgen war, die hinauf- 
geschlagen war, als er das Lokal betreten hatte und 
spater, wahrend er in der Instruktion las, durch das 
Herabschlagen des Holzbrettes, auf das sich ein Gre- 
nadier ausgestreckt hatte, sichtbar geworden war. Da 
stand ja auch der Verf asser stolz dabei : „Xaver Not- 

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nagel, 2. Regiment, 1. Kompagnie — servus — mor- 
gen kimm i naus — ade du stilles Haus — juche!" 

Das war mit Bleistift noch unten drangekritzelt — 
„Also fiir diesen elenden Notnagel muB ich vier 
Wochen kasernieren," seufzte Fritz. Allm&hlich wurde 
es dunkel. Der Sturmwind heulte urn das einsame 
Wachthaus, als wollte er es in die Ltif te reiBen. Immer 
denselben klagenden Ton, dazu ein feiner, rieselnder 
Regen. Die Qrenadiere batten sich in das Lokal zu- 
riickgezogen und htillten die Stube bald in eine ein- 
zige Rauchwolke. Trotzdem der Dunst sich an die 
triiben Fenster legte, war es kalt, so daB einige ihre 
Mantel entrollten — denn die Qarnisonverwaltung ge- 
wahrte das Brennmaterial genau nach dem Kalender, 
und der Termin war noch nicht gekommen. 

„Herr F£hnrich, wiinschen Sie was zum Nacht- 
essen?" wandte sich der Qefreite Flerx an Fritz, der 
daran noch gar nicht gedacht hatte. 

„Ja, wo soil man da was bekommen?" 

„Da driewe im nachste Dorf e gute halwe Stund* is 
es weg — da hole wir als e Bier — wann Sie was 

wolle, bringe wir Ihne was mit und es is doch 

Ihr erschte Wach, Herr FShnrich?" 

„Ja — * warum?" 

„Ich hab' nur gemeint — es is ewe sonst der Usus 
als gewese — nix fiir ungut — wir hatte Sie als gern 
emol lewe lasse ." 

„Ah so!" Fritz ffihlte sich geschmeichelt und gab 
dem Qefreiten Geld, der seinen Kameraden frQhlich 
zuzwinkerte. 

Flerx entfernte sich. Der junge Wachtbefehlshaber 
machte den Versuch, eine Zigarre zu rauchen und die 
Unbilden des heutigen Tages in blauen Wolkchen 
aufgehen zu lassen, dabei horchte er auf die Unter- 
haltung der Soldaten, die sich iiber die Vorkomm- 
nisse der letzten Wochen besprachen, was immerhin 
ganz lehrreich war. Obwohl den jungen Mann der 
Frost durchschauerte, verschmahte er doch, den 

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Mantel anzuziehen: — „Das ist ja das Sch6ne, zu 
wissen, daB ich jetzt fiir das allgemeine Wohl friere, 
wahrend der SpieBburger in den warmen Federn 
liegt — und wenn es audi der Major Zwicker nicht 
glaubt, so bin ich doch Soldat und zwar mit ganzer 
Seele, trotz meiner langen Ohren." Dieser Qedanke 
gab Fritz seinen Humor wieder. 

Auf einmal klopfte es an der Ttire. 

Flerx konnte noch nicht zuriick sein und der hatte 
auch nicht geklopft. 

Ein Landgendarm trat ein. 

„Herr Wachtkommandant, erlauben Sie, daB ich 
em wenig hereinkomme, es ist gar so schlechtes 
Wetter und ich hab's noch so weit bis zur Station." 

Ein Soldat ziindete die Lampe an, die andern ruck- 
ten zusammen, der Gendarm, der triefend naB war, 
legte Gewehr und Miitze ab und nahm dankend die 
von Fritz dargebotene Zigarre. 

„Heute saB ich auch lieber im Wirtshaus", begann 
der Gendarm, nachdem durch sein Erscheinen eine 
Pause entstanden war. „Seit drei Tagen patrouil- 
lieren wir in der Gegend nach zwei Spitzbuben. Die 
Kerls sind so schlau, daB sie einem das Leben ordent- 
lich sauer machen. Sie treiben sich schon wochen- 
lang in der Gegend herum, eine Menge RaubanfSlle 
und Einbriiche haben sie veriibt und immer schlupfen 
sie uns unter den Fingern durch. Bei dem Regen ist 
es schwer, die Spuren zu finden. Wir haben ge- 
glaubt, sie miiBten in der Nahe vom Pulvermagazin 
sein, aber bei den verschiedenen Wachtposten miiB- 
ten sie ja am ehesten gesehen werden." 

Die Soldaten scharten sich mit offenem Mund um 
den Gendarm, kreuz und quer gingen die Fragen — 
auch der Fahnrich nahm lebhaften Anteil. 

„Wie sie ausschauen, meint ihr?" fuhr der Gen- 
darm fort — ' „da hab ich das Signalement. Der eine 
mittelgroB, schwarzen Vollbart, ganz zerlumpte Klei- 
der — der andere auffallend lang, rote Haare, roten 



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Schnurrbart, grtine Jagdjoppe, spitzen Hut mit 
Federn. Beide sind mit Doppelgewehren bewaffnet" 

„Der schaut ja aus wie der wilde Jager", meinte 
Qingele. Fritz sprang erregt auf. 

„Der ist mir ja begegnet", rief er, „hatte ich das 
geahnt, ich h&tte ihn festgenommen." 

Fritz erzShlte nun seine Begegnung mit dem Roten. 

„Da haben wir's," sagte der Qendarm, „jetzt sind 
sie nach der Seite hin durch. Vielleicht gar in eine 
von den Vorstadten. DaB unsereiner nicht einmal 
das Gliick haben kann, so einen Kerl zu fangen. Ihr 
miiBt namlich wissen, daB eine groBe Belohnung drauf 
gesetzt ist. Der Rote ist wegen Mordes zu lebens- 
langlichem Zuchthaus verurteilt gewesen und ist aus- 
gebrochen, der andere mit ihm. — Na, jetzt kann ich 
wenigstens beruhigt auf die Station gehen, heuf 
kriegen wir sie nimmer." 

Der Qendarm machte sich auf den Weg. 

Wenn Fritz sich vorstellte, welche Heldentaten er 
hatte vollbringen konnen und wie gemfltlich er den 
gefahrlichen Rauber hatte gehen lassen — er hatte 
sich die Ohren ausreiBen konnen. 

Flerx, der mit Bier und Wiirsten zuriickkam, storte 
ihn aus diesen Qedanken auf. 

Die Soldaten, die sich natiirlich noch lebhaft iiber 
das Vorgefallene unterhielten, erzahlten Flerx gleich 
die Qeschichte. Dieser stieB den Qingele mit dem 
Ellenbogen an und zwinkerte dem Fausthuber zu. 

„Ja, Herr Fahnrich, gehe Sie nur die Nacht ums 
Himmelswille net ausm Wachtlokal — wie ich do 
vom Dorf erriiwer geh, do seh ich in der Nah vom 
Magazin 3, es kann zwehundert Schritt dervon weg 
gewese sei — do seh ich 5 Kerle, es kennen ach 6 ge- 
wesen sein — des konnt ich in der Dunkelheit net 
unterscheide — ich net faul, stell mei Bier und die 
Werscht uf den Bode und krabbl aufm Bauch 
eniewer, um zu horche. Da secht der eene von die 
drei — von die sechse hab ich sache wolle — „Wart," 

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secht er, „dem Wachtkommandant seine goldene Uhr 
wenn mir hawe kennte — bei dene arme Soldate is 
ja nix zu hole, aber wann der junge Herr heute Nacht 
die Poschte visitiere tut, dann bletze mern libera 
Haufe." So secht er und ich ganz leis wieder uf m 
Bauch zurtick zu die Werscht und da bin ich — aber 
der AngschtschweiB steht mer als noch auf der 
Stirn!" 

Dabei wischte sich der hinterlistige Flerx iiber die 
Stirn. Er glaubte, die Qeschichte von den Spitzbuben 
sei von Qingele und Fausthuber erfunden, um ihm 
in die Hande zu arbeiten. Eben fiihrte der Wacht- 
gefreite die drei abgelosten Posten herein. 

„Auf Posten keine Neuigkeit," meldete er. 

„So," fuhr Fritz auf, „keine Neuigkeit, nun will i c h 
einmal hinaus, vielleicht erfahre ich was Neues!" 
Eine Art von Heldenmut kam plotzlich iiber ihn, ge- 
reizt durch die MiBerfolge des heutigen Tages. 

„Stillgestanden!" donnerte Fritz. 

Die Soldaten fuhren auf und legten die Pfeifen weg. 

„Flerx, Sie sind der Alteste?" 

„Zu Befehl!" 

„Ich iibergebe Ihnen hiermit die Wache. Ihr bleibt 
alle im Lokal, hort ihr schieBen, dann eilen drei von 
euch nach der Richtung, von wo ihr schieBen hSrt, 
die andern bleiben da und verteidigen das Lokal. 
Sollte ich fallen" — seine Stimme wurde weich. 

„Aber Herr Fahnrich" — sagte Flerx, der sein 
ganzes Unternehmen schmahlich scheitern sah, in- 
dem er sich total in dem Charakter des jungen Sol- 
daten verrechnet hatte. 

„Halten Sie das Maul! donnerte Fritz, damit seinen 
Rest von Riihrung hinunterkampfend. „Tut, was ich 
euch befehle — wir sind hier nicht zum SpaB." 

Er zog seinen Mantel verkehrt an, damit die Knopfe 
nicht glanzen sollten, lud sein Qewehr, vertauschte 
den Helm mit der Feldmiitze, stellte die Lampe unter 
den Tisch, damit drauBen kein Schatten falle — und 

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wShrend die Soldaten offenen Mundes ihn anstarrten, 
verlieB er das Lokal. 

Der Erzahlung des Pfaizers, den Fritz schon als 
Renommisten kannte, schenkte er keinen unbedingten 
Qlauben, wohl aber hielt er es ftir moglich, daB Flerx 
die beiden Kerle gesehen habe, wenn er ihm auch 
nicht den Mut zutraute, sich an sie heranzuschleichen, 
wie jener erz£hlt hatte. 

Die Wolken flogen geisterhaft am Nachthimmel, 
von Zeit zu Zeit einen Schimmer des Mondes durch- 
lassend. Regenschauer schlugen als feine Spriihe an 
die Schzenden BSume, die der Sturmwind schiittelte, 
der mit klagendem Ton fiber die Heide fuhr. 

„Da hascht's," sagte Qingele, als der Fahnrich die 
Wachtstube verlassen hatte, „etz lauft des arm 
Trdpfle drauBe im Rege rum — und visitiert erscht 
recht die ganze Nacht — des kommt von solche 
dumme Qeschichte und wenn die Spitzbube wirkli 
komme" — 

„Jawohl," lachte Flerx, „alleweile meen ich, du 
glaubst de Schwindel selber." 

„Na, mei Liewer, dos is fei koa Schwindel," mischte 
sich der biedere Fausthuber hinein, „zwoa Kerl trei- 
ben sich da rum, wos mir dir erz&hlt hamm, dos is 
alles wahr." 

„Ja, des hettet 'r mir gleich sache solle, 's is wahr- 
haftig e dumme Sach." Flerx begann Qewissensbisse 
zu bekommen, die jedoch noch nicht so tief gingen, 
um nicht in dem geholten Bier den jungen Spender 
leben zu lassen. — Dieser schlich drauBen durchs 
Qebiisch, vorsichtig Schritt vor Schritt gegen das 
erste Pulvermagazin zu. Oft faBte er das Qewehr 
fester, wenn er in einem abenteuerlichen Baumstamm 
beim matten Mondlicht einen Menschen zu erkennen 
glaubte. Dieses Anpiirschen hatte fur den jungen Sol- 
daten etwas ungemein Aufregendes und doch schlug 
ihm das Herz nur vor Erwartung und nicht vor 
Furcht. Eine halbe Stunde war er so gekrochen und 

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muBte jetzt das Gebusch verlassen, um gegen den 
Wall des Magazins zu gelangen. Mit leisen Schritten 
ging er vorwarts, als ihm plotzlich ein Qewehrlauf 
entgegenblitzte. 

„Halt, halt, halt — wer da?" ertonte es. 

„F&hnrich Lilienfeld," hatte Fritz eben noch Zeit 
zu rufen. 

„Auf Posten keine Neuigkeit," entgegnete die 
Stimme aus dem Dunkel. „Herr F&hnrich, diesmal 
hatt' ich auf ein Haar geschossen " 

„Das hoff ' . ich von Ihnen," entgegnete der uner- 
schrockene Fritz, „wenn ich nicht rechtzeitig ant- 
worte, ist es meine Schuld — Ihre Pflicht ist, zu 
schieBen. Passen Sie scharf auf, es ist nicht geheuer 
in der Gegend." 

Weiter ging der Fahnrich. Eine Strecke fiber 
Heideland, dann am Magazin 2 vorbei, ohne ange- 
rufen zu werden. Jetzt muBte die gefahrliche Stelle 
kommen. 

Der Weg war hier sehr uneben. Felsenstucke ver- 
ktindeten die Nahe eines steilen FluBufers, von wel- 
chem man das Brausen des regengeschwollenen 
Wasserfalles vernahm. Dichtes Qestrupp bot hier 
manchen Schlupfwinkel und muhsam zwangte sich 
Fritz zwischen den niederen Fohren hindurch. — 
Hier war es wirklich sehr unheimlich. Jetzt war Fritz 
an den Wall des dritten Magazins gekommen. Jeden 
Augenblick gewartig, wie vorhin angerufen zu wer- 
den, kletterte er muhsam den Wall hinauf, auf dessen 
Hohe der Posten patrouillieren sollte. — Aber alles 
blieb ruhig. — Er stieg auf der andern Seite wieder 
hinunter und befand sich nun in dem Raum zwischen 
dem Magazin und dem Wall. Das Magazin, wie die 
ubrigen aus Stein massiv erbaut und oben mit meter- 
hohem Rasen bedeckt, war von drei Seiten von dem 
Erdwall umgeben, auf der vierten Seite grenzte es 
gegen den FluB, zwischen dessen steil abfallendem 

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Ufer sich nur ein schmaler FuBsteig befand. Von da 
fiihrte audi ans andere Ufer ein Steg, unter welchem 
das Wasser schSumte. Vorsichtig schlich Fritz lSngs 
der Mauer des GebSudes — als er auf das Schilder- 
haus stieB. Ein regelmaBiges Schnarchen belehrte 
ihn dartiber, warum er nicht angerufen worden war. 
Er iiberlieB vorlSufig den pflichteifrigen Posten sei- 
nem Schlummer im Schilderhaus und ging weiter auf 
die andere Seite den schmalen FuBpfad zwischen dem 
Magazin und dem FluBufer entlang. Nichts regte 
sich, nur der Wind heulte um die Wette mit dem 
dumpfen Brausen des Wassers in der Tiefe. Am 
Steg angelangt, machte der junge Held Rast. Die 
Tour war miihsam gewesen! Und alles umsonst! 
Im Licht des Mondes, der jetzt voller aus den zer- 
rissenen Wolken hervorsah, waren die QegenstSnde 
deutlicher sichtbar. Die aufgeregten Schlage des 
jungen Herzens beruhigten sich und das phantastische 
Nachtbild wirkte auf das Gemfit. Es war doch schon, 

so einsam auf der stillen Wacht zu stehen und 

da t6nt ein leiser Pfiff — die GSnsehaut 

lauft Fritz iiber den Rflcken — jetzt wieder 

also doch! Das BewuBtsein der nahen Gefahr erftillt 
den jungen Soldaten mit kalter Besonnenheit — blitz- 
schnell verschwindet er unter dem Brett des Steges 
und rutscht einige Schritte den steilen Abhang hinun- 
ter, sich an den Grasbuscheln festhaltend. Er ist jetzt 
durch den Schatten des Steges vollig im Dunkeln, 
wahrend der Mond alles iibrige hell beleuchtet. 
Einige Steinchen, durch ihn losgelost, kollern hinab 
und platschern im Wasser, sonst ist alles ruhig. Der 
Wind halt einen Moment den Atem an. Fritz fuhlt, 
wie seine Pulse jagen, regungslos verharrt er in der 
unbequemen Stellung — jede Sekunde eine Ewigkeit. 
Abermals der leise Pfiff. — Jetzt knirschen vor- 
sichtige Schritte vom andern Ufer her iiber den Steg 
— Fritz h6rt zu atmen auf — ein Schatten fSllt auf 
die Boschung, ein Kopf beugt sich fiber das GelSnder 

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des Steges. Der Schatten ist lang — und wie Fritz 
aufblickt, sieht er den Kopf des Rotbartigen mit dem 
spitzen Hut herunterschauen. Deutlich kann er ihn 

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erkennen, wahrend er, vom Dunkel gescttitzt, jenem 
unsichtbar bleibt. 

„Bist du da unten,Hies?" fliisterte der Rote mit vor- 
gehaltener Hand, „hast du die Sachen, dann komm' 
herauf!" 

Der erste Impuls des Fahnrichs ist, dem Frager 
mit einer aus dieser N£he leicht treffenden Kugel zu 
antworten. Doch imin — ein Lilienfeld totet keinen 
Feind aus dem Hinterhalt. Mit drei Spriingen ist 
Fritz oben auf dem Steg. „Ergib dich, Halunke," 
donnert er dem Oberraschten entgegen. 

„Oho," ruft dieser, das Qewehr an die Wange rei- 
8end. Im Moment, wo er abdriickt, schieBt auch 
Fritz. Fast gleichzeitig ist der Knall der beiden Ge- 
wehre. Fritz fiihlt einen heftigen Schmerz am Kopf 
— im nachsten Moment faBt ihn der Rote am Hals, 
das Qewehr wegwerfend und ein langes Messer 
ziehend. Auch Fritz laBt das Qewehr fallen und 
klammert sich an den Arm des Feindes. Ein kurzes 
Ringen. Er wird von dem StSrkeren gegen das Qe- 
lander des Steges gedriickt — eiri Krachen und beide 
stiirzen, die morsche Stange zerbrechend, in den FluB 
hinab. Fritz verliert keinen Augenblick das BewuBt- 
sein — er ist ein guter Schwimmer. Der FluB ist 
nicht breit. Doch zentnerschwer klammert sich der 
Qegner an ihn. 

„Herr F&hnrich — Herr Fahnrich," rufen mehrere 
Stimmen am Ufer. 

„Hier — hier bin ich," ruft Fritz, der schon die 
Kraft verliert. 

„Alleweile kumm ich, nur noch e bische Geduld!" 
Flerx war es, der den andern voraus ins Wasser geht 
und Fritz die Hand bietet. „Ei dunner, da is ja noch 
eener, der is scheints kaput!" Der Rote war es, 
deri Fritz mit sich ans Land schleppte, da er die Hand 
in die Kuppel des Fahnrichs festgekrallt hatte. Er 
war bewuBtlos und blutuberstromt. 

Indessen kamen auch die andern die Boschung 

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herunter. Die einen nahmen den verwundeten Ban- 
diten, wShrend Flerx den kleinen FShnrich wie ein 
Kind auf die Arme nahm. 

„Kriech die Krenk, Sie blute ja, Herr Ffihnrich, Sie 
habe doch nix abgekriegt?!" 

„Ich glaube, es hat nichts zu bedeuten," entgegnete 
Fritz, nach Atem ringend. „Aber jetzt laBt mich ein- 
mal „Hurra" rufen, denn wir haben ihn!" 

Die Soldaten stimmten frohlich mit ein. 

„Ja, wisse Sie, Herr Fahnrich, wie Sie so lang aus- 
gebliewe sin, da dachte mir schun, 's konnt was pas- 
siert sei und da sin mir drei, der Qingele, der Faust- 
huber und ich, nachgegange und grad wie wir am 

Magazin 3 sind, da hats scho geknallt. Qott sei 

nur gedankt, daB alles so gut abglaufe is, mei Lewe 
hfitt mich ja nimmer freue konne, wann Ihne was 
passiert war!" So schwatzte Flerx fort und fort bis 
zum Wachthaus, denn sein Qewissen war gewaltig 
belastet und er freute sich, durch sein rechtzeitiges 
Erscheinen alles wieder gut gemacht zu haben. Am 
Wachthaus stand ein Trupp Reiter. 

„Donnerwetter, wo ist denn der Wachtkomman- 
dant," schrie der Offizier, der sie fiihrte, „der geht 
wohl spazieren — da werd' ich aber mal eine tiich- 
tige Meldung machen!" 

„Herr Leutnant, hier bin ich," sagte Fritz mit 
schwacher Stimme. 

„Sie iiben sich da wohl im Huckepack tragen?" — 
wollte der Offizier der Ronde weiterschimpfen, aber 
Flerx klarte ihn sofort auf. 

„Was? das ist ja der kleine Lilienfeld! —* Tausend- 
sapperlot, ich gratuliere, Sie sind ja ein junger 
Held!" — 

Der kleine Lilienfeld horte es aber nicht mehr, 
eine Ohnmacht hatte ihn uberkommen. Die Reiter 
saBen ab und leisteten Hilfe. Der Leutnant schickte 
einen nach der Stadt zuriick, um einen Krankenwagen 
zu holen, und besah die Wunde des kleinen Soldaten. 

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Die Kugel hatte die linke Kopfseite gestreift und das 
halbe Ohr mitgenommen. Blutverlust und Er- 
schopfung hatten die Ohnmacht herbeigeftihrt. Die 
Wunde des Qefangenen schien gefahrlicher, die linke 
Schulter war zerschmettert. Der Rote war bald zu 
sich gekommen und verharrte in einem trotzigen 
Schweigen, jede Hilfe zuriickweisend. Es graute 
schon der Tag, als der Lazarettwagen ankam, dem 
ein eigenes Qefahrt fiir den F£hnrich folgte. Der 
Qefangene wurde trotz seines Widerstandes verbun- 
den, in den Lazarettwagen gebracht und von den Rei- 
tern eskortiert, wahrend der Leutnant mit Fritz in 
den andern Wagen stieg. Fritz war trotz einigen 
Fiebers und groBer Schmerzen gliickselig, und die 
Lobspriiche des Leutnants verkiirzten ihm den Weg 
nach dem Lazarett auf die angenehmste Weise. Dort 
ward er verbunden und zu Bett gebracht, wo ihn als- 
bald ein sanfter Schlummer die Strapazen der ver- 
flossenen Nacht vergessen lieB. Die Kunde von der 
Qefangennahme des geffihrlichen R£ubers und seines 
SpieBgesellen, welcher am n£chsten Tage von den 
Qendarmen aus seinem Schlupfwinkel in allernachster 
Nahe des Pulvermagazins aufgestobert wurde, 
machte in der Stadt groBes Aufsehen und Fritz wurde 
in alien Zeitungen genannt. Welcher Stolz! Denn 
ihm war es doch eigentlich zu danken, wenn die bei- 
den nicht noch l&ngere Zeit ihr Unwesen trieben, sie 
hatten ganz recht gehabt, daB man sie in der Nahe 
einer militSrischen Abteilung am wenigsten suchen 
werde. Ihr Nest befand sich im Walle des Magazins 
3 auf der FluBbettseite, wo das Wasser eine Hohle 
ausgefressen hatte, die von dichtem Gestrfipp be- 
wachsen war. 

Aus dem Vorfall resultierten folgende Ereignisse: 
Erstens Pensionierung des Majors von Zwicker, der 
die Hohle iibersehen hatte an dem fraglichen Tage. 
Einsperrung sfimtlicherWachtbefehlshaber undPosten 
der letzten drei Wochen, die auch nichts gesehen 
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hatten. Totale Umgrabung der samtlichen Walle. 
Erneutes Reglement fiir den Wachtdienst am Pulver- 
magazin — noch verzwickter als das alte. Ver- 
schreibung einiger StoBe Papier durch alle Instan- 
zen — endlich Belobung des Ffihnrichs Fritz von Li- 
lienfeld. 

Das war das Netteste. Fritz wurde von alien Sei- 
ten bewundert und gefeiert. Die Offiziere des Re- 
giments besuchten ihn — heimlicherweise erkundigte 
sich auch immer ein Qefreiter beim Unterlazarett- 
gehilfen, wie es dem Herrn F£hnrich gehe, und ging 
immer frohlich von dannen, wenn die Antwort von 
Tag zu Tag giinstiger lautete. 

Es war Flerx, den sein Qewissen immer noch eia 
ganz klein wenig driickte. Eines Tages kam sogar 
der Herr Oberst, lieB sich alles genau erzahlen und 
sagte am SchluB : Und nun, mein Lieber, schenke ich 
Ihnen auch die drei Tage Kasernenarrest, die haben 
Sie jetzt nicht mehr verdient." 

„Entschuldigen, Herr Oberst", sagte Fritz, „da blei- 
ben noch acht Tage vom Herrn Major." 

„Die seien Ihnen auch geschenkt!" 

„Danke gehorsamst, Herr Oberst, aber entschul- 
digen der Herr Oberst", meinte Fritz wieder, „da 
wSren noch vier Wochen Kasernenarrest vom Herrn 
Major von Zwicker." 

„So, warum denn?" fragte der Oberst. 

„Wegen einer Schweinerei." — Fritz erz£hlte die 
Qeschichte nebst dem Qedicht, das er sich wohl ge- 
merkt hatte. 

Der Oberst lachte. „Beruhigen Sie sich, mein 
Lieber, der wird dem Lande nicht mehr schaden. Der 
ist wirklich vor einigen Tagen „abgezwickt" worden. 
Also schenk' ich Ihnen auch die vier Wochen." — 
Wer war froher als Fritz? 

Die Wunde heilte rasch und die besorgten Eltern 
erhielten eigenhSndig die besten Beruhigungen, wo- 

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bei Fritz nicht verfehlte, sein Abenteuer wunderbar 
zu schildern und auszumalen. — 

Schon nach vierzehn Tagen meldete sich Fritz 
wieder bei seinem Hauptmann zum Dienst. 

Nach einigen freundlichen Bemerkungen sagte 
dieser: „Wissen Sie, Fahnrich, was eigentlich an 
Ihrem ganzen Abenteuer das beste ist?" 

„DaB der Herr Hauptmann mir jetzt nicht mehr zu- 
trauen, daB ich mich furchte!" antwortete Fritz. 

„Das hatte ich iiberhaupt nie im Ernst von Ihnen 
geglaubt", lachte der Hauptmann. „Nein — ich meine 
im Interesse der Richtung beim Exerzieren, daB Ihre 

Ohren jetzt nicht mehr so abstehen wenigstens 

das e i n e nicht!" 

Diesmal argerte sich Fritz nicht mehr, sondern 
lachte herzlich mit. 

Er ist ein tiichtiger Offizier geworden und wird, 
wenn es einmal wieder gegen den Feind geht, seine 
Pflicht ebenso mutig tun, wie er sie gegen den Rot- 
bartigen getan. 



5" 

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Die ararischen Stiefel. 



Gestern abend hatte der Kaufmann Emil Klein, 
noch bevor das Geschaft geschlossen wurde, einer 
alten Hokerfrau, die Zichorien haben wollte, mit vor- 
nehmer Handbewegung bedeutet, sie moge sich an 
den betreffenden Kommis wenden — und heute!? — 

Seit 8 Tagen hatte er auf das groBe Loschblatt auf 
seinem Schreibpult bloB mehr militarische Embleme 
gezeichnet — und heute!! 

Wahrend gestern der Fahnrich Spindelbein im 
Kaffeehaus getan hatte, als sahe er den Kaufmann 
Emil Klein nicht, muBte er heute vor ihm antreten, 
wie von einem Magnetberg angezogen ; denn so flutet 
der Untergebene von der Ttire her, iiber das Zivil 
weg, seinem Vorgesetzten zu. — Und somit ist es 
herausgesagt: Qestern nichts,- heute alles, gestern 
ein Kaufmann, der alten Weibern Zichorien ver- 
kaufen soil, heute ein Reserveleutnant, vor dem ein 
Fahnrich erzittert! 

Es muB ganz nett sein, wenn man Konig wird, aber 
da ist man doch schon so lange Prinz gewesen, und 
dann hat es sonst seine Unannehmlichkeiten — aber 
einer, der sich iiber Nacht aus einer Raupe in den 
schillernden Schmetterling verwandelt, — Donner- 
wetter — das ist was! 

Wie die Welt durch des Schopfers Machtspruch 
durch den Raum rollt, so rollte Emil Klein in einer 
Droschke erster Gute, durch den Machtspruch des 

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Kriegsministers zu einer 42tagigen Ubung einberufen, 
durch die StraBen der Residenz. 

Aber nein, das ging nicht! 

N&mlich, daB ihn niemand erkennen wollte in dem 
wallenden RoBschweif und der wie angegossenen 
Uniform — er hatte sie dem Schneider viermal zu- 
riickgeschickt — ! Emil stieg also aus. Es war ja 
auch wirklich noch zu.friih und dann, wenn man Leut- 
nant bei der reitenden Garde-Artillerie ist, muB man 
die Sporen klingen h5ren. 




Der Kutscher schickte sich zum Herausgeben an, 
aber sein rostiges Qesicht zerschmolz in einem seli- 
gen Qrinsen, als der Herr Leutnant abwinkten. In 
des Konigs Rock — dachte Emil — wird man unwill- 
kiirlich nobel! 

Es gibt so wenig gliickliche Menschen auf der 
Welt. Hier ist einer davon, wenigstens momentan. — 

Ein Pessimist wiirde zwar sagen : Diese junge Hel- 
denbrust fullt nach innen Eitelkeit, nach auBen Watte 

allein lassen wir ihn reden, und warten wir auf 

den Platzregen, der die Eitelkeit kiihlt und die Watte 
durchweicht! 

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Sein Qegentiber im Kontor, der gute Onkel Tho- 
mas, saB heute allein; und die Hebe Tante Jette war 
Mittag ganz traurig, als ein Kuvert fehlte, denn 
„Emil" speiste jetzt in der „Offizierskasinospeisebe- 
wahranstalt", wie sie schon in der letzten Kaffee- 
schlacht der Damen versichert hatte. 

Emil war ohne Eltern und seit jungen Jahren im 
Hause des kinderlosen Onkels. Er ware am liebsten 
den HeringsfSssern entronnen; aber das bliihende 
SpezereigeschSft „Thomas Klein", Landesprodukten 
en gros und en detail, am alten Markt, war eben auch 
nicht zu verachten. „Und wenn man nebenbei Re- 
serveleidnand ist" — pflegte Tante Jette immer zu 
sagen. Ich glaube, daB sie „Leidnand" von „leiden" 
nahm und bezweifle, ob sie nicht bei Reserve immer 
an ihre Konserven in der Speisekammer dachte. Emil, 
der ein hiibscher junger Mann war, und seiner Gym- 
nasialbildung durch weite Reisen ein biBchen auf die 
Beine geholfen hatte, war in den Augen des Onkels 
und der Tante ein Junge, „wie se nich der Buchbin- 
der kleben duht", ein Ausspruch des Onkels, der sich 
auch auf andere Handwerke bequem anwenden lieB, 
woran es auch der gute dicke glatzkopfige, aus Sach- 
sen gebiirtige Onkel Thomas nicht fehlen lieB. 

„Jedde," sagte Onkel Thomas, nachdem bis zum 
Braten in dem behaglichen, getafelten, altersbraunen 
Speisezimmer kein Wort gesprochen worden war. 
„Hat er nicht ausgesShn, wie S junger Brinz, in den 
dunkeln Blau mit de gelwe Gnebbe." 

Tante Jedde antwortete mit einem Seufzer und der 
Frage, ob denn auch das Essen in der Offiziersbe- 
wahranstalt nicht recht diinn gekocht sei. Das Wort 
Anstalt hatte fiir die gute Tante etwas Beunruhigen- 
des, es erinnerte sie an so etwas wie „stSdtische 
Suppenanstalt". 

Inzwischen saB Emil sehr gut aufgehoben in der be- 
sagten Anstalt und die Ordonnanz stellte ihm eben die 
fiinfte Sektflasche neben den Stuhl. 

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Emil war sehr freigebig und hatte seine ganze 
Nachbarschaft eingeladen. — 

Aber das Vaterland verlangt nicht bloB Sekt vom 
Reserveleutnant oder „Sommeronkel", wie die Kame- 
raden der Linie scherzen. Im SchweiBe des Ange- 
sichts muB er ihn verdienen. 

Einige Tage spater marschierte das Regiment zu 
den SchieBubungen auf eine Ebene, die einige Tag- 
mSrsche von der Qarnison entfernt war. 

Onkel und Tante hatten Abschied genommen, als 
ware Emil Max Pikkolomini gewesen und „als ging's 
von hier gerad ins Feld des Todes". Der Bediente, 
Xaver Mehlwurm, schied am schwersten; er hatte 
sich in den wenigen Tagen, mit Respekt zu melden, 
so herausgefressen, daB sein Name, dem er friiher 
alle Ehre machte, gar nicht mehr auf ihn zu passen 
schien. Er hatte sich durch sein „zu Befehl" die be- 
sondere Huld der Tante Jette erworben, die sich da- 
durch sehr geehrt ftihlte. Mehlwurm konnte auch zu 
hiibsch „ zu Befehl" sagen. Das war zwar alles; 
denn er tat selten das, was Tante Jette ihm anschaffte, 
wenn es nicht gerade mit seinen Absichten iiberein- 
stimmte. Zum Beispiel miBlang der Versuch ganz- 
lich, den Tante Jette anstellte, ihrem Kaffeekranz- 
chen mit Xaver zu imponieren. 

„Wenn ich nicht irre," hatte namlich Frau Offi- 
ziantin Haas gesagt, als die Damen um den Kaffee- 
tisch saBen, „habe ich beim Kommen einen Soldaten 
in der Kuche stehen sehen, daB Sie so etwas dulden, 
Frau Klein — !" „Oh, u sagte Tante Jette, indem ihr 
gutes, rundes Qesicht vor Stolz glanzte, „das ist der 
Bursche von Emil. X — a— a— ver!" rief sie in der 
Fistel. „QnSdige Frau," ertonte es drauBen von einer 
etwas speckigen Stimme. Herein trat Xaver. Der 
Coup war glanzend, des Konigs Rock imponierte, was 
Xaver mit dem Qesicht allein nimmermehr zustande 
gebracht hatte. Was soil er nun? Ihn bloB zu zeigen, 

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das wire doch zu absichtlich gewesen. Ah, ein Qe- 
danke! 

„Xaver, holen Sie Eis!" sagte Tante Jette. 

Die Frau Offiziantin Haas fiihlte, daB sie damit 
nicht konkurrieren konne. „Wissen Sie den Konditor 
Froschhammer?" „Zu Befehl," grunzte Mehlwurm. 
„Um 2 Mark," ftigte Tante Jette hinzu, indem sie ihm 
das Qeld einhandigte. JKommen Sie aber schnell wie- 
der!" „Zu Befehl," knurrte Mehlwurm und ver- 
schwand. Die Tante schaute mutig drein, „und in den 
SchoB die Schonen", sagt Qoethe. Das hat impo- 
niert — Eis — geholt von einem Vaterlandsverteidi- 
ger — die Kleins machen sich! 

Und eine Stunde verging. 

Der Tante deuchte sie sehr lang. 

Und eine zweite Stunde verging. Um die Mund- 
winkel der Frau Haas zuckte es wie Wetterleuchten. 
Die Damen rustesten sich zum Aufbruch, sie wurden 
auf einmal so kiihl auch ohne Eis. Da brachte die 
Woge den Jiingling wieder, herein trat Xaver, in je- 
der Hand einen Trankeimer voll der schonsten dicken 
Brocken Eises: „Des is nu vor 50 Pfennig, des an- 
dere hob ich drunten in der leere Haberkiste." 

O Tante Jette! Vergebens ergliihen deine Wangen, 
sie konnen das Eis nie mehr schmelzen, das wie ein 
ewiger Qletscher in dem Spott der Frau Offiziantin 
Haas bestehen bleibt. 

Also Emil weilte bei den SchieBiibungen. Ofters 
schrieb er nach Hause und schilderte das frohe, ge- 
sunde Leben. 

Eben hatte Onkel Klein wieder einen Brief er- 
halten; nachdenklich schmunzelnd las er der andach- 
tig lauschenden Tante Jette die SchluBworte noch 
einmal vor. „ — und so bedaure ich nur, daB ich nich 
Soldat gebliewen bin, dann selbst du, mein Hewer 
Onkel, wirdest a riesichte Fraide haben, ganntest du 
ane Batterie zum Faiern auffahren sahen und, warsch 
nich so weit, so sacht ich, komm und schau dir die 



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Sache emol gemiedlich an. Dein dankbarer Amil." 
So hatte Emil zwar nicht geschrieben, aber in Onkel 
Thomas Munde klang es so. „So sacht ich, komm 
und schau dir die Sache emol gemiedlich an" — noch 
zweimal wiederholte der dicke Onkel diesen wichti- 
gen Satz; dann sagte er entschlossen: „Jette — ■. bring 
mir de Fahrtenblan." 
Was halfen alle Vorstellungen der besorgten Tante, 




^r--^^>- 



selbst als der Fahrtenplan bewies, daB man nachts 
1 Uhr in Dunnershaide ankomme, der Onkel setzte 
seinen Kopf auf, und schon nach einigen Stunden sitzt 
er in einem Coupe 1. Klasse und erzahlt seinem 
Qegeniiber, daB er auf 2 Tage „zu de Schiesibungen 
nach Dunnershaide" fahre. 

Emil saB um 9 Uhr im Offizierskasino, das wie 
samtliche Bauten auf der Dunnershaide aus Holz be- 
stand. Er spielte mit einigen Herren Skat, die meisten 



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hatten schon das Lager aufgesucht, denn morgen war 
Vorstellung vorm Inspektor der Artillerie, dem Herrn 
General Freiherrn von Zweidotter auf Dotterstein — 
da hieB es friih aus den Federn, vielmehr aus dem 
Stroh! 

Emil hatte Kartusche und Scharpe urn, seinen Helm 
neben sich, denn er hatte heute den Lagerdienst und 
muBte demzufolge noch in spater Stunde die StSlle 
und Baracken visitieren, ob die StallwSchter ihrer 
Qewohnheit gemaB schliefen und erst aufsprangen, 
wenn der Sabel des Offiziers in der Stallgasse klap- 
perte, ob die Holzbaracken etwa in die Erde versun- 
ken seien oder noch dastiinden — und dann eine Mel- 
dung daruber ins Rapportbuch schreiben. 

Eine Ordonnanz tritt vor Emil an. 

„Wasgibt's?" 

„Ein Telegramm an Herrn Leutnant Klein." 

\,Geben Sie her!" „Es wird doch nichts zu Hause 
passiert sein," denkt Emil, wahrend er hastig offnet. 
— Nein, da steht: „Komme deiner Einladung folgend 
heute nacht 1 Uhr. Onkel Thomas." 

Lange starrte Emil auf diese Worte, dann brach er 
aus : „Turkenmohrenkanonenkieselmalefiz." 

„Oh!" riefen die Kameraden. „Was ist denn los?" 

„Nichts, nichts, spielen wir weiter." 

Wahrend die Herren iiber den mutmaBlichen Inhalt 
der Depesche witzelten, walzte sich in Emils Kopf ein 
schrecklicher Gedanke nach dem andern. War der 
Onkel plotzlich von der Tarantel gestochen — aller- 
dings; er hatte ihn ja eingeladen — mein Gott, das 
war doch nur eine Redensart — was denn anfangen 
mit dem alten Herrn — wo soil er wohnen — wo 
essen — wie wird man mich auslachen — • nein, er 
muB gleich wieder zuriick, das stand fest. 

Die Herren brachen auf. „Wann kommt denn 
Exzellenz Zweidotter, das miissen Sie ja wissen, 
Klein, als du jour," fragte einer. 

„Man weiB es nicht," erwiderte dieser; „wenn er 

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fiber Treblitz fahrt, kommt er urn 1 Uhr, wenn er den 
direkten Zug nimmt, urn Vtf Uhr. Deshalb ist ja 
schon urn Vsfi Uhr Paradeaufstellung. Ein Wagen 
ist um 1 Uhr und urn V2I Uhr bereitzuhalten, heiBt es 
im Regimentsbefehl." 

„Wird recht freundlich sein, die Exzellenz," meinte 
ein anderer; „das Regenwetter liebt er wegen seines 
Rheumatismus sehr. War schon voriges Jahr so 
knarrig wie eine alte Stalltiire, und da hat es kaum 
getropfelt. — Das wird ja morgen famos, schaut nur, 
wie es schiittet." In der Tat regnete es schon den 
ganzen Abend wie Bindfaden. 

„Qute Nacht, Klein — Gute Unterhaltung — !" Die 
Herren gingen; es war 11 Uhr. 

Emil blieb noch eine Zeitlang sitzen, immer in das 
Telegramm starrend; dann schlug er den Mantel um 
und ging hinaus in den stromenden Regen. Es war 
stockfinster, die StraBe zwischen den Baracken, 
welche in doppelter, stundenlanger Linie dastanden, 
war kaum mehr zu erkennen. 

Emil fand sich miihsam zu seiner Baracke. Die 
Offiziere hatten einen kleinen, durch eine Bretter- 
wand abgesonderten Verschlag neben der Mann- 
schaft, von auBen mit eignem Eingang. 

Nachdem er Licht gemacht hatte und die glanzende 
Einrichtung, bestehend aus einem Strohbett, einem 
Tisch, einem Schrank und einem Stuhl, sichtbar 
wurde, klopfte er an der Bretterwand so lange, bis 
einige Schnarcher kurz abbrachen, und einige Stim- 
men sagten : „Mehlwurm — dein Herr Leutnant ruf t," 
worauf man ein Gerausch horte, wie wenn man einem 
schlafenden Menschen einen FuBtritt auf die Magen- 
gegend appliziert. Dann erst ertonte Mehlwurms 
gurgelndes „Herr Leutnant!" worin sich eine ganze 
Flut von Gedanken ausdriickte. „Ich komme schon 
— hottest mich auch konnen schlafen lassen — keine 
Ruh' bei Tag und Nacht" — usw. 

Alsbald trat Mehlwurm in den Verschlag. 

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„Zieh deinen Mantel an," sagte der Leutnant, „und 
geh' auf den Bahnhof hiniiber" — hiniiber hieB hier 
so viel wie 1% Stunden Wegs. „Mein Onkel kommt. 
Sage ihm, er soil in der Restauration warten. Ich 
habe urn 12 Uhr Visitation — er soil nur auf mich 
warten, sattle jetzt gleich die Elsa, bevor du gehst, 
ich werde hiniiberreiten. Verstanden?" 

„Zu Befehl," krachzte Mehlwurm und ging. 

Emil Klein visitierte seine Stallungen, fand 3 Stall- 
wachter schlafend, war sehr miBmutig, die armen 
Teufel melden zu miissen, und bestieg % vor 1 Uhr 
seine ihn verwundert anschauende Elsa, die ebenfalls 
hochst argerlich die Ohren zuriicklegte, als ihr die 
ersten Regentropfen darauf fielen. 

Jetzt war Emil aber in seinem Element. Dieser 
nachtliche Ritt in stromendem Regen und sausendem 
Wind schien ihm ein lustiger SpaB, der das Blut auf- 
ruttelt und den Qedanken Freiheit gibt. 

Unterdessen schlief Onkel Thomas selig in seiner 
Ecke und traumte, er saBe auf einem Protzwagen, 
der plotzlich explodierte — — „Dunnershaide," 
schrie der Kondukteur. Der regendurchschauerte 
Luftzug brachte den dicken Onkel zum BewuBtsein; 
er nahm den langen, schwarzen Jagdmantel um und 
stand am Perron. Aus einem Coupe 2. Klasse war 
auch eine ahnliche Qestalt gestiegen. 

„Also doch," sagte der Unteroffizier, welcher schon 
seit einer halben Stunde neben dem von 4 Kriimpern 
bespannten Wagen gestanden war. Eilig ging er auf 
den Herrn im Mantel zu, der aus dem Coupe 1. Klasse 
gestiegen war, und sagte dem guten Onkel Thomas, 
der noch seine dunkelblaue Reisemiitze auf dem Kopf 
hatte: „Unteroffizier Neumann der 1. reitenden Batte- 
rie, kommandiert zum Wagen fur Se. Exzellenz." 
Onkel Thomas grinste vergniigt. „Wenn man der 
Onkel eines Reserveleutnants ist," dachte er, „kann 
man nie schlecht fahren." „Kommandiert ist der 
artige Mann natiirlich von meinem lieben Amil — is 

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doch a aufmerksamer Junge." Und so folgte er dem 
Unteroffizier und stieg in den Wagen, wahrend die 
zwei Reiter in strammer Haltung ihn anglotzten, was 
dem Onkel Thomas sehr gefiel: „Eine Disziblin und 
'ne Artichgeit bei diese Artollerie, des muB wahr 
sein," sagte er sich. Und der Wagen rollte von 
dannen. 

Zur gleichen Zeit war Mehlwurm auf den Herrn zu- 
gegangen, der aus dem Coup6 2. Klasse gestiegen 
war. 

„Sie sollen in der Restauration warten." 

„Was Teufel ist denn das fur 'ne Wirtschaft!" rief 
eine Stimme aus dem schwarzen Mantel : „Komm her, 
du Schlingel, stillgestanden — Sapperment noch mal 
— soil ich hier den Rheumatismus kriegen — was 
Teufel, ich glaube gar, der Wagen ffihrt davon!" 

Mehlwurm durchschauerte es! Jetzt sah er auch 
unter dem groBen schwarzen Regenmantel einen 
zweiten Mantel mit Militarknopfen — auch trat jetzt 
ein Offizier herbei und sagte: „Exzellenz, ich kann 
den Wagen nicht sehen!" 

„Qeht alle mitsammen zum Teufel,". schrie die Ex- 
zellenz und zog den Rockkragen hoch hinauf. 

Mehlwurm kam der freundlichen Aufforderung 
schleunigst nach und lieB die sparsame Exzellenz mit 
dem Adjutanten allein, denn er lief davon, um den 
Onkel seines Herrn zu suchen. Dieser saB warm im 
Wagen der Exzellenz. Da Onkel Thomas sah, wie 
der Unteroffizier drauBen auf dem Bock jammerlich 
angeregnet wurde, so klopfte er ans Fenster. Augen- 
blicklich hielt der Wagen, wie der Blitz erschien der 
Unteroffizier am Schlag. „Was befehlen Exzellenz?" 

„Qommen Se doch emal da rein — Sie warn mer 
ja ganz weech da auBen in dem Hundewetter — mir 
hawen ja Blatz, mei Qudester und e Ansprach hat 
noch geinem 's Maul weh gemacht — ". Mit etwas 
verdutztem Qesicht stieg der Unteroffizier ein. Der 
Wagen fuhr weiter, 

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,/n Tobak gefallich?" begann der Onkel die Unter- 
haltung, indem er dem stramm und verlegen da- 
sitzenden Unteroffizier eine Zigarre anbot. Dem ar- 
men Mann wurde es plotzlich weh urns Herz — die 
Exzellenz war ja in Zivil, wie er jetzt beim Schein des 
glimmenden Ziindholzchens sah — und wo war denn 
der groBe, weiBe Schnurrbart in dem dicken, roten 
Qesicht geblieben? Der Unteroffizier holte ein Lunten- 
feuerzeug hervor; hell ward es im Wagen — nein, es 
war kein Zweifel mehr — es war eine Verwechslung. 
„Herr! wer sind Sie denn eigentlich?" stohnte der Un- 
teroffizier. 

„Ei, du meine Giete, ich bin Sie der Gaufmann Klein 
vom alten Margte — Landesprodukten en gros und 

en " das Detail erstarb dem guten Onkel auf den 

Lippen. Mit beiden Fausten hatte ihn der Unteroffi- 
zier gefaBt und briillte „Halt", daB die beiden Fahr- 
kanoniere erschreckt die Gaule zuriickrissen. Der 
Wagen hielt. 

„Sie infamichter Diitendreher, Sie miserabler, wenn 
ich wegen Ihnen eingesperrt werde, Sie Lump, Sie 
halbtoter, Sie miserabler, dann dreh' ich Ihnen den 
Hals um, daB Ihnen die Stiefel bei den Ohren raus- 
schauen." 

Wahrend dieser kurzen, aber in energischem Tone 
gehaltenen Ansprache faBte der starke Unteroffizier 
den armen Onkel am Kragen und warf ihn in hohem 
Bogen aus dem Wagen hinaus, daB das Wasser auf- 
spritzte, als der brave Kaufmann mit machtigem 
Plumps in den vollen StraBengraben fiel. 

„Batterie kehrt! Marsch — Galopp!" schrie der 
Unteroffizier, sich auf den Bock schwingend. 

Vielleicht war das Versehen noch gut zu machen. 
Doch der Wagen war noch nicht halbwegs, als er bei 
einer Biegung in machtigem Schwunge umschlug, 
und, demselben physikalischen Gesetz folgend, auch 
der Unteroffizier in denselben Graben fiel, in dem feine 
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Strecke weiter oben der arme Onkel Thomas noch 
immer sa8 wie ein Frosch. 

Pferde, Reiter und Wagen, alles lag drunter und 
drtiber. 

Wahrend sich dieser Kn£uel schimpfend ent- 
wickelte, naherte sich auch die Exzellenz, ebenfalls 
schimpfend, mit ihrem Adjutanten, wahrend von der 
anderen Seite ein Reiter herangaloppierte. 

Dem Unteroffizier war es gelungen, eine Wagen- 
laterne wieder anzuziinden, in deren Schein ein klag- 
liches Bild hervortrat. 

„Ja, sind denn da alle Hexen des Blocksbergs los- 
gelassen!" schimpfte der General. „Sie Esel! Was 
fahren Sie denn in Nacht und Nebel herum — oben- 
drein konnen diese Kamele nicht einmal fahren — eine 
solche Schweinerei — ich will aber dreinwettern. Auf 
der Stelle den Wagen flott gemacht — oder ihr sollt 
an mich denken." 

Jetzt war Emil abgesessen, sein dampfendes Pferd 
haltend : „Reserveleutnant Klein meldet sich Exzellenz 
gehorsamst. Offizier vom Lager — Tages — dienst!" 

„So!" fuhr die grimmige Exzellenz gleich auf ihn 
los: „Ich mache Sie fur diese ganze Schweinerei ver- 
antwortlich — diese unerhorte Bummelei kann nur ein 
Reserveleutnant anzetteln — glauben Sie nur zum 
Vergniigen einberufen — Millionenschockschwere- 
not!" 

„Entschuldigen Exzellenz, ich weiB gar nichts" — 
stammelte Emil leichenblaB. 

„Das ist es ja eben," briillte General Zweidotter, 
„gar nichts wissen Sie — absolut gar nichts." Grim- 
mig tonte sein Lachen in den stromenden Regen. 
„Will sich damit entschuldigen, daB er nichts weiB — 
es ist himmlisch. Hoffentlich wissen Sie, wie Sie mich 
jetzt ins Lager schaffen, oder ich werde Ihrer Un- 
wissenheit zu Hilfe kommen!" 

„Exzellenz! Es wird nichts tiber bleiben", nahm 
jetzt der Adjutant das Wort, „als daB Sie das Pferd 
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des Herrn Kameraden besteigen. Der Wagen ist 
total unbrauchbar, und bis ein zweiter aus dem Lager 
herbeigeschafft ist, mochte es, Exzellenz, bei diesem 

Unwetter doch" 

Mit vereinten Kraften half man der Exzellenz auf 
die Elsa, die absolut nach dem Lager zu durchgehen 
wollte, wahrend der Adjutant und Emil die beiden 
Sattelpferde, die an den Wagen gespannt waren, be- 
stiegen,der Unteroffizier, der mehr einem Erdarbeiter 



glich, ging mit der Wagenlaterne voran. Die beiden 
Kanoniere mit den Handpferden beschlossen den 
Trauerzug. 

Unaufhorlich regnete es, unermudlich schimpfte der 
General. Die Watte in Emils Uniform war durch- 
weicht! 

Wir verlieBen den armen Onkel als Frosch. Er 
hatte sich verzweifelnd in irgend einer Richtung zum 
Qehen gewandt und war einige hundert Schritt von 
der StraBe weg in die finstere Heide hineingegangen, 
gerade als der denkwiirdige Zug vorbeikam. Er horte 

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den Hufschlag und kehrte wieder urn. Als er plStz- 
lich bis am Bauch im Wasser lag, vermutete er nicht 
mit Unrecht, daB er seinen Ausgangspunkt, den 
StraBengraben, wieder erreicht habe. Es blieb dem 
biederen Onkel weiter nichts iibrig, als jammerlich 
urn Hilfe zu rufen. Das tat er auch aus LeibeskrSften; 
aber schon beim ersten Ruf stand eine finstere, hohe 
Qestalt neben ihm. War es der Bose — nein, es war 
nur Mehlwurm, der nach dem Grundsatz: „weit da- 
von ist gut vorm SchuB," sich den Gang der Ereig- 
nisse aus der Feme mit angesehen hatte. 

„Machen Se man keenen Radau", sagte er, „sonst 
kommt der olle Eierdotter wieder zuruck." 

„Mir scheint, der Schtimme nach sein Sie meinem 
Aemil sein MShlwurm," seufzte der Onliel. — „Gott 
sei Dank, ich hawe schon geglaubt, ich misse heute 
mei armes Lawen verlieren." 

„Na, kommen Se man, Se oiler H&ringsf&nger", re- 
plizierte Mehlwurm. Arm in Arm stolperte das edle 
Paar weiter in Pfiitzen und Lehm, durchnaBt bis auf 
die Haut. So muBte Konig Lear mit seinem Narren 
iiber die Heide gewankt sein. 

Grau und freudlos dSmmerte der Morgen auf, als 
Mehlwurm mit einer letzten Anstrengung dem er- 
schopften Onkel in der Baracke auf das Bett seines 
Herrn half. 

Dieser war nicht da. Nachdem er den schimpfen- 
den General Zweidotter untergebracht und sein Pferd 
versorgt hatte, muBte er wieder visitieren, dann auf 
der Wache den Rapport einnehmen. So wurde es 
5 Uhr, als Emil totmiide sich im Kasino mit einem klei- 
nen Friihstiick starkte und dann nach seiner Baracke 
ging. 

Da blies es schon zum Ausriicken. Emil beschleu- 
nigte sein Tempo, er muBte seine triefenden Kleider 
endlich los werden. Es hatte zu regnen aufgehort 
und die Sonne versuchte durchzudringen. 

Onkel Thomas hatte eine zahe Natur. Mehlwurm 

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hatte ihm die nassen Kleider ausgezogen, sie in 
der Mannschaftskiiche zum Trocknen aufgehangen, 
und gab ihm die Tuchhose seines Herrn, darunter 
Socken und das zweite Paar Reitstiefel des Herrn 
Leutnant, da sich dessen Stiefletten als zu klein er- 
wiesen; den Anzug komplettierte ein Drillichrock und 
dazu der zweite Mantel des Neffen. Als Mehlwurm 
sich so in Aussicht auf ein lohnendes Trinkgeld ganz 
nett gezeigt hatte, verlieB er den Onkel, der wieder 
ganz munter geworden war, um das Dienstpferd des 
Herrn Leutnant zu satteln. Onkel Thomas war sehr 
befriedigt; das war doch ein Abenteuer, von dem man 
am Stammtisch ein halbes Jahr zehren konnte. Nur 
hatte er gern ein kleines Friihstuck gehabt. 
„Hm — der Deibelsmehlwurm, hat er nich von eener 
Qiche was gesagt — ei nadierlich, for die viele Men- 
schen werd doch auch gegocht wern" — da hatte 
Onkel Thomas schon die Baracke verlassen, um die 
Kiiche aufzuspiiren. 

So kam es, daB Emil ihn nicht traf, als er jetzt ein- 
trat und eiligst sich seiner nassen Stiefel und Kleider 
entledigte. DrauBen horte man, wie die einzelnen 
Batterien auf den Parkplatz riickten und anspannten. 
Emil beeilte sich nach Leibeskraften. Ein wohliges 
Qefiihl durchstrGmte ihn, als er in trockenen Kleidern 
dastand; die Strapazen der Nacht waren vergessen; 
drauBen scharrte schon das Dienstpferd Wolf, von 
dem schlanken Mehlwurm gehalten. 

„So — ein paar neue Handschuhe — die neue 

Scharpe — jetzt noch die zweiten Stiefel: ja 

Sapperment! Wo hat denn der Esel wieder da 

sind sie nicht — im Kasten auch nicht — Xa— ver!" 

Die Tiire offnet sich und Mehlwurms und Wolfs 
Kopf reprasentieren sich. 

„Sie Rhinozeros! Wo haben Sie denn meine Stie- 
fel ?" Da stehen die Batterien angespannt, der 

Herr Oberst stellt sich bereits an die Spitze des Re- 
giments. 

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„Wo Sie meine zweiten Stiefel haben?" brtillt Emit 
in Verzweiflung. 

Mehlwurm ist sehr erstaunt: „Ist denn der Herr 
Onkel nicht da?" ist alles, was er vorbringen kann. 

Das wird Emil doch zu dumm — den Onkel hat er 
schon auf der Heimreise vermutet; er schleudert die 
nasse Reithose dem treuen Mehlwurm an den Kopf — 
sie trifft den Wolf, der sofort zu steigen beginnt und 
den Stangenzugel abreiBt. Wahrend Mehlwurm den 
Wolf beruhigt, hat Emil den Versuch gemacht, die 
nassen Reitstiefel wieder anzuziehen. Armer Emil, 
„eh siehst du die Loire zuriicke flieBen," sagt die 
Jungfrau von Orleans. Liebster Emil — hast du 
schon von einem gewissen Sisyphus etwas gehort, 
oder von den Danaiden? Emil ist purpurrot im Ge- 
sicht. — Jetzt — jetzt — ! Nochmal — frisch dran 
— hupp — so — ein Strupfen ist abgerissen. Emils 
Finger sind schwarz von nasser Wichse. — Das Re- 
giment setzt sich in Bewegung — die KlSnge des lu- 
stigen Marsches, sie schneiden Emil in die Seele. Es 
ist auch wirklich zum Verzweifeln; er wischt sich 
den SchweiB von der Stirne, die Folge ist nur, daB er 
auch jetzt ein schwarzes Gesicht bekommt. 

Die Kl&nge der Regimentsmusik verklingen in der 
Feme. 

Da — ein Qedanke. „Mehlwurm, die Stiefel run- 
ter." Mehlwurm f aBt die Idee mit Begeisterung auf : 
denn er sieht die schlimme Lage seines Herrn mit 
Teilnahme. Es ist auch wirklich das Einzige, was ge- 
schehen kann. Die andern Herren sind alle ausge- 
rtickt, die ihm ein Paar Stiefel hStte leihen konnen. 

„So — das geht — ." Sie sind zwar trotz des Ein- 
schrumpfens noch sehr weit; aber es sind wenigstens 
Stiefel, so, jetzt den andern. Eins — zwei, auf den 
Gaul hinauf — und fort in voller Pace. Ja, es waren 
Stiefel, gewiB — wenn zum Begriff Stiefel Schaft, 
Sohle und Oberleder notwendig ist — so waren es 
sicher Stiefel, wenn auch in der plumpen Urform — 

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es waren Stiefel. Aber diese Stiefel haben noch eine 
Eigenschaft. Wenn man auch gewiB nicht behaupten 
konnte, daB einer damit Staat hatte m a c h e n kon- 
nen, so g e h 6 r t e n sie doch dem Staat — mit einem 
Wort, es waren ararische Stiefel — sie ge- 
horten dem Arar des Staates. Was das ausmacht — 
meinen Sie? Das werden wir gleich sehen. 



Das Regiment war eben in der Paradestellung ein- 
geriickt, als Emil sich atemlos bei seinem Hauptmann 
meldete : „Schon gut, machen Sie, daB Sie in ihr Loch 
kommen, bevor es der Alte sieht!" 

Schon kam er heran, der Qrimmige. Vor Emil hielt 
er. „Da hangt ja ein Stangenzugel herunter, Herr 
Oberst, sehen Sie mal — da, bei dem Leutnant!" Der 
Oberst sah hin, so aufmerksam, als sei eben ein neuer 
Weltteil entdeckt worden. 

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1 . ik 

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„Das ist doch sehr befremdlich — bei einer Pa- 
radeaufstellung — wenn ich nicht irre, ist das ja der 
Reserveleutnant von gestern abend. Ja, ja, stimmt 
alles zusammen — keine Piinktlichkeit — kein mili- 
tarischer Geist — sehr schlimm!" 

Damit ritt der Gewaltige die Front entlang, wah- 
rend der Oberst dem ungliicklichen Emil einen ver- 
nichtenden Blick zuwarf. 

Ohne den Kopf zu drehen, begann dann der 
Hauptmann daneben : „Es ist aber schon ein Skandal 
mit diesen Sommeronkels — gerade bei meiner Bat- 
terie mu8 es immer etwas geben " 

Da ertont das Signal „mit Batterien rechts 
schwenkt" und der Parademarsch im Trab und Ga- 
lopp wird ausgefiihrt. Alles geht wie am Schniirchen, 
nur der ungliickliche Emil bringt seinen Wolf nicht in 
Trab, weil er mit den weltsgroBen Stiefeln und Sporen 
immer zu nah dem Gurt kommt. Der grimmige Zwei- 
dotter deutet mit ausgestrecktem Arm auf ihn, wie er 
vorbeigaloppiert. Der Herr Oberst schaut wieder, 
als ware ein neuer Stern am Himmel aufgegangen. 

Jetzt fahren einige Batterien zum Feuern auf, 
darunter die, bei welcher Emil ist. In voller Karriere 
sausen die Geschiitze dahin. Hei, wie das lustig ist. 
Emil vergiBt seine Noten. Jetzt halt — herum 
schwenken die Protzen, wenige Sekunden, schon 
kracht der erste SchuB. Die Exzellenz war naher ge- 
kommen und stand hinter der feuernden Batterie, im- 
mer den ungliicklichen Emil im Auge. Eine teuflische 
Idee durchzuckt General von Zweidotter, er winkt 
dem Oberst. „Herr Oberst, nehmen Sie an, die Offi- 
ziere der Batterie sind verwundet, der Reserveleut- 
nant Klein ubernimmt das Kommando — lassen Sie 
dann plotzlich Kavallerie attackieren." 

Gesagt, getan. Die Offiziere treten aus. Emil, 
freudig iiberrascht, sitzt auf und galoppiert an den 
linken Fliigel, wahrend ein Wachtmeister seinen Zug 
ubernimmt. Die Batterie feuert gegen Artillerie- 

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scheiben auf 2000 Meter. Da tauchen plotzlich auf 
etwa 700 Meter 4 Scheiben auf, die bisher am Boden 
gelegen waren, es sind lange Bretter, auf welchenRei- 
ter gemalt sind; sie werden durch Pferde, die seit- 
warts hinter der feuernden Batterie aufgestellt waren, 
auf Rollen und Drahten im Galopp fortbewegt. Es 
sieht wirklich so aus, als ob Reiter attackierten. Emil 
bleibt kalt. „Batterie halt" — ruft er. Wie eine 
Mauer steht alles still. „Links auf die Kavallerie mit 
Kartatschen geladen, 500 Meter, die geladenen Qe- 
schiitze Schnellfeuer." Bumm, bumm, krachen zwei 
Schiisse von Qeschiitzen, die noch mit Qranaten ge- 
laden waren. Dann harrt alles atemlos des weiteren 
Befehls. 

Naher kommen die Reiter auf den Scheiben. 

„Batterie, Salve!" — schreit Emil, die Schlagrohren 
werden eingesetzt. — „Feuer!" Sechs Schiisse 
krachen, die Fetzen fliegen von den Scheiben umher, 
sie waren gerade in die rechte Feuerwirkung gekom- 
men. ,,400 Meter!" schreit Emil, und jetzt wird zug- 
weise drauf losgeschossen, daB von den Scheiben nur 
einige durchlocherte Bretter an die Batterie heran- 
kommen. 

Emil hat seine Aufgabe glanzend gelost. Im Ernst- 
falle ware die feindliche Kavallerie vernichtet ge- 
wesen. Das Herz schlagt ihm vor Freude; er hat 
seine Scharte ausgewetzt. 

General Zweidotter argert sich sehr. Er ruft die 
Herren zur Kritik. Unterdessen wollen wir uns nach 
Onkel Thomas umsehen. 

Onkel Thomas wollte also ein Friihstiick; aber das 
militarische Schauspiel fesselte ihn so sehr, daB er 
seinen Hunger vergaB und hinter dem Regiment drein 
lief. So gelangte er auf die Heide, wo ihm das exer- 
zierende Regiment bald aus den Augen kam. Da 
fielen ihm seltsame Bauten auf. Es waren kleine 
Hauschen wie Erdwalle und rote Fahnlein flatterten 
darauf. „Am Ande haben se de Gichenlogalitaten 

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ganz do heraus gebaut — ich riech weeB dunner schon 
e Bratenduft." Wacker steuert er drauf los und 
bleibt erstaunt bei einigen ganz zerschossenen Ge- 
schiitzen stehen, um die herum mit Soldaten bemalte 
Bretter aufgestellt sind. „Das soil sie wohl die Ga- 

noniere vorstellen? Ah — " Wahernd Onkel 

Thomas diese Entdeckung macht, sieht er in weiter 
Feme eine Reihe Qeschiitze auffahren. Was ist das? 
— Auf einmal ein Blitz, eine weiBe, dicke Wolke und 
jetzt fahrt 20 Schritte hinter ihm Gras und Erde in 
die Hohe und was fur ein sonderbares Heulen und 
Stohnen in der Luft — richtig, jetzt kommt erst der 
dumpfe Knall des fernen Geschiitzes zu Gehor. 

„Das war sie weeB Knebbche e SchuB — !" murmelt 
Onkel Thomas, wahrend ihm der AngstschweiB auf 
der Stirne steht, „un mir scheint, ich bin de Scheibe." 

Wieder Blitz und Wolke. Urns Himmelswillen, 
diesmal sieht er's deutlich vor sich, etwa 100 Meter, 
wie die Granate zerspringt. 

„Jetzt aber Deckung," denkt der leichenblasse 
Onkel. 

„Wollen Sie wohl gefalligst aus der SchuBlinie 
rauskommen!" schreit jetzt eine Stimme von einem 
der kleinen Hauschen her, die in Wahrheit die Unter- 
stande fiir die Beobachtung am Ziel waren. 

„Wann Sie eenen an den Kopp kriegen — < hat man 
wieder nichts wie Meldungen und Scherereien!" 

Solche Spriinge hatte Onkel Thomas in seinem Le- 
ben noch nicht gemacht. Er war der menschen- 
freundlichen Aufforderung nachgekommen und ge- 
rade hinter den Erdwall gesprungen, als eine Granate 
mitten in das Geschiitz hineinfuhr, an dem der leicht- 
sinnige Onkel eben gestanden hatte; heulend sausten 
die Sprengstucke durch die Luft. 

Der Onkel knickte zusammen : „Haren Sie, mei Gu- 
tester", sagte er atemlos, „haben Sie geinen Fahrblan 
bei sich — ich mochte Sie nur um den nachste Gurier- 
zuch nach Dreblitz bitten." 



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Wir verlassen den schwergebeugten Onkel und 
wenden uns wieder zu dem Neffen. 

Dieser saB auf seinem Wolf, der immer Lust hatte, 
das Pferd der Exzellenz Zweidotter zu beiBen, dem er 
gegenuber stand, denn er muBte eben seine Aufgabe 




und deren Ausfuhrung berichten, im Kreis der samt- 
lichen Offiziere. 

Exzellenz nahmen dann das Wort und sprachen der 
Weisheit viel von dem Qeschehenen und was hatte 
geschehen konnen und was dann geschehen ware. 

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„Die Aufgabe", schloB Exzellenz, „die dem Herrn 
Leutnant zuteil wurde, war eine sehr leichte und 
dankbare; sie wurde ziemlich korrekt ausgefflhrt. 
Haben Herr Oberst noch etwas beizuftigen?" 

„M6chte mir nur erlauben", sagte der wackere 
Oberst an den Helm langend, „beizufugen, daB ein 
Reserveoffizier, trotz des Mangels an Obung und 
Routine, — ein so glSnzendes Resultat zu ermog- 
lichen " 

Emil, jubele nicht zu friih iiber dieses Lob. Siehst 
du nicht, wie General Zweidotter wetterleuchtet. 1st 
es der Rheumatismus, ist es Bosheit? 

„Meine Herren" — unterbrach der General, 
„nachdem ich mich von Ihren vorziiglichen Lei- 
stungen uberzeugt habe, mochte ich noch einen Blick 
in die innere Disziplin werf en ; wir werden eine kleine 
Barackenvisitation vornehmen." 

„Bei welcher Batterie befehlen Exzellenz?" sagte 
der Oberst salutierend. 

„Gleich da bei der Batterie, welche eben abge- 
schossen hat." Ein Seitenblick, der nichts Gutes ver- 
hieB, traf Emil. 

Im Galopp setzte sich alles in Bewegung. Die Ge- 
schiitze waren schon eingeriickt. Die Mannschaften 
erhielten Befehl, in ihren Baracken anzutreten. 

Den ersten Zug durcheilte Exzellenz nur fliichtig. 
Auch beim zweiten war nichts auszusetzen. 

Aber beim dritten Zug, was gab es da nicht alles! 

Obschon die Decken tadellos lagen, zerrte Ex- 
zellenz so lange, bis eine schief lag, worauf ein ErguB 
von Weisheit kam. — Exzellenz beanstandete ferner, 
daB, obwohl noch nicht Menagezeit, bereits Hafer- 
griitze auf dem Tische stehe — er mache dafiir nicht 
nur den Zimmeraltesten, sondern auch den Zugfuhrer, 
Herrn Leutnant Klein, verantwortlich — „Sie haben 
Ihren Zug nicht in der Hand", war der Refrain. 

„Exzellenz entschuldigen," sagte Emil frech, im Be- 

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wuBtsein seiner GroBtaten, „die Hafergriitze ist Putz- 
kreide." 

Alle Herren bissen sich die Lippen wund, der kleine, 
dicke General wurde rot wie ein Zinshahn. 

„So — Putzkreide!" sagte er wutend, „und was ist 
denn das — womit entschuldigen Sie das, wenn Sie 
so gewandt sind — daB dieser Mann da keine Stiefel 
an hat, und, wenn ich da bin, — in Striimpfen steht?" 
Damit wies er auf eine schmale Gestalt, die am Kopf- 
ende ihres Bettes stand — tadellos in Uniform gleich 

den andern aber ohne Stiefel. Es war Mehl- 

wurm. 

„Entschuldigen Exzellenz," sagte der Stubenalteste, 
„das ist der Diener des Herrn Leutnant Klein." — 
„Und deshalb steht er in Striimpfen?" schrie Exzellenz 
purpurrot. — „Herr Oberst, da muB ich denn doch 
bitten — da muB ich wirklich ganz ergebenst 
bitten " 

Das war schlimm, wenn Exzellenz sich aufs Bitten 
legte. 

Der Oberst machte auch ein sehr Srgerliches Ge- 
sicht. 

„Wo haben Sie Ihre Stiefel?" fuhr er den ungliick- 
lichen Mehlwurm an. 

Dieser schwieg wie der getroffene Stier und harrte 
des todlichen Streiches. 

„Entschuldigen — " wollte Emil anfangen, der ganz 
blaB geworden war. — Grimmig fuhr Zweidotter da- 
zwischen: „Nun muB ich aber doch hoflichst bitten, 
daB da nicht jeder — jeder " — heftiges Schlucken — 
„nicht jeder dreinspricht!" Exzellenz wurde unheim- 
lich artig. 

„Mein Sohn, wo sind deine Stiefel?" sagte er mild 
und giitig zu Mehlwurm, dem ganz weich urns Herz 
wurde. 

„Der Herr Leutnant hat se an!" — 

Pause. — 

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Starre — schreckliche Pause. Alle Blicke wurzel- 
ten auf Emils FiiBen. Ja, es war kein Zweifel. 

Diese Zigarrenkisten — diese Violink&sten — diese 
wahren Schinakeln von Stiefeln — sie konnten nur zu 
Mehlwurms Piedestal geh6ren. 

Einige Herren versuchten zu lScheln; aber es er- 
starb, als Exzellenz von Zweidotter mit eisiger Stim- 
me befahl, die Mannschaft sollte abtreten. 

„Tut sich kein Schlund auf, das elendste der Wesen 
zu verschlingen", dachte Emil mit Lord Lester. 

„Herr Leutnant" — suB klang dieser Ton, fast hoff- 
nungweckend — „ich betrachte diese Sache von zwei 
Gesichtspunkten." — So schaute der Drache der Vor- 
zeit das Opfer an, das ihm nicht mehr entrinnen 
konnte, so scherzt die Katze mit dem todeswunden 
MSuslein, wie es jetzt in gesattigter Rache, fur den 
Rheumatismus, entsprungen aus dem umgeschlage- 
nen Wagen, um die Mundwinkel des alten Helden 
zuckte. 

JErstens haben Sie sich des Vergehens schuldig ge- 
macht, einen ararischen Qegenstand fflr private 
Zwecke beniitzt zu haben — bitte keine Erwiderung 
— die Qriinde kommen fur meine Beurteilung absolut 
nicht in Betracht." — 

Der Flotenton veranderte sich jetzt in einen Ton 
ehernen Klanges — mitleidslos und hart: 

„Ich brauche den Herren nicht darzutun, daB eine 
Armee nicht bestehen kann, in welcher der Offizier 
keine Achtung vor dem Eigentum des Staates hat!" 
Alles schaute zu Boden — die Sache war wirklich 
fatal. 

„Zweitens iiberlasse ich es Ihrem Urteil, wie Sie 
das Taktgefuhl eines Offiziers nennen wollen, der sich 
bei seinem Burschen Stiefel ausborgt — . Eine solche 
Schweinerei" — ■ die Stimme kreischte jetzt im hoch- 
sten Diskant, die Artigkeit war verbraucht und los 
brach der Sturm — „eine so erbarmliche — krah- 
winkelhafte Schweinerei — ubersteigt alle Begriffe!" 
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„Ja, Herrrrrr glauben Sie denn, Sie sind bei der 
Bfirgerwehr alterer Ordnung! Herr Oberst, ich fiber- 
lasse es Ihnen, den Herrn zu maBregeln — meinem 

Geftihl nach ich wei8 zwar wahrhaftig kaum 

mehr, ob ich milit&risch flihle, so perplex bin ich fiber 
diese Schweinerei, — meinem Geftihl nach sollte 
dieser Herr seine Uniform an den Nagel hSngen!" 

Emil fuhr ein Stich durchs Herz. 

„H6ren Se, des is mich ganz echal," schrie jetzt eine 
Stimme drauBen, „lassen Se eenen Berger, dSr seine 

Staiern und Abgaben zahlen duht" mit diesen 

Worten war Onkel Thomas schon herein. „I dum- 
mer — mei liewe Ecksellenz — wie laben Sie, mei Gu- 
dester — horen Se, Ecksellenz, wann wir widder im 
Radskeller beim Friehschoppen sitzen, do gann ich 
Sie Qeschichten erzahlen. Die Harren mfissen schon 
giedigst entschuldigen — der Mahlwurm hat mir er- 
zShlt, wie's meine Aemil an den Grachen gehen dahte 
— un der arme Junge is weeB Qnebbchen echal un- 
schuldig." 

Nichts konnte mehr den RedefluB des Onkels unter- 
brechen, der seine getrockneten Kleider wieder an 
hatte und den Mehlwurm als rettenden Engel glfick- 
lich erwischt hatte. 

Nun wurde es Tag! 

SchlieBlich wurde sogar der harte Zweidotter 
weich, der den Onkel Thomas oft beim Friihschoppen 
traf und dem seine Bosheit eigentlich schon leid tat, 
vielleicht weil der Rheumatismus von der Erregung 
sich etwas zu bessern schien. 

„Exzellenz u , nahm der brave Oberst das SchluB- 
wort. „Ich meine, das Manover ist ein Bild des Krie r 
ges und im Krieg wfirde ich die ganze Montur meines 
Burschen zu leihen nehmen, wenn's not tate — daher 
glaube ich im Sinne Sr. Exzellenz zu sprechen, wenn 
ich die Handlungsweise des Herrn Leutnant Klein vol- 
lig korrekt bezeichne." 
7* 

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Alles lachte jetzt, denn Exzellenz hatte das Zeichen 
selbst dazu gegeben. 

„Sie sind heute mittag mein Qast, lieber Klein, und 
abends fahren wir zusammen, denn Sie passen nicht 
auf die Dummesheide — * Sie konnten mir noch mehr 
Unheil stiften. Meine Herren, guten Morgen!" Ex- 
zellenz griiBte freundlich. 

„Morrrrgen, Exzellenz", riefen die Herren. 




EMnkfie. ss 



Emil und Onkel Thomas sitzen einander wieder 
gegeniiber. Mehlwurm ist Handlungsdiener bei Klein 
geworden und gedeiht sichtlich unter Tante Jettes 
Pflege. Wenn sie dem Onkel Thomas eine Freude 
machen will, veranlaBt sie ihn, die Qeschichte mit den 
ararischen Stiefeln zu erzahlen, die stets weiter aus- 
geschmuckt wird, wie die Heldensagender Vorzeit. 

Vielleicht schreibt er sie einmal auf, die Qeschichte 
von den „Srarischen Stiefeln". 



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Die drei Freier. 



In der 2. Schwadron des 6. Dragonerregiments war 
die Rotzkrankheit ausgebrochen. 

Es waren nicht einmal die Offiziere — respektive 
deren Pferde — davon verschont geblieben und die 
Schwadron konnte zu FuB gehen, wenn sie wollte. 

Qerade wahrend zweier Rasttage im Herbstma- 
nover war die bose Seuche recht tiichtig aufgetreten, 
und so hieB es in den Quartieren bleiben, wahrend 
das Regiment weitermarschierte. 

Der Rittmeister Fiirst KreB-SchneB-Austerwitz war 
beinahe in die Luft gegangen vor Wut. 

Jetzt eben an der Majorsecke, der Rotz! 

Das konnte nur ihm passieren! Natiirlich, wenn 
man nur zwei Offiziere in der Schwadron hat, von 
denen der eine den ganzen Tag schlaft und der an- 
dere immer nur Witze macht — dazu noch einen so 
einfaltigen Vizewachtmeister, der immer dreinschaut 
als wollte er ein Loch in den Boden gucken — da muB 
ja alles schief gehen. 

Na, mit der Beforderung war es fur diesmal nichts 
mehr. Bei jeder Qelegenheit muBte das ja ganz rei- 
zend sich anhSren. — Bei jeder Attacke, jeder Parade 
usw. „Hier fehlt eine Schwadron — sie ist in Kniffels- 
hausen zuruckgeblieben — Rittmeister Fiirst KreB — 
hat den Rotz — ." DaB sein Name oft genug genannt 
werde und immer mit dem Rotz dazu, dessen durfte 
er sicher sein. 

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Kniffelshausen war ein recht romantisch gelegenes 
Dorf und den Dragonern war die Sache sehr, ja 
auBerordentlich angenehm. 

Anstatt im heiBen Mantiverfeld herumzuattackieren, 
konnten sie hier in dem beh£bigen Dorf sich gute 
Tage machen, und wenn einer je urn was gebetet 
hatte; war's, es mochte doch der Rotz nicht so bald 
vergehen. Auch den Herren Offizieren schien die 
Sache gar nicht so schlimm. Sie waren im Domi- 
nium oder Herrenhaus einquartiert, einem schloB- 
artigen Gebaude, das fiber dem Dorfe auf einem 
buschigen Hiigel stand und einen recht angenehmen 
Ausblick auf die waidige Gegend bot. 

Der Herr Rittmeister Fiirst KreB-SchneB-Auster- 
witz hatte sich zwei Tage lang auf seinem Zimmer im 
Dominium Kniffelshausen eingeschlossen, weil er vor 
Arger seine Migrane bekommen hatte. Er war tiber- 
haupt ein sehr feines, schwachliches Mannchen mit 
seinem hocharistokratischen, schmalen Qesicht, dem 
mit vieler Bartwichse aufgedrehten Schnurrbartchen, 
der tadellosen Taille, den weiBen Handen mit den un- 
geheuer langen Fingernageln, dem kleinen FuB. Wie 
er so dastand — es war am Morgen des dritten Ta- 
ges, hatte man ihn von hinten fur den jungsten Leut- 
nant halten konnen. Aber von vorn zeigten die vielen 
Hahnentritte um die Augen und die scharfen Mund- 
winkel — wenn er das Monokel so einklemmte wie 
eben — daB er die 40 gut iiberschritten. Das Ffirst- 
lich KreB-SchneBsche Haus war friiher einmal sehr 
begiitert, aber das war schon so lange her, daB, nach- 
dem alles wieder so ziemlich zerbrockelt war, ein Mit- 
glied der Nebenlinie genau 2500 Mark Jahres-Apa- 
nage bekam, und so begreift man schon, warum sich 
der Herr Fiirst KreB-SchneB-Austerwitz so argerte, 
daB er heuer bestimmt nicht Major wurde. — Also am 
Morgen des dritten Tages stand der Herr Rittmeister 
in seinem Zimmer und dachte nach. Vor ihm stand 
sein Bursche Wenzel Stranitzky aus Polen, welcher 

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auBer einem Paar mftchtig abstehender Ohren, einem 
geradezu abnormen Kannibalenmaul, eincr dement- 
sprechenden Nase und ganz kleinen, pfiffigen Auglein, 
noch einen vollig achteckigen SchSdel sein eigen 
nannte. An Charaktereigenschaften besaB Stranitz- 
ky, neben einem ausgesprochenen Zug ftir Unsauber- 
keit und einer Schw£che ftir geistige Getrfinke, einen 
unendlichen Respekt vor seinem Herrn, und 



wenn Stranitzky uberhaupt hatte lesen konnen und 
Schillers Don Carlos gelesen hatte und an die Stelle 
gekommen ware, wo Marquis Posa sagt: „Ich kann 
nicht Ftirstendiener sein!" so waren ihm sicher die 
Ohren zu Berge gestanden — die Haare wSren zu 
kurz gewesen. Einem Fursten zu dienen bildete den 
Inhalt seines Lebens. 

Sein Ftirst, eine wirkliche Durchlaucht, verhielt sich 
seiner Meinung nach zu den anderen Menschen wie 

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der Hering zu den Sardellen. Er behielt audi, trotz- 
dem er schon zwei Jahre lang „Zu Befehl, Durch- 
laucht!" sagte, vor dem Wort „Durchlaucht" einen 
heillosen Respekt, da8 es ihm jedesmal fiber den 
Rticken lief, wenn er es aussprach. 

Fiirst KreB behielt den Stranitzky auch aus diesem 
Grunde, obwohl er der unverbesserlichste Schmier- 
hammel war, den man finden konnte. 

„Stranitzky", sagte Fiirst KreB, indem er das Mo- 
nokel einklemmte. „Was machen die Pferde?" 

„Durchlaucht," antwortete Stranitzky mit einem 
leichten Ehrfurchtsschauer, „Durchlaucht — haben 
Rotz — alles drei — elendiges Rotz — Durchlaucht. 
Aber geht schon biss'l besser, Durchlaucht." 

Niemand im Regiment sprach das Wort so gem 
aus wie Stranitzky. 

„Wo sind die Herren von der Schwadron?" 

„Durchlaucht, weiB ich nicht — bitte Durchlaucht!" 

„Gut!" winkte der Rittmeister. 

Wenn Stranitzky allein hatte Spalier stehen kon- 
nen, hatte er es gewiB getan; so blieb ihm nichts 
iibrig, als mit einem tiefen, ganz unmilitarischen 
Buckling die Tfire aufzureiBen. In der Stadt steckte 
Stranitzky namlich immer in Zivillivree und hatte sich 
daher diese Kammerdienermanieren angewohnt. 

Der Rittmeister trat auf den Korridor mit den statt- 
lichen Hirschgeweihen und alten Kupferstichen und 
klopfte an der nachsten Ture, wo er den Oberleut- 
nant Graf Hans von Muggersleben einquartiert 
wuBte. 

Keine Antwort. Er klopfte nochmals. 

Jetzt tat sich die Ttir auf. Ein baumlanger Kerl, 
Fritz Eibenstrunk, der Diener des Herrn Oberleut- 
nants, mit rotem, sommerfleckigem Gesicht, zwei 
hellblauen Tupfen als Augen drin, die rote Biirste tief 
in die Stirn gewachsen, an der einen Hand einen Reit- 
stiefel, das Wichszeug unterm Arm und den Finger 

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der andern behutsam am Munde, machte ein langes, 
vorwurfsvolles JBscht!" Als er den Herrn Ritt- 



meister erkannte, lieB er vor Schreck alles fallen und 
die Ttir weit offen stehen. 

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Dort sah man, tief in die Kissen gewiihlt, von der 
hellen Morgensonne beschienen, den Herrn Ober- 
leutnant Qraf Muggersleben, der schnarchte, da8 die 
Fenster zitterten. 

„Herr Leutnant," sagte der Fiirst ziemlich scharf. 

Ein anmutiges Qrunzen war die Antwort. 



„Sagen Sie Ihrem Herrn, ich sei urn" — der Ritt- 
meister sah nach seiner Uhr — „um *4 vor 9 Uhr hier 
gewesen!" Damit ging er an dem erschrockenen 
Eibenstrunk voruber wieder hinaus. 

Schimpfen horte man den Herrn Rittmeister fast 
nie, aber Einsperren, das verstand er. 

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Er klopfte jetzt an der nftchsten Tfire, wo der Leut- 
nant Freiherr von Windbach wohnte. 

„Herein!" schrie eine speckige Stimme. 

Der Rittmeister trat ein. Im Lehnstuhl lag, ein 
Bein iiber die Lehne baumelnd, eine Zigarre mit Leib T 
binde im Maule, eine Zeitung in der Hand, der Bur- 
sche des Herrn Leutnants: Xaver Dussel. 

Der fuhr nicht libel in die H6he. 

„Wo ist Ihr Herr?" 

„Zu Befehl, Durchlaucht, auf die Jagd gegangen." 

„Was fur eine Jagd?!" fragte der Rittmeister er- 
staunt. 

„Wei8 nicht, Durchlaucht. Gestern haben der Herr 
Leutnant 1 Hasen und 2 Wachteln mitgebracht." 

Nun wurde es aber dem Eskadronschef zu bunt. 
Qanz unfiirstlich schlug er die Tur zu und eilte fiber 
die Freitreppe durch den Park dem Dorfe zu. 

In der Nahe sah er den Vizewachtmeister Oskar 
Prinz auf einem Baumstamm sitzen und emsig malen. 

„Vizewachtmeister Prinz!" Der Name Prinz ar- 
gerte den Rittmeister, so oft er ihn aussprechen 
muBte. Es klang so nach was, und der Kerl war doch 
bloB ein ganz gewohnlicher Maler. 

Der junge Soldat sprang auf. 

„Ich male eine Naturstudie, Durchlaucht, da ich ge- 
rade keinen Dienst habe." 

„Was? Keinen Dienst haben Sie?" flotete Fiirst 
KreB ingrimmig. „Ich will euch mal Dienst verschaf- 
fen. Das ist ja merkwurdig!" 

In diesem „merkwurdig" lag eine ganze Reihe Ar- 
rest und Nachexerzieren. 

Als er durchs Dorf ging, sah er die Haifte der 
Schwadron im Mtihlbach angeln. 

Da gab's verbltiffte Qesichter. 

Die sangen, was das Zeug hielt: „Was nutzet mi-i-r 
ein schflner Gar-ten, wenn andere drin spa-zieren 
gehn!" 

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Da kam auch schon der Wachtmeister und machte 
Front. 

„Ah, gut, dafi ich Sie treffe — die Leute sind ja 
recht munter!" 

„Durchlaucht entschuldigen — es war nichts be- 
fohlen." 

„Ganz recht. Notieren Sie mal ftir die nachste 
Woche von morgen ab folgenden Obungsplan: 8 — 9 
Uhr nach dem Stall FuBexerzieren, 9—10 Satteln und 
Packen, 10—11 Veterinarunterricht, 11—12 Stall, 
12 — 1 Monturvisitation. Nachher 2 — 3 FuBexerzieren, 
3 — 4 Freiiibungen, 4 — 5 Turnen und Voltigieren, 5 — 6 
Unterricht iiber Waffenlehre. Nach dem Abendstall 
Herstellen der Propret&t — solang es dauert. Dann 
werden die Halunken wohl zu angeln aufhoren. Ex- 
pedieren Sie sogleich den Herren die Obungseintei- 
lung." 

„Zu Befehl, Durchlaucht!" 

Als der Herr Rittmeister, nachdem er noch mehrere 
Stunden alle moglichen Stallungen durchstobert hatte, 
mittags ins Herrenhaus zurfickkehrte, war auf der 
breiten, schattigen Veranda der Tisch mit vier Ku- 
verts gedeckt. 

Der Hausverwalter, der dem Rittmeister entgegen- 
kam, fragte ihn, ob er es so recht gemacht hatte und 
ob der Herr Fiirst wieder wohl seien und mit den an- 
dern Herren aBen. Er h&tte alle Hande voll zu tun, 
denn die neue Herrschaft, die er selbst noch nicht 
kenne, habe sich telegraphisch angesagt und konne 
jeden Augenblick eintreffen. 

„Wer ist die neue Herrschaft?" fragte die Durch- 
laucht. 

„Ein ungeheuer reicher Brasilianer. Ein Herr Diaz, 
Holzhandler oder so was Qutes. Er habe schon vor 
Jahren das Dominium mit einem ganzen Komplex von 
Fabriken gekauft, weil er die hiesigen Waldungen zu 
einem bestimmten Zweck brauchte. — ■ Ein rechter 
Dollarkonig, 50 Millionen sagt man ihm nach. Viel- 

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leicht sind's noch mehr. Seit einiger Zeit sei er in 
Deutschland, der Herr Diaz, und habe schon vor eini- 
gen Wochen avertiert, daB er nachstens kommen 
werde. Es sei ja alles bereit, aber man wisse ja, wie 
es geht, und Durchlaucht moge daher entschuldigen." 

Damit enteilte der Verwalter und lieB den Ritt- 
meister in tiefen Qedanken auf der Terrasse stehen: 

— „50 Millionen Dollars," entrang sich endlich mit 
einem schweren Seufzer seiner doppelreihigen Brust 

— „50 Millionen Dollars hat ein solcher Knallprotz 
und ein Fiirst KreB-SchneB-Austerwitz hat zu seinem 
magern Qehalt eine Jahresrente von 2500 Mark. Em- 
p6rend!" 

In solchen Erwagungen traf der Oberleutnant 
Qraf Muggersleben seinen Chef. Qraf Muggersleben 
war weit fiber sechs FuB. Sein Chef reichte ihm an 
den zweiten Rockknopf von oben. Er hatte in seinem 
runden, roten, uberaus gutmiitigen Qesicht einen ko- 
lossalen blonden Schnurrbart. Sein kreisrunder Kopf 
war glatt rasiert. Seine Pferde und sein Hund bilde- 
ten den Hauptgegenstand seiner Qedanken. Schlaf 
und ein guter Bissen war sein Hauptvergnugen. Zu 
sparen brauchte er nicht, denn sein Papa war reich, 
und da er weiter keinen Ehrgeiz hatte, so wartete er 
nur darauf, einmal recht geargert zu werden, um als, 
Rittmeister den Dienst zu quittieren. Da er sich aber 
niemals fiber etwas argerte oder ereiferte, so konnte 
das womoglich noch lange dauern. 

„Der Herr Rittmeister war so gfitig, mir einen Be- 
such abzustatten, wie mein Bursche mir gemeldet 
hat!" sagte Qraf Muggersleben in seiner langsamen 
Sprache, wie wenn ein Omnibus mit eingelegtem 
Radschuh den Berg herunterwackelt. 

Dieser Umstand, und daB der Qraf nie 
Durchlaucht zu ihm sagte, machten den Rittmeister 
immer sehr nervos. Aber er konnte nichts dagegen 
machen, denn er wuBte sehr wohl, daB nur der Fa- 

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milienSlteste des KreB-SchneB-Austerwitzschen Hau- 
ses das Pr&dikat „Durchlaucht" zu ftihren hatte. 

„Ah — ja, 'morrgen, lieber Muggersleben," wandte 
sich der Eskadronchef sehr verbindlich an diesen, 
„wollte Sie nicht storen — schliefen so ausge- 
zeichnet. Haben Sie die Obungseinteilung erhalten? 
Ah, da kommt auch Kamerad Windbach. Morrgen, 
'morrgen, ich wollte Sie aufsuchen, lieber Windbach, 
— aber bitte, setzen wir uns doch" — die Herren setz- 
ten sich an den Tisch und Stranitzky mit weiBen 
Handschuhen trug eben die Suppenschtissel auf den 
Serviertisch, assistiert von Eibenstrunk, der ein mog- 
lichst dummes Qesicht machte. 

„— Ich wollte die Herren nur bitten, sich in den 
angegebenen Dienst zu teilen, in der Weise, daB die 
Mannschait geteilt wird und jeder der Herren mit 
jeder Abteilung das ganze Programm durchmacht!" 

So! Jetzt war dem Herrn Ftirsten wieder wohl. 

Jetzt schmeckte ihm die Suppe, die ihm Stranitzky 
servierte. Er sah nicht einmal, daB neben den Mark- 
klSBchen auch der lange Daumen des braven Polen 
in dem Teller sich badete. 

Qraf Muggersleben wollte wutend werden bei die- 
sen Dienstaussichten. Das ware nun eigentlich der 
Moment gewesen zum Quittieren. 

Aber die Suppe duftete so kostlich, die ihm Stra- 
nitzky mit tiei eingetauchtem Daumen unter die Nase 
hielt, daB er sich wieder nicht argern konnte. 

Anders Leutnant von Windbach, dem als leiden- 
schaitlichem JSger diese Diensteinteilung wie eine 
Verbannung nach Sibirien klang. Er wurde in seinem 
rosa angehauchten, netten Qesicht puterrot, riB an 
seinem kleinen semmelblonden Schnurrbartchen, iuhr 
einmal iiber seinen semmelblonden Scheitel, und als 
Stranitzky ihm mit eingelegtem Daumen die Suppe 
servieren wollte, blieb sein hellblaues, etwas hervor- 
stehendes Auge auf dem Teller haften, als hatte er 
eine Vision. Dann richtete er es langsam aufwarts 

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auf Stranitzky und mit einer ganz feinen gegen die 
Durchlaucht gerichteten Spitze sagte er sehr lustig: 

„Sagen Sie mal, Stranitzky, wo haben Sie denn das 
gelernt?" 

„Was? Zu Befehl, pane Leutnant?" fragte Stra- 
nitzky, dieses Kompositum von Maul, Ohren und 
Nase. 

„Wissen Sie, wenn ich auch voiles Vertrauen in die 
Sauberkeit Ihres Handschuhes besitze, so bleibt mir 
der darunter sitzende Fingernagel doch ziemlich pro- 
blematisch, und ich mochte Sie bitten, die Ihnen mog- 
licherweise verordneten Daumenbader woanders als 
in meiner Suppe zu nehmen!" 

Dem Rittmeister schmeckte auf einmal die Suppe 
nicht mehr, wShrend der Qraf ruhig weiteraB. 
Stranitzky verstand kein Wort. 

„Pane Leutnant, bitt ich — bin ich nix verstanden," 
stotterte er. 

„Schienochse!" unt^rstiitzte jetzt Graf Muggers- 
leben seinen Kameraden. „Du sollst deine dreckigen 
Pratzen nicht in die Suppe stecken!" 

„Oh! u machte Stranitzky und nahm den Teller in 
die andere Hand — aber der Handschuh oder der 
Daumen muBten nicht normal sein, wieder saB der 
Daumen in der Suppe. 

Unterdessen hatte Eibenstrunk hochintelligent einen 
andern Teller gefullt und servierte ihn auf der flachen 
Hand. 

Das Essen ging also weiter. 

„Wo ist denn der — ah — der ah — wie heiflt er, 
der Reserve- Wachtmeister — ah, da kommt er!" 
hatte Fiirst KreB nach einiger Pause das Wort er- 
griffen. 

„Zur Stelle!" sagte der Wachtmeister Oskar Prinz, 
der etwas auBer Atem war. 

Der Fiirst betrachtete den bildschonen jungen Mann 
mit den regelmaBigen Ziigen und dem traurigen Blick 

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eine Zeitlang, dann sagte er sehr mild unter leisem 
Vibrieren seiner aristokratischen Nasenf ltigel : 
„Wenn Sie lieber allein essen wollen, lieber — ah 

— Vizewachtmeister — so genieren Sie sich ja 
nicht!" 

„Bitte gehorsamst urn Entschuldigung, Durch- 
laucht!" sagte Prinz ganz ruhig und ernst. „Ich 
mu8te einen postlagernden Brief abholen!" 

„Na, setzen Sie sich!" 

Diesen Moment benutzte Stranitzky, seinem ver- 
schmahten Daumenteller wieder Qeltung zu ver- 
schaffen, indem er ihn verachtlich dem Wachtmeister 
hinstellte. Er verstand iiberhaupt nicht, wie dieser 
junge Mann die Ehre, am Tische Seiner Durchlaucht 
zu essen, so ohne weiteres hinnahm. 

Prinz schlang rasch die Daumensuppe hinunter — 
wiiBte der Mensch oft, was er iBt — denn die andern 
waren schon beim Rindfleisch. 

„Wissen Sie schon die Neuigkeit, meine Herren?" 
ffihrte Furst KreB die Unterhaltung weiter, „der Haus- 
besitzer kommt heute an — ein gewisser Diaz, wie 
mir der Verwalter erzahlte — Holzhandler oder Holz- 
hacker — was weiB ich — enorm reicher Bursche — 
50 Millionen Dollars." 

Leutnant Baron Windbach ware fast eine Scheibe 
Qurkensalat im Halse stecken geblieben bei der Nen- 
nung dieser Ziffer. 

„50 Millionen Dol— ah — das ist stark — das ist, 
das ist — einfach roh." 

„Aber, mein Lieber, lassen Sie dem Mann doch sei- 
nen Qeldsack — Sie werden ihn doch darum nicht be- 
neiden — so 'n Biirgerlicher hat ja Wege, Qeld zu 
verdienen, die einem Aristokraten allerdings ver- 
schlossen sind!" sagte Furst KreB, mit groBer Vor- 
nehmheit ein ganz kleines Stiickchen Fleisch aus der 
dargebotenen Platte nehmend. „Der eine hackt Holz 

— ein anderer schachert — ein dritter kleckst Far- 
ben auf die Leinwand oder schmiert ein Buch zusam- 

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men, aber aus Ehrgefiihl dem Staat, dem Konige zu 
dienen, ohne urn das goldene Kalb zu tanzen, das sind 
den Leuten spanische Dorfer." 

„Na, Sie sind ja audi so einer," wandte er sich an 
Prinz, „ich habe mir erzahlen lassen, Sie Mtten neu- 
lich ein Bild urn 12 000 Mark verkauft, ganz kleines 
Ding, stellte eine alte Frau vor, die Ruben kocht, oder 
was weiB ich. Was?" 

„Zu Befehl, Durchlaucht," erwiderte der Wacht- 
meister ruhig. „Aber gleichwohl weiB ich die Ehre 
zu schatzen, dem Konige 8 Wochen zu dienen, was 
bei mir mit einem Verluste von mehreren tausend 
Mark identisch ist!" 

„Ich bin iiberzeugt, daB Sie diese Ehre zu schatzen 
wissen, Wachtmeister," versetzte Fiirst KreB mit 
leichtem Stirnrunzeln. 

„Sagen Sie, Prinz," unterbrach Leutnant von Wind- 
bach, „sind Sie verwandt mit dem Kommerzienrat 
Prinz — wollte Sie schon lange fragen — wo es den 
riesigen Krach gegeben hat?" 

„Allerdings!" entgegnete der junge Mann. „Ich 
bin sein Sohn." 

„Oh — Pardon!" entschuldigte sich Baron Wind- 
bach. „Aber wer zahlt denn die ganze Sache?" 

„Es ruht auf mir," sagte der Wachtmeister, tief er- 
rotend. „Ich iibernahm alles. In 15 bis 20 Jahren 
muB alles bezahlt sein!" 

„Das sind aber angenehme Aussichten fur Sie!" 
meinte der Leutnant. 

Der Wachtmeister zuckte die Achseln. 

„Es ware mir lieb, meine Herren," begann Fiirst 
KreB wieder, „wenn Sie meinem Beispiel folgten und 
diesem Holzmenschen vorlaufig noch keinen Besuch 
machten. Es ware doch fatal — den Qesellen, der 
jedenfalls nicht das geringste savoir vivre hat — tag- 
lich als Tischnachbar zu haben, da er mal unser Haus- 
herr ist, ginge das wohl nicht anders. Oberlassen Sie 
es einstweilen meinem diplomatischen Takt. Und — " 

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In diesem Augenblick erhoben sich machtige Staub- 
wolken drtiben auf der LandstraBe, Radergerassel, 
Peitschenknallen. Die Herren vergaBen zu essen. 
Stranitzky blieb das Maul offen stehen, so daB sich 
ein langer Faden hinunterspann bis zum Teller mit 
Mehlspeise, den er in der Hand hielt. Eibenstrunk, 
ebenfalls offenen Maules, ohne Faden — stieB Stra- 
nitzky heimlich an: „Du, Wenzel, auf dem Bock vom 
ersten Wagen sitz* *n Schlotfeger!" 

Bei dieser merkwflrdigen Tatsache, die nicht zu 
leugnen war, verdickte sich der Faden Stranitzkys, 
bis ein furchtbares: — 

„Dreckltimmel, infamer!" ausgerufen von Qraf 
Muggersleben, ihn aus seinem Staunen riB. „Sie 
Schwein, was spucken Sie mir denn in die Mehl- 
speise? Machen Sie's Maul zu beim Servieren! An- 
dern Teller, marsch!" 

Die kleine Episode verlor sich in dem allgemeinen 
Staunen der andern Herren, wie sich diese lange 
Wagenreihe noch entwickeln werde. 

„Das ist ja eine ganze nette Batterie! Sehen Sie 
mal, ein Neger vorne am ersten Wagen. Ein ganzer 
Train." Durchlaucht klemmte das Monokel immer 
fester. 

Der Verwalter stiirzte heraus und offnete klirrend 
das Qittertor. Staubumwirbelt in goldener Sonnen- 
glut bog der 4 spannige Wagen ein. Ein kurzer Ruck 
— da stand er. Der Neger sprang vom Bock und off- 
nete den Schlag, wahrend die andern Wagen vorbei- 
fuhren nach den Remisen. 

. Ein alterer Mann, tadellos, elegant gekleidet, mit 
grauem Zylinder, steigt aus — ihm folgt — nein! Das 
ist — Donnerwetter! — die Offiziere sprangen auf — 
Leutnant von Windbach drohten die vorstehenden 
Augen ganz herauszufallen — der Durchlaucht blieb, 
wie vorhin seinem Diener, der Mund offen stehen — 
Qraf Muggersleben hatte seine Riesenfigur erhoben 
und merkte gar nicht, daB er mit dem Rockarmel in 
8* 

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der Vanillesauce stand — nur der Wachtmeister war 

sitzen geblieben 

Dem alteren, eleganten Herrn folgte namlich eine 



geradezu bezaubernd schone junge Dame. Schlank, 
glutaugig, schwarzlockig, der Teint etwas siidlich mit 
einer eigenartigen Qrazie. Wie eine Erscheinung 
tauchte sie in den Gesichtskreis der Kavaliere. Nach 

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ihr kletterte noch eine ungeheuer lange, rothaarige, 
rotnasige, blaubrillige, plattfuBige, englische Gouver- 
nante aus dem Wagen. 

Die junge etwa 17jShrige Dame hing sich dem 
alten Herrn an den Arm. Sie schritten die Stufen hin- 
an, die Gouvernante stelzte nach. Die junge Dame 
lachte und sagte etwas, was spanisch klang. Der alte 
Herr lupfte leicht und artig den Hut. Die Gouvernante 
machte einen steifen Knix. Alle drei verschwanden 
im Haus. Der Viererzug rollte davon. Die Offiziere 
setzten sich und starrten sich in heller Verwunde- 
rung an. 

„Haben Sie das gesehen?" brach nach einer Weile 
der Fiirst das Schweigen. „Der Kerl hat eine Toch- 
ter!" 

„Ja!" sagten die beiden anderen Herren lakonisch. 

Jeder zog an seinem Schnurrbart, jeder guckte wie 
abwesend vor sich hin, und jeder hatte den gleichen 
Gedanken : 

„50 Millionen Dollars!!" 

Samtliche Herren waren unverheiratet. 

Eine lange Pause entstand, die Herren zundeten sich 
Zigarren an und bliesen nachdenklich Wolken in die 
Luft. 

Da kam der alte Herr ohne Hut aus dem Haus. 

„Ich hore soeben," sprach er mit etwas dunklem. 
hartem Akzent. „Sie sind einquartiert — und — oh 
— ich spreche schlecht — Sie seien willkomm'!" 

Er streckte dem Nachsten die Hand hin, das war 
Maler Oskar Prinz. 

„Mein Name ist Prinz," sagte dieser, sich zugleich 
verbeugend. 

JRuy Gomez Diaz aus Valparaiso," entgegnete der 
altere Herr freundlich, seinen wohlgepflegten, grauen 
Vollbart streichend, der das edel geschnittene, dunkel- 
braune Gesicht umrahmte. 

Fiirst KreB stand in Positur, wie wenn er eine Au- 
dienz zu geben hatte. Leutnant Baron Windbach ver- 

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stand das von friiheren Gelegenheiten her. Er n&herte 
sich dem alten Herrn und sagte in fltisterndem Hof- 
tone: 

„Ich heifie Baron Windbach, erlauben Sie, daB ich 
Sie Seiner Durchlaucht dem Herrn Fursten von KreB- 
SchneB-Austerwitz vorstelle! — Durchlaucht gestat- 
ten — Herr Diaz aus — &h — ah — von da druben ! 
Herr Qraf Muggersleben." 

Durchlaucht wollte eben einige herablassende 
Worte sprechen, aber der alte Herr, der sich leicht 
verbeugt hatte, und viel durchlauchtiger aussah als 
die Durchlaucht selbst, wies mit echt spanischer Gran- 
dezza nach der Tiire und sagte: „Tretet ein — mein 
Haus ist das eure!" 

Augenscheinlich sollten sie gleich der Tochter vQr- 
gestellt werden. Das war ja groBartig. 

Leutnant von Windbach triumphierte. 

„Wenn sie noch nicht verlobt ist, dann wird sie 
Baronin Windbach. Und Sapperment, auch wenn — 
mit wem kann sie verlobt sein, mit so 'nem ollen In- 
dianerhauptling oder Steppenj^ger. Einfach lach- 
haft! Und wenn der Alte nur eine einzige Million 
rausblecht — Herrgott, wie wird sich mein Schneider 
freuen!" 

Der Baron hatte namlich riesig viel Schulden. 
Heimlich schaute er in Ermangelung eines Spie- 
gels in die Glasture der Veranda und war sehr zu- 
frieden. 

Qraf Muggersleben schritt in schweren Qedanken 
die Treppe hinauf, wahrend er bernuht war, mit dem 
Taschentuch die Sauceflecken von seinem Rock&rmel 
zu wischen. 

„Was ftir ein schones Madel! Mama wollte ja im- 
mer, daB ich heirate. Freilich eine Biirgerliche! Aber 
die Dollars! Nicht ndtig, aber doch angenehm. Nimm 
dich zusammen, Hanns. Und war's nur, weil sie dich 
immer ftir so langweilig halten." 

So etwa waren seine Qedanken. 

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Und Purst KreB? 

Der dachte bloB: „FrSulein Diaz ist die Moglich- 
keit geboten, Fiirstin KreB-SchneB-Austerwitz zu wer- 
den. Ein solches Qlttck weist niemand von sich!" Er 
dachte schon nach, in welchem deutschen Kleinstaat 
er am leichtesten mit Hilfe der vaterlichen Dollars 
die Erhebung seiner Braut und des Herrn Papa in 
den Adelsstand durchsetzen konne. Denn eine Mes- 
alliance — nie! 

Der Vizewachtmeister Oskar Prinz dachte in sei- 
nem Malerherzen : „K6nnte ich doch so glticklich sein, 
diese Dame zu portratieren ! Das ist das schonste 
Gesicht, das ich je gesehen habe!" 

Schon war man oben angelangt. 

Man trat in einen eleganten Salon. Mit entzticken- 
der Liebenswiirdigkeit nahm die junge Dame die Vor- 
stellung entgegen. 

„Meine Tochter Dolores!" sagte Papa Millionar. 

„MiB InverneB, meine treffliche Erzieherin," fiigte 
Dolores in flieBendem Deutsch dazu. 

Man setzte sich. Der Mohr reichte Zigarren und 
Likor herum. Der alte Herr besprach mit dem Wacht- 
meister die Bilder des Salons, der noch vom vorigen 
Besitzer stammte. 

Hanns Graf Muggersleben besann sich wie ver- 
zweifelt auf etwas Geistreiches. Er hatte einmal . 
schuchtern gefragt, ob es druben recht heiB sei. Do- 
lores hatte geantwortet: „0 ja!" 

Und seitdem war es aus. Es fiel ihm absolut nichts 
mehr ein. Um so mehr &rgerte er sich iiber Kamerad 
Windbach, dem der Honig suBer Reden nur so von 
den Lippen floB. Der plauderte ausschlieBlich mit 
Dolores von Ballen und Theater, von Rennen und der 
Residenz, von Hof und Festen, das ging nur so her- 
unter — wahrend der arme Fiirst KreB absolut sich 
von MiB InverneB nicht losmachen konnte. Sie hielt 
ihn wie eine Spinne am Faden des Gespraches fest. 
; „Oh my father was baronet in Glostershire and — 

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„Ich verstehe nicht Englisch!" wollte der Fiirst sich 
retten, obwohl er es wie Wasser sprach, aber da kam 
er schon an: 

„Oh, ich spreche viell lieber Deutsch — oh, horen 
Sie — maine Famiilie ist sie von die hochsten Adel 
in Ingland. Au Yes und usw." Endlich ein rettender 
Qedanke. 

„Pardon, wenn ich store," flotete der Fiirst, „aber 
ich muB meine Herren an den Dienst erinnern!" 

Na, die langen Qesichter von den beiden Herren! 

„Was ist das!" rief Dolores, ihre Locken schiit- 
telnd, „Sie bleiben auf der Stelle sitzen! Hier habe 
ich zu befehlen. Nicht wahr, die Herren brauchen 
nicht fort, bitte, bitte?" fiigte sie mit einem Kinder- 
lachen bei. 

Dem Rittmeister wurde es ganz eigen. Auf keinen 
Fall durfte er es bei ihr verschutten. Er gab lachelnd 
seine Zustimmung, obwohl er innerlich wiitete. 

Frohlich fuhr Windbach zu plaudern fort. Er lieB 
bereits seine Qlotzaugen spielen, hatte bereits einige 
erlogene Jagdabenteuer mit Qluck angebracht, wah- 
rend Muggersleben zweimal mit einem „ja, ja!" sich 
in das Qesprach zu drangen versuchte, was vollig er- 
folglos blieb. 

Endlich wurde dem Fiirsten KreB die lange MiB In- 
verneB unertraglich. Mit einem kuhnen Sprung war 
er mitten in die Unterhaltung zwischen Dolores und 
Windbach geplatzt: 

„Wie ich hore, sprechen Sie vom Rennen, hat man 
driiben auch Sport?" wandte er sich giitig herab- 
lassend an Dolores. 

„QewiB," sagte diese. „Aber wilder wie hier. Wir 
jagen auch zu Pferde. Nicht wahr, Papa?" 

„Ja, ja, mein Tochter wildeste Reiterin ist!" er- 
widerte Sennor Diaz. 

„Unsere Pferde haben den Rotz!" platzte jetzt Qraf 
Muggersleben hinein. Endlich war ihm etwas einge- 
fallen. Es schien aber keine Wirkung zu machen. 

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„Sehr schade," sagte Fttrst KreB, „daB wir zur- 
zeit kranke Pferde haben. „Wir hatten — respek- 
tive ich, da meine Herren nicht Zeit haben werden 
— ; ich h&tte mir ein Vergniigen daraus gemacht, 
gn&diges FrSulein auf einem Ritt in die Umgebung 
zu begleiten ." 

„0h, wir haben Pierde genug mitgebracht", ju- 
belte Dolores; „oh, morgen halten wir eine Jagd — 
aber alle — das ist eben recht, ein Feld von 5 Pfer- 
den. Das geht. Papa muB zuhause bleiben, er hat 
immer so angst um mich. Ha, ha, ha! Angst? Zu 
Pferd bin ich sicherer als zu FuB. Abgemacht, mor- 
gen fruh nach dem Fruhstiick groBe Jagd!" 

„Nach was jagen wir aber?" fragte Windbach. 

„Ich reite voraus und Sie jagen nach dem Qliick!" 
entgegnete Dolores schelmisch. — 

Im Dorfe stand seit 2 Uhr die Schwadron aufge- 
stellt. Als es ^3 Uhr war, kam dem Wachtmeister 
eine Idee. Er gab das Kommando an Sergeant 
Kummelbock und verschwand im Quartier. Als es 
3 Uhr schlug, hatte auch Kummelbock eine Idee. Er 
gab dem Unteroffizier Scheibling den Oberbefehl und 
ging ins Wirtshaus. Dieser hatte auch eine Idee: 
Er stellte sich vor die Front und sagte folgendes: 
„Ihr elendes, rausgefaBtes, schmieriges KommiBge- 
sindel, euretwegen soil ich mich da in die Sonne stel- 
len und soil euch FuBgalopp machen lassen, ihr 
krummhaxigen Bauernfiinfer? He! Das kann ja dem 
dummsten unter euch nicht einfallen. Wenn unter 
euch kannibalischen Strohsackdruckern Treu und 
Qlauben ware, dann wollten wir e wenig Wachdienst 
uben. Da wollte ich zum Beispiel sagen: Hier, 
's Wirtshaus, das stellt das Wachlokal vor. Ver- 
standen? Dort driiben am Dominikum wird der 
Feind vermutet, paBt auf, ihr rotzkranken Schim- 
pansen. Jetzt geht der erste auf den Posten, namlich 
auf den Kirchturm — Sie, Schmitzmiiller — und der 
zweite — Sie Piesedalk — bleibt herunter stehen und 

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glotzt hinauf. Wenn nun vom Feind was sichtbar 
wird, dann macht der ein Zeichen und der andere 
mit „Marsch, marsch" ins Wirtshaus, will sagen 
Wachlokal, und dann wird angetreten wie der Blitz. 
Ins Wachlokal. Abtreten!" 

Hui, war das Wirtshaus voll von lustigen Drago- 
nern! — 

Eine herrliche Morgensonne faBte Dorf, Herren- 
haus, Wald und Flur in ihre goldenen Strahlen. 
Selbst ein frischer Morgen, sprang Dolores die Stu- 
fen der Freitreppe hinunter auf die Qruppe Kavaliere 
zu, welche, die Reitpeitsche unter dem Arm, die Zi- 
garren im Munde, die gesattelten Pferde lebhaft be- 
sprachen. 

Das waren in der Tat tadellose Tiere. 

„Buenos dias, meine Herren!" lachte Dolores, 
„frisch aufgesessen!" 

Muggersleben, der heute iriih schon iiber eine 
Stunde nachgedacht hatte, ein recht artiges Kompli- 
ment auszusinnen, war der schone Satz abgeschnit- 
ten. Auch die andern kamen nicht zu Wort. Wie 
der Blitz saB Dolores im Sattel auf einem prachti- 
gen schlanken Fuchsen, den der Neger Jim bisher 
gehalten hatte. 

Der Wachtmeister Prinz und Leutnant Baron 
Windbach waren die nachsten im Sattel. Sie ritten 
2 schone Braunen. Dann saB Fiirst KreB auf. Sein 
Tier war ein ziemlich feuriger Qrauschimmel, der 
Lust zeigte, den Voraustrabenden auf den Hinter- 
beinen nachzutanzen. Dann kam Muggersleben auf 
einem sehr hohen Rappen, den er wegen seiner Fi- 
gur beansprucht hatte. 

Die Qesellschaft trabte zuerst in flottem Tempo 
auf der LandstraBe dahin. Die Pferde brauchten 
tuchtige Schenkel, um ordentlich an die Hand zu 
gehen. Die Herren waren aber vorzugliche Reiter 
und brachten die mutigen Tiere bald in richtige 
Qangart. 

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„Sennores!" rief jetzt die kecke Reiterin, .atten- 
tion! die Jagd beginnt. Wer mir nicht uberall nach- 
reitet, der ist kein Mann!" 

„Gn&diges Fr&ulein!" antwortete Baron Windbach 
fast erregt: „Wo eine brasilianische Dame hinreitet, 
da wird ein deutscher Reiter auch nicht refusieren!" 

Die anderen Herren stimmten lebhaft bei. Man 
ritt jetzt von der StraBe ab auf einer pr&chtigen 
Wiese in kurzem Jagdgalopp. 

„Bravo, Sennores!" lachte Dolores, ihre blitzen- 
den Z&hne zeigend. „Also die Jagd nach dem 
Gltick!" Damit gab sie ihrem Fuchs einen Schlag 
mit der Peitsche und heidi, dahin ging's in voller 
Flucht. Die Herren lieBen die Zugel nach, beugten 
sich vor und flogen dahin auf dem herrlichen Plan, 
daB die kostliche Morgenluft flatternd urn die Ohren 
sauste. 

„Wundervoller Ritt," sagte Durchlaucht, der Qurt 
an Qurt neben Windbach dicht hinter Dolores da- 
herbrauste. Eine Lange hinter ihnen kam Prinz und 
Muggersleben, der sich umsonst bemtihte, seinem 
groBen Rappen den Kopf hereinzustellen. 

Noch einige hundert Meter, dann endete die Wiese. 
abgeschlossen von einem hohen Staketenzaun. 

Windbach wollte eben sagen : „Ich glaube gar, sie 
nimmt das Hindernis!" Da ritt Dolores schon pfeil- 
gerade drauflos. Wie ein Hirsch flog das edle Tier 
mit seiner leichten Biirde driiber weg. 

„Hopla!" rief die Reiterin aus und drehte sich 
lachend um. Da sah sie zwei tadellose Spriinge, 
ausgefiihrt von Durchlaucht und Windbach, die 
gleichzeitig hoch durch die Luft sausten auf ihren 
Pferden, dann drei Sekunden spater Muggersleben 
und Prinz ebenfalls in prachtigem Sprung weit zu- 
riickgelehnt, sicher landen. „Ah, gn&diges Fraulein 
— erlauben Sie, daB ich Ihnen meine — " sagte 
Durchlaucht, er wollte sagen Hochachtung aus- 
spreche. Im selben Moment machte der Qrauschim- 

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mel einen langen flachen Satz tiber einen Graben 
gleichzeitig mit Dolores und Windbach. Durchlaucht 



verlor den linken Btigel. Er hatte vor lauter Be- 
wunderung einen Graben ubersehen. Er beschloB, 

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seine Komplimente aufzusparen, denn das Terrain 
wurde immer schwieriger. Es kam jetzt ein Sprung 
nach dem andern, lauter Zaune und Graben. Man 
war etwa 8 Minuten so geritten. Die Pferde be- 
gannen tiefer zu schnauben. Durchlaucht fischte be- 
standig nach dem linken Btigel mit seinem kleinen 
FuB. In ein em Biigel eine derartige Jagd auszu- 
sitzen, war immerhin ein Kunststtick. 

Jetzt ging es schief die Anhohe hinauf durch dtin- 
nes Geholz. Hei! wie die Zweige krachten. Do- 
lores' Hut blieb an einem Ast hangen. 

Wachtmeister Prinz fischte ihn im Vorbeireiten 
und behielt ihn in der rechten Hand, das edle Tier 
unter sich mit der linken Hand steuernd. 

Hurra! nun ging es die Anhohe wieder hinunter. 

„Rutschpartie! u rief Windbach lachend. In der 
Tat rutschten die Pferde mehr auf den Hinterbeinen, 
als sie liefen. 

Drunten angelangt kam ein Bach. 

Wie das Wetter sauste Dolores hiniiber, dann kam 
Windbach, dann Prinz, dann Durchlaucht, welchem 
beim Durchreiten des Geholzes auch der zweite Bii- 
gel zu Verlust gegangen war. Er hatte jetzt beide 
Biigel heraufgeschlagen. 

„Bravo, Herr Rittmeister!" rief Muggersleben, als 
der kleine Fiirst bugellos den Sprung iiber den Bach 
machte, ohne im Sattel zu wanken. Dabei versah er 
einen Moment seinen widerspenstigen Rappen zu ver- 
sammeln und schwupp! blieb dieser vor dem Bach 
stehen. Wenn Muggersleben nicht so fest gesessen 
ware, das hatte schon ausfallen konnen. 

Sporen, Peitsche. Alles umsonst. Der Rappe 
fing zu bocken und zu tanzen an, aber hiniiber sprang 
er nicht. Er ging auch nicht ins Wasser. „Ver- 
dammtes Mistvieh!" rief der hiinenhafte Graf und 
drfickte mit seiner herkulischen Schenkelkraft. 

Jawohl! Bolzengerade stieg der Rappe in die 

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Hohe, aber hinuber sprang er doch nicht. Derartige 
Falle enden damit, daB gewohnlich nach anderthalb- 



stiindigem Kampf es dem einen oder dem andern zu 
dumm wird, entweder dem Reiter oder dem RoB, 
und dann einer nachgibt. 

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Die andern waren weit voraus. Immer noch gut 
beisammen. 

„Wir reiten bereits 18 Minuten!" sagte Windbach, 
„und wahrhaftig ein hollisches Tempo! Wenn ich 
mich nicht sch&mte, wtirde ich langsam zu schwitzen 
anfangen!" 

„Ich fange an, Seitenstechen zu kriegen," lachte 
Prinz, der in seiner N&he dahinjagte. Rittmeister 
Fiirst KreB war jetzt der letzte. 

„Durchlaucht. Wo bleibt man?" schrie Dolores, 
„oh, und wo ist der lange Graf?" 

Fiirst KreB wichste seinem Qrauschimmel mit der 
Peitsche eins tiber und schoB an den andern vorbei 
an Dolores' Seite. Damit war es aber aus mit der 
Herrschaft tiber das Tier. Er ftihlte, wie es unter 
ihm planlos durchging. 

,,Sie hatten nicht schlagen sollen!" rief Dolores, 
die noch kaum auBer Atem war, mit hochroten Wan- 
gen. „Falada geht immer durch, wenn sie geschla- 
gen wird!" 

,,'s ist ja recht nett von dem Biest!" replizierte 
Durchlaucht, indem er verzweifelte Paraden machte. 
Dolores muBte ihr Pferd machtig anfeuern, um dem 
Ftirsten auf der planlos durchgehenden Falada zu 
folgen. 

„Wenn man nur " hopla, ein Sprung, tiber 

einen Torfgraben. Man ritt jetzt durch mooriges 
Terrain. „Wenn man nur" — wandte sich Fiirst 
KreB zuriick, der vollkommen kalt blieb, „ein paar 
Meter ebenes Feld hatte, dann wollte ich mal mit 
einer Stockzahnparade nachhelfen, die nicht von 
schlechten" — hopla — wieder ein Qraben — „die 
nicht von schlechten Eltern ware," vollendete der 
Fiirst jenseits. 

„Attention!" rief Dolores, jetzt ihr Pferd rasch 
nach rechts steuernd. 

Ein 10 Meter weiter Qraben mit schwarzem Moor- 
wasser gahnte auf einmal ganz ttickisch. 

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Dolores konnte ihren Fuchs noch scharf rechts 
vorbeidrangen. 

Der Fiirst aber mufite auf dem fiihrungslosen Pferd 
geradeaus reiten. Blitzschnell muBte er sich ent- 
schlieBen, das kolossale Hindernis urn jeden Preis zu 
nehmen. Er druckte die Sporen ein, ein sausender 
Hieb mit der Peitsche. Einen machtigen Satz tat 
das edle Tier. Aber es war unmoglich. Mit den 
Vorderhufen reichte es an den jenseitigen Rand und 
plumpste dann mit seinem Reiter in das schwarze 
Moorwasser, daB es hoch aufspritzte. 

Als Fiirst KreB sich gar nicht ohne Qefahr zu er- 
trinken gliicklich herausgewuzelt und die nieder- 
trachtige Falada an Ohren und Mahne sich nachge- 
zogen hatte und beide schokoladebraun und triefend 
dastanden, da wollte es ihm wehmutig vorkommen, 
daB er ein solches Pech haben muBte. 

„Die schneidigsten Reiter haben das meiste Pech!" 
sagte er, wie um sich selbst zu trosten. Und nach 
einer nachdenklichen Pause fugte er mit einem Seuf- 
zer hinzu: „Fiinfzig Millionen Dollars!" 

„Was liegt — liegt!" hatte Windbach gerufen, ge- 
maB dem alten Qesetz beim Parforcereiten — als 
der Fiirst kopfunter gegangen war. 

Dolores wurde jetzt wirklich ganz toll voll Ehr- 
geiz, denn sie sah wohl, daB die beiden zuruckgeblie- 
benen Herren trotz ihres MiBgeschickes brillante und 
kiihne Reiter waren. 

Wenn die beiden andern noch purzelten — 
naturlich ohne Schaden zu nehmen — das ware ihr 
das liebste gewesen. Keiner hatte ihr zu folgen ver- 
mocht. Ihre Haare flatterten im Wind, ihre Augen 
blitzten. Die Pferde fingen schon zu keuchen an, und 
leichter Schaum wurde auf den Flanken sichtbar. 
Man galoppierte jetzt 25 Minuten. Oskar Prinz, der 
solche Ritte noch nicht oft mitgemacht hatte, tanzte 
schon das Feuer vor den Augen. Aber die schone 
Reiterin vor ihm kam ihm jetzt wirklich wie eine 

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lockende Beute vor, der man nachjagen muBte auf 
Tod und Leben. Man war jetzt wieder auf ebenes 
Terrain gekommen — ein Ackerfeld, das in der Feme 
von einer ansehnlichen Steinmauer begrenzt war. 

„Wie lange soil das denn noch so fortgehen?" 
dachte Windbach, dessen Hoffnungen beim Sturz des 
Rittmeisters urn 50 Prozent gestiegen waren. Wenn 
jetzt nur noch der Olfarbenkleckser kopfunter ginge, 
dann ware ich beim finish Hahn im Korbe. Dann 
wtirde ich unter alien Umstanden den passenden Mo- 
ment zu einer Erklarung erwischen. 

Man n&herte sich der Steinmauer. Die Pferde nah- 
men das Hindernis scharf an. Dolores voraus. 

Das gait einen gefahrlichen Sprung. 

Der Wachtmeister wollte ihr ein Halt zurufen, 
aber er fiirchtete, sie zu storen. Er seinerseits war 
sicher, an dieser Steinmauer das Ende seines Rittes 
zu finden, wenn er auch weitaus das fliichtigste Tier 
von alien zufallig erwischt hatte. Die Mauer gab 
nicht nach, wenn das Pferd hangen blieb. Er lieB 
alles locker, bloB auf den Sturz gefaBt — und dar- 
iiber war er, heil und gesund! 

Dolores' Fuchs blieb mit den HinterfiiBen hangen. 
Einen Moment schien es, als wollte er stiirzen, raffte 
sich aber wieder auf, von der festen Hand emporge- 
rissen, und jagte weiter. 

Windbach hatte das Tempo ein wenig verlang- 
samt, faBte, tadellos sitzend, alle seine Nerven- und 
Muskelenergie zusammen, lieB im richtigen Moment 
die Ziigel nach, stand in den Btigeln, um das Pferd 
zu entlasten und gab einen flotten Streich mit der 
Peitsche. Ein Sachverstandiger hatte gesagt, er sei 
wunderbar angeritten. 

Jetzt — hoppla — hinauf — und, oh, verdammt, 
er flog, sich vom Sattel trennend, hoch im Bogen in 
die Landschaft hinein. 

Daran war Dolores schuld. 

Ihr Fuchs hatte ein paar Steine losgerissen, als er 
9 

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h&ngen blieb, die langsam herunterkollerten, als Ba- 
ron Windbach setzte — daran schreckte sich sein 
Tier und machte wahrend des Sprunges eine plotz- 
liche Linkswendung, die nach dem Qesetz der Be- 
harrung den armen Windbach geradeaus schleu- 
derte. 

Auch der Qaul kam zu Fall und stand einen Augen- 
blick Kopf. 

Der Boden war weich und Baron Windbach stand 
unverletzt auf, obwohl er einen schandlichen Schmerz 
in der Schulter spiirte. 

„50 Millionen Dollars!" war sein erstes Wort. 
„Turkenmohrenschockschwerenot, hatte nicht der 
Schmierpinsel da 'riiberrutschen konnen. F£llt sich 
ja janz anjenehm auf Vaterlands Erde. Da jagen sie 
dahin! Der Tolpel hat das beste Pferd erwischt! — 
mit so 'ner ausgepumpten Mahre, die vor eenem 
ollen Ziegelstein Kr&mpfe kriegt, muB man ja iiber- 
kullern. 1st das nu det janze Resultat vor diesen 
Jespensterritt. 50 Millionen Dollars — fast schon in 
der Hand jehabt — von der reizenden Kleinen gar 
nicht zu reden, in die man sich ja einfach verkeilen 
muB, wenn man sie nur reiten sieht! 50 Millionen 
Dollars! ScheuBlich, scheuBlich, scheuBlich!!" 

„Was liegt — liegt! 44 ja sehr richtig. „Man soil 
den Deibel nicht an die Wand malen, geh' mir weg, 
du brasilianische Schindmahre! 44 wandte er sich an 
das Pferd, das sehr betucht neben ihm stand. „Du 
hast was gegen mich, das habe ich dir gleich ange- 
sehen! 44 

So schimpfte Baron Windbach noch lange fort. 

Dolores und Prinz jagten weiter. 

Dieser biB die Zahne zusammen und beschloB, eher 
bis zum Umfallen zu reiten, als sich von einem Weib 
besiegen zu lassen. Dolores hatte schon langst ge- 
nug. Sie fand kaum mehr Atem. Aber das hatte sie 
nicht urn alles in der Welt eingestanden. Sie wollte, 
sie muBte behaupten konnen, daB man sie zu Pferd 

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nicht einzuholen vermoge. Dem Wachtmeister kam 
zustatten, daB Dolores' Fuchs seit der Steinmauer 
betrachtlich nachgelassen hatte. So blieb er knapp 




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an ihrer Seite. Unaufhaltsam weiter ging die wilde 
Jagd jetzt iiber Ackerboden gerade auf den Bahn- 
damm zu. 
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„Den Bahndamm nehmen wir noch, dann ist Ha- 
lali," rief Dolores, welche einsah, daB ihre Anstren- 
gung nichts nutzte und diesmal der Braune den 
Fuchs, der immer mehr schaumte, iiberholen wiirde. 

„Nicht den Bahndamm," schrie Prinz, „der Zug 
kommt!" 

„Extra! Wir kommen noch hiniiber! Bleiben Sie 
zuriick, wenn Sie Furcht haben!" keuchte Dolores, 
ihren ganzen Trotz aufbietend, nicht besiegt zu wer- 
den. 

„Das ist Wahnsinn!" rief Prinz in heller Verzweif- 
lung. „Der Zug ist im Tunnel. Man hort es ja!" 

Die Stelle, wo der Bahndamm genommen werden 
konnte, war knapp vor dem Tunnel. Dolores steuerte 
drauflos, ohne zu beachten, daB am Bahnwarterhaus- 
chen die beiden Zeiger aufgezogen waren. 

„H6ren Sie doch — der Zug ist im Tunnel, ich bitte 
Sie — ich befehr es Ihnen, halten Sie!" 

,.Befehlen!?" 

Da kam er recht. Dolores biB die Unterlippe blu- 
tig und gab dem Fuchs als Antwort einen Peitschen- 
schlag. 

Noch 100 Meter von der Barriere, an welcher der 
Bahnwarter steht und offenen Mundes die heransau- 
senden Reiter anstarrt. 

„Dolores!!" schreit Oskar Prinz, auBer sich tiber 
die Tollkuhnheit dieses unvernunftigen Kindes. 

Schon ist das dumpfe Rollen des Bahnzuges im 
Tunnel zu einem machtigen Drohnen angewachsen. 

Dolores hort es nicht. Ein unbezwingliches Ver- 
langen, noch hiniiberzukommen und den Begleiter 
zuruckzulassen, brennt in ihr. Sie kann nicht mehr 
wenden und kostet's das Leben. 

Noch 50 Meter! Im nachsten Moment muB der 
Zug hervorbrausen. 

Oskar Prinz wurde es kalt urns Herz. Alle Kraft 
zusammennehmend, den Hut, den er bis dahin krampf- 
haft gehalten hatte, flattern lassend, hieb er mit der 

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Peitsche auf sein Pferd und warf es nach vorn. Nur 
noch wenige Schritte — er sieht im Tunnel schon 
die Glut der Lokomotive — er beugt sich fiber, urn 
den Zaum des Fuchses zu ergreifen — Dolores merkt 
die Absicht — sie peitscht wie toll — jetzt kommt 
im nachsten Moment der Sprung fiber die erste 
Barrtere — da laBt der junge Mann die Btigel los 
und wirft sich mit beiden Handen, den Zaum des 
Fuchsen fassend, aus dem Sattel — < — 

Alle 3 uberkollern sich knapp vor der Barrtere — 

der Fuchs — der Wachtmeister und Dolores 

der Schnellzug braust voruber, daB die Erde bebt. 

Dolores hatte den Tod vorbeirauschen ftihlen. Der 
Zug hatte sie unfehlbar erfaBt. Sie stand auf, leichen- 
blaB, und wischte die Erdteile von ihrem Reitkleid. 

— Prinz, ebenfalls blaB von dem heftigen Schmerz 
am Knie, auf welches ihn der Fuchs getreten hatte, 
knupfte den zerrissenen Zaum zusammen und half 
Dolores in den Sattel. 

„Schamen Sie sich!" rief Oskar Prinz in plotzlich 
ausbrechendem Zorn. 

Dolores starrte ihn an, wie vom Blitz getroffen. 
Das wagte man ihr zu sagen! 

„Caramba!" lispelte sie, wahrend ihr das Blut in 
die Wangen schoB. Er hatte zwar recht. Es war 
tollkuhn — frivol gewesen — ihr Vater fiel ihr plotz- 
lich ein. — Aber er brauchte ihr das nicht zu sa- 
gen. 

Sie war eben im Begriff gewesen, dem ktihnen 
Reiter zu danken — nein, es wollte nicht von ihren 
Lippen. Was war denn das ftir ein Qefuhl, das sie 
jetzt fast angstlich uberkam — oh, jetzt wuBte sie es 

— ja, sie haBte diesen Menschen, der sich ihrem 
Pferd in die Ztigel warf. Was ging sie ihn denn an? 
Sie, die gefeierte Dolores, sich schamen — vor die- 
sem Unteroffizier. Ja, sie haBte ihn bestimmt. 

Oskar Prinz hatte sein Pferd wieder eingefangen 
und ritt einige hundert Schritte hinter Dolores drein, 

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die den Heimweg eingeschlagen hatte. WelcherMut, 
welcher Trotz in diesem schSnen Haupt — ah, wie 
gliicklich war er, sie der Qefahr entrissen zu haben! 

Ja, jetzt wuBte er es, seit dem Augenblick, wo sie 
am Arm ihres Vaters die Treppe heraufkam, seit 
dem Augenblick liebte er sie. — 

Eine Viertelstunde mochten sie so geritten sein, 
als sie auf Baron Windbach stieBen, der sehr erfreut 
war, als er an den Spuren sah, daB die beiden auch 
die Mutter Erde gekiiBt batten. 

„Ist ja gar nicht anders denkbar!" versicherte er, 
sich an Dolores rechte Seite setzend. „So 'ne Jagd 
ist in 100 Jahren keine geritten worden. Von einer 
Dame bestimmt nicht!" 

Und nun gingen die Komplimente los, Windbach 
schwamm wieder munter oben. 

„Sapristi! Da weidet ja der Qrauschimmel und da 
liegt ein Mann am Boden!" sagte Windbach plotz- 
lich. „Sieht aus wie 'n Erdarbeiter. — Jetzt lauft er 
davon und versteckt sich im Gebiisch — oh, das ist 
ja Durchlaucht — ■ verdammt und zujenSht — ganz 
braun in braun. Das beste ist, wir haben gar nichts 
bemerkt und schicken ihm sofort einen Wagen 'raus, 
sonst argert er sich wtitend." 

Durchlaucht war bei Annaherung der Kavalkade 
in ein Versteck geflohen. Er hatte seine Reitstiefel 
ausgezogen und sich an die Sonne zum Trocknen ge- 
setzt, aber an die FtiBe bekam er die Stiefel nicht 
mehr. Sich so vor Dolores sehen lassen? Nein! 
Lieber die Nacht abwarten. 

Nach Verlauf einer Stunde stieBen sie auf Mug- 
gersleben, der wie toll dahergaloppierte. 

„V611ig lali!" witzelte Windbach. „Ja, lieber Graf, 
wenn Sie solang zu jedem Sprung brauchen!" 

„Habe aber nicht nachgegeben!" berichtete Mug- 
gersleben stolz. „Endlich Herr geworden, und wenn 
ich hatte bis abends vor dem Bach stehen mtissen!" 

Er wollte auch zu Dolores etwas Passendes sagen. 

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Es fiel ihm aber nichts ein. So lieB er es, indem er 
sich dem Trupp anschloB. 

Beim Diner im Herrenhaus fehlten Dolores und 
MiB InverneB, Ftirst KreB und Wachtmeister Prinz. 

Sennor Diaz saB also mit Muggersleben und Wind- 
bach allein, und letzterer fiihrte wie gewohnlich die 
Unterhaltung. 



— Andern Tags schien sich etwas QroBes vorzu- 
bereiten. 

Furst KreB befahl Stranitzky, Helm, Epauletten 
und sSmtliche Orden herzurichten, was dieser mit 
Staunen tat. Er berichtete im Bedientenzimmer diese 
Tatsache an Fritz Eibenstrunk, welcher versicherte, 
daB^sein Herr, Qraf Muggersleben, vor einer halben 
Stunde das Qleiche befohlen habe. 

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Wahrend sie noch dariiber sprachen, kam Dussel 
herein, der Bediente des Baron Wildbach und teilte 
mit, daB er seinem Herrn eben Helm und Epauletten 
hergerichtet habe — allem Anschein nach wolle sein 
Herr um Fraulein Dolores anhalten. 

Da ging den andern eln Licht auf. 

Ihre Herren wollten das auch, versicherten sie und 
Stranitzky schwang sich zu der Behauptung auf — 
die beiden sollten statt der Epauletten nur wieder die 
Achselstiicke ihren Herren anknopfen. „Wann konnte 
so Madel brasilianische Durchlaucht werden, 
brauchen andere nix mehr Helm aufsetzen!" Da er- 
hob sich der Neger Jim im Hintergrund und erklarte : 
„Massa, WeiBe — bloB hungrig for dollars sind — 
MiB Dolores wird geben FuBtritt!" 

Da haute ihm Stranitzky eine solche Maulschelle 
hinter die Ohren, daB Jim an die Wand taumelte. 

„Luder schwarze — wann nit willst sein massak- 
rierewat — " 

Er konnte nicht ausreden, denn Jim gab dem 
Stranitzky eine solche Dachtel zuruck, daB dieser 
laut zu heulen anting. 

Dies sahen die beiden anderen nimmer mit an: 
Eibenstrunk ergriff mit seinen Tatzen den armen 
Jim und warf ihn zu Boden, daB die Dielen krachten. 
Stranitzky setzte sich dem Nigger ins Qesicht, Dus- 
sel hielt den Zappelnden bei den Beinen und Eiben- 
strunk walkte darauf los. Stranitzky fuhr aber mit 
solchem Schmerzgeheul in die Hohe, daB die beiden 
anderen erschreckt innehielten. Jim hatte ihn mit 
seinen weiBen Zahnen da gebissen — wo er eben 
konnte. 

Jim war aufgesprungen und hatte einen Stuhl er- 
griffen. Die andern schienen aber genug zu haben, 
und das Gesprach kam wieder in ruhiges Qeleise. — 

Rittmeister Fiirst KreB lieB sich wirklich Punkt 
12 Uhr bei Sennor Diaz melden mit Helm, Waffen- 
rock und Orden. 

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Die Herren saBen einander gegeniiber. 

Ftirst KreB versicherte, daB niemals ein KreB- 
SchneB-Austerwitz eine Mesalliance gemacht habe, 
aber er wolle der erste sein, mit alten Vorurteilen 
brechen, et cetera. Dolores habe Eindruck hinter- 
lassen. Wenn sie wolle, konne sie Ftirstin werden. 
Der Antrag ware ja sehr zu flberlegen, meinte 



darauf der alte Herr. Aber Dolores sei so selbstan- 

dig, daB er ihr vollig freie Wahl lasse. 
„Also erlaube Papa Diaz, daB er sich bewerbe?" 
„Jawohl." Und Furst KreB empiahl sich steif und 

vornehm, wie er gekommen war. 
Zehn Minuten spater lieB sich Qraf Muggersleben 

melden. Er dachte eberiso wie die beiden andern: 

„Wenn ich zogere, kommen mir die andern zuvor — 

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also 'rin in die Dollars!" Eigentlich war ihm Do- 
lores die Hauptsache. Er hatte die ganze Nacht 
nicht schlafen konnen, das war ihm ein Beweis, daB 
sein Herz vollstandig von der schonen Sennora in 
Besitz genommen sei. 

Die Herren saBen einander gegeniiber. Er liebe 
das Fraulein. Sein Vater werde tiber den mangeln- 
den Adel zu trosten sein. Seine Mama wolle langst, 
daB er heirate. Qeld habe er selbst genug. Er sei 
kein Qelehrter, aber er traue sich so viel zu wie ein 
anderer und sei eigentlich ein ganz guter Kerl. 

„Der Antrag sei in Erwagung zu Ziehen. Aber 
Dolores sei frei in ihrem EntschluB." 
• „Ob — ob — ob er ihr ein Qedicht schicken 
durfe — ? — Vorausgesetzt, daB er eins zusammen- 
brachte, da er seit der Kriegsschule keins mehr ge- 
macht habe." 

„Jawohl, das durfe er — einen ganzen Band." 

Mit gliihenden Backen empfahl sich Graf Mug- 
gersleben. 

Don Diaz blieb gleich im Salon sitzen, denn der 
dritte muBte ja auch gleich gemeldet werden, oder 
es tauschte ihn alles. 

Richtig, da kam er schon. 

Windbach hatte folgenden Kalkul. Erstens, dachte 
er, hat sie ohne Zweifel schon ein faible fiir mich. 
Zweitens: MuB man das Eisen Schmieden, denn ich 
traue weder dem Qrafen noch Durchlaucht. Drit- 

tens: Wenn Korb ejal! Einfach der Samm- 

lung von Korben, die schon da waren, einverleibt. 
Viertens: — 50 Millionen Dollars! 

Das waren sicher sehr respektable Qesichts- 
punkte. 

„Sennor," begann Windbach, als er vor dem alten 
Herrn saB. „Ohne Umschweife, ich bin sterblich, ja 
einfach scheuBlich in Ihre Tochter verliebt. Habe 
bisher unjeheures Gltick bei Damen jehabt, aber nie- 

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mals empfunden, was jetzt empfinde. Vermdgen 
habe ich selbstredend an Aktiven nichts Nennens- 
wertes. Versichere aber, daB es sich bei mir urn 




Dolores, nicht urn Dollars handelt, obschon Dolores 
mit einigen Dollares, die absolut zur Kaution not- 
wendig sind, mein Lebensgliick bilden wiirde!" 



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Don Diaz gab denselben Bescheid wie den andern 
und gluckstrahlend verlieB ihn der Leutnant: 

„Na, wenn es nur auf die Dame ankommt, denn is 
ja det Rennen so gut wie gewonnen. Das woll'n 
wir schon machen." 

Der Papa verfugte sich zu seiner Tochter und 
teilte ihr die drei Antrage mit. Dolores war gar 
nicht erstaunt. Das war ja etwas Gewohnliches, es 
wurden ihr ja stets Antrage gemacht. Aber eines 
argerte sie, warum hatte der Wachtmeister nicht um 
sie angehalten? Verschmahte er sie? Der Unver- 
schamte! O, wenn sie sich an ihm rachen konnte! 
Wenn sie sicher wufite, daB es ihn krankt, sie wiirde 
sofort einen von den drei Herren nehmen. 

Man sprach iiber die Antrage. 

MiB InverneB war der Ansicht, daB Dolores unbe- 
dingt Fiirstin KreB werden rnusse. Papa meinte, 
Qraf Muggersleben habe ihm den besten Eindruck 
gemacht, und Dolores, welche an Windbachs SpaBen 
viel Qefallen fand, sagte, am besten habe ihr der 
verschuldete Leutnant gef alien; Papa, der ganz ge- 
nau wufite, daB sein Tochterchen iiberhaupt nicht 
ans Heiraten denke, meinte leichthin, am besten 
wiirde ihm der junge Maler gefallen, er sei schon, 
ernst und trotz seiner Jugend schon beruhmt. 

„Welcher Maler?" 

„Nun, der Wachtmeister!" O, wie argerte sich 
Dolores, als sie erfuhr, daB der Unteroffizier ein zur 
Obung einberufener, sehr bedeutender Maler sei. 
O wahrhaftig, sie hatte diesem Menschen schon et- 
was antun mogen. Jeder Vorzug, den sie an ihm 
wahrnehmen muBte, krankte sie. 

„Ich werde beim Diner den Herren antworten!" 
sagte Dolores schlieBlich. 

Die drei Herren brauchten schrecklich lange, bis 
sie sich zum Diner hergerichtet hatten. Durchlaucht 
hatte sich die Hande funfmal gewaschen und 
% Stunden auf die chinesischen Nagel verwendet. 



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Muggersleben hatte drei Federhalter zerbissen, 
war aber beim ersten Vers stecken geblieben, der 
hieB: 

O wunderbare MiB Dolores — 

Aber auf Dolores wollte kein Reim klappen, „ka- 
pores", „pschores", „mores", das paBte alles nicht. 

Windbach hatte seine Pomadebiichse auf den letz- 
ten Qrund geleert. Das semmelblonde Schnurrbart- 
chen stand holzgerade in die Hohe, und nach langer 
Musterung im Spiegel kam er zu dem Resultat, daB 
sein Schneider mit ihm eigentlich verdammtes Qluck 
habe. 

Man versammelte sich im Speisesaal, auch Prinz, 
der den Vormittag damit zugebracht hatte, ein 
&uBerst gelungenes Reiterportrat von Dolores mit 
Pastellfarben zu malen, fand sich ein. 

Dolores trat in den Saal. Sie war wirklich wun- 
derschon mit dem weifien, leichten Kleidchen, das 
iippige Haar in einen einfachen Knoten geschurzt. 

Die Unterhaltung war sehr munter. Jeder freute 
sich, seinem Nachbar vorgekommen zu sein und be- 
zog Dolores holdes Lacheln auf sich. 

Endlich beim Dessert klopfte Dolores an ihr Qlas, 
wie wenn sie eine Rede halten wollte. 

„Sennores," sprach sie mit gewisser Feierlichkeit, 
„drei von Ihnen haben mir heute die Ehre erwiesen, 
um meine Hand anzuhalten — " 

Die drei Herren sahen sich einander verdutzt an 
und wurden auf einmal purpurrot, wahrend der 
Wachtmeister Prinz so weiB wurde, wie das Tisch- 
tuch, auf welches er starrte. Dolores bemerkte das 
zu ihrer groBen Qenugtuung und fuhr fort: 

„Sie sind mir alle drei hochst liebenswiirdige und 
ritterliche Herren, und ich bin auch iiberzeugt, dalj 
ihre Neigung aufrichtig ist. Sie wurden mich be- 
stimmt gliicklich machen, mir nie etwas befehlen 
wollen — nie mich barsch anfahren!" Hier fuhr ein 
Blitz aus ihren schwarzen Augen zu Prinz hinunter, 

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der in schmerzlicher Erwartung das schone Mad- 
chen ansah. O, das tat ihr wohl! 

„Selbstverstandlich!" machte Durchlaucht, mit 
dem langlichsten seiner Fingernagel auf dem Tisch- 
tuch zeichnend. 

„Oh!!" gab Muggersleben von sich und legte be- 
teuernd seine Hand auf die Magengegend. 

Windbach war noch ganz starr daruber, daB die 
beiden anderen Herren hinter seinem Rticken das 
gleiche gewagt hatten. Seine hellblauen Glotz- 
augen drohten ihm schier auf den Teller zu fallen. 

„Was tu' ich nun, urn zu erfahren, welcher von 
Ihnen mich am meisten liebt?" 

Papa Diaz hob drohend den Finger. Dahinter 
steckte sicher wieder eine Schelmerei. 

„Stellen Sie uns auf die Probe!" rief Windbach 
begeistert. Seine Aktien stiegen langsam wieder. 

„Ja, ja!" echote Muggersleben, seine Faust auf 
den Tisch fallen lassend. 

„Wir schlagen uns um Sie!" 

„Das fehlte noch!" dachte Durchlaucht. 

„Wenn jemand iiberhaupt sich da noch besinnt, 
wo man Ftirstin KreB werden kann?" 

Er zuckte bloB die schmalen Schultern. 

„0 that is most interesting!" lispelte die Eng- 
landerin, welche alle Arten von Kampfen leiden- 
schaftlich liebte. 

„0, wo denken Sie hin!" rief Dolores. „Unser 
Zusammensein ist ja wunderbar genug, so weit wol- 
len wir die Romantik nicht treiben!" 

„Schade," dachte Muggersleben. 

„Ich glaube, daB derjenige mich am meisten liebt, 
der fur mich eine Gefahr besteht. Aber nicht ge- 
genseitig sollen Sie sich befehden. Ich verlange 
nichts weiter, als daB die drei Herren sich hier im 
anstoBenden Zimmer auf drei Stiihle setzen. Wer 
von Ihnen zehn Minuten sitzen bleibt, ohne seine 

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Ruhe und Kaltblutigkeit zu verlieren, der liebt mich 
am meisten." 

„Weiter nichts?" meinte Durchlaucht. „Da wer- 
den wir wohl ruhig alle drei die zehn Minuten ab- 
sitzen." 

„Wer weifi!" dachte Dolores und gab dem Neger 
Jim auf spanisch einen Befehl. Dieser verschwand 
grinsend. 

„Ah, ich errate — das sind wohl elektrische Stiihle 
oder so 'n Zauber!" 

„Keineswegs! Aber es ist eine Mutprobe, die we- 
nige bestehen wiirden," erwiderte Dolores. 

„Und bloB ruhig dasitzen?" fragte Muggersleben. 

„Sie dtirfen bloB nicht vom Stuhle aufstehen, alles 
andere ist gestattet. Die Tiiren werden zugeschlossen 
und ich beobachte Sie durch ein Loch in der Tiire, 
ob Sie htibsch tapfer sind." 

Man horte im Wohnzimmer etwas sagen. 

„Na, das Loch, durch welches Sie uns beobachten 
wollen, scheint ja janz jesegnete Dimensionen zu 
kriegen!" witzelte Windbach. „Ich gestehe, mir ist 
die janze Jeschichte noch ziemlich schleierhaft." 

„Mir audi!" sagte Muggersleben, fest entschlos- 
sen, die 10 Minuten auszuhalten und sollte er auf Dy- 
namit sitzen. 

„Kann's losgehen?" fragte Windbach mit dem 
gleichen EntschluB, indem er aufsprang. 

„Treten Sie ein!" sagte Dolores. 

Die Herren traten in das Zimmer, welches auBer 
Bildern an den Wanden, einem Tisch und verschie- 
denen Stuhlen nichts Bemerkenswertes enthielt. 

„Setzen Sie sich, wohin Sie wollen und dann nicht 
mehr ruhren, sobald ich dreimal an die Tiir klopfe, 
dann beginnen die 10 Minuten. Hier hangt eine 
Wanduhr, bei der 11. Minute sind Sie frei." 

„Das wird ein ganz fauler Zauber!" sagte Wind- 
bach ahnungsvoll. „Will mir wenigstens noch einen 
Tobak anstecken!" 

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Durchlaucht waren sehr &rgerlich iiber diese Kin- 

derei, sie bereute schon nein, sie bereute 

nichts, die 50 Millionen Dollars waren ihr eben wie- 
der durch den Kopf gegangen. 

Muggersleben setzte sich schwer auf einen Stuhl. 
„Ich sitze schon — von mir aus kann's losgehen." 

Papa Diaz, MiB InverneB und Wachtmeister Prinz 
waren im Nebenzimmer geblieben, wo man bei 
Tische gesessen hatte. Dolores drehte den Schlussel 
um und steckte ihn in die Tasche. 

Don Diaz fragte seine Tochter etwas auf spanisch. 
Diese antwortete auf spanisch. Es schien eine groBe 
Meinungsverschiedenheit zu herrschen, aber Dolores 
behielt recht wie immer und sprang davon. 

Windbach hatte sich eine Zigarre angesteckt und 
visitierte die zweite Ttir. 

„Aha! Hier hat man vorhin ein Stuck ausgesagt, 
da kommt offenbar nachher etwas herein!" 

„Hatte ich nur meinen Pallasch mitgenommen!" 
sagte Muggersleben. 

„Was ntitzt Ihnen denn der Pallasch?" entgegnete 
Durchlaucht. „Sie miissen ja ohne Mucksen auf dem 
Stuhle sitzen bleiben." 

„Sitzen bleiben schon, aber riihren ist gestattet," 
meinte Windbach. „Aha, es geht los!" Er setzte 
sich schnell auf den Stuhl, der von dem Tiiraus- 
schnitt am weitesten weg war, wahrend der Ftirst 
in der Nahe von Muggersleben Platz nahm. 

Drei kleine Schlage tonten jetzt an der unheim- 
lichen Tiire und 

Und auf tut sich der Zwinger. Ja, wahrhaftig, der 
Schieber unten offnet sich und herein springt ein 
Affchen. Die drei Herren lachten laut auf. Ah, jetzt 
war die Situation klar. 

„Lachen Sie nicht zu frtih!" scherzte Windbach 
zu den beiden anderen Herren, die wie Steinfiguren 
auf ihren Stiihlen saBen. „So ein Affe ist " 

Schwupp, saB das Affchen auf Durchlauchts Kopf, 
10 

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der Schieber ging wieder auf, zwei weitere, etwas 
groBere Affen hupften herein und ohne weiteres zu 
ihrem Kollegen, der auf der Durchlaucht saB. Der 
Platz war etwas klein und die Affen klammerten 
sich an Ohren und Haaren, da hatten sie freilich we- 
nig Halt. 

Muggersleben und Windbach briillten vor Lachen. 
„Pardon, Durchlaucht, das — ha, ha, ha! — das sieht 
zu putzig aus!" 

„Ihr habt leicht lachen!" grollte der Fiirst. „Diese 
Bestien zerschinden mir den Kopf, und wenn ich sie 
an den Schwanzen herunterziehen will, dann — au 
— au — verdammtes Cafehaus — ich lasse sie lieber 
sitzen." 

„Bravo, wir trotzen den brasilianischen Tiicken!" 
rief Windbach, vergnugt weiterrauchend. 

„Noch neun Minuten!" 

„Pautz, jetzt kommt's aber dick!" sagte Muggers- 
leben, der sich mit beiden Handen am Stuhl festhielt, 
um ja nicht aufzustehen. 

Vier weitere Affen, gefolgt von einem ziemlich 
groBen Pavian, betraten die Arena. 

Der Pavian lief ganz gemutlich im Zimmer herum, 
wahrend die Affen wie toll umherhopsten. Hopp, 
hier sprang einer Muggersleben auf den SchoB. Der 
andere riB ihn am Schwanz wieder herunter. Hoppla, 
jetzt beide auf Schultern und Kopf — - jetzt ver- 
drSngten sie die andern. Hopp, nun sprang einer 
auf Windbach hinuber, dazu machten sie ein Qe- 
schrei, daB einem hatte angst und bang werden 
mogen. 

„Qanz netter Kauz das," witzelte Windbach noch 
immer, „mein Brasilianer. Mut, meine Herren, wir 
haben nur mehr acht Minuten." 

„Alle Hagel!" schrie jetzt Durchlaucht. 

„Was kommt da?" 

Herein spazierte ganz gravitatisch ein kleines Kro- 
kodil, gut iiber einen Meter lang. 

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Die Affen schrien. Der Pavian sprang auf den 
Tisch und kratzte sich. 
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Das Krokodil marschierte langsam gerade auf 
Durchlaucht los. 

„Sapristi, was hab' ich denn bloB ftir'n Geruch an 
mir, daB es die Biester gerade auf mich abgesehen 
haben. Gsch — gsch — fort mit dir!" 

Durchlaucht hielt dem Krokodil ein Bein hin, in 
der Hoffnung, es sich vom Leibe zu halten. Aber 
dieses muBte heute noch nichts zu fressen gekriegt 
haben. Es schnappte ganz gehorig nach Durch- 
lauchts Bein und erwischte es an der Hose. 

„Au — Mistkafer!" brullte Durchlaucht. „Gehst 
du gleich!" Er sprang auf und warf dem Krokodil 
seinen Stuhl an den Kopf. Die Affen verloren das 
Gleichgewicht, purzelten herunter, einer reterierte zu 
Windbach, der jetzt 2, die andern zu Muggersleben, 
der 5 Affen auf sich kleben hatte. 

„Alle Wetter, ich hatte ja sitzen bleiben sollen!" 
jammerte Durchlaucht jetzt. 

„Nur noch 7 Minuten. In 3 Minuten 50 Millionen 
Dollars verloren!" 

„Ja, so'n Krokodil ist 'n ekliges Schindvieh!" 
witzelte Windbach. „Meine GroBmutter hat mir mal 
eine schauerliche Geschichte — oho! kommt der 
Wurm jetzt auf mich! Ich bleibe sitzen! Mehr als 
beiBen kann mich das Scheusal nicht!" Er zog die 
Beine hinauf bis an die Nase. 

Das Krokodil zog unter dem Gekreisch der Affen 
voriiber und wandte sich wieder gegen Durchlaucht, 
die unmutig auf und ab ging. 

Windbach hatte wieder Luft. 

„Obacht, Durchlaucht! da kommt noch eins — 
hab' mir ja gedacht. Immer htibsch paarweise! Her- 
einspaziert, die Menagerie vergroBert sich! Das Ge- 
schaft bliiht!" 

Ein zweites, ansehnlich langeres Krokodil mar- 
schierte auf und von der andern Seite auf Durch- 
laucht los, die zwischen zwei Feuer geriet. 

„Nu wird's aber toll!" schrie Durchlaucht ganz er- 

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bost, „wenn ich nur irgendeine Waffe hatte, waren 
mir die Kreaturen bald still — aber," hupp, er ent- 
schloB sich, tiber ein Krokodil wegzuspringen, das 
nach ihm schnappte. „Aber einen so hilflos ohne 
Waffen da den wilden Bestien vorwerfen, das ist 
doch direkt unanstandig!" 
/ Die Uhr zeigte noch 6 Minuten. 

Das eine Krokodil blieb jetzt still liegen und 
schaute ganz verschmitzt drein, das andere ging 
schnurstracks auf Windbach los. 

„Hurra!" rief dieser. „Ich opfere einen Affen!" 
Er rifi den einen Affen herunter, der ihn furchtbar 
schreiend ttichtig biB, und schleuderte ihn dem An- 
greifer auf die Nase. 

Dieser schien tiberrascht und wandte sich jetzt mit 
seinem Gefahrten gegen Muggersleben. 

Dieser machte es Windbach nach und pelzte einen 
nach dem andern von seinen 5 Affen, die ihm die 
Ohren schier ausrissen und sich an seinem Schnurr- 
bart heulend anklammerten, gegen die Angreifer. 

Diese schienen aber nun wtitend zu werden. Sie 
schnappten ganz bedeutend. 

Als Muggersleben seine Affen verschossen hatte, 
ging er zu FuBtritten iiber. 

„Ich bleibe sitzen — ich bleibe sitzen," schrie er 
mit wahrem Furor teutonicus. „Da, du KrSte, hast 
du was!" Einen machtigen FuBtritt versetzte er 
einem Krokodil, daB es iiber und tiber an die Wand 
flog, wo Durchlaucht wtitend stand. 

„Bitte sehr! nicht wieder auf mich!" protestierte 
dieser. 

„Da, du Schuft!" stieB Muggersleben nach dem 
andern. 

„Ttichtig, Muggersleben!" feuerte ihn Windbach 
an, der jetzt sehr vergntigt auf seinem Stuhle ritt. 
„Wir haben nur mehr 5 Minuten. Qeben Sie dem 
Aas 'n paar tuchtige Sporen!" 

Muggersleben wollte den Rat befolgen und hob 

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das Bein hoch auf, um von oben herunter mit dem 
Sporn zu hacken. 
„Tiichtig! Qeben Sie's ihm tiichtig, bis es Kroko- 




dilstranen weint!" feuerte Windbach den Kame- 
raden an. 

Dieser stieB tiichtig zu und — pautz, fiel er mil 
samt dem Stuhl um und streckte die Beine gegen 
die Decke. 



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„Hahn im Korb! Hahn im Korb!" jubelte Wind- 
bach innerlich. 

Samtliche Affen nahmen jetzt auf dem Gesturzten, 
Qraf Muggersleben, Platz. Das gab ein riesiges Qe- 
zeter. 

Da rasselt der Schieber wieder! 

Ah, das war stark! 

Eine mordsgroBe Brillenschlange wurde hereinge- 
schoben. 

Furst KreB und Muggersleben, der die Affen abge- 
schuttelt hatte, packten ihre Stuhle und hielten sie 
vor. 

Jetzt wurde die Sache wirklich ungemutlich. 

Die Brillenschlange richtete sich hoch auf, zischte 
ganz zornig und rollte sich dann langsam gegen 
Windbach zu. 

„Meine Herren, halten Sie mir doch das Insekt 
vom Leibe, da Sie doch schon 'mal verspielt haben!" 
jammerte Windbach. „Ich habe eine angeborene 
Idiosynkrasie gegen Schlangen! SchmeiBen Sie ihm 
was an den Kopp!" 

Der gutmiitige Muggersleben warf machtig mit 
dem Stuhl — » traf aber nicht. 

Jetzt warf Furst KreB und streif te sie. 

Zzsch — sch! machte die Brillenschlange wtitend 
zungelnd und fuhr gegen Windbach los. 

Mit einem Satz sprang dieser auf den Tisch und 
stieB den Pavian hinunter, welcher schreiend auf den 
Ofen entfloh. 

„Der Pavian ist der vernunftigste von uns!" rief 
Windbach, dem sein Humor stets treu blieb, und 
sprang ebenfalls mit zwei Satzen auf den Ofen, mit 
dem Recht des Starkeren den Pavian wieder hin- 
unterstoBend. 

Durchlaucht, die das eine Krokodil eben wieder 
attackierte, kletterte nach. 

„Nehmt mich auch mit, Schwerenot!" schrie Mug- 



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gersleben und faBte den obern Ofenrand, um sich 
hinaufzuschwingen. Aber das war zu viel, der Ofen 



brach ein, daB die Kacheln wie ein Qranatfeuer in 
der Stube umherilogen. 
Die Brillenschlange und die Krokodile dachten, der 

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Steinhagel sei auf sie gemunzt, und wurden jetzt 
vollends wutend. 

„Meine Herren!" sagte Windbach, der am ersten 
wieder auf den Beinen war, „nun wird die Sache 
schlimm, ich habe die Ehre, mich zu empfehlen." Mit 
einem Sprung war er am Fensterbrett, riB das 
Fenster auf, um hinauszuspringen. Die beiden an- 
dern Herren folgten seinem Beispiel. 

Alle drei standen jetzt am Fensterbrett, wahrend 
die Schlange ihnen gefolgt war und sie anzischte, 
machtig ihren dicken Hals blahend. 

„Es wird gar nich lange dauern, so turnt det Rep- 
til hier auch herauf," meinte Windbach, der sich wie 
die andern aufien am Fensterkreuz hielt. „Aber 
springen? Sehn Sie mal. Es ist ja bloB ein Stock- 
werk — aber fur was halten Sie das da unten gerade 
unter dem Fenster. Ist das bloB altes Stroh oder 
denken Sie, 's ist Jauche mit drunter? Was?" 

„Ich halte es fur den Misthaufen schlechtweg!" 
meinte Muggersleben trocken. „Da geben Sie lieber 
auf die Boa da unten acht — sie schnappt weiB Gott 
nach uns!" 

Abwechselnd zogen die drei die Beine zuruck, 
wenn ihnen die aufgebrachte Schlange nahe kam. 

„Ich mache den Kriegstanz nicht mehr mit!" re- 
signierte Windbach. „Ich springe auf jeden Fall, ob 
es nu da unten trocken ist oder naB. Un — deux — 
trois!" Windbach lieB das Fensterkreuz los und 
sprang hochelegant hinunter. Einen Moment ver- 
schwand er vollig, dann tauchte er sprudelnd und 
pustend wieder auf: 

„Muggersleben!" schrie er. 

„Ja — was gibt's?" 

„Mug— gers— le— ben ! det Ding is naB!" 

„Ich mache auch nicht mehr mit!" sagte jetzt Mug- 
gersleben. „Ich versuche es mit der Dachrinne!" 
Er griff seitwarts nach der Dachrinne und hantelte 
als guter Turner langsam dran herunter, auf dem 



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Kopf einen Affen, der im letzten Augenblick noch 
darauf gesprungen war. 

Durchlaucht blieb allein am Fensterkreuz, bald 
rechts, bald links der erbosten Schlange auswei- 
chend. Die Affen hatten sich, mit Ausnahme des 
Pavians, der wieder am Tisch saB, alle zu Durch- 
laucht gefliichtet und hingen wie die Trauben an 
ihren Beinen. 

Die Schlange wandte sich immer schneller hin und 
her, so daB Durchlaucht klimmziehen muBte, wo- 
durch sie in eine hohere Lage kam, den Kopf krampf- 
haft tiber das Fensterkreuz streckend, die Beine mit 
dem Qewicht der Affen dran hoch hinaufgezogen. 
— Ein herrliches Bild! 

Da offnete sich die Ttire. Dolores, die sich vor 
Lachen kaum mehr halten konnte, trat ein. 

„Ja, wo sind denn die Herren? Kommen Sie doch 
herunter, Durchlaucht. Die lieben Tiere sind ja ganz 
zahm!" 

Die Schlange hatte sich gleich zusammengerollt. 
Dolores fuhr mit der Hand tiber sie. „Ja, meine gute 
Cora, beruhige dich nur wieder." Die Krokodile blie- 
ben ganz damlich ausgestreckt am Boden liegen. 

Die Affen lieBen des Fursten Beine los, der zo- 
gernd herunterkam, und htipften zahnefletschend urn 
ihre Gebieterin. 

Muggersleben kletterte mit seinem Affen auf dem 
Kopf wieder empor und stieg zum Fenster herein. 

„Ich bedauere, meine Herren — wo ist Baron 
Windbach?" „Er zieht sich urn," sagte Mug- 
gersleben. — „Ich bedaure, Sie sind ja nicht sitzen 
geblieben. Sie wollen, scheint es, lieber mich sitzen 
lassen. Es war ja gar keine Qefahr. Meine gute 
Cora, die Sie so schlecht behandelt haben, hat nicht 
einen einzigen Zahn, ebensowenig wie Fix und Fox, 
meine kleinen Alligatoren. Papa wtirde sie sonst 
nicht dulden. Wenn sie schnappen, kneipt es ein 
wenig, weiter nichts." 

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Jetzt gerieten die beiden Herren erst in Wut. 

„Ja, warum haben Sie das nicht gleich gesagt?!" 
platzte Muggersleben heraus. 

„Dann w£ren Sie sitzen geblieben!" lachte Do- 
lores. „Das glaub' ich!" 

Jim brachte die Tiere wieder unter, die sich ganz 
gutmiitig und derb anfassen lieBen. 

„Sie haben iibrigens tapfer genug ausgehalten, ob- 
wohl es eine Beleidigung war, daB Sie nicht sitzen 
blieben!" 

„Wieso?" staunte Durchlaucht. „Das auch noch, 
anstatt daB sie sich entschuldigte." 

„Weil Sie brasilianischer Gastfreundschaft zuge- 
traut haben, man lasse G£ste ohne Waffen mit ge- 
f&hrlichen Tieren zum SpaB kampfen!" 

Die Grandezza, die Dolores bei diesen Worten 
entwickelte, war unvergleichlich. 

Durchlaucht sagte sich selber ganz leise ein Wort, 
das klang etwa wie „Esel!" 

Auch Muggersleben seufzte: „War' ich nur sitzen 
geblieben, ich " auch so was Ahnliches. 

Dolores offnete auch die andere Tiire, an welcher 
Diaz, Prinz und MiB InverneB abwechselnd das 
Schliisselloch belagert hatten und sich noch immer 
vor Lachen ausschiitten wollten. 

Muggersleben beteuerte jetzt, wenn er nicht um- 
gefallen ware, ware er fest sitzen geblieben. 

Durchlaucht behauptete, bloB in der Zerstreutheit 
aufgesprungen zu sein. 

Nun kam auch Windbach, der sich blitzschnell ge- 
waschen und angekleidet hatte, aber immer noch 
einen ganz merkwurdigen Geruch ausstromte. 

Als er den Sachverhalt erfuhr, sagte er: 

„Ohne meine Idiosynkrasie saBe ich noch auf dem 
Stuhl. Ein altes Weib ohne Zahne is ooch nich jif- 
tig — aber wenn sie auf mir losjaloppte, bleibt Ihnen 
kein Leutnant sitzen. Fur mich ist eene Schlange 
so viel wie zwei alte Weiber. Nu machen Sie jutigst 

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'n Vers druf. Obrigens will ich Ihnen was sagen, so 
ne Klapper- oder Brillenschlange kann mir ein Zeug- 
nis vom Zahnarzt in die Hand driicken, daB sie kee- 
nen elnzigen Giftzahn besitzt — ich glaube es doch 
nicht. So'n Biest kriegt uf eenmal 'n Weisheitszahn 
irgendwo nachgewachsen. Wie denn?!" So zog 
sich Windbach aus der Affare. 

Eine Zeitlang wurde noch so weiter gewitzelt, 
dann schlug Dolores eine andere Unterhaltung vor. 
Tennis? Das dauerte zu lang, bis es hergerichtet 
war. 1st auch viel zu zahm! Ein Ritt? Dazu waren 
die Pferde von gestern zu miide. ScheibenschieBen? 
schlug einer der Herren vor. 

„Ja, ja! Das war das Richtige! Jim, die Pistolen!" 
rief Dolores freudig. Sie war namlich die richtige 
Kunstschutzin. Da konnte sie die Herren wieder 
ausstechen ! 

Bald hatte man im Park einen wunderschonen 
Platz gefunden. Ein Tisch wurde aufgestellt. Ein 
groBes Brett an eine machtige Eiche gelehnt, Prinz 
machte schnell eine Scheibe drauf und los ging das 
SchieBen. 

Erst kam Papa Diaz. Auf zehn Schritte schoB er 
hart ans Schwarze. Dann trafen Muggersleben und 
Fiirst KreB zwei Ringe, Windbach einen Ring und 
Prinz schoB ins WeiBe. Dann kam Dolores. Sie 
schoB mitten in den Punkt. 

So ging es fort mit wechselndem Qliick, Dolores 
schoB fast jedesmal selbst auf groBere Entfernun- 
gen Punkte. Diaz, Fiirst KreB und Muggersleben 
hielten sich so ziemlich gleich. Windbach und Prinz 
blieben die wenigst guten Schiitzen. Dolores wurde 
das bald zu langweilig. Sie schoB nach allem Mog- 
lichen. Dort traf sie eine Pflaume. Muggersleben 
warf einen Taler in die Hohe — sie traf ihn. Es war 
erstaunlich. 

Papa Diaz hatte sich zuriickgezogen, nachdem er 
mehr aus Artigkeit eine Zeitlang mitgetan. 

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Die Herren machten Dolores riesige Elogen tiber 
ihre erstaunliche Sicherheit. 

„Oh," rief Dolores, „wir haben uns driiben immer 
Kartenblatter aus der Hand geschossen!" 

„Schneidig!" erklarte Windbach. „Habe auch mal 
jemacht im Kadettenkorps mit der Zimmerpistole. 
Habe aber meinen Kartieraden in die Hand jetroffen 
und bin ins Loch gekommen!" 

Dolores lachte. „Haben Sie Mut, mir eine Karte 
zu halten?" 

„Welche Frage!" erwiderte Windbach. „Bei Ihrer 
Qeschicklichkeit gehort da gar nichts dazu!" 

„Ah! es ist nicht jedermanns Sache. Wie mit den 
Schlangen!" lachte Dolores. „Zehn Schritte, nicht 
wahr? u 

„Meinetwegen mehr!" entgegnete Windbach, der 
darauf brannte, seine Scharte auszuwetzen. Er stellte 
sich etwa zwolf Schritte mit einem Kartenblatt von 
einem Spiel, das sich unter dem SchieBzeug gefun- 
den, in der SchuBlinie auf. 

„Papa diirfte das nicht sehen," lachte Dolores, „ob- 
schon gar nichts dahinter ist. Sehen Sie!" 

Der SchuB krachte. Die Kugel war zwischen der 
Figur und der Eichel — es war ein Eichelober — 
durchgegangen. 

Windbach hatte nicht geblinzelt. 

„Oh, das war schlecht!" sagte Dolores. „Es muB 
genau das Zeichen treffen." 

Fiirst KreB hatte eine andere Karte genommen, 
Laubkonig, und stellte sich mit weit abgestrecktem 
Arm auf. 

Knall. Haarscharf war das Laub getroffen. 

„Bravo! Bravo!" rief en die Herren. 

„Alle Farben durch!" sagte Muggersleben und er- 
griff das Schellenas. Die Entfernung hatte sich un- 
merklich etwas vergroBert. Dolores zielte lange ge- 
nau und schoB. Die Schellen waren verfehlt und die 

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Kugel hatte das untere Tier getroffen. Dolores ver- 
farbte sich leicht. Es war doch zu riskiert. 

„Ich habe wahrscheinlich nicht ruhig gehalten!" 
entschuldigte Muggersleben. 

„Weiter die vierte Farbe! Hier haben Sie, Prinz 
— Herz-Konig," sagte Windbach, dem Wachtmeister 
die Karte gebend, die dieser ruhig nahm. 

„Ich schieBe nicht mehr!" wollte Dolores sagen, 
aber es konnte nicht iiber ihre Lippen. Wieder die- 
ses eigentiimliche, fast angstliche Qefiihl. Sie nahm 
sich krampfhaft zusammen. 

Prinz stellte sich auf. Es mochten jetzt 15 Schritte 
geworden sein. Er hielt mit der Linken in mafiiger 
Entfernung vom Leib die Karte ruhig und bewe- 
gungslos. 

Dolores hatte schon den Arm erhoben. 

Sie setzte wieder ab. 

„Warum halten Sie mit der linken Hand. Das 
stort mich!" 

„Bedauere," sagte Prinz ruhig. „In meiner rech- 
ten Hand liegt meine und meiner Familie Ehre und 
Leben. Die Linke bin ich gern bereit, Ihrem Ver- 
gniigen preiszugeben!" 

Wieder dieser harte Tadel. Wieder dieser flam- 
mende Blick aus den Augen, die sie seit gestern ge- 
mieden hatte. Sie hatte die Pistole wieder erhoben. 
Ein leichtes Zittern ging durch ihren Korper. Sie 
wollte absetzen und konnte nicht. 

Der junge Kunstler schaute ihr in die Augen, so 
tief, fast vorwurfsvoll — sie fiihlte, im n&chsten 
Augenblick wiirde ihr alles vor den Augen schwim- 
men. 

Krach! Dolores schrie laut auf. Sie hatte noch 
nicht abziehen wollen. Sie war ihrer Sache noch 
nicht sicher gewesen. 

Prinz stand ruhig da mit der Karte in der Hand, 
die Windbach ergriff und nach alien Seiten drehte. 

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„Nichts vorhanden!" lachte er. „Der Herzkonig 
ist intakt geblieben!" 

„Gefehlt!" sagte Dolores schwer atmend. „Qott 
sei Dank!" 

„Aber wo mag die Kugel stecken?" fragte Mug- 
gersleben, „ich habe gar nichts in das Brett schla- 
gen h8ren." 

„Ja, wo ist die Kugel?" sagte Durchlaucht. 

„Hier!" antwortete Prinz, der leichenblaB seinen 
Rock aufknopfte, unter dem ein roter Strom hervor- 
quoll. 

Lautlos kniete Dolores bei dem BewuBtlosen nie- 
der. Sie fiihlte, daB, wenn er starb, ihr Leben zer- 
stort sei, wenn er gerettet wiirde, sie diesem Manne 
dienen wollte und ihm Abbitte leisten, solange sie 
lebte. Jetzt war es ihr klar, jenes fieberhafte Qe- 
fiihl, seit er sich vor ihr Pferd geworfen und ihr 
sagte: „Schamen Sie sich" — daB sie ihn liebte — 
unsSglich liebte! 

Die Herren waren viel erschrockener als sie. Sie 
traf alle Anstalten. Man trug ihn ins Haus. Und 
erst als der rasch herbeigeholte Arzt erklart hatte, 
es sei keine direkte Lebensgefahr, brach sie schluch- 
zend in ihrem Zimmer zusammen 

Der Oberst des 6. Dragonerregiments hatte den 
Herren Offizieren der Schwadron fiir die Dauer der 
Pferdekrankheit Urlaub erteilt und einen VeterinSr- 
arzt zur Aufsicht nach Kniffelshausen beordert. 

Der erste, welcher davon Qebrauch machte, war 
Fiirst KreB. Er hatte durch einen Brief uber seinen 
Hausherrn erfahren, daB derselbe sehr iibersch&tzt 
werde. Von 50 Millionen Dollars sei keine Rede. 

Kaum den 5. Teil sei er schwer. Na, und wenn er 
nur den 6ten schwer gewesen ware! Aber mehr als 
die Revenue aus einigen Millionchen h&tte er der 
Tochter doch nicht mitgegeben. Und dafiir eine 
Frau mit Affen, Schlangen, Krokodilen, Kartenblatter 
aus der Hand schieBen? Nee, nee und nochmals nee. 
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Auch scheint sie absolut nicht zartlicher Natur zu 
sein. Adieu Partie! Fiirst KreB reiste ab. 

Der zweite, der den Urlaub benutzte, war Wind- 
bach. Er hatte ein scharf es Auge in solchen Sachen : 
„Wenn der Junge da, der Tubenschinder und 
Schmierpinsel, erst aus seinem Lazarett entlassen 
ist — wo geht er hin? In die Druckerei und laB't 
Verlobungskarten drucken. Der Herzkonig war 
ominds! Unsereiner hat doch hof- und haushunds- 
m&Biges Pech. Ick hatte mir sehr gern eins auf die 
Tallle pletzen lassen. Nachstens trifft's eenen so- 
wieso, ohne daB man noch dafiir jeliebt wird. — Mein 
Schneider tut mir leid, der brave Mann. Na, Kopf 

oben, Windbach, es gibt noch mehr nee, luge 

nicht, oiler Junge, Dolorens jibt's verdammt diinne. 
Aber mir bluhet diese Rose nicht. Fatum. Kismet. 
Schicksal. Jetzt studier' ich aus Kummer auf die 
Kriegsakademie!" 

Mit ahnlichen Qedanken hatte sich Windbach emp- 
fohlen. 

Am langsten hielt Muggersleben aus. Er hatte sich 
an der Pflege des kranken Kameraden sehr freund- 
schaftlich beteiligt, und als dieser aufstehen konnte, 
machte er seinen Abschiedsbesuch. 

Er druckte dem alten Diaz fast die Hande entzwei, 
und als er Dolores Adieu sagte, hatte der brave Graf 
Hanns fast geheult. Doch nahm er sich zusammen 
und sagte, daB der Rotz nun bald iiberstanden sei — 
und er preise den Rotz, denn nur dadurch hatte er 
sie ja kennen gelernt, und es ginge ja freilich nicht, 
daB man gleich immer in den Himmel hineinreite, 
und wenn ihm auch die Krokodile den Stuhl umge- 
schmissen hatten, so sei doch was sitzen geblieben. 
— „Amors Pfeil" hatte er sich vorgenommen zu 
sagen. Da kam es ihm aber wieder zu albern vor, 
und er lieB es und begnugte sich damit, Dolores die 
Hand zu drucken, daB ihr die Gelenke knirschten. 



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— Als er im Coupe saB, fiel ihm auch auf einmal der 
zweite Vers ein: 

„0 wunderbare MiB Dolores, 

Mein Liebesgluck, ach, ich verlor es." 

Da ging es dann mit „kopores" usw. ganz leicht 
weiter. 

Ja, der Schmerz macht den Dichter! 

Den Tag, an dem Oskar Prinz zum erstenmal ins 
Freie gehen durfte, hatte Dolores ersehnt und ge- 
fiirchtet. Und als er jetzt am Arm des Sennors Diaz 
etwas bleich, aber ganz munter heraustrat auf die 
Terrasse in die goldige, klare Herbstluft, da trat sie 
zaghaft aus ihrem Winkel, in dem sie seit einer 
Stunde gewartet hatte, auf ihn zu. „K6nnen Sie ver- 
zeihen?" stammelte sie, seine Hand ergreifend. 

Oskar Prinz schaute ihr in die Augen und sagte: 
„Was soil ich Ihnen verzeihen? Ich danke Qott, der 
es so gefiigt hat. Denn woher hatte ich sonst den 
Mut nehmen sollen, Dolores, Ihnen zu sagen — daB 
ich Sie liebe!" fliisterte er ihr zu, die ihn selig um- 
schlungen hielt. 

Wentzel Stranitzky, welcher, seitdem ihn der 
Neger Jim bei jener Keilerei gebissen, sich sehr mit 
diesem befreundet hatte und sogar in Korrespondenz 
mit ihm stand, antwortete auf die Mitteilung 
Jims von der bevorstehenden Vermahlung von MiB 
Dolores mit Herrn Prinz: 

„Liebe Freind! Jawohl dak jest da hab zes. Wann 
brasilianische Madel dalkate glaubens, Prinz ise su 
vill wie Durglaug, wos aber nix is als ganses ge- 
wennlige Namm wie heise Huber. Ober ise schunst 
zu spad. Durglaug meines ise gworn Major — Roz 
hatt e no biBl der Rapp. Pan Oberleudnan Graf 
Mukerslowe is a gangen auf Landtwirdschaf, hat e 
nimme mogn su vielles gearger vun naies Ritmeistr. 
Pan Leidnam Windbach wos imer nit had leiden 
gennen Daumen in Suppn, hat gedan Briefung in 
11* 

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Agathemie, is fallen durch. Fraid mir. Sunst ist in 
Garnison hier langweiliges. 

Also Hockzeit hab zes baldige! Dumasch da hast. 
Wann schon nimmt e Malermeister wo stinkt e nach 
Derwendinol, h&tte kennen nemmen auch Buchbinder 
was stingt nach Qleister. Hob ich nemlich gelernt 



vor Milidar Buchbinde bis auf Lehrbub, wo dann bin 
gejagt worn fort. 

Wer Glick had fierd die Braud heim. Aber der 
Dumme had den Glick, also muB sein Braudigam 
Eieres saudumme Gerl, weil had diesen Glick. 

Es griBt Dir Dein Wensel Stranitzky." 

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Das junge Paar war unendlich glticklich. 

ScheibenschieBen konnte Dolores gar nicht mehr 
aussprechen horen, und die lieben guten Tierchen, 
Cora, die biedere Brillenschlange, und Fix und Fox, 
das gemiitliche Alligatorenp&rchen, schenkte Do- 
lores einem zoologischen Garten. 

„Es ist mir lieber so", hatte der junge Gemahl er- 
klart. Und was der wollte, das gait! Ob es sp&ter 
auch immer so blieb, daruber fehlen die Berichte. 
Wir wollen aber das Allerbeste hoffen. 



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Der Landwehrmann. 



In einem behabigen Hause in der schonsten Lage 
der Stadt saB der Professor Gottfried von Erhart 
beim Mittagessen. — Es war Friihling und in das ge- 
tafelte, reiche Speisezimmer griiBten vom Park 
herein herrliche Diifte. Erhart war ein Mann Anfang 
der DreiBiger mit einem blassen Forscherantlitz, aus 
dem ein Paar gutmiitige, lustige Augen schauten, die 
er eben voll Liebe auf seiner hiibschen Gattin ruhen 
lieB, welche dem jungsten von den drei Kindern, die 
um den runden Tisch saBen, behilflich war, ein groBes 
Stuck Apfelkuchen zu zerkleinern. 

„Du, Papa", sagte der kleine Fritz, wahrend er ein 
riesiges Stuck besagten Kuchens in den Mund schob, 
„heut' hah' ich Kanonen gesehen mit der Jette — sie 
hat uns hingefuhrt, wie sie uns aus der Schule ab- 
holte." 

„Ja, Papa," schrien Else und Hans, „viele Kanonen 
— eine hinter der anderen; ein schreckliches Gepol- 
ter war's — und den Onkel Christof haben wir auch 
gesehen, er ist vorausgeritten auf einem Rappen." 

„Du, Papa," fiigte Fritz eifrig hinzu, „ich mochte 
auch einmal bei diesen Soldaten sein mit den Kanonen 
bei der Ar — Art — " 

„Artillerie," erganzte Frau Bettina von Erhart, 
ihrem blonden Sohnchen zulachelnd. „Artillerie nennt 
man diese Waffe. Euer Papa hat auch dabei ge- 
dient." 

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„Papa? Du! Wirklich?" jubelten die Kinder. „Wa- 
rum hast du keine Uniform? MuBt du auch mit in 
den Krieg? Bitte, Papa, erzShle uns doch!" 

„Wenn ihr recht artig seid und nicht mehr iiber das 
Stiegengelander rutscht," sagte der Professor, „dann 
erzahle ich euch, so viel ihr wollt." 



„Wir rutschen nicht mehr!" riefen Elsa und Hans 
wie aus einem Munde. „Aber nicht wahr, Herzens- 
papa, dann erzahlst du uns auch von Agypten — und 
von Afrika — ja, und von dem Krokodil " 

„Nein, nein, von der Artillerie, gelt, Papa?" schrie 
Fritz. 

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„Ja, ja, was ihr wollt — so, jetzt kommt, wir wollen 
im Qartenhaus Kaffee trinken." Und der Herr Pro- 
fessor verfiigte sich in den pr&chtigen Garten, am 
Arm die hiibsche Frau Bettina, umjubelt von den Kin- 
dern, eine Zigarre mit aller Behaglichkeit rauchend, 
wie sie ein Mann empfinden darf, der in seinem Be- 
rufe zu den ersten zahlte, der ein reiches Haus sein 
eigen nannte, und als kostbarsten Schatz darin die 
liebe Familie. 

Man hatte in dem japanisch eingerichteten Pavilion 
Platz genommen, und Frau Bettina schenkte eben die 
Tassen voll, als Schritte auf dem Kies knirschten und 
ein Diener erschien, der dem Herrn Professor auf sil- 
bernem Tablett einige Briefe prasentierte. „Einen 
Augenblick, liebe Kinder, lafit mich erst die Briefe 
durchsehen." Erhart offnete den ersten: 

„Im Auftrage Seiner Hoheit — — ah, beim 
Prinzen Stefan morgen zur Tafel geladen — da muBt 
du gleich deine neue Toilette anziehen, Bettinchen — 
freut mich, daB der Prinz wieder hier ist " 

Inzwischen hatte Erhart das zweite Schreiben er- 
griffen. „Vom Landwehr-Bezirkskommando" — hastig 
erbrach er es. „Auf 12 Tage zur Dienstleistung beim 
Garde-Feld-Artillerie-Regiment einberufen — ah, das 
kommt aber unerwartet und gerade wahrend meines 
Urlaubs — " 

Frau Bettina beugte sich teilnehmend liber das un- 
heilvolle Blatt. „Aber, Gottfried, das tut ja nichts, wir 
freuen uns, dich in der Uniform bewundern zu kon- 
nen!" 

„Die Bewunderung wird nicht groB sein," meinte 
Erhart mit einem bittersiiBen Lacheln, „kommt, Kin- 
der, spielt ein wenig im Garten, mir ist die Lust zum 
Erz&hlen vergangen, heute abend vielleicht — so geht 
nur!" 

Die folgsamen Kinder sprangen in den Garten. „Die 
Sache ist nSmlich wirklich nicht sehr reizend — ja, 
wenn ich Offizier ware " 

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„Wie, Gottfried, du bist nicht Offizier?" erstaunte 
die junge Frau. 

„Schau' mich nicht so an," lachte Erhart, „sonst 
schame ich mich wahrhaftig. Ich will nicht hoffen, 
daB das Bekenntnis, welches ich dir jetzt mache, dei- 
ner Liebe Eintrag tut. Ja, lache nur — so hore denn." 

Der Professor erhob sich mit komischem Pathos. 
„Dein Qatte, der Naturforscher, Mitglied soundso vie- 
ler Akademien, Ritter soundso vieler Orden, ist in 
seinem Verhaltnis als waffenpflichtiger Staatsbiirger 
Gefreiter!" 

Frau Bettina lachte aus vollem Halse. 

„Wenn ich das gewuBt hatte, Gottfried, hatte ich 
dich nicht geheiratet — pfui, Gefreiter — mit einem 
Knopf?" 

„Ja, mit einem Knopf," lachte der Gemahl. 

„Ich wurde namlich haupts&chlich wegen meines 
Bruders Christof nicht qualifiziert. Christof war da- 
mals noch Leutnant und wurde unglucklicherweise In- 
struktions-Offizier der Einjahrig-Freiwilligen. Er war 
damals ebenso wie heute das personifizierte Pflicht- 
geftihl, und ich nehme es ihm gar nicht tibel, daB er, 
eben weil ich sein jungerer Bruder war, bei mir dop- 
pelt so streng sein zu miissen glaubte. Da ich nun, 
abgesehen von einem ganzlichen Mangel an militari- 
schem Talent, gerade damals mich fur gar nichts 
interessierte als fur die wissenschaftlicheFrage, deren 
Losung mir auch meinen Ruf begriindete, so war mein 
armer Bruder wirklich oft genotigt, mich wegen Un- 
achtsamkeit einzusperren. Der arme Christof! Er be- 
kam zu Hause bei den Eltern dann immer die groBten 
Vorwurfe, und ich erinnere mich, daB die gute Mutter 
einmal ganz auBer sich war, weil Christof sagte, 
wenn er im Feldzug mein Vorgesetzter wurde, und 
ich tate meine Schuldigkeit nicht, so lieBe er mich er- 
schieBen wie jeden andern. 

Nun, das Jahr ging voriiber, ich wurde als Gefreiter 
entlassen, ich war nur froh, jetzt ganz meiner Wissen- 

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schaft leben zu konnen, und schiffte mich begeistert 
nach Afrika ein. Mein Bruder Christof nahm sich die 
Sache viel mehr zu Herzen als ich. Noch beim Ab- 
schied sagte er ganz ernst, ich h&tte erst nachdienen 
und mir die Qualifikation zum Offizier erwerben sol- 
len. — 

Nun, ich hatte den Vorteil, daB ich zu keiner Obung 
mehr einzurucken brauchte, mit Ausnahme einer ein- 
zigen — wie du hier siehst, und das wird auch bald 
iiberstanden sein." 

Wahrend die beiden Qatten noch so plaudernd beim 
Kaffee saBen, kam ein groBer Offizier den Weg her- 
auf. Sein gebrauntes Qesicht mit dem starkenSchnurr- 
bart hatte trotz der gutmiitigen Augen einen strengen, 
geschlossenen Ausdruck. 

„Quten Tag, Gottfried." — „Ah, du bist's, Christof?" 
— „Quten Tag, lieber Schwager." Man begruBte sich 
handeschuttelnd. Es war der Hauptmann Christof 
von Erhart. 

„Du, Christof," sagte der Professor, wahrend Frau 
Bettina dem Qast Kaffee einschenkte. „Du wirst 
lachen. Ich bin auf 12 Tage zur Landwehrubung ein- 
berufen." 

Aber Bruder Christof lachte nicht. Er runzelte bloB 
die Stirn und machte „hm". 

„Du glaubst vielleicht, es ist mir sehr unangenehm, 
im Qegenteil, lieber Christof. Ich durfte ja nur bei 
meinen Beziehungen ein Wort sagen, so wtirde man 
wohl bei meiner Stellung von der Obung absehen, 
aber " 

„Da irrst du dich," unterbrach ihn der Hauptmann. 
„Du hast da wieder dieselbe falsche Ansicht wie da- 
mals als Einjahriger, als du glaubtest, du brauchest zu 
keinem Dienst rechtzeitig zu kommen, weil du mein 
Bruder bist! Und jetzt meinst du, der Staat soil dir 
zulieb, weil du es bist, wieder eine Ausnahme machen. 
Das kommt davon. Ein vom Qluck gepriigelter 
Mensch, das warst du von jeher. Daher mangelt dir 



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auch der Sinn fur das strenge Pflichtgefiihl, wel- 
ches " 

„Oho," ereiferte sich der Professor, „ich diene dem 
Staat auf m e i n e Weise, um Kanonen abzuschieBen, 
braucht man nicht das Wissen, das ich mir errungen." 

„Jawohl, wenn du nur wenigstens eine Kanone ab- 
schieBen konntest — aber das hast du ja nicht ge- 
lernt. Du dienst dem Staat auf deine Weise. Qanz 
gut. Aber der Staat verlangt von dir auch, daB du 
ein Qeschutz abfeuern kannst. Wenn heute befohlen 
wird, daB ich eine Abhandlung iiber Kafer und Spinnen 
schreibe, so kannst du sicher sein, ich schreibe sie, 
und wenn mir das Gehirn bei den Haaren heraus- 
kommt." 

„Ja — wird auch danach ausfallen." 

„Besser jedenfalls als deine Qeschiitzbedienung!" 

„Wie kann man so etwas uberhaupt vergleichen!" 

„Warst du dabei gewesen, wie die franzosischen 
Kurassiere auf uns attackierten, so hattest du einge- 
sehen, daB ein langsamer Peter, wie du am Qeschutz, 
dem Vaterland mehr geschadet hatte, als deine samt- 
lichen Kafer- und Heuschreckensammlungen Nutzen 
stiften." 

„Aber Briider," begiitigte Frau Bettina, „wer wird 
sich so ereifern!" 

„Du hast recht, Hebe Schwagerin — es nutzt ja doch 
nichts, da fehlen eben alle Voraussetzungen. Ich habe 
es langst aufgegeben. — Na, ich wiinsche dir nur, daB 
du nicht meiner Batterie zugeteilt wirst!! Vielmehr 
m i r wiinsch' ich es, du wiirdest wieder Sachen an- 
stellen, daB ich deinetwegen noch in Pension miiBte." 

„Oh, dann schreibst du die Abhandlung iiber Kafer 
und Spinnen!" lachte der Professor. 

„Ja, und Heuschrecken — na, adieu, Schwagerin — 
ich muB in die Kaserne — adieu, Gottfried. WeiBt du, 
eigentlich siindigst du sehr auf meine briiderliche 
Liebe. DaB der Bruder vom Hauptmann Erhart ge- 
meiner Soldat ist, wenn auch nur 12 Tage, das ist 

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nicht gerade angenehm. Du wirst dich wundern. Jetzt 
bist du nicht mehr Einjahriger. Na, in Qottes Namen. 
Adieu, Leutchen." 

Damit empfahl sich der brave Hauptmann. 

„Du irrst dich, Christof," schrie ihm der Professor 
nach, „ich bin ja Q e f r e i t e r!" 

„Ist bekanntlich nur ein hoherer Qrad der Qemein- 
heit," replizierte der Hauptmann aus der Feme. 



Der Tag war herangeriickt, an welchem der Herr 
Professor Weib und Kind verlassen sollte, um dem 
Staate zu dienen. Das Regiment befand sich bei den 
SchieBubungen auf der Dunnersheide, und der Herr 
Professor hatte sich per Bahn dahin zu verfugen. Auf 
dem Bahnhof zartlicher Abschied, als ging' es ins 
Feld, und Frau Bettina hatte wirklich Mtihe, bei dem 
Qedanken daran die Tranen zuruckzuhalten. Gott- 
fried winkte noch aus dem Fenster des Coupes erster 
Klasse zuriick, lehnte sich dann behaglich in die 
Polster und vertiefte sich in ein wissenschaftliches 
Werk, den kostlichen Duft einer Havanna vor sich 
hinblasend. So verging die mehrstundige Fahrt rasch. 
Fast hatte der Professor den Ruf Dunnersheide iiber- 
hort, so sehr fesselte ihn seine Lektiire. 

Auf dem Perron standen schon in Reih* und Qlied 
etwa 50 Manner in bauerlicher und biirgerlicher Klei- 
dung, die einen die wenigen Habseligkeiten im 
Schnupftuch tragend, andere mit kleinen Kofferchen. 
Ein Wachtmeister und einige Unteroffiziere hatten 
schon wiederholt abgezahlt, und wahrerid ein Unter- 
offizier „rechts um" kommandierte und sich der Zug 
in Bewegung setzte, schimpfte der Wachtmeister mit 
einer Barenstimme, es sei wieder einer zuwenig. 

„Herr Unteroffizier," rief der Profesor, aus dem 
Wagen steigend, immer noch das Buch in der Hand. 
„Ich gehore auch dazu, glaub* ich!" 

„Wie heiBen Sie?" briillte der Wachtmeister. 

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„Richtig, Erhart — warum kommen Sie denn nicht 
heraus, glauben Sie, wenn Sie 1. Klasse fahren, im- 
ponieren Sie uns ?" 

„Aber, Herr Unteroffizier " 

„Der Deibel ist Ihr Unteroffizier — konnen Sie nicht 



sehen, daB ein Wachtmeister mit Ihnen spricht. Hal- 
ten Sie Ihr Maul und machen Sie, daB Sie in Reih' und 
Qlied kommen!" 

„Ich muB aber doch mein Qepack ** 

„Wollen Sie gehorchen, Schockschwerenot, beim 

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ersten Wort, das Sie noch reden, sollen Sie an die 
Einberufung denken." 

Der Zug fuhr inzwischen ab, das Gepack des Herrn 
Professors mit ihm. Wiitend war dieser der mar- 
schierenden Mannschaft nachgelauf en ; aber er wagte 
gegen den groben Wachtmeister nichts mehr zu 
sagen. 

Auf dem Koffer steht ja Namen und Adresse. Den 
bekomme ich schon wieder, mit Wasche muB mir 
Christof aushelfen — aber wenn diese Behandlung so 
weitergeht, konnen diese 12 Tage recht heiter wer- 
den. 

Unter solchen Qedanken erreichte Erhart mit den 
iibrigen Landwehrmannern das Barackenlager. „Halt 
— Front," kommandierte der Wachtmeister, als der 
Trupp vor einer Baracke im mittleren Teil des Lagers 
angelangt war. 

Die Sonne brannte tuchtig herunter, und der Herr 
Professor begann bereits, an seine kiihle Studierstube 
zu denken. 

„So, jetzt faBt jeder von euch seine Monturstucke," 
begann der Wachtmeister, „und dann holt sich jeder 
im Furagemagazin ein Bund Stroh und stopft sich den 
Strohsack. Dann konnt ihr meinetwegen die Menage 
kriegen, um 3 Uhr wird aber in der Montur ange- 
treten zum Detailexerzieren. Weggetreten!" 

Die Landwehrmanner traten zuerst in die Baracke 
und schichteten ihre Qepackstiicke auf das Zapfen- 
brett, das iiber jeder der eisernen Bettstellen ange- 
bracht war, und wurden dann von einem Unteroffizier 
in die Kammer gefiihrt, wo jeder seine Montierungs- 
stiicke empfing. 

Unser Professor war einer der letzten. Es war ihm 
schrecklich unbehaglich zumute. Dieser Qeruch nach 
KommiBbrot und Lederzeug war ihm von jeher etwas 
Qreuliches gewesen. „Haben Sie keinen bessern 
Rock?" sagte er zu dem betreffenden Unteroffizier, 
mit zweifelhaftem Blick den Waffenrock musternd, 



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dessen schmieriger Kragen nicht einmal durch den 
glanzenden Qefreitenknopf gehoben werden konnte. 

„Erstens bin ich keen ,Sie\ sondern die Anrede ist 
,Herr Unteroffizier*, zweitens werden Sie mit Ihren 
,Winterfenstern* — er meinte die Brille des Professors 
— „in eenem annern Rock ooch keenen kltigern Kopp 
kriegen. Wann Sie aber wollen, dann Schick' ich mor- 



gen eenen Extrakurier nach Paris und laB Ihnen den 
dortigen Regimentsschneider kommen. Und jetzt 
driicken Sie sich, ich habe noch mehr zu schaffen!" 
Damit warf er dem armen Erhart noch eine Hose, 
Miitze, Halsbinde und Drillichanzug iiber die Arme, 
legte einen Sabel darauf und sttilpte ihm einen Helm 
auf den Kopf. „PaBt!" schrie er. „Weiter, der 
Nachste!" 
Der Helm rutschte zwar dem armen Erhart iiber 

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die Ohren, aber er hatte nicht einmal Zeit, wiitend zu 
werden, so schnell ging das alles. 

In die Baracke zurtickgekehrt, ging die Umwand- 
lung vor sich. Wenn Bettina ihn so sehen konnte. Die 
weiten Hosen, unter denen der kleine FuB kaum zum 
Vorschein kam, der Rock mit den zu langen Armeln 
und dem schmierigen Kragen, die Feldmutze auf dem 
Kopf, der mit seiner bedeutenden Stirn und den Bril- 
len so gar nicht zu diesem Anzug paBte! 

Der Herr Professor seufzte tief auf. 

„Sie sin wohl auch nich gerne eingeriickt, Herr Pro- 
fessor?" sagte der Nachbar zur Linken, ein furchtbar 
schmierig aussehender Mann, der Erhart ubrigens be- 
kannt vorkam. 

„Sie kennen mich wohl nich in die Verkleidung?" 
lachte der andere. „Ich bin der Gartner, den Sie emol 
fortgejagt haben. Es hat sich damals um eine Kleinig- 
keit gehandelt, die wechgekummen war. 's hat mir 
schlecht gegange seit der Zeit. Aber es freut mich, 
daB wir uns doch wiederfinden!" 

Erhart graute es. Er kam sich vor wie zur Zwangs- 
arbeit verurteilt. Mit diesem Kerl — • jawohl, er er- 
innerte sich ganz gut — mit diesem Menschen 12 Tage 
an die Qaleere geschmiedet! 

In sein Schicksal ergeben, holte der Professor sein 
Biindel Stroh und stopfte es in den Strohsack, wobei 
der zudringliche Nachbar immer ein Qesprach anzu- 
knupfen suchte. 

Er lieB die Mannschaft ruhig die Menage holen 
gehen. 

„Holst du keine Menage?" fragte der Nachbar zur 
Rechten, ein stammiger Bauersmann, den Professor. 

„Nein, mein Freund," erwiderte dieser. „Sie kon- 
nen meine Portion fur sich nehmen." 

Der Bauersmann bedankte sich, seinen Kameraden 
verwundert anschauend. Seinen Bruder Christof auf- 
zusuchen, schamte sich der Professor. „Du bist nicht 
mehr Einjahrig-Freiwilliger," das klang ihm noch in 

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den Ohren. Er schritt also zur Kantine, die einige 
hundert Schritte entfernt war, und setzte sich an einen 
der Holztische, die im Freien angebracht waren. Bier 
und Kase war alles, was man haben konnte. Seufzend 
dachte der Professor an sein altdeutsches Speisezim- 
mer. Aber der Hunger ist ein guter Ersatz fiir ele- 




•*S^~ ^-v_ 



^v^^^xcc^^\* 



gantes Qedeck. Er lieB sich das einfache Mahl 
schmecken, brauchte er doch wenigstens nicht neben 
dem davongejagten Gartner sich aufzuhalten. 

Qanz gemutlich wurde es ihm sogar, als er sich 
eine von den guten Zigarren anziindete, die er noch 
bei sich hatte. Er lachte vor sich hin bei dem Gedan- 
ken, diese Strapazen alle in komischer Beleuchtung 
seiner Bettina zu erzahlen. Dabei iibersah er einen 
12 

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Offizier, welcher an ihm voruberging. Der Professor 
hatte vergessen, daB er in Uniform war, denn er 
dachte an ganz was anderes, nach derWeise der deut- 
schen Qelehrten, die immer an was anderes denken, 
als an die Qegenwart. 

In diese wurde er unsanft zuriickgeschleudert durch 
den hohen Diskant des Leutnants: 

„Sie Bauernkerl — stehen Sie mal auf ! Qlotzt mir 




da ganz frech ins Qesicht und " Hier stockte 

der Leutnant, und der Professor, der aufgesprungen 
war, machte ein sehr verblufftes Qesicht. Sie hatten 
sich beide erkannt. Es war der Reserveleutnant von 
Rumpke, den er vergangenes Jahr im Examen hatte 
durchfallen lassen. Wahrend der Professor stramm 
dastand, die Hand an der Hosennaht, faBte sich der 
Leutnant von seiner Oberraschung. 
„Ein Mann wie Sie dtirfte wohl so viel moralische 



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Kraft haben, wahrend einiger Wochen diese kleinen 
Pflichten zu erfiillen. Es ist mir sehr unangenehm, Sie 
melden zu miissen, aber das ist meine Pflicht!" 

Der Reserveleutnant entfernte sich und lieB den 
Professor wieder allein mit seinen Qedanken. Dieser 
lieB sich aus Arger noch ein Qlas Bier kommen und 
rauchte noch eine Zigarre, worauf der Arger wieder 
etwas nachlieB, so daB Erhart imstande war, mittels 
eines Mikroskops, das er aus der Brusttasche zog, die 
Kaserinde eingehender Beobachtung zu unterziehen. 

Eine Viertelstunde mochte er so gesessen haben, als 
er ganz mechanisch nach seiner Taschenuhr sah. 
.JDonner wetter! — Schon 10 Minuten nach 3 Uhr! 
Punkt 3 Uhr soil ja zum Exerzieren angetreten wer- 
den. u Er sprang auf und rannte, ohne zu bezahlen, 
fort. 

Richtig, da standen sie schon in 2 Reihen aufge- 
stellt, und davor mit einem Papier in der Hand — 
Christof — ja, wahrhaftig, kein anderer. 

Der Professor raffte einen Rest militarischer Er- 
innerungen zusammen und trat auf seinen Bruder zu. 

„Melde mich zur Stelle!" 

„Wie heiBen Sie?" fragte der Hauptmann, ohne 
eine Miene zu verziehen. 

Der Professor muBte bei dem Qedanken lachen, daB 
ihn sein eigener Bruder nach seinem Namen fragte. 

„Aber, Christof," wollte er mit gedampfter Stimme 
anfangen, aber das Wort erstarb ihm, als er die zorn- 
funkelnden Augen seines Bruders sah. 

„Unteroffizier Schmidt — der Mann exerziert zwei 
Stunden nach — in feldmaBiger Ausriistung, und mel- 
det sich danach bei mir. Machen Sie, daB Sie in Reih' 
und Qlied kommen, Sie Mensch ohne Pflichtgefiihl!" 

Gottfried schwoll die Zornesader, aber die militari- 
schen Begriffe fanden sich, dank der Erlebnisse der 
letzten Stunden, allmahlich wieder bei ihm ein. 

Das Exerzieren begann. 

Armer Professor! Du bist wirklich sehr talentlos, 
12* 

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denn wenn einer fortwahrend in falschem Schritt mar- 
schiert, kann die Qeschichte unmoglich zusammen- 




gehen. Dein davongejagter Gartner macht dich vollig 
zuschanden, denn er wird von deinem Bruder, dem 

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Hauptmann, beim langsamen Schritt belobt, wShrend 
du herumwackelst wie ein betrunkenes Huhn. 

„Landwehrmann Erhart," schreit der Unteroffizier 
Schmidt, „ich werde Ihnen gleich einen Lehnstuhl 
bringen — so was von Faulheit und Dummheit is mir 
doch noch nie vorgekommen. Wollen Sie mal fest- 
stehn auf dem linken Bein — natiirlich da failt er 
schon wieder urn. Ich mochte nur wissen, was Sie in 
Ihrer Zivilbesch&ftigung sind, ich glaube, Sie sind wohl 
Menageriebesitzer, denn mir scheint, Sie konnen bloB 

mit wilden Viechern umgehen einen gebildeten 

Menschen verstehen Sie nicht horen Sie mich — 

feststehen sollen Sie auf dem linken Bein. — 1st der 

Mensch dumm feststehen und hinten aushalten. 

Eins — und zwei! Ich sag's ja immer, die mit den 
Winterfenstern sind die blfldsinnigsten — eins und 
zwei." — Und dicke, unzShlige SchweiBtropfen fielen 
vom weisen Haupte des Herrn Professors auf die 
vaterl&ndische Erde. 

Als das Exerzieren zu Ende war und die andern 
frohlich einriickten, muBte sich Erhart feldm&Big aus- 
rusten und noch einmal antreten. Wenn ihm sein 
Nachbar, der davongejagte Gartner, nicht geholfen 
hatte, Erhart hatte in seinem ganzen Leben eher die 
bulgarische Frage als seinen zerflickten Mantel ins 
Rollen bringen konnen. Schweren Herzens trat der 
Herr Professor wieder an, um weiter gefoltert zu wer- 
den. Der Unteroffizier Schmidt war sehr tibel aufge- 
legt, denn er war ja eigentlich auch gestraft, anstatt 
beim Bier sitzen zu konnen, mit dem Professor allein 
auf weiter Flur umherzuturnen. 

„Sagen Sie mal!" fragte er den Professor in einer 
Pause, „warum sind Sie denn eigentlich gar so 
dumm?" 

„Weil die Olhaltigkeit meiner Kniegelenke nicht mit 
der Phosphormenge in Ihrem Kopf Schritt zu halten 
vermag — Herr Unteroffizier," sagte Erhart, tiber den 
ein gewisser Qalgenhumor kam. 

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„Machen Sie man keine Witze," entgegnete der 
Unteroffizier etwas verdutzt. „Ich will Ihnen das 
Schritthalten schon beibringen." 




-lih 



„Was sind Sie denn eigentlich in Ihrem Zivilver- 
haltnis?" 



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„Universitatsprofessor." 

„Hm — riihrt euch. — Ja, sehen Sie, mein werter 
Herr Professor, es ist keene Kleinigkeit, so eine 
Obung. Na, Sie sind gut bezahlt, und wenn's 
alle ist, dann denken Sie sich, was geht's mich 
an und trinken Champagner. Unsereiner mit dem 
biBchen — — — was wollten Sie sagen — — 
ich dachte, Sie wollten was sagen. Ja, unsereiner 
mein* ich — naturlich, dem Wachtmeister, dem wird 
in die Rippen gestoBen, ich habe aber doch die Arbeit 
mit dem Abrichten und Nachexerzieren, und " 

„Herr Unteroffizier, wenn Sie ein biBchen Nachsicht 
haben wollten, ich wurde mich ja so gern erkenntlich 
zeigen. Wenn Sie wieder in die Stadt kommen, sollen 
Sie jeden Abend in meinem Haus Ihren Braten krie- 
gen und — " 

„Stillgestanden," brullte Schmidt. „H6ren Sie mal, 
ich glaube gar, Sie wollen Bestechungsversuche 
machen. Ihr Qluck, daB wir allein sind. Und wenn 
Sie mir heute abend nach dem Exerzieren zehn Mark 
hinlegten, so konnte ich Ihnen doch nichts ersparen — 
ich wiirde die fiinfzehn Mark nehmen und wurde 
sagen, was sein muB, muB sein trotz der zwanzig 
Mark. Und was Ihren Kalbsbraten betrifft. Wie sagten 
Sie, Kalbs- oder Schweinsbraten — ?% 

„Was Sie wollen, Herr Unteroffizier," stammelte 
Gottfried, dem ein Hoffnungsschimmer am militari- 
schen Horizont aufleuchtete. 

„— Also was die verschiedenen Naturalverpflegun- 
gen nebst Bier und Zigarren betrifft, so sind Sie da 
nach der Obung freilich Ihr eigener Herr — aber kein 
Zoll breit von der Pflicht, und wenn Sie mir den Weg 
in die Stadt mit Rinderbraten und neuen Kartoffeln 
pflastern — ich werde sagen gut — aber — • — — 
aber " 

Die Vorstellung dieser kulinarischen Qenusse lieB 
dem braven Unteroffizier den Verstand einen Augen- 

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blick stillstehen, denn er fand das Ende des Satzes 
nicht mehr. 

„Rinderbraten mit neuen Kartoffeln," sagte er an- 
dSchtig vor sich bin. — „Ruhrt Euch." 

Der Herr Professor riihrte sich wieder. Ftinf Mi- 
nuten wenigstens lieB der Unteroffizier den gluck- 
lichen Erhart in „fetihrt Euch" stehen, und hatte ihn 




wohl noch sehr lange stehen lassen, wenn nicht in der 
Feme der Herr Oberst vorbeigeritten ware. 

„Stillgestanden. Langsamer Schritt —> Batterie 
marsch! Eins und zwei — eins und zwei. — Wollen 
Sie Ihren verf — fehlen Sie mir doch das Tempo nicht. 

Aus — hal — ten — eins — und zwei Schafskopf— * 

spielen und Sechsundsechzig ist freilich leichter, mein 
Lieber. Bitte, nehmen Sie sich zusammen. Falsch 
war das Tempo — wieder falsch — immer falsch. Sie 



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Vieh lieber ist es mir, wenn Sie beim Nieder- 

treten die FuBspitze strecken. Nichtso! Verzweifeln 
mochte man! Strecken! O Sie Es ist falsch." 

Da war der Herr Oberst gliicklich vorbei, und Gott- 
fried durfte wieder rtihren. 

Es war riihrend anzusehen. 

Die zwei Stunden waren vortiber. Erhart durfte 




einriicken. Die Abendsonne gofi ihren milden Schein 
iiber das Lager und stahl sich durch die kleinen 
Fensterluken der Holzbaracken, so dafi es fast aus- 
sah, als sei es drinnen behaglich. Der davongejagte 
QSrtner schien es wenigstens so zu finden, denn er 
lag auf seinem Strohsack, die Arme unterm Kopfe, 
mit iibergeschlagenen Beinen, und die Tabakspfeife im 
Mund. Wie er so tiber seine rote Nase weg ver- 



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schmitzt den Professor anblinzelte, empfand dieser 
etwas wie Neid. 

„Das muB anders werden," sagte er bei sich. „Wehn 
die ubrigen elf Tage so werden wie dieser erste, dann 
bin ich tot, noch bevor ich entlassen werde. Und wer 
ist schuld? Dieser Christof, der ekelhafte Dienstknopf . 
Aber jetzt gleich geh' ich zu ihm. Ich will mich im 
Bureau verwenden lassen, aber langsarmen Schritt, 
das hat ein Mann wie ich bei Qott nicht notig." 

Sofort eilte er zu den Offiziersbaracken und fand 
nach einigem Suchen den Namen seines Bruders auf 
einer Ttire. 

Er klopfte. 

„Herein!" 

„Quten Abend, Christof. Hore mal, ich habe die 
Qeschichte satt, du konntest auch so viel Rucksicht 
haben und 

Mit fiirchterlichem Blick und einem donnerahnlichen 
Gebrull schrie der Hauptmann von Erhart, der eben 
am Schreibtisch saB, seinen armen Bruder an : 

„Sternhagelmohrenelement nochmal. — Qehen Sie 
auf der Stelle zuriick und treten Sie herein, wie es sich 
gehort, sonst lasse ich Sie prozessieren. Warten Sie, 
bis ich Ihnen die Erlaubnis gebe, auBerdienstlich mit 
mir zu reden!" 

Was wollte Gottfried machen? Er ging wieder 
hinaus, klopfte und trat stramm herein. 

„Gefreiter Erhart meldet sich dem Herrn Haupt- 
mann zur Stelle!" 

„So ist's gut," sagte der Hauptmann. „Jetzt er- 
laube ich dir, auBerdienstlich mit mir zu reden. DaB 
man dir solche Dinge sagen muB, wozu bist du denn 
einberufen, als urn die militarische Disziplin aufzu- 
frischen?" 

„Du irrst — Pardon — Sie irren, hochgeborener, 
gestrenger Herr Hauptmann. Ich bin einberufen, um 
eines langsamen, qualvollen Martertodes zu sterben." 

Der Hauptmann runzelte die Stirn. 

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„Du bist und bleibst ein Muttersohnchen." 

„Und du bist und bleibst ein — s nein, nein, ich 

will lieber das Maul halten, sonst lassen mich der 
Herr Hauptmann kopfen. Aber das sag' ich dir, wenn 
das so weiter geht, wie heute, dann desertiere ich 

ubermorgen ach, da hangt ja eine prachtvollc 

Clubonia nigra." Der Professor warf seine Feldmutze 
weg und stieg auf einen Stuhl, um eine groBe Spinne 
zu betrachten, die am Fensterkreuz ihre FSden aus- 
gebreitet hatte. „Siehst du, ich hatte doch recht ge- 
geniiber dem Professor Froschle, der behauptet: daB 
die Clubonia " 

„Lieber Gottfried," unterbrach ihn der Hauptmann 
seufzend, „sei so gut, und lasse ein verniinftiges Wort 
mit dir reden, ich gebe es auf, mit dir iiber Dinge zu 
streiten, die du nie verstehen wirst, aber ich bitte dich 
dringend, sei wenigstens fur diese elf Tage ein Soldat, 
es wiirde mir sehr leid fur dich sein, wenn man dich 
zur Strafe noch langer behalten miiBte. Ich habe die 
Aufsicht iiber die Landwehriibung zugeteilt bekom- 
men, und werde unnachsichtlich meine Pflicht tun. 
Die nachsten Tage bin ich bei meiner eigenen Bat- 
terie durch die kriegsmaBigen SchieBen in Anspruch 
genommen. Zum SchluB eurer Obung werdet ihr 
Landwehrleute unter meiner Fiihrung in eine Batterie 
zu einem kriegsmaBigen SchieBen zusammengestellt. 
Ich ermahne dich in aller briiderlichen Liebe, gib acht, 

daB nichts vorkommt und ich glaube, du horst 

gar nicht auf mit deiner verdammten Spinne, ich 
werde sie gleich durch meinen Burschen per Besen 
hinauskehren lassen!" 

„Um Qottes willen nicht, liebster Christof," rief der 
Professor. „Erlaube, daB ich das kostbare Tier mit- 
nehme." Rasch hatte er die Feldmutze ergriffen, stieg 
auf den Schreibtisch und packte die Clubonia nigra 
ein. 

„Meinetwegen kannst du alle Spinnen im ganzen 
Lager fangen — auch die Flohe. — Ich sage dir wei- 

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ter nichts mehr, du bist und blelbst unverbesserlich," 
sagte der Hauptmann argerlich. Der Professor, der 



-J . 




tiber seinen Fund ganz glucklich war, erwiderte 
lachend: 
„Sei nur zufrieden, lieber Bruder, ich verspreche 



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dir die groBte Aufmerksamkeit. Was ich noch sagen 
wollte, du muBt so freundlich sein und mir ein wenig 
mit W&sche aushelfen, mein Koffer ist liegen ge- 
blieben." 

„LaB dir von meinem Burschen geben, was du 
brauchst; ich gehe jetzt ins Kasino; ich habe keine 
Lust mehr, mich mit dir zu argern." Damit lieB der 
strenge Hauptmann seinen Bruder allein, welcher als- 
bald mit einem Pack W&sche wieder nach seiner Ba- 
racke abzog. Ein EntschluB war ihm gekommen. Er 
klopfte am Verschlag des Wachtmeisters, immer noch 
die Miitze sorgsam zuhaltend. 

Ein brummiges „Herein" ertonte. 

Der Wachtmeister hatte sich im Laufe der Zeit 
groBe Menschenkenntfris angeeignet und begriff so- 
fort, daB der Besuch angenehmer Natur war. Sehr 
hoflich empfing er den Professor, so daB dieser er- 
mutigt eine 50 Mark-Note hervorzog und sie dem Ge- 
strengen einhandigte. 

„Verehrter Herr Wachtmeister, ich mochte Ihnen 
gern fur ihre Mtihe erkenntlich sein, ebenso wenn die 
Obung zu Ende ist, nur mochte ich bitten " 

„Ich habe mir schon gedacht," sagte der Wacht- 
meister, indem er, ohne eine Miene zu verziehen, die 
Banknote einsteckte, „daB Sie besser im inneren 
Dienst zu verwenden sind. Sie mtissen fur die Dauer 
Hirer Einberufung die SchieBlisten ins Reine schrei- 
ben. Aber sauber, das bitt' ich mir aus. Und damit 
Sie immer gleich bei der Arbeit sein konnen, werden 
Sie hier in meiner Baracke schlafen. — Was Ihr Qe- 
schenk betrifft — derartige Sachen konnen natiirlich 
auf den Dienst keinen EinfluB haben. Der Dienst muB 
geschehen. Sapperment nochmal, das wollt' ich mir 
ausbitten. Aber wie man es einteilt, das ist Sache 
des Wachtmeisters, und daB man da einem, der Ma- 
nier hat, einen manierlichen Dienst gibt, das versteht 
sich. Aber der Dienst muB gemacht werden, das ist 
die Pointe. Der Dienst vor allem!" 

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„Wenn das mein strenger Bruder wtiBte!" dachte 
Gottfried mit innerlichem Triumphe. 

"Was halten Sie denn Ihre Miitze so angstlich?" be- 
gann der Wachtmeister wieder in wohlwollendem 
Ton. „Stehn Sie nur bequem! Haben Sie sonst noch 
einen Wunsch?" 

„Jawohl, Herr Wachtmeister — hier!" Der Pro- 
fessor zeigte seine Miitze. 

„Ah — haben Sie junge Lerchen gefangen?" 

„Nein, Herr Wachtmeister, eine seltene Spinne, die 




mochte ich, wenn Sie's nicht geniert, am Fensterkreuz 
einnisten lassen, urn sie zu beobachten." 

„Hm, eine Spinne — ist zwar gegen die Propretat, 
aber Sie sind wohl Botaniker, da mag es angehen, 
aber das sag' ich Ihnen, wann sie zu mir 'ruberkrab- 
belt, quetsch' ich Ihre Spinne mit dem Stiefel kaput. 
Wenn Sie sich iibrigens fur derartige Tiere interes- 
sieren, unter dem Brett da drtiben haben wir auch 
Schwaben, Russen, Kellerasseln sowie — " 

„Danke, danke, Herr Wachtmeister, ich habe ganz 
genug an meiner Spinne." 



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Die nachste Woche verging fur unseren Professor 
ganz herrlich. Er brauchte nicht mehr mit auszu- 
rucken, und wenn der Hauptmann Christof, der in 
diesen Tagen sich iiber die Landwehrleute bloB be- 
richten lieB, den Wachtmeister nach seinem Bruder 
fragte, erhielt er die beruhigendsten Antworten. 

Aber niemand darf ungestraft unter Palmen wan- 
deln, und es ging dem Professor in der Baracke des 
Wachtmeisters zu gut, als daB ihn nicht die Nemesis 
noch h&tte erreichen sollen. 

„Morgen miissen Sie mit ausrucken, verehrter Herr 
Professor," sagte der Wachtmeister am Abend des 
zehnten Tages. „Der Herr Hauptmann hat eigens 
befohlen, daB Sie als Nr. 4 eingeteilt werden. Es ist 
die leichteste Nummer." 

„Sie wissen ja, der Nr. 4 braucht bloB die Granaten 
und Schrapnels aus dem GeschoBkasten zu nehmen, 
ans Geschutz zu laufen und das GeschoB ins Rohr zu 
stecken. Das ist alles. Und wie steht es denn mit 
dem Reiten?" 

„Miserabel," gab der Professor, der eben die 
Spinne fiitterte, lakonisch zur Antwort. 

„Na, ich geb' Ihnen ein frommes Pferd. Nur Mut. 
Prinz Stefan, der Inspekteur, wird dem SchieBen bei- 
wohnen." 

„So? Geschossen wird? Wo denn?" meinte der zer- 
streute Professor. 

Der Wachtmeister lachte: „Sie sind ganz weg mit 
ihrem langbeinigen Ungeheuer. Na, mir kann's recht 
sein — Chagrin a son gout — sagt der Franzose." 

Ein herrlicher Sommermorgen erwachte iiber dem 
Lager. Mit einiger Aufregung kleidete sich der Pro- 
fessor in des Konigs Rock. Eine groBe No. 4 war ihm 
die ganze Nacht im Traum vorgeschwebt, die sich 
immer in dem Netz seiner Spinne f ing. Er legte einen 
Bogen Packpapier in den zu weiten Helm, zog Sabel 
jind Kartusche an und eilte in den Stall, urn das 

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SchlachtroB zu betrachten, auf dem er heute als No. 4 
seine Heldentaten begehen sollte. 

Im Stall war alles in der groBten Ruhrigkeit, der 
Wachtmeister zeigte Gottfried das Pferd. „Ich habe 
den Pechvogel gleich satteln lassen, Sie w&ren doch 
nicht zurechtgekommen." 

„Pechvogel heiBt das Tier?" fragte der Professor 
kleinlaut. 

„ Jawohl, die P sind der alteste Jahrgang : „Peon u , 




^m< 



„Pytagoras" und „Penelope" sind in der Bespannung, 
„Peter" ist zu hoch fiir Sie. „Pechvogel" ist fur Sie 
passend. Aber vorwarts, wir riicken aus." 

Erhart betrachtete sein StreitroB mit miBtrauischen 
Blicken, und dieses ihn. 

Der Professor streckte, wie urn Freundschaft zu 
schlieBen, die Hand nach dem Pferde aus. „Schnapp," 
machte der brave Pechvogel, und das rote Blut 
sickerte aus dem Daumen durch den Handschuh. 
„Au weh," schrie der brave Professor, „du elender 



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Racker!" und versetzte dem edlen RoB mit der SSbel- 
scheide einen StoB, welchen dieses sofort mit dem 
rechten HinterfuB erwiderte, daB der arme Natur- 
forscher zum Stand hinausflog. 

„Das soil ein frommes Pferd sein!?" murmelte er, 
wehmutig sich die Stelle reibend, auf welche ihm 
Pechvogel seine Mifiachtung aufgestempelt hatte. Be- 
hutsam schlich er sich von der anderenSeite herbei, er- 
wischte den Zaum und fing an zu reiBen wie an einem 



Qlockenzug. Ohne weiteren Unfall brachte der Rei- 
tersmann den alten Gaul, der durch die Behandlung 
sehr aufgeregt war, ins Freie. Beim Aufsitzen hegte 
Pechvogel noch die deutlich ausgesprochene Absicht, 
seinen Herrn von hinten meuchlings zu beiBen, er- 
wischte aber nur die Sabelkoppel, die, entzweige- 
rissen, frohlich im Morgenwind flatterte. 

„Mit Ziigen rechts schwenkt, marsch." 

Fort ging's gegen die SchuBlinie zu. 

So weit war' es ganz leidlich gegangen, wenn auch 
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das Gefiihl, welches Erhart auf dem Pechvogel hatte, 
genau dem ahnlich war, welches er empfunden, als er 







'^ 



von Mekka weg zum erstenirial auf einem Kamel ge- 
sessen hatte. 
Aber plotzlich hiefi es Trab. 



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„Ums Himmels willen, dieses StoBen — nein, das 
half ich nicht aus" — hopp, hopp, hopp — der Pro- 
fessor tanzte auf dem Qaul herum wie ein Gummi- 
ball. Krampfhaft hing er sich in die Ziigel. Pech- 
vogel wurde immer scharfer. Die beiden Kanoniere, 
zwischen denen Erhart ritt, schimpften. „Batterie 
links marschiert auf, Galopp" tont Hauptmann 
Christofs kraftige Stimme. Der hintere Zug, in dem 
Gottfried ist, muB sich neben den vorderen setzen, 
der im Trab bleibt. 

„Halb links — Galopp marsch," schreit der Leut- 
nant, der vor dem zweiten Zug reitet. Galopp, denkt 
Gottfried, und rennt dem Pferd die Sporen in die Sei- 
ten. Einen Satz macht Pechvogel, daB der Professor 
die Steigbiigel verliert, und dahin ging's unaufhaltsam 
in unermeBliche Fernen. Der ungliickliche Land- 
wehrmann lieB die Ziigel los und klammerte sich an 
der flatternden Mahne an, den Helm weit hinten im 
Genick. 

„Wo reiten Sie denn hin — wollen Sie halten, 
Schockschwerenot — halten!" rief der Hauptmann, 
an dem Gottfried rettungslos vorbeisauste. 

„Halten?!" dachte dieser, „das ware freilich schon 
— vorlaufig heiBt es sich selber halten!" Pechvogel 
beschrieb einen weiten Bogen und wandte sich dann 
dem heimischen Herde zu. 

Da kam gerade die Suite des Prinzen in kurzem 
Galopp vom Lager her. 

Pechvogel spitzt die Ohren und rennt mit erneuten 
Kraften drauf los. Mitten hinein, daB Generate und 
Offiziere links und rechts nur so auseinanderstieben. 

Ein furchterliches Schimpfen ergoB sich von alien 
Seiten iiber den Professor, der gem in den tiefsten 
Schlupfwinkel der Erde geflohen ware. Aber Pech- 
vogel hing sich wie eine Klette an, und zwar nicht 
etwa bescheiden im Hintergrund, sondern ganz mun- 
ter drangte er sich unter den Stabsoffizieren herum, 
13* 

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seinen urspriinglichen Plan, den Professor nach Hause 
zu bringen und an der Stalltiire abzustreifen, auf- 
gebend. 



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Schwere AngstschweiBtropfen rollten dem armen 
Erhart iiber seine Denkerstirne. 

Endlich hielt die Suite. Es war der Platz, wo die 
Landwehrbatterie in Feuerbereitschaft stand. 

„Jetzt schauen Sie mal endlich, dafi Sie mit Ihrer 
Schindmahre zum Tempel 'rauskommen. — He, Or- 
donnanz, fiihren Sie den Esel mit seinem Qaul an 
seinen Platz," sagte einer von den Offizieren. 

Eine Ordonnanz von denen, die hintendrein ritten, 
ergriff Pechvogel am Zaum und ftihrte den Professor 
im Trab an sein Geschiitz. Das SchieBen begann so- 
fort, als Erhart seinen Platz eingenommen hatte und 
mit einem Seufzer der Erleichterung von dem edlen 
RoB gestiegen war. 

„Mit Qranaten geladen — geradeaus auf die Bat- 
terie, 2000 Meter," kommandierte Hauptmann 
Christof. 

Wie der Blitz richteten Nr. 2 und 3 jedes Geschiitz, 
die Nr. 1 setzten die Schlagrohren ein, und die Nr. 4 
rannten mit der Granate im Arm und den Kartusch- 
tornister umgehangen, ans Geschiitz. Gottfried hatte 
zwar seine Granate fast fallen lassen, aber es gelang 
ihm doch, zwar etwas spater als die ubrigen Ge- 
schiitze, die Granate ins Rohr zu bringen, die der 
No. 1 mit dem Lader hineinstieB, sodann den Pulver- 
beutel nachschiebend. Der No. 1 am Geschiitz, bei 
welchem unser Professor tatig war, ist der davon- 
gejagte Gartner. Er blinzelt seinem friiheren Herrn 
jedesmal verstandnisinnig zu, so oft dieser wieder 
eine Granate ans Rohr bringt. Etwa zwolfmal hat 
sich dies wiederholt. Gottfried ist eben im Begriff, 
eine Granate am Rohr anzusetzen, auf welche der ge- 
schiitzfiihrende Unteroffizier jedesmal erst den Ziin- 
der aufgeschraubt hat — als Hauptmann Christof am 
andern Fliigel „Halt — Batter ie halt!" rief. Regungs- 
los stand alles, mitten in der Beschaftigung innehal- 
tend. Nur der ungliickliche Professor dachte sich, 
was soil ich das schwere Ding so lang auf dem Arm 

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haben, und setzte trotz des „Halt" die Qranate ins 
Rohr. Verstandnisinnig blinzelte der Gartner No. 1 



und schob mit dem Lader die Qranate hinein. Der 
Geschutzfuhrer hatte sich in dem Augenblick nach 

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dem Hauptmann umgesehen und sah den Vorgang 
nicht. 

„Zum Zuriickgehen — Protzt auf!" erscholl das 
Kommando des Hauptmanns. 

Die Geschutze wurden aufgeprotzt. Die Kanoniere, 
welche die Granaten zum Laden auf den Armen bereit 
hatten, legten sie wieder in die GeschoBkasten, und 
alles rannte zu den Pferden, die weiter riickwarts ge- 
halten wurden. Gottfried naturlich konnte seine Gra- 
nate nicht wieder in den GeschoBkasten legen, denn 
er hatte sie ja schon ins Kanonenrohr gesteckt mit 
Hilfe des freundlichen Gartners. 

Doch verbliiffte es ihn etwas, als der Hauptmann 
Christof, wahrend dies alles vor sich ging, zu den 
Zugftihrern herunterrief : „Sind die Rohre frei?" 

„Erster Zug, Rohre frei!" antwortete der Leutnant 
vom ersten Zug. „Zweiter Zug, Rohre frei," rief der 
Leutnant vom zweiten Zug. — Dem Professor wurde 
es unheimlich. 

„Herr Unteroffizier — " wollte er sich angstlich an 
den Geschiitzfuhrer wenden. Dieser aber, gerade be- 
schaftigt, sein widerspenstiges Pferd zu besteigen, 
horte nicht auf ihn — und der rotnasige Gartner flti- 
sterte ihm zu: 

„Sein Se still, Herr Professor, von der Granate; 
sonst gehn wir furchtbar ein." 

Und so ertonte es dem Professor wie eine Urteils- 
verkundigung, als der Zugfiihrer des dritten Zuges 
hinaufrief : „Dritter Zug, — Rohre frei!" 

Wirre Gedanken kreuzten sich im Haupte des Na- 
turforschers, als er auf dem Pechvogel saB und mit 
den anderen Kanonieren hinter dem Geschutz drein 
ritt, das er eben geladen hatte und das doch nicht ge- 
laden sein sollte. 

Wenn das Ding losginge. Naturlich, dergleichen 
geht immer zur Unzeit los. Welches Ungluck — meine 
arme Bettina — meine armen Kinder!" Der Profes- 

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sor buBte ftir die schonen Tage bei der Clubonia nigra 
in der Baracke des Wachtmeisters. 

„Sagen Sie um Qottes willen, wird denn nicht mehr 
geschossen, Herr Unteroffizier?" 

„Nee — 's is alle — Sie haben wohl noch nicht ge- 
nug?" war die Antwort. 

Er wandte sich leise an den Gartner, der neben ihm 
ritt: „Wenn die Qranate losgeht?" 

„Dann sein mer kaput!" war die lakonische Ant- 
wort des Rotnasigen, und dabei drangte er sein Pferd 
immer nach rechts, so daB der Professor gerade hin- 
ter der Geschutzmundung zu reiten kam. 

„Glauben Sie wirklich, es konnte losgehen? Das 
ware ja entsetzlich." 

„Einmal mussen mer doch sterwen," sagte der 
Gartner ganz vergnugt. 

Dem Professor klapperten die Zahne vor Angst. 
Dabei marschierte die Batterie unter Fuhrung des 
Wachtmeisters dem Lager zu, wahrend die Offiziere 
ausgetreten waren, um vom Prinzen Stefan die Kri- 
tik zu horen. 

„Herr Unteroffizier," sagte Gottfried ganz verzwei- 
felt, „erlauben Sie eine Frage. Ich setze den Fall, es 
kame vor, daB einer aus Versehen eine Granate ins 
Rohr gesteckt hatte. Konnte " 

„Das kann nicht vorkommen, so dumm ist keiner," 
antwortete der Unteroffizier. 

„Aber ich setze den Fall," meinte der Professor, vor 
Angst schwitzend. „K6nnte die " 

„Das ware eine so heillose Schweinerei," unterbrach 
der Unteroffizier, „daB man den Betreffenden pfahlen 
sollte." 

Gottfried erbebte. „Jawohl; aber ich meine nur, 
ob die Granate beim Fahren losgehen konnte?" 

„Na, das ist doch tausendmal beim Artillerieunter- 
richt erkl&rt worden. Im Schritt kann se wohl nicht 
losgehen, obschon bei Pulver und Blei alles moglich 

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ist. Aber bei einem starken StoB auf unebenem Bo- 
den, wenn Trab gefahren wird " 

„Tarab!" rief in diesem Augenblick der Wacht- 
meister, und die Batterie setzte sich in Trab. Dem 
Professor fuhr ein Stich ins Herz. Er fuhlte nicht 
mehr die harten StoBe Pechvogels. 

„Kann sie dann losgehen, Herr Unteroffizier?" 
achzte er. 

„Ja, dann kann sie losgehen, und jetzt lassen Sie 
mich ungeschoren mit ihrer Fragerei!" 

„Wir miissen es melden," fliisterte Gottfried 
leichenblaB dem Gartner zu. 

„Ja, wenn wir Tinte gesoffen haben. Seien Se so 
gut! Vierzehn Tage strengen Arrest 'rausfassen! 
Nee! Ich bin nich so dumm! Wann's losgehen soil, 
dann geht's los. Wenn nich — dann nich!" 

„Sie entsetzlicher Fatalist!" stohnte der Professor. 

„Fatal is," versetzte der Gartner. „Aber wir Ziehen 
uns schonst heraus. Lassen Se mich nur machen. 
Halten Se die paar Schritte nur noch aus!" 

Es war wirklich unterdessQn nur noch eine kurze 
Strecke bis zum Lager, aber jeder Stein im Weg, 
jedes Holpern, jedes Knarren der R&der war ein 
Dolchstich fur den Professor. Eine wahre Seelen- 
marter. Endlich, endlich fuhr die Batterie in den 
Parkplatz ein. Es wurde ausgespannt und in den 
Stall geriickt. 

„Kommen Se mal mit!" sagte der Gartner zu Er- 
hart, als die Pferde versehen waren. 

Der Professor folgte seinem bosen Genius, der ver- 
schmitzt vor sich hinlachelte. 

„Was machen wir jetzt?" 

„Herr Professor! Wann das Ding herauskommt, 
stehen Ihne keine guten Tage bevor. Wann Se mich 
aber wieder als Gartner anstellen wollten, dann 
mochte ich Ihne wohl 'raushelfen. Die Kleinigkeit, 
die damals weggekumme war, das will ich dann nit 
mehr erwahne." 

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Ohne Besinnen sagte Erhart: „Helfen Sie mir, ich 
nehme Sie wieder in Dienst." 

Frohlich grinste der Rotnasige : „Nu passen Se auf . 
Entladen kann das Qeschiitz nit werden. 's Rohr war 
heiB und hat sich durchs Kaltwerden verengert, so daB 
man stark stoBen miiBte, urn's QeschoB 'rauszubringe, 
und da konnt's losgehn. Also bleibt nur abfeure. 
Schlagrohren hab ich mer so a paar eingesteckt neu- 

lich 's is ja nur a Kleinigkeit — und abends, 

wann's dammert, schieBe wir ab. 's wird nit auffallen, 
denn es wird oft a WasserschuB abgegewe zum Qe- 
schiitz-Reinigen. So, und jetzt gewe Sie mir die Hand 
druff, daB Sie mich wieder nehme." 

Der Tag verstrich dem Herrn Professor sehr, sehr 
langsam. Als es dammerte, schlichen sich die bei- 
den wie Verbrecher auf den Parkplatz. Der Posten 
in der Feme kummerte sich nicht weiter um die bei- 
den, denn es war gewohnlich, daB abends zum Rei- 
nigen der Rohre Wasserschusse abgegeben wurden. 

Der Rotnasige handigte dem Professor eine Schlag- 
rohre ein. 

„Was soil ich damit machen?" 

„Die stecken Sie ins Zundloch — so, und jetzt 
haken Sie die Zundschnur ein. — Herrje, sein Sie un- 
geschickt — lassen Sie mich machen. Da richten Se 
lieber. 's geht gerad' uf de Eisenbahndamm, aber 
hoher mussen Sie das Rohr kurbeln, sonst schlagt das 
QeschoB zu nah vor der Miindung auf." 

Die Kanonen standen alle mit der Miindung gegen 
den Eisenbahndamm, der etwa in einer Entferung von 
500 Schritt vom Lager vorbeiging. Nach dieser Rich- 
tung wurde nie geschossen, vielmehr liefen die SchuB- 
linien parallel zum Bahndamm hinter dem Lager. 
Hatte nun der Professor eine blasse Ahnung von ar- 
tilleristischen Dingen gehabt, so hatte er sehen mus- 
sen, daB der liederliche Gartner des Morgens beim 
SchieBen vergessen hatte, nach dem letzten SchuB 
den Aufsatz wieder herunterzustellen, als No. 1. So 

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aber sah er nicht, daB das Visier aui 1200 Meter — 
die zuletzt kommandierte Entfernung — gestellt war. 
Es fiel ihm nur auf, daB er das Rohr so lange in die 
H6he kurbeln muBte, bis er tiber das Visier und Korn 
den Bahndamm anvisieren konnte. Da der gute Pro- 
fessor lSngst vergessen hatte, daB die Qeschosse ja 
im Bogen fliegen und je weiter sie fliegen sollen, einen 




um so groBeren Bogen zu machen haben, so ahnte er 
nicht, daB seine ungltickliche Qranate im Bogen tiber 
den Bahndamm hinausfliegen werde und erst in einer 
Entfernung von 1200 Metern die Erde erreichen und 
explodieren werde. 

„Sen Se noch nicht bald fertig?" drSngte der Gart- 
ner mit der gespannten Zundschnur. 



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„Ja — es geht jetzt genau auf den Bahndamm," 
meinte Erhart ganz stolz und trat aus dem Qeleise. 
Der QSrtner zog ab. „Btim!" krachte der SchuB 
hinaus. Qespannt blickten die beiden MissetSter vor- 
wSrts auf den Damm — aber es war nichts zu sehen. 

„Ja, Dunner," rief der Gartner, von einer bosen 
Ahnung ergriffen, „wo haben Sie denn hingericht?" 
Ein Blick auf das Visier belehrte ihn, daB es auf 1200 
Meter gestellt sei. „Jetzt is aus — Sie haben ins Dorf 
hiniibergeschossen." Dabei wurde seine rote Nase 
ganz blaB vor Schrecken. Er lieB den Professor 
stehen und lief davon, was er laufen konnte. 

Erhart war einer Ohnmacht nahe. Er schleppte 
sich mtihsam zum Bahndamm und erkletterte den- 
selben. Da lag friedlich das Dorf, in welches er eben 
mit rauher Hand das QeschoB entsendet hatte. Die 
Worte seines Bruders kamen ihm in den Sinn, daB 
alle seine K&fer und Spinnen nicht so wichtig seien, 
als die Kunst, ein Qeschiitz abzufeuern. 

Ein StoBgebet nach dem andern entsandte der un- 
gluckliche Landwehrmann. Da — was war das? 1st 
es wirklich? Dort — eine Rauchsaule — ein roter 
Schein, — eine Flamme — eine ganze Feuergarbe. 
„Qott sei Dank," erbebte es im Herzen Qottfrieds, 
„kein Zweifel mehr, ich habe bloB in einen Heustadel 
getroffen, und kein Menschenleben auf dem Ge- 
wissen." 

Mit Ruhe der Seele sah Gottfried jetzt allem Fol- 
genden zu. Wie das Feuer zum Himmel wirbelte. 
Wie im Dorf Sturm gelautet wurde. Wie im Lager 
Alarm geblasen wurde und die Spritzen daherrassel- 
ten. Er begab sich auf die Wache, als das Feuer in 
sich zusammengesunken war, und gab sich als Ur- 
heber an. Der Bauer, dem der Stadel gehorte, hatte 
inzwischen Anzeige gemacht, daB sein Eigentum vom 
Lager aus in Brand gesteckt worden sei. Der Posten 
hatte gemeldet, daB unmittelbar nach einem SchuB, 
den er fiir einen WasserschuB gehalten, der Stadel zu 

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brennen anting. Alles im Lager war auf den Beinen, 
selbst der Prinz war aufgestanden, eine groBe Un- 
tersuchung war im Werk. Der Prinz, der Oberst und 
einige hohere Offiziere, unter ihnen auch Hauptmann 
Christof, waren eben auf der Wache, um den inzwi- 
schen abgelosten Posten zu vernehmen, als der Pro- 
fessor eintrat und alles bis aufs kleinste erzahlte. 

Der Hauptmann Christof war leichenblaB vor Rum- 
mer, und seinem Bruder liefen die Tranen herunter, 
die Aufregung des letzten Tages war zu groB. 

Prinz Stefan lachelte, als die Erzahlung beendet 
war. „Sie haben ein groBes Qliick gehabt, mein lieber 
Erhart, daB Sie nicht groBeren Schaden angerichtet 
haben, als Sie aus Ihren Mitteln wieder gutmachen 
konnen. Ihr ganzes Verhalten ist allerdings im hoch- 
sten Grade strafbar. Jeder von uns kann Fehler 
machen, aber Sie sehen, wohin es fiihrt, Sie zu ver- 
tuschen. Wir mtissen unsere Pflicht erfullen, gleich- 
viel, welcher Platz uns angewiesen ist. Ich glaube, 
daB ein Mann von Ihrer hohen geistigen Intelligenz 
keiner Strafe bedarf, denn dieses Vorkommnis wer- 
den Sie sicher nicht vergessen." Damit verlieB der 
Prinz mit den Offizieren das Lokal. Nur Hauptmann 
Christof von Erhart blieb zuriick und sah seinen Bru- 
der mit einem langen Blick an: „Mensch," sagte er, 
„du hast ein unverschamtes Qliick! Ich werde erst 
wieder ruhig atmen, wenn du wieder in Zivil bist und 
nie mehr des Konigs Rock verschimpfierst." 

„Mein lieber Brud nein, Herr Hauptmann," 

sagte Gottfried entschlossen. „Ich melde mich sofort 
freiwillig zu einer weiteren Obung, um die Qualifika- 
tion zum Unteroffizier zu erlangen. Ich habe einge- 
sehen, daB, wenn jeder ein solcher Soldat ware, wie 
ich es bis jetzt war, die deutsche Armee von Grund 
aus verloren ware. Ich habe meinem Vaterland als 
Gelehrter gedient, und will es jetzt auch als Soldat, 
das gelobe ich hier feierlich." Blitzenden Auges sagte 
das der Professor, daB man sah, es war ihm ernst. 

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Die beiden Briider schuttelten sich die Hande. We- 
nige Stunden spater fuhr der Professor wieder in Zi- 
vilkleidung seiner Heimat zu, denn die Einberufung 
war zu Ende. 

Ob es ihm bei der nachsten besser ergangen ist? 
Wir durfen es sicher glauben, denn der Professor 

Gottfried von Erhart ist ein Mann, der Wort halt 

er hat ja auch trotz allem den Gartner wieder genom- 
men. Frau Bettina sperrt aber fleiBig die Kasten zu. 
— Nur von wegen der „Kleinigkeiten". 



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Fortunatus Eisenmann, 

das tapfere Schneiderlein. 



Fortunatus Eisenmann, so hieB ein armes, kleines 
Schneiderlein von 20 Jahren. Er wohnte in der aller- 
winkeligsten StraBe des Stadtchens in einer sehr bau- 
falligen Hiitte, dem einzigen Gut, das er von seinen 
Eltern geerbt. Zu essen hatte er wenig, denn in 
Kondition mochte er nicht gehen, und so gab es 
hochstens Flickarbeit. Im Vertrauen gesagt, Fortu- 
natus war eigentlich ein ganz miserabler Schneider! 
Er ftihlte sich n&mlich zu etwas Hoherem geboren, 
drum sinnierte er den ganzen Tag und war sehr zer- 
streut. So nahte er erst jtingst dem reichen RoBwirt 
gegenuber einen Rockarmel an die Hosennaht. Der 
schimpfte nicht wenig! Die Zerstreutheit kam aber 
von dem vielen Lesen. Sein seliger Vater hatte ein- 
mal von einem armen Komodianten an Zahlungsstatt 
fiir einen Anzug eine kleine Bibliothek angenommen. 
Das war der groBte Schatz unseres Fortunatus. Und 
wie oft er die Ritter- und Raubergeschichten, Sagen 
und M&rchen schon gelesen hatte, er las sie immer 
wieder! — Am besten gefiel ihm die Qeschichte von 
dem tapferen Schneiderlein, das die sieben Fliegen 
mit dem Tuchlappen erschlug und dann auf Aben- 
teuer auszog mit einem blanken Harnisch, der die In- 
schrift trug: „Sieben auf einen Streich." Das brauchte 
ja niemand zu wissen, daB es nur Fliegen waren, denn 

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schlieBlich bekam er doch die sehone Konigstochter 
zur Qemahlin und lebte herrlich und in Freuden. 

Also! Wir kommen eben dazu, wie Fortunatus 
Eisenmann am Fenster sitzt und ein Loch in einem 
Uniformsrock flickt. 

Wie jeden Abend, so auch heute, schaut drttben von 



der Riickseite des RoBwirtshauses ein hiibscher, blon- 
der Madchenkopf in die schmale Qasse. 
„Quten Abend, Herr Eisenmann!" 
„Quten Abend, Jungfer Marie !" 
„Machen Sie noch nicht Feierabend?" 
„Qleich bin ich fertig, Jungfer Marie. MuB nur 
noch fur den Herrn Einjahrigen den Rock flicken! 
14 

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Dann geh' ich vor's Tor hinaus mit einem schonen 
Buch — " 

„Ach ja," unterbrach ihn die blonde Marie — „und 
da meinen Sie dann, ein verzauberter Prinz zu sein 

— wie soil Ihnen dann die Arbeit schmecken?" 
„Die Phantasie ist der Schatz des Armen," entgeg- 

nete Fortunatus, sich etwas aus dem Fenster beugend 

— „ja, ich tr&ume gem, denn was ich in Wirklichkeit 
sehe, ist gar nicht so lustig. Friiher ging's freilich 
leichter, ein Held zu werden. Wenn ich mir heute 
einen Panzer tnachen lieBe, mit der Inschrif t : „Sieben 
auf einen Streich" und auf Abenteuer auszoge — an 
der nachsten Ecke h&tte mich schon ein Qendarm 
beim Kragen." 

„In einem Panzer freilich," l&chelte die hiibsche 
Wirtstochter — „aber versuchen Sie's doch einmal 
mit einer schmucken Uniform!" 

Fortunatus sah groB aus seinen blauen Augen : 

„Jungfer Marie, mir blitzt was durch die Seele. 
LSngst hatte ich solche Qedanken — aber ich dachte 

— ich meinte ich hatte mich schon so gewohnt, 

da abends mit Ihnen zu plaudern, und wenn ich fort 
miifite, dann " 

„K6nnten Sie ja doch wiederkommen!" sagte die 
Nachbarin errotenrf nach einer kleinen Pause. 

„Ja, ja! 0, ich danke Ihnen fur dieses Wort. Das 
TrSumen hat ein Ende. Ich werde Soldat! Herr- 
liche Bilder sell' ich vor mir. Die Rosse wiehern, 
Trompeten schmettern, die Sonne blitzt auf den Waf- 
fen, mit eingelegter Lanze geht's auf den Feind, Und 
schmetternd fallen die Streiche!" 

Fortunatus hieb mit der Faust auf das Brett, daB 
Schere, N&hkissen und Zwirnsf aden in der Stube um- 
herflogen. 

„Und dann, wenn ich General bin, oder sonst was 
Hohes, dann fahr* ich an vor Ihrem Hause, aber drii- 
beri, an der Vorderseite. Ich frage nach dem RoB- 
wirt. Qanz untert&nig kommt er mir entgegen " 

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„Jawohl — und packt dich untert&nig am Kragen 
und wirft dich untertanig die Treppe hinunter, du 
elender Schneider, da8 man deine traurigen Knochen 
nicht einmal mehr zum Leimsieden brauchen kann," 
rief jetzt der goldene RoBwirt hinter seiner er- 
schrockenen Tochter zum Fenster heraus. 

„Schau einer das MSdel an ! Hah' mir's doch lSngst 
gedacht!" Die Tochter wartete das Weitere nicht 
mehr ab, und der Wirt fiillte allein den Fenster- 
rahmen aus. 

Drohend ballte er die Faust. 

„Einmal sprich noch ein Wort mit meiner Toch- 
ter, du Zwirn, dann setz' ich dir auch einmal einen 
Armfel auf die Hosennaht — aber einen Armel, wo 
meine Faust dran ist, und auf eine Hosennaht, wo du 
drinsteckst, du halbverriickter Biicherwurm!" 

Platsch! flog das Fenster zu, daB die Scheiben 
klirrten. 

Fortunatus schloB auch das seine und kroch in sein 
armseliges Lager, ohne zu schlafen. 

Als. der Morgen graute, trat er vor die Tfire und 
schloB zu. Er hatte ein kleines Biindel in der Hand 
und seinen Schlapphut auf. So wartete er, bis sich 
driiben das bekannte Fenster offnete. Da lief er eilig 
fort, an der Ecke drehte er sich um, winkte zuriick 
und rief: 

„Lebt wohl, Junger Marie! Auf Wiedersehen als 
General!" Damit war er weg. 

Ob das weniger phantasievolle Madchen dachte, 
bis er General ware, mochte es doch ein wenig zu 

lange dauern, ob ihr der Abschied sonst leid tat 

den ganzen Tag tiber blieben die Augen rotgeweint! 

Fortunatus aber hatte sich auf die Bahn gesetzt und 
war mit seinem letzten Groschen nach der nahen 
Hauptstadt gefahren. Nach einigem Umherirren stand 
er bald vor der Reiterkaserne. Ein Husar mit blankem 
S2bel ging am Schilderhaus auf und ab. 
14* 

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„Sind Sie von der Kavallerie?" fragte Fortunatus 
einigermaBen schtichtern. 

„Na, halten Sie mich wohl fiir eenen von der 
Backerabteilung?" knurrte der Posten, den kleinen 
Schneider verachtlich messend. 

„Ich mochte mich bei euch werben lassen!" sagte er 
etwas energischer. 

„Wat? — Warmen willst du dir lassen! Das stimmt! 
Du siehst ordentlich gefroren aus!" 

Doch da ging ein Offizier vorbei, der Posten muBte 
prasentieren, und der kleine Schneider beniitzte den 
Augenblick, um durchs Tor hineinzuschliipfen. 

Er kam in einen langen Gang mit vielen Tiiren. 
Lanzen und Karabiner standen in den Zwischen- 
rSumen. 

Eine der ersten Tiiren war offen. In wogendem 
Dampf hantierten dtistere Qestalten mit Soldaten- 
miitzen auf dem Kopf. Fortunatus fragte den nftch- 
sten an der Tiire: „Entschuldigen, sind Sie auch Ka- 
vallerie?" 

Ein vielstimmiges Qelachter erscholl. 

„Kiichenkavallerie," brullten einige und kamen auf 
den Neuling los. 

„Wenn du dich beim Dienst dumm genug anstellst, 
kommst du auch da herein," sagte ein anderer. — 

„Fruhstiick gefallig?" rief der schmutzigsten einer 
und hielt ihm eine Schiirze voll Knochen unter die 
Nase. 

„Ihr Schweinigel!" mischte sich jetzt der Kiichen- 
unteroffizier in die Unterhaltung. „Ihr Dreckfinken, 
wollt ihr euere schmierige Suppe nicht iiberlaufen las- 
sen — soil ich mir wegen dem biBchen Hundefressen 
ein Loch in die Lunge schreien?!" Dabei schlug er 
sie mit dem Schaumloffel auf die Kopfe, daB es nur so 
patschte. 

„Und Sie — wenn Sie was wollen, gehen Sie auf 
die Regimentskanzlei im ersten Stock. Da werden 
Sie gleich rausgeschmissen, dann wissen Sie, woran 

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Sie sind — hier sind keine Maulaffen feil, hier ist k6- 
niglicher Dienst!" 

So also ist der konigliche Dienst ungefShr! dachte 
Fortunatus, als er die Treppe zur Kanzlei hinaufging. 
Er hatte sich das ganz anders vorgestellt. 

An der Kanzleiture stand: „Nicht anklopfen!" 

Besser zu hoflich, dachte Fortunatus und klopfte. — 
Keine Antwort. — Er klopfte starker. 
,,Himmelmohrenturkenmillionenfixsternelement Her- 
r— r— r— r— r— r — ein!" briillte es jetzt innen. 

Jetzt traute sich Fortunatus erst recht nicht hinein. 

Da flog ein Stuhl mit Qepolter um, die Tiire wurde 
aufgerissen, und der Herr Regimentsschreiber 
schaute mit zinshahnrotem Qesicht heraus. 

„Warum kommt Er denn nicht herein, Er fiinf- 
eckiger Quadratesel — ?!" 

„Ich dachte, es sei hier Menagerie, und ein Lowe 
sei ausgekommen — da traute ich mich nicht herein," 
sagte der kecke Schneider. 

„Ich werde Ihm gleich da noch Witze machen, u 
brummte der Qewaltige, „was will Er?" 

Jetzt hob sich Fortunatus auf den Zehen. 

,,Ich mochte Soldat werden, ich will mich auszeich- 
nen auf dem Felde der Ehre und — " 

„Sie sind ein Hanswurst!" entgegnete der Regi- 
mentsschreiber trocken. „Sie melden sich also als 
dreijahrig Freiwilliger — geben Sie Ihre Papiere her 
und machen Sie keine Flausen!" 

In dem Augenblick ging der Herr Oberst durchs 
Zimmer. Der Regimentsschreiber fuhr in die Hohe. 

„Wer ist der Mann?" 

„Ich mochte Reiter werden, Herr!" sagte Fortuna- 
tus tapfer, „ich bitte, nehmen Sie mich an." 

„Hm, hm — '• Reiter mochten Sie werden, das ist 
brav," sagte der Oberst giitig. 

„Etwas klein sind Sie — ich furchte " 

„Herr Oberst," unterbrach ihn Fortunatus mit 
flammenden Augen. „Es war einmal ein kleiner 

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Schneidergeselle, der hieB Derfflinger, und wurde ein 
beriihmter Reitergeneral." 

„Wie heiBen Sie?" fragte der Oberst nach einer 
langen Pause. 




„Fortunatus Eisenmann!" 

„Es ist gut! Wenn Sie tauglich sind, soil Ihr Wunsch 
erfiillt werden! Ich werde Sie im Auge behalten!" 
Freundlich griiBend ging der alte Haudegen ab. 

Fortunatus wurde tauglich befunden. 

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Fast h&tte er das MaB nicht gehabt, aber er streckte 
sich, und so ging's. 

Er kam zur Schwadron des Rittmeisters v. Diftelr 
fing. Der war ihm vom ersten Moment an spinne- 
feind. Das kam so: Als die Rekruten, zu denen For- 
tunatus nun gehorte, zeigen sollten, was sie in den 
ersten Tagen gelernt beziiglich der Qradabzeichen, 
und der Leutnant fragte: „Eisenmann — wenn Sie in 
die Stadt gehen und der Herr Rittmeister begegnet 
Ihnen, was tun Sie da?" 

„Ich mache Front!" 

„Qut. — An was erkennen Sie den Herrn Ritt- 
meister?" 

„An seinen krummen Beinen!" hatte der ungliick- 
liche Fortunatus in seiner Wahrheitsliebe geantwor- 
tet. Er hatte sagen sollen, an den zwei Sternen — 
aber mein Qott, er hatte wieder einmal den Kopf voll 
Heldentaten, Riesen und verschwundenen Prinzessin- 
nen — und es war ja auch wahr, den Herrn von Diftel- 
fing erkannte man auf eine halbe Stunde an den krum- 
men Beinen! Da hatte ihn der Rittmeister von Diftel- 
fing einsperren lassen und schikanierte ihn, wo er 
konnte. — Die goldenen Traume vergingen ihm nur 
zu bald! Qleichwohl setzte Fortunatus seinen Ehr- 
geiz darein, alles aufs genaueste zu erfiillen. Nach 
Ablauf eines Jahres kam er unter die Unteroffiziers- 
aspiranten. An den General dachte er freilich nicht 
mehr, wenn er nur erst Unteroffizier gewesen ware! 
Da hatte er wieder ein MiBgeschick. — 

Die schriftliche Priifung war voriiber. Fortunatus 
hatte am besten gearbeitet. Nun sollte das Praktische 
kommen. Auch im Lanzenfechten sollten die Aspi- 
ranten vorgestellt werden. Rittmeister von Diftel- 
fing, der die jungen Leute unter sich hatte, stellte sie 
personlich dem Herrn Oberst vor. Der Rittmeister 
gait fur einen ausgezeichneten Lanzenfechter. Einer 
nach dem andern von den Aspiranten muBte zu Pferd 
mit dem Rittmeister einige StoBe wechseln und ge- 

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duldig und verstandnisinnig lieB sich jeder nach eini- 
gen schulgerechten Auslagen von dem Vorgesetzten 
den TodesstoB auf die wattierte Brust versetzen. Nicht 



so Fortunatus! Als die Reihe an ihm war, brannte er 
vor Begier, sich auszuzeichnen. Er war trotz seiner 
Kleinheit ein starkes, gewandtes Kerlchen, und als 

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ihm der Herr Oberst freundlich zunickte, da ver- 
schwand die Reitbahn um ihn. Er war ein Prinz, der 
fur die Ehre der verzauberten Kflnigstochter die 
Lanze einlegte, er glaubte beim Turnier zu sein, die 
Trompeten von den Tribiinen schmettern zu horen. 
Er gab seinem Pferd die Sporen und sprengte mit sol- 
dier Vehemenz auf den verbliifften Rittmeister los, 
daB er ihn mit der abgestumpften Obungslanze iiber 
und iiberrannte. RoB und Reiter walzten sich in der 
Lohe der Reitbahn, und erst als Fortunatus den Ritt- 
meister fluchend und schimpfend mit blutiger Nase 
am Boden liegen sah, kam er wieder zur Besinnung. 
Selbst der Herr Oberst schiittelte bedenklich den 
Kopf iiber die Heldentat. — Die goldenen Tressen 
blieben diesmal aus. Herr von Diftelfing lieB Fortu- 
natus zum Rapport rufen. 

„Gefreiter Eisenmann — Sie haben sich heute so 
ausgezeichnet, daB ich Ihnen eine besondere Beloh- 
nung angedeihen lasse!" Im schonsten Pianissimo 
fing der Herr Rittmeister an, so daB Fortunatus zu 
glauben anfing, er wolle sich durch Edelmut fur den 
LanzenstoB rachen. „Vor allem gebe ich Ihnen in 
einem achttagigen strengen Arrest Qelegenheit, da- 
riiber nachzudenken, daB ein koniglicher Rittmeister 
kein Holzklotz ist, auf den man blindlings losrennt — 
Sie Liimmel! Und dann werden Sie von der Truppe 
weg in die Schneiderei wandern, da gehoren Sie hin, 
Sie jammervoller, niedertrachtiger, hirnverlassener, 
lausiger Troddel, Sie! — Fahren Sie ab! — Marsch!" 
Die sanft begonnene Rede artete in ein Wutgebriill 
aus. 

Als Fortunatus aus dem Arrest kam, verfiel er in 
diistere Melancholic Anstatt groBer Taten auf fri- 
schem, griinem Feld, muBte er in der Dachkammer 
hocken und an unmoglichen Kleidungsstiicken die un- 
moglichsten Reparaturen vornehmen. Dabei hatte 
er eine recht unangenehme Zimmerkameradschaft. 
Namentlich der Husar Ditter, genannt der "Taschen- 

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spieler", war ihm zuwider. Dieser, ein pockennarbiger, 
verschmitzt aussehender Bursche, hatte den ganzen 
Tag den Kopt voil Zaubereien, so daB es Fortunatus 
manchmal unheimlich wurde. Ditter war namlich von 
Jugend an auf Jahrmarkten als Qaukler, Taschen- 
spieler, Menageriebesitzer und so weiter herumge- 



zogen und konnte auch jetzt beim Militar sein altes 
Metier nicht vergessen. Manchmal war es ja recht 
ergotzlich, wenn er samtliche Tierstimmen loslieB 
und sich als Bauchredner produzierte, daB man hatte 
glauben konnen, die ganze Stube sei voll Menschen, 
ohne einen zu sehen. Aber den ganzen Tag plagte er 
den armen Fortunatus mit seiner Taschenspielerei. 
Bald hatte er ihm die Schere verzaubert, daB sie nicht 

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aufging, oder Fortunatus fand samtliche Nadeln in 
seiner Kravatte stecken, oder wenn er die Ofen- 
schaufel anfaBte, fing sie an, im Zimmer herumzu- 
tanzen. Auch andere QegenstSnde verhexte der bose 
Ditter, so das Qoldstflck, das Fortunatus sich lang- 
sam erspart hatte! 

Eines Tages war es rStselhaft verschwunden! 

Es hatte das Reisegeld sein sollen, urn wieder ein- 
mal die Heimat zu sehen. Freilich auch unter den 
Umstanden mochte er der schonen Marie nicht unter 
die Augen kommen. Fortunatus verlebte traurige, 
ode Zeiten. — Da, eines Tages wurde der Rittmeister 
von Diftelfing Major bei den Ulanen, und der Ritt- 
meister von Gutenberg bekam die Schwadron. For- 
tunatus sprang in die Hohe, so hoch er konnte, als er 
das vernahm. Er meldete sich beim neuen Rittmeister 
zum Rapport, erzahlte ihm treuherzig, wie alles ge- 
kommen war und wurde aus seiner Schneiderei be- 
freit. 

Nach vier Wochen tadelloser Fiihrung bekam er die 
Tressen und wurde Unteroffizier. Bald darauf kam 
die Manoverzeit. Im vergangenen Jahre hatte er 
traurig oben auf der Schneiderei sitzen miissen. — 
Diesmal durfte er mit in das frohliche Spiel des Krie- 
ges. Stolz tummelte er seinen Rappen, die Brust voll 
von groBen Taten — er war wieder ganz der Alte! 
Die ersten Manovertage verliefen mit kleinen Qe- 
fechten, und zum groBen Leidwesen des Fortunatus 
zog sich der Feind immer zuriick, seiner Instruktion 
gemaB. 

An einem recht schonen, klaren Herbsttag war For- 
tunatus zur Avantgarde kommandiert. Er fiihrte 
sechs Husaren, darunter den verschmitzten Ditter. 
Er hatte den Auftrag, das Terrain bis zum Flusse auf- 
zuklaren und dort an einer bezeichneten Holzbrucke 
weitere Befehle abzuwarten. Es war friih morgens. 
Die Lerchen trillerten, die Sonne blitzte iibers Feld. 
So friedlich lag das weite Land und schien nicht zu 

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ahnen, welch gewaltiger Held es mit den Hufen seines 
Rappen stampfte. Fortunatus war namlich dem wirk- 
lichen Leben schon wieder entrissen. Seine sechs 
Husaren, die hinter ihm dreinritten, waren ktihne, 
tapfere Ritter, er selbst ein junger Konigssohn, der 
dem feindlichen Heidenkonig entgegenreitet. 

„Herr Unteroffizier!" schreckte der Husar Ditter 
den jungen Helden aus seinen Traumen, „kann ich mir 
dort driiben im Wirtshaus eenen hinter de Binde 
gieBen?" 

„Unterstehen Sie sich!" rief Fortunatus £rgerlich. 
„Wir sind Avantgarde!" 

„Ach wat — mit oder ohne Garde — hier ist kein 
Feind, ick habe Dorscht." 

„Ich gebe Ihnen den dienstlichen Befehl, zu schwei- 
gen. Sie sind nicht wert, den Rock zu tragen!" 
herrschte Fortunatus. 

.,Wenn Se wollen — ich zieh' ihn gleich aus bei die 
Hitze — " 

„Halt's Maul!" sagte ein anderer zu Ditter. „Siehst 
du nicht, der schwebt in hoheren Ferien oder wie man 
sagt — der meldet dich, wenn du nicht schweigst!" 

Fortunatus war vorausgaloppiert. Hier glanzte der 
FluB. Da war die Brticke. 

Er lieB die Nachkommenden absitzen, schrieb eine 
Meldung, daB vom Feind nichts zu sehen sei, und 
schickte sie an die Schwadron zuriick. 

Da kamen einige Reiter, anscheinend hohere Offi- 
ziere. Auch einige auslandische waren dabei. Sie 
waren durch die weiBe Binde als Schiedsrichter 
kenntlich. Fortunatus eilte darauf zu und meldete 
sich. 

„Schon", sagte der alteste, ein Generalstabsoberst. 
„Halten Sie uns die Pferde ein wenig." Die Herren 
saBen ab, Fortunatus nahm die Ztigel. „Und nun, 
meine Herren, will ich Ihnen die Situation klar- 
machen." Die Herren griffen zu den Karten. „Das 
Ostkorps riickt gegen den FluB vor, in der Absicht, 

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den FluB zu iiberschreiten und eine angenommene 
freundliche Armee zu unterstiitzen. Das Westkorps 
will diesen Obergang vereiteln und schiebt sich zwi- 
schen den FluB und das Ostkorps. Der Hauptkampf 
wird nun um die groBe steinerne Briicke gefiihrt, die 
zwei Stunden weiter oben ist. Nun werden wir aber 
mitten im Kampf die Steinbriicke als zerstort an- 
nehmen. Dies wird nun die ganze Schlacht verschie- 
ben. Das Westkorps wird zuriickgedrangt und muB um 
jeden Preis den FluB iiberschreiten. Daher wird diese 
Holzbriicke eine Hauptrolle spielen. Wer hier zuerst 
feste Stellung findet, wird gesiegt haben." — „Sind 
Sie vom Ostkorps?" wandte er sich lauter an den et- 
was entfernt stehenden Fortunatus. 

„Zu Befehl!" 

„SehenSie, meine Herren," fuhr er wieder leiser fort. 
„Keiner der Fiihrer hat diese Eventuality mit der 
Steinbriicke vorausbedacht, denn diese paar Husaren 
werden die Briicke ja nicht verteidigen — " 

„Das wollen wir sehen!" rief es in Fortunatus' In- 
nern, der atemlos horchte und kein Wort der ganzen 
Rede verlor. 

„Um so iiberraschender wird die fingierte Zer- 
storung der Briicke sein, und um so besser werden 
wir sehen, daB die Schnelligkeit im Ergreifen der Si- 
tuation den Hauptschlag fiihrt!" 

Die Herren saBen wieder auf und ritten stromauf- 
wSrts. 

„Das Westkorps soil eher iiber meine Leiche, als 
den FluB iiberschreiten!" rief Fortunatus pochenden 
Herzens. „Aufgesessen — Schwadron marsch!" rief 
er seinen Husaren zu, die erstaunt mit ihm iiber die 
Briicke ritten. Jenseits lieB er halten, absitzen und 
stillestehen. 

„Kameraden!" begann er mit bebender Stimme, 
„wir stehen hier am wichtigsten Punkt der ganzen 
Schlacht, und uns ist es aufbehalten, den Feldzug zu 
entscheiden! u 

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„Wir sind doch bloB " wollte Ditter murmeln. 

„Ditter, wenn Sie noch ein Wort sprechen — 
schieB' ich Sie libera Haufen!" 

„Mit der Platzpatrone!" knurfte Ditter ganz leise, 
aber er hielt es doch fur geraten, zu schweigen. 

, ; Drei von euch reiten jetzt ins n&chste Dorf, was 
7tug halt, jeder bringt eine S&ge und eine Axt mit. 
Marsch, marsch!" 

Die Husaren stoben davon, die Zuriickbleibenden 
schtittelten die Kopfe. 

„Aha — jetzt geht mir ein Licht auf !" sagte Ditter 
zu den andern, wahrend Fortunatus mit Feldherrn- 
blick die Briicke musterte. „Die Herren vom Gene- 
ralstab haben vorhin Befehl gegeben, die Brticke ab- 
zusagen! Was 'n Husar heutzutage alles leisten muB ! 
Ich denke, das konnte das sojenannte Schenie ooch 
machen!" 

Alsbald kamen die andern Husaren mit Sagen und 
Axten zuriick, auch ein Bauer hinterdrein, der, als er 
die Absicht merkte, lebhaft Protest erhob. Fortunatus 
achtete nicht darauf. Mit wahrem Feuereifer wurde 
jetzt drangegangen, den mittleren Teil der Briicke zu 
durchs£gen, denn schon drohnteri in der Ferae ein- 
zelne Schiisse. Das Qefecht hatte begonnen! 

Fortunatus arbeitete, daB ihm der SchweiB her- 
unterlief. Die ganze Briicke abzubrechen, ware un- 
moglich gewesen. So begnugte er sich, zwei Trag- 
balken wegzuschaffen und s&mtliche querliegende 
Bretter so anzusagen, daB sie bei der geringsten Be- 
riihrung durchbrechen muBten. Naher und naher 
drohnte das Qeschiitzfeuer, mit riesigen Salven unter- 
mischt. Die Schlacht war heftig entbrannt. Fortu- 
natus war gliickselig, er wuBte sich gar nicht mehr 
vor Begeisterung. Er hatte sich auf das jenseitige 
Ufer begeben, eine kleine Schanze aufgeworfen, und 
harrte pochenden Herzens, mit sieben gespannten Ka- 
rabinern, was da kommen muBte. Richtig, naher und 
naher wSlzt sich die Schlacht. — Dort eine Staub- 



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wolke, Lanzen blitzen daraus hervor — dort eine 
zweite, das ist vom Ostkorps, ebenfalls Reiter! Ah — 
das Wettrennen nach dem FluBubergang hat begon- 
nen. Die erste Staubwolke gewinnt Vorsprung. Die 



zweite hat eine Schwenkung gemacht, sie ist in In- 
fanteriefeuer geraten und muB Kehrt machen. 

„Der Feind gewinnt!" schrie Ditter. 

„Wenn wir nicht dagewesen waren," sagt Fortu- 
natus mit der iiberlegenen Ruhe eines Mannes, der 
eine groBe Tat getan. 

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„Jetzt Achtung! Die ersten laBt ins Wasser purzeln, 
dann ein Schnellfeuer auf die andern, was Zeug hfilt." 

Da kommen die Ulanen herangesprengt in vollem 
Qalopp. Eine Schwadron voraus, das Gros folgt. Sie 
sind vom Westkorps. Immer deutlicher kommen sie 
heran. Ein Offizier mit Trompeter weit voraus. 



„Major Diftelfing!" schreit Fortunatus, und das 
Blut schieBt ihm zu Kopf. „Hurra, heute revanchiert 
sich der Schneider!" 

Er war es wahrhaftig. Weit voraus galoppiert er, 
jetzt biegt er ein — jetzt kommen sie auf die Briicke 
— jetzt — „Feuer!" kommandiert Fortunatus 



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ein Krachen und Drohnen — hinunter stiirzen die 
Bretter — der Major und der Trompeter versinken 
im FluB — die Schwadron halt, kehrt urn, ger£t in 
Verwirrung — reitet planlos davon — sprengt mitten 
in die nachreitenden Eskadronen — reiBt diese mit 
fort, gerat in die Infanterie, bringt diese total in Ver- 
wirrung, gerade in dem Augenblick, wo das Ostkorps 
zum allgemeinen Angriff iibergeht. Das Westkorps 
beginnt zu weichen. Die Briicke ist im Besitze des 
Ostkorps. Das Westkorps ist geschlagen! DieSchieds- 
richter greifen ein. „Das Qanze halt!" ertont es in 
hundertfach wiederholten Signalen. 

Und der Held des Tages? 

Als er den verhaBten Major mit dem RoB in den 
FluB stiirzen sah, rannte er ans Ufer hinunter, da 
stand ein alter Kahn. Tot oder lebendig, er muBte ihn 
f angen ! Der Major tauchte gleich wieder auf und be- 
gann zu schwimmen. Fortunatus im Kahn hinter ihm 
drein, packt ihn am Kragen, zieht ihn triefend heraus. 
„Sie sind mein Gefangener!" schreit er, und der Ma- 
jor, sprudelnd, pustend, schluckend und vollst&ndig 
konsterniert, ergibt sich ruhig in sein Schicksal. 

Der Trompeter hat sich mitsamt dem Qaul auf das 
jenseitige Ufer gefliichtet und schimpft von dort aus 
auf die Husaren heriiber. 

Schon kommt die Suite dahergesprengt. Prinz 
August an der Spitze. In der Nahe der Briicke halt 
er. Ihm gegeniiber stehen die beiden feindlichen 
Fiihrer und samtliche hohere Offiziere! 

„Meine Herren, ich spreche Ihnen meine hochste 
Zufriedenheit aus. Es wurde von beiden Seiten das 
Beste geleistet, und die Schwierigkeit der Aufgabe, 
nach der angenommenen Zerstorung der Steinbriicke 
dem Westkorps den FluBubergang unmoglich zu 
machen, ist Ihnen, mein lieber General von Glucks- 
peter, iiberraschend schnell gelungen. Sie haben Ihre 
Kavallerie an die Holzbriicke geschickt, und es schien 
mir einen Augenblick, als hatte sie vor der Infanterie 

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weichen mtissen, gleichwohl wurde mit beispielloser 
Schnelligkeit eine Abteilung ans andere Ufer ge- 
bracht" — der Prinz deutete auf Fortunatus und seine 
sechs Husaren am jenseitigen Ufer. „Ich gratuliere 
dem Oberst dieses Husarenregiments — ich gratuliere 
der Schwadron und ihrem Fiihrer — lassen Sie, bitte, 
die Leute heriiberkommen." Fortunatus ruderte mit 
seinen Leuten und dem gefangenen triefenden Major 
heruber. Unterdessen fuhr der Prinz fort: „Man muB 
zwar prinzipiell gegen die Demolierung von GebSu- 
den und Gegenstanden sein. In diesem Falle aber haben 
Sie, Herr Rittmeister von Gutenberg, nicht nur recht 
getan, in dem kurzen, kritischen Augenblick die 
Briicke schnell abzubrechen, ich mache Ihnen auch 
mein bewunderndes Kompliment dazu, mit welcher 
Raschheit das geschah! Sie haben gewiB Ihre Leute 
in diesen Handhabungsarbeiten oft geiibt?" 

„Ich — ich — Hoheit!" stammelte der Rittmeister 
von Gutenberg. Er wuBte nicht, wie ihm geschah. 
Da kam Fortunatus und seine Leute. 

„Ihr habt die Briicke abgebrochen, Leute?" 

„Zu Befehl, Hoheit!" rief Fortunatus, und daslierz 
klopfte ihm bis an den Kragen hinauf vor Freude. 

„Wer ist denn das?" 

„Das ist mein Gefangener, Hoheit, der Herr Major 
von Diftelfing, der ins Wasser gef alien ist!" 

Ein unwiderstehliches, wenn auch je nach dem 
Rang starkeres oder schwacheres Lachen ertonte, als 
der krummbeinige Major wie ein triefender Pudel her- 
vortrat. 

„Ich muB gestehen, Hoheit — diese Art der Krieg- 
fiihrung — " stammelte argerlich Herr von Diftelfing. 

„Ich bitte!" unterbrach ihn der Prinz scharf : „Hier 
spreche i c h die Kritik. Diese Art der Kriegsf iihrung 
ist allerdings keine exerzierplatzmaBige — aber dar- 
um sehr fiir die Beurteilung eines Reiters maBgebend, 
der im Begriff ist, seine Abteilung in den FluB hinein- 
zuftihren. Man muB eben doch die Augen aufmachen, 
15* 

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mein lieber Herr Major — ich betone die Notwendig- 
keit von Eklaireurs, meine Herren. Vom schnellen 
Reiten allein habe ich nichts. Und ein Fiihrer, der 
seiner Trtippe voraus ins Wasser fallt — ja — " das 




Weitere murmelte der Prinz unverstandlich, doch 
klang das Wort „Pension" deutlich daraus hervor. — 
Der Prinz ritt mit seiner Suite von dannen. Nun 
wurde Fortunatus noch speziell belobt vom Oberst, 
dann vom Abteilungskommandeur, dann vom Ritt- 



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meister, von den Leutnants. Er schwamm in einem 
Meer von Wonne. Er hatte eine Schlacht entschie- 
den, und wenn es auch keine Toten dabei gab, er hatte 
sie doch entschieden. 

Die Truppen riickten in die Quartiere. Fortunatus 
mit seinen sechs Husaren war in das SchloB Warn- 
berg einquartiert — ein uraltes, graues Geb£ude mit 
Tiirmen und Qiebeln mitten im Walde. 

Die Husaren schimpften nicht wenig, daB sie so weit 
reiten muBten, ehe sie unter Dach und Fach kamen, 
denn ein tiichtiger Herbstwind nebst Regen hatte die 
liebe Sonne vertrieben. 

So ritten sie durch den dunklen Wald, Fortunatus 
voraus, mit einem Geftihl von Poesie und Heldentum, 
so ganz, wie es in seinen alten Biichern stand. L£ngst 
sah man schon das SchloB vom Berg herunterdrohen, 
duster und gramlich. Der Wald war zu Ende. Ein- 
sam war es hier. 

„Das wird 'n nettes Quartier!" sagte der vorwitzige 
Ditter. „So ne olle Qeisterbude — Bier vom FaB 
wird's da auch keenes geben! Ich hatte wenigstens 
geglaubt, nach der Holzmacherarbeit von heute friih 
in een Hotel garni zu kommen. — Erst gewinnt man 
de Schlacht, und kriegt nich mal een Trinkgeld!" 

Auch die andern Soldaten schienen nicht sehr er- 
baut, als sie den schmalen Pfad uberwunden hatten 
und nun frierend am SchloBtor standen, denn da oben 
pfiff der Wind tuchtig. 

Fortunatus wurde es ganz eigen zumute, als sich 
auf wiederholtes Klopfen gar nichts riihrte. 1st es am 
Ende ein verwunschenes SchloB? dachte er. 

„Heda — holla — aufgemacht!" riefen die ungedul- 
digen Husaren und bearbeiteten das Tor mit ihren 
Lanzenschaften. 

Endlich knarrte das Quckfenster. Ein Paar angst- 
volle, graue Augen, die einem verhutzelten Mannlein 
gehorten, sahen heraus! Fortunatus uberrieselte es, 
das war gewiB ein verzauberter Zwerg. 

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I 



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„Machen Sie mal auf ! Sie oiler Zwetschgenmann!" 
rief Ditter, „oder wir treten die wurmstichige Tiire 
ein." 

Die Schlussel rasselten, knarrend offnete sich das 
Tor, das verhutzelte Mannlein fiihrte die Husaren in 
den SchloBhof, da wuchs das Qras biischelweise, alles 
war so duster und unheimlich. Es fing audi schon an 
zu dammern, dabei heulte der Wind und klatschte der 
Regen stoBweise an das alte Gemauer. 

Die Husaren brachten die Pferde unter. Dann traten 
sie in die groBe Qesindestube. Da war es gemiitlich 
warm. Sie setzten sich mit den Dienstboten des 
Schlosses zur Abendsuppe und lieBen den Sturmwind 
drauBen pfeifen. 

Das verhutzelte Mannlein rieb sich fortwahrend 
kichernd die H&nde, daB es Fortunatus schon unheim- 
lich wurde. 

„Woriiber freuen Sie sich denn so, Herr — ?" 

„Thaddaus — heiB' ich — jaa — der a — lte Kastel- 
lan Thadd — aus," erwiderte das Mannlein mit seiner 
zitterigen Stimme, „und woriiber ich mich freue! Hi — 
hi, daB ihr da — a seid, daB ihr da — a seid!" 

Fortunatus wurde es immer unheimlicher. 

„Heute na— acht werden wir doch ru — hig schla — a- 
fen!" fuhr der alte Thaddaus fort. „Vo— or den Hu- 

sa— aren werden es ha — at gel&utet, die Frau 

Gra— afin ha — at gelautet!" damit humpelte der Alte 
schnell hinaus. 

„Was hat denn der Alte?" fragte Fortunatus. 

„Hm — " meinte einer von der graflichen Diener- 
schaft. „Unheimlich ist es eigentlich schon! Sehen 
Sie, Herr Unteroffizier. Qestern sind wir hier ange- 
kommen, der Herr Graf und die Frau Graf in. Das ist 
namlich das uralte StammschloB, und weil die Herr- 
schaften riesig viele Gtiter in Osterreich haben, kom- 
men sie nie hierher. Diesmal sind sie auch wohl nur 
so vorbeigekommen. Nun ist der Herr Graf telegra- 
phisch abberufen worden, und weil die Frau Gr&fin 

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ein wenig unwohl wurde, mussen wir ein paar Tage 
hier aushalten. Das hatte nun weiter nichts auf sich. 
Aber der alte Thaddaus, der schon funfzig Jahre hier 
oben haust, der behauptet — Herrgott, ich glaube, da 
schaut einer zum Fenster herein!" 

Die MSgde kreischten auf. Die Husaren fuhren in 
die Hohe. Einer offnete die Ttire, ein WindstoB fuhr 
herein und alien kalt iiber die Qesichter. Fortunatus 
ging hinaus und sah nach, obschon ihm die Gansehaut 
iiber den Rticken lief. „Es ist nichts! 44 sagte er. „Was 
erschrecken Sie einen denn so? 44 

„Ja, man wird selber ganz schreckhaft, 44 fuhr der 
Bediente fort. „Der alte Thaddaus hat uns alle an- 
gesteckt. Er behauptet nSmlich, 44 immer leiser sprach 
er, und immer naher ruckte die Gesellschaft zusam- 
men : „In grauer Vorzeit hat einmal ein Ahne unserer 
gnadigen Herrschaft hier im SchloB im linken Turm- 
zimmer eine grauenvolle Mordtat veriibt an seiner 
eigenen jungen, schonen Gemahlin — das war am 
dreizehnten September. Er hat sich dann selbst den 
Tod gegeben und muB nun als Gespenst wandeln, je- 
des Jahr am dreizehnten September kommt er einmal 
um Mitternacht in das Turmzimmer, achzt und stohnt, 
daB einem die Haare zu Berg stehen, und verschwin- 
det wieder mit dem Hahnenschrei. Der Thaddaus 
hat ihn selbst gesehen " 

„Jawo — o — ohl! 44 tonte eine Grabesstimme hinter 
der atemlos lauschenden Gesellschaft, daB alle er- 
schrocken zusammenfuhren, „der alte Tha — ddaus hat 
es erlebt! 44 Es war das alte Mannlein, das unbemerkt 
hereingekommen war. 

„Fiinfzig Jahre sind es. Da war der GroBvater des 
jetzigen Herrn mit seiner Gemahlin hier. Sie lebten 
nicht gliicklich zusammen. Und am dreizehnten Sep- 
tember da warnte man die Grafin, im Turmzimmer 
zu schlafen — denn in den alten Chroniken steht es 
zu lesen, daB, wer das Gespenst anspricht oder er- 
blickt, dem dreht es den Hals um, so geschah es des 

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oftern im Lauf der Jahrhunderte. Die Gr&fin lachte 
dazu. — Ich war damals ein junger Bedienter. Der 
Graf war auf die Jagd gegangen. Vorher hatte es 
zwischen ihnen einen furchtbaren Auftritt gegeben, 
und wie die Grafin ins Turmzimmer ging mit rotge- 
weinten Augen und leichenblaB, da sagte sie: ,Heute 
nacht werde ich mit dem Ahnherrn sprechen!' Am 
andern Morgen lag sie tot im Bette. Die Arzte sagten, 
sie hatte zu viel Schlafpulver genommen — aber ich 
weiB es besser, es war eine furchtbar sturmische 
Nacht. Der Ahnherr hatte sie erwurgt!" 

Fortunatus versuchte unglaubig zu lacheln, aber als 
er die ernsten Gesichter sah, erstarb ihm das Lacheln 
auf den Lippen. Und doch bewegten kuhne Gedan- 
ken sein junges Herz. 

„Und es gibt kein Mittel, das Gespenst zu bannen?" 
fragte er mit gliihenden Augen. 

„0 ja!" versetzte der alte Thaddaus, dem vor Auf- 
regung die Sprache jetzt ganz flieBend vom Mund 
ging. „In den alten Chroniken steht, wenn sich einer 
fande, der dreimal das Gespenst mit einem Schwert 
beruhrte und das drittemal ihm den Kopf herunter- 
schliige, ware es erlost, denn, weil es dem Henker 
nicht verfallen, muB es umherirren." 

„Dreimal?! u fragte Ditter. 

„Ja, dreimal ! Es soil's einmal einer versucht haben, 
aber schon bei der ersten Beriihrung sank er vor 
Schrecken hin, und das Gespenst drehte ihm den Hals 
urn," sagte Thaddaus. „Heute haben wir nun den 
schrecklichen Tag. Ich habe die Frau Grafin gewarnt. 
Das Turmzimmer ist ja leider das einzige Zimmer im 
Schlofe, wo man noch anstandig wohnen kann. Auch 
steht die eiserne Truhe neben dem Kamin, die in die 
Wand eingelassen ist. Es liegen, glaube ich, ein paar 
Millionen drinnen, zu einem neuen Gutskauf — da will 
die Frau Grafin im Turmzimmer bleiben — ich wasche 
meine Hande in Unschuld!" 

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.,Heute ist ja der dreizehnte," rief Fortunatus er- 
regt. 

„Ja, naturlich! Davon reden wir ja die ganze Zeit. 
Drum bin ich froh, daB ihr da seid, obschon ihr auch 
iiichts nutzen werdet!" 

Da klopftc es leise an der Tiire. 

„Alle guten Geister!" rief Thaddaus, die andern 
fuhren auf. 

Eine stattliche &ltere Dame trat herein. 

„LaBt euch nicht storen, Leute!" sagte die Graf in. 
„Ich bin nur eben so sehr erschrocken. Es kamen so 
seltsame Tone aus — ja, ich weiB nicht woher, daB 
ich wirklich nicht mehr hinaufgehen mag. Thaddaus, 
richten Sie mir irgendein anderes Zimmer hier im 
ErdgeschoiJ zum Obernachten her. Es ist zu unheim- 
lich! u 

„Da — a ha — aben wir's!" stammelte Thaddaus. 

„Frau Grafin," nahm Fortunatus jetzt das Wort, 
„wollen Sie mir erlauben, die Nacht in dem Turm- 
zimmer zu verbringen!?" 

Alles erstaunte. 

„Ich halte es fur meine Pflicht, als braver, frommer 
Soldat, diesem Spuk ein Ende zu machen! Erlauben 
Sie, Frau Grafin, daB ich Ihrem Ahnherrn den Kopf 
herunterhaue, so will ich die Mitternacht dort er- 
warten!" 

Die Grafin lachelte. „Wenn es wirklich so schlimm 
werden sollte. und Ihnen ein Gespenst erscheinen 
wurde, was ich zwar nicht annehme, so hauen Sie nur 
tuchtig zu. Es wird wohl nicht so schlimm werden !" 

Die Dienerschaft beeilte sich, in einem anstoBenden 
Gemach ihrer Herrin einen wohnlichen Raum zu be- 
reiten. Diese unterhielt sich indessen mit Fortunatus, 
der mit Begeisterung seine heutigen Manover-Aben- 
teuer erzahlte und eine riesige Freude hatte, heute 
nacht noch einem leibhaftigen Gespenst den Garaus 
zu machen! Das Zimmer war hergerichtet. Die Frau 
Grafin stand auf: „Also gute Wacht — mein junger 



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Held. Jedenfalls weiB ich Ihren guten Willen zu 
schatzen!" Freundlich gruBend ging die Dame hin- 
aus. Eben schlug es 10 Uhr. 

„Und jetzt ans Werk," rief Fortunatus begeistert, 
„die Schlacht habe ich gewonnen, und das Gespenst 
will ich besiegen — oder mein Leben lassen!" 

„Kommen Sie, alter Thaddaus, ftihren Sie mich ins 
Turmzimmer!" 

Voll Bewunderung sahen alle auf den kleinen, jun- 
gen Soldaten, dem der Mut aus seinen blauen Augen 
blitzte. 

Thaddaus nahm ein Licht und schlappte behutsam 
dem jungen Helden voran. 

So ging es tiber mehrere Treppen, nur daB Thad- 
daus jetzt hinterdrein ging und bei dem unsicheren 
Scheine des flackernden Lichtes den Fortunatus vor 
sich herschob. 

Der Wind heulte entsetzlich um das alte SchloB 
und riittelte an den Tiiren und Fenstern. 

„Sehen Sie!". fliisterte Thaddaus. „Hier sind wir." 
Er offnete eine schwere Eichentiire. 

Sie traten ein. „Und nu — u — n wii — nsch' ich" — 
Pautz! In dem Moment schlug ein WindstoB die 
Tiire zu und dem furchtsamen Thaddaus das Licht 
aus der Hand, daB es erlosch. Dieser briillte vor Angst 
und klammerte sich an Fortunatus. 

„Lassen Sie mich doch aus, Sie Memme. und 
machen Sie iiberhaupt jetzt, daB Sie weiterkommen!" 
sagte Fortunatus argerlich. 

„Wei — ter — ko — o — ommen!" stotterte der Alte, in 
der Dunkelheit herumtastend. „I — ich Unglucks- 
me-ensch! I — ich ka — ann nicht mehr hinaus. Der 
Schliissel ste— ckt dra— uBen, hu— hu— u— !" Dabei 
fing er zu heulen an wie der SchloBhund. 

„Also dann bleiben Sie da! Aber mucksen Sie sich 
nicht. Unser Rufen wiirde man bei dem Sturm nicht 
horen, auch wiirde schwerlich jemand kommen. Am 
besten ist, Sie kriechen irgendwo hinein." — 

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„Ja — a!" stohnte der Alte, „wo hinein — wo — o 
mich das Qe— spenst nicht finden ka— ann, dann 
dre— eht es wenigstens bio — oB Ihnen den Ha— als 

um a— aber wo? Ins Bett? Da^as ist nicht 

sicher genug — unter den Schrank — hu, wenn es 
mich da — ann bei den Beinen herauszoge — ha — alt, 
ich ha-^ab's, in die eiserne Truhe stei — eig' ich, — 
da — a bin ich si — cher!" 

„Wo die Millionen liegen?" meinte Fortunatus, „da 
werden Sie schwerlich hinein konnen!" 

„Do— och, do — och! 44 jubelte der Alte. „Ist ja nur 
ein Mecha — nismus, den ich ga — anz allein kenne, 
hah' ihn selber dem Herrn Qra — afen gestern ge- 
zeigt!" Damit war er schon an die groBe Truhe ge- 
krochen. Es schnappte ein paarmal wie eine Feder, 
dann schien der Deckel aufzugehen, der Alte stolperte 
hinein. 

Soviel Fortunatus erkennen konnte, tauchte er noch 
einmal auf. 

„Bi — itte, verraten Sie mich dem Qespenst nicht, 
daB ich da— a herein " 

„Jetzt halten Sie einmal Ihren Rand! 44 rief Fortu- 
natus, der ganz aus seiner begeisterten Stimmung 
kam. Qing hin und klappte den Deckel zu, daB alles 
drohnte. 

Der Alte wollte eben noch sagen: „Ich muB Ihnen 
den Mechanismus erklaren, damit ich wieder her- 

aus " aber es war schon zu spat. Die Worte 

verhallten ungehort im Innern der Truhe. Qrauen- 
volle Einsamkeit undFinsternis umgab nun das tapfere 
Schnciderlein. Er zog seinen Sabel, lehnte sich mit 
dem Riicken an die Wand und horte die Viertelstun- 
den langsam schlagen. Nichts horte man als das Sau- 
sen des Windes. Eben hatte es elf geschlagen! Also 
noch eine lange Stunde der Erwartung. 

Da, auf einmal — Fortunatus lief ein eisiger Schauer 
iiber den Leib — tanzten zwei kleine, blasse Lichter- 
chen im Zimmer herum. Wo kamen sie her? 

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Kaum waren sie sichtbar, und dennoch konnte er 
sich nicht tauschen. Auf einmal durchzog ein blau- 
licher Schein das ganze Zimmer, so daB man fast die 
Gegenstande erkennen konnte. Dort den groBen Ka- 
min, daneben die Truhe, das Bett, die alten Schr&nke, 
alles schien in unheimlichen Formen. Fortunatus 
pochte das Herz. Er faBte seinen Sabel fester. Ein 




* / ?r»>tcJip.9/ m 



eigentumlicher Qeruch, wie von etwas Verbranntem, 
machte sich wahrnehmbar. 

Da kam eine Stimme wie aus weiter Feme langsam 
immer naher, deutlich erkannte Fortunatus seinen 
Namen. 

„Fortunatus, Fortunatus!" 

„Wer ruft mir! Sind Sie es, Thaddaus?" 

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Nein, das war unmoglich, die Stimme kam alle 
Augenblicke woanders her, bald von oben, bald schien 
sie drauBen vor dem Fenster. 

„Fortunatus — fliehe — wenn — dir — dein — 
junges — Leben — lieb — ist!" stohnte die Stimme 
in langsam gezogenen schauerlichen Tonen. 

„Wer bist du?" rief Fortunatus, wahrend ihm der 
kalte SchweiB auf der Stirne stand. 

„Fliehe — fliehe — oder du bist des Todes!" 

„Das konnte jeder sagen!" antwortete Fortunatus, 
dem wieder der ganze Mut das Herz schwoll. 

„Zeige dich nur, elendes Gespenst — ich habe ein 
gutes Qewissen und will dir dein Spuken schon ver- 
treiben." 

Die Stimme verhallte klagend. Dafiir ertonten jetzt 
die seltsamsten Laute, wie wenn die ganze Holle los- 
gelassen wlirde. Krahen und Wiehern und Lachen. Es 
war wieder vollstandig finster geworden. Die Uhr 
schlug jetzt langsam zwolf Uhr. 

Mit dem zwolften Schlag erhob sich ein schauer- 
liches Qerassel, wie wenn alles einsturzte. Eine blen- 
dende Helle erfiillte das Qemach, und eine hohe, weiBe 
Qestalt trat langsam vom Kamine her auf Fortu- 
natus zu. 

Dieser ging beherzt auf die Erscheinung los und be- 
riihrte sie mit dem ausgestreckten Sabel. In dem Mo- 
ment durchfuhr es ihn wie ein Blitz, die Haare straub- 
ten sich ihm, er muBte den Arm wie gelahmt sinken 
lassen. 

„H6re mich — junger Held, 44 sprach jetzt das Ge- 
spenst mit hohler Stimme. „Du sollst mich heute be- 
freien und mir das Haupt abschlagen, vorher muB ich 
dir aber kiinden, was niemand weiB. Lege dein 
Schwert auf den Boden, ich sage dir, wann du es dann 
gegen mich erheben sollst! 44 

Fortunatus tat es willenlos. 

„Knie nieder, und hore, welches Gluck dir das 
Schicksal bestimmt hat! 44 — Fortunatus kniete nieder. 

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„Und nun wende dich langsam urn, ganz langsam, 
und sage mir, was du siehst." — Fortunatus drehte 
sich langsam urn. 

„Nichts sehe ich!" sagte er verwirrt. 

„Dann will ich dir mal wat zeigen!" rief das Ge- 
spenst und stiirzte sich von hinten auf Fortunatus, ihn 
zu Boden reiBend. 

Dieser verlor keinen Augenblick seinen Mut und 
suchte sich loszuringen. Er hatte die Hande in einer 
Schlinge, ohne daB er wuBte, wie, auch dieFuBe waren 
gebunden, ehe er sich's versah, nun ward ihm ein 
Tuch iiber den Mund gebunden, daB er nicht schreien 
konnte. Fortunatus lag am Boden, durch das Fenster 
drang jetzt ein blasser Schein des Mondes, so daB 
Fortunatus sehen konnte, wie das Qespenst sich der 
Truhe naherte und anfing, sie mit einem Eisen zu er- 
brechen. 

DaB das kein richtiges Qespenst war, leuchtete ihm 
sofort ein. Er rollte sich behutsam gegen seinen 
Sabel, der am Boden lag, und brachte ihn mit vieler 
Miihe zwischen den Strick, mit dem seine Hande ge- 
f esselt waren ; wahrend das Qespenst gerauschvoll an 
der Truhe arbeitete, legte sich Fortunatus auf den 
Sabel und wetzte den Strick an dessen Spitze, bis es 
ihm gelang, die Hande freizumachen. Dann war es 
leicht, auch die FiiBe loszukriegen. Nun war er wie- 
der ganz er selbst, gehoben vorBegierde, den schmah- 
lichen Oberfall heimzuzahlen und der ganzen Sache 
auf den Qrund zu kommen. Inzwischen hatte das Qe- 
spenst die Truhe aufgebrochen, schlug den Deckel auf 
und — prrr — entsetzt fuhr das arme Qespenst zu- 
ruck, denn da drinnen schien ein wirkliches Qespenst 
zu sein. — Mit furchtbarem Angstgebrull richtete sich 
der alte Thaddaus in der Truhe auf. Das Qespenst 
wuBte nicht mehr recht, was es beginnen sollte — die- 
sen Moment beniitzte Fortunatus, um mit hochge- 
schwungfenem Sabel draufloszustiirzen. Doch im sel- 
ben Moment riB das Qespenst einen Revolver aus der 



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Brust — ein SchuB krachte — zu sp&t — Fortunatus' 
Sabel fiel schwer auf das Haupt des Qespenstes, daB 
es mit einem ganz naturlichen Schrei zusammen- 
brach. 

War es T&uschung oder Wahrheit? Als das Ge- 
spenst zusammenbrach und die weiBen Gew&nder sich 
verschoben, sah eine Husarenuniform drunter hervor. 

„Ditter!! 44 rief Fortunatus erstaunt, dem jetzt ein 
Licht aufging. 

Der SchuB hatte die andern Husaren alarmiert. Sie 
kamen, den Sabel in der Faust, herein, und sahen bei 
dem Scheine einiger Lichter die seltsame Qruppe. 

„Hier nehmt das Gespenst!" rief Fortunatus gravi- 
tatisch. „Es ist unser sauberer Kamerad Ditter. Und 
Sie, Thaddaus, groBer HasenfuB, melden Sie Ihrer 
Grafin den Ausgang, und machen Sie, daB Sie aus 
Ihrer Kiste herauskommen." 

Ditter wurde in Qewahrsam gebracht, und Fortu- 
natus legte sich nach all der Aufregung schlafen; da 
der nfichste Tag ein Rasttag war, brauchte er urn das 
Wecken nicht bang zu sein. 

Die Sonne schien hell ins Qemach, als Thaddaus 
den Schlafer aufriittelte; der Herr Graf sei angekom- 
men und wunsche ihn gleich zu sprechen. Fortunatus 
folgte in das Turmzimmer. Dort war der Graf und 
die Grafin. Ditter saB mit verbundenem Kopf auf 
einem Stuhl. Der Graf, dem alles schon erzahlt wor- 
den war, ging auf Fortunatus zu und schiittelte ihm 
die Hande. 

„Sie haben mir durch Ihren Mut ein groBes Ver- 
mogen gerettet. Meine Erkenntlichkeit dafiir werde 
ich Ihnen spater ausdrucken — und jetzt inquirieren 
Sie einmal den Halunken — ich hore so viel Selt- 
sames, daB ich nicht weiB, was ich davon glauben 
soil! 44 

„Ach, Herr Graf! 44 jammerte das ungluckliche Ex- 
Gespenst, „ich will ja alles bekennen! Liefern Sie 
mich nur nicht der Polizei aus! Ich habe ja ohnehir. 
16 

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einen tiichtigen Denkzettel bekommen und will's ge- 
wiB nicht wieder tun! — Die Gelegenheit wai; zu 
schon! Wie ich die Spukgeschichte horte, da dachte 
ich gleich, der Herr Unteroffizier werde wieder eine 



Heldentat vollfuhren wollen — ich aber wollte.cter 
Truhe einen Besuch machen. — Ich hatte aber gariz 
gewiB nicht alles genommen, Herr Qraf — also, wie 
ich die Hauptsache wuBte, wischte ich zur Ttir hinaus 
und sprach in den Kamin hinein, um die Frau Gf&fin 

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aus dem.Zimmer zxx vertreiben. Das gelang auch, 
weil die Kamine im SchloB alle ineinanderlaufen. Als 
dann, wie ich vermutet hatte, der Herr Unteroffizier 
hinaufkam, war ich schon vom Dach aus in den Ka- 
min gestiegen, wo man ganz bequem sitzen konnte!" 

„Also haben Sie dann mich von da angerufen" — 
unterbrach ihn Fortunatus. „Es klang wie aus weiter 
Feme!" 

„Ja, Wofiir ware ich denn gelernter Bauchredner, 
Herr Unteroffizier!" fuhr der Delinquent fort. 

„Ich hoffte, Sie dadurch zu verscheuchen. Fiir den 
Fall Sie nicht gingen, hatte ich den andern Plan be- 
reit. Ich machte dann verschiedene Stimmen, da- 
mit es Ihnen gruselte, und lieB mit einem kleinen 
Spiegel die Lichter tanzen, dann brannte ich etwas 
blaues, bengalisches Feuer an, und mit dem Schlag 
zwolf warf ich einen Haufen losgebrochener Steine in 
den Kamin herunter und lieB mich an einem Strick 
herab, in mein groBes Bettuch eingewickelt " 

„Und der Schlag, der mir durch alle Qlieder ging?" 
fragte Fortunatus. 

„Der kam von einer kleinen, elektrischen Battene, 
die ich deshalb mitgenommen, und die Sie mit dem 
Sabel beruhrten — ich hatte alle meine Zaubersachen 
mit eingepackt, weil ich wahrend der Rasttage in den 
Dorfern Vorstellungen geben wollte. Dann wollte ich 
Sie durch die List unschadlich machen. Aber wie ich 
die Truhe aufmachte, erschrak ich so arg liber den 
Menschen drin, daB ich den Moment verpaBte, wo Sie 
sich losgemacht hatten, sonst hatte u 

„Sonst hatten Sie dem braven Unteroffizier eine 
Kugel durch den Kopf gejagt, Sie Halunke!" rief der 
Graf. „Nun, mein lieber Herr Eisenmann, wollen wir 
miteinander reden. Wann haben Sie ausgedient?" 

„In drei Wochen, Herr Graf!" 

„Wollen Sie dann bei mir Verwalter des neu ge- 
kauften Gutes werden? Ich brauche einen schneidi- 
gen, braven Kerl, das andere lernt sich von selbst. 
16* 

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Sie werden mit den schwierigen Nachb^rn fertig 
werden — das weiB ich!" 

„Herr Graf!" stammelte Fortunatus freudig er- 
scbrocken. 

„Sie haben freie Wohnung und Pferde. Dazu gebe 



ich Ihnen, um meine Schuld abzutragen, jahrlich 
6000 Mark. Je nachdem Sie sich qualifizieren, konnen 
Sie in spateren Jahren eine groBere SteHe auf meinen 
ungarischen Domanen erhalten. Ist's Ihnen recht? So 
schlagen Sie ein!" 

244 

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Fortunatus ergriff selig die dargebotene Rechte und 
hatte vor Freude fast geweint. 

Da war es, das langersehnte Qliick! 

„Und nun den R&uber zur Gendarmeriestation!" 
fuhr der Qraf fort. 

„Herr Qraf!" sagte Fortunatus, „ich bitte Sie recht 
herzlich, lassen Sie Qnade fiir Recht ergehen und den 
armen Teufel nicht ungliicklich werden, da Sie mich 
heute so gliicklich gemacht haben!" 

„Ihnen zulieb, weil ich sehe, daB Sie auch ein gutes 
Herz haben — mag er sich denn anderswo Mngen 
lassen — und nun, Thaddaus, Champagner herauf. 
Wir wollen den neuen Verwalter leben lassen." — 



Einige Monate spater — als der Herbstwind die 
Blatter abgeschuttelt — hielt eines Tages ein Wagen 
vor dern Wirtshaus zum goldenen RoB. Ein eleganter, 
kleiner Herr stieg aus. Mit einem Schrei fuhr die 
blonde Marie vom Fenster zuruck — es war Fortu- 
natus! Er war zwar kein General, aber ein gemach- 
ter Mann! Den wirft kein Schwiegervater hinaus! 
Auch der goldene RoBwirt nicht, wie er anfangs ge- 
droht. Im Qegenteil, das Staunens und der Hoflich- 
keit war kein Ende. Und die blonde Marie? Sie hatte 
wirklich all die Zeit her auf ihren Fortunatus gewar- 
tet. Eines Tages muBte er ja wiederkommen, das 
stand felsenfest in ihr. — 

Ein paar Wochen spater war Hochzeit! Eine statt- 
liche, glanzende Hochzeit! Da hatten die alten Wei- 
ber zu tuscheln und zu plappern. „Die reiche RoB- 
wirtstochter" und „der fremde Brautigam" aber, ganz 
gewiB — „sie hat einmal den Schneider gegeniiber 
gern gehabt" — „der so iiberspannt war und davon- 
gegangen ist" — „so sind die Madels!" — „recht hat 
sie!" — „wer weiB, was aus dem Schneider geworden 
ist" — „hatte der fremde Herr nicht unsere Crete neh- 

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men konnen?" — „so schon ist sie audi wie die Ma- 
rie! 44 — „ja, Qliick muB man haben!" 

Jawohl, Qliick! Und vor allem den Qlauben an das 
Qliick, und ein tapf erer, braver Kerl sein, dann kommt 
das Qliick von selber — wie bei dem tapferen Schnei- 
derlein Fortunatus Eisenmann! — 



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Mukl, der Luftschiffer. 



„Ju— hu— hu— huhu!" erscholl es an den Felswan- 
den des Zinken, daB es im ganzen Gebirge wider- 
halite! 

Mukl war es, der Hochalmhalder, der vor seiner 
Hiitte stand und in den goldenen Sonnenschein hin- 
ausjauchzte, laut, aus voller Brust — wie die Lerche 
jauchzt — wie der Hirsch schreit, wie man nur jauch- 
zen kann an so einem herrlichen Herbstsonntag-Nach- 
mittag wie heute, wenn man hoch oben am Berg 
steht, wenn man ein gutes Qewissen hat und einen 
solchen Brustkasten dazu, wie der Mukl — recte — 
Nepomuk Kleemaier. — 

Von unten wurden die Rufe keck erwidert, einige 
naher — einige ferner — eine groBe Qesellschaft 
schien im Anzuge. 

Mukl streckte und reckte sich und lachte vergniigt 
dazu. 

Er war ein bildschoner, groBer, gebraunter Bursche 
von 21 Jahren, mit riesigen Schultern, gewachsen wie 
ein Tannenbaum, mit Augen, so blau und ehrlich wie 
der lachende Himmel, unter dem er stand. Sein klei- 
ner, blonder Schnurrt>art krauselte sich keck in die 
Hohe, er strotzte von Kraft und Qesundheit, entspros- 
sen dem herrlichen Boden, den seine Vater schon seit 
Jahrhunderten bewohnt hatten. So stand er da im 
dunkeln Rahmen der Tiire seiner Hiitte und lachte 
vor sich hin und betrachtete mit priifendem Blick die 

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Muskeln seiner Arme, die er langsam anschwellen 
lieB. 

„Qilt schon!" sagte er behaglich. 

Das hing namlich so zusammen: Das seidene 



Tiichel nein, zuerst muB ich sagen nein, 

ich muB doch mit dem seidenen Tiichel anfangen! 
Also das seidene Tiichel, das hing unten im Dorf, 
beim Kramer in der Auslage, und wenn die braune 

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Miezl von der Kirche nach Hause daran vortiberging, 
schielte sie immer sehnstichtig danach. Die braune 
Miezl war n&mlich die erste Dim in der Meierei des 
Herrn Qrafen, und kurz und gut, warum sollen wir es 
nicht wissen, da doch das ganze Dorf es wuBte, daB 
der Mukl und die Miezl ein Paar werden wtirden, so- 
bald nur der Mukl ausgedient hatte beim Militar. — 
Heute sollte das Preisrankeln stattfinden, zu dem der 
Herr Qraf jedes Jahr die Preise stiftete, darum er- 
schollen vom Tal die Juchzer, und darum priifte Mukl 

seine Muskeln. Und das seidene Ttichel? Was 

ist's damit? Qeduld! Man kann doch nicht alles 
durcheinander erzahlen, ich bin ja gerade dran! Eben 
darum priifte Mukl seine Muskeln — weil er sich den 
ersten Preis zu errankeln hoffte, um seiner Miezl das 
seidene Ttichel zu kaufen. — Na also! Nur ausreden 
lassen! — Vor der Hiitte war ein flacher, freier Wie- 
senplatz, den der Mukl sorgfaltig abgesteckt und mit 
Stricken umgeben hatte. Jetzt kamen sie scharen- 
weise daher, die Burschen von alien Seiten. Viele 
Bauern aus der Umgegend dazu — immer lustiger 
und lebhafter erklangen die Reden in der herrlichen, 
reinen Luft Oh, da kommt auch der Herr Qraf selbst 
in seiner kurzen Jagdjoppe, von dem freundlichen, 
roten Qesicht die hellen SchweiBtropfen abwischend. 
Und nun konnte es ja losgehen! 
Der Herr Qraf trat zu Mukl in die Hiitte: 
„Wo kann ich denn die Preise deponieren, Mukl?" 
„Hier, Herr Qraf!" — Mukl fegte mit der flachen 
Hand tiber den ohnehin schon sauberen Tisch, der 
nebst Stuhl, Bett und Ofenbank seine ganze Einrich- 
tung bildete. 

Ond nun zog der Herr Qraf verschiedene Qeldroll- 
chen aus der Tasche und schrieb dazu mit Bleistift 
auf den Tisch: Erster Preis — zweiter Preis und so 
weiter. — 

Wie der Mukl den ersten Preis sah, lachte ihm das 
Herz im Leibe. Aber auch den andern, die jetzt Kopf 

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an Kopf zur Tiire hereinglotzten und verlegen 
.grinsten, stachen die hiibschen Dinger in die Augen. 

„Na, Buben!" rief der Herr Graf, „jetzt fangen wir 
an; daB mir ehrlich gerankelt wird! Kein Beinstellen 
und keine falschen Griff e!" 

Und der lustige Kampf begann. 

Der Herr Graf bestimmte die Gegner, und los 
ging's. 

Mukl war gleich der erste, der mit einem hochge- 
wachsenen, schwarzlockigen Bauernburschen zu rin- 
gen begann. In dichtem Kreise standen die Zu- 
schauer rings um die Seile. Nur der Herr Graf be- 
fand sich als Kampfrichter innerhalb derselben. Funf 
Minuten war Zeit gegeben fur jeden Kampf! Aber so 
lang brauchte der Mukl nicht. Es hatte kaum „Los" 
geheiBen, da lag der Schwarze schon am Rucken 
und zappelte mit den Beinen in der Luft. 

„Jetzt wohl!" brummte Mukl gutmiitig lachend. 
„Ist dir vielleicht zu schnell gegangen?" 

Jetzt kamen andere Paare, und so ging's fort, mit 
wechselndem Gliick vom lauten Hallo der Zuschauer 
begleitet, bis sich die Sieger untereinander ausge- 
schieden hatten, die nun ihrerseits wieder um den 
Preis rittern muBten. 

„Der Mukl kriegt den ersten!" 

Das stand alsbald fest, daran wagte keiner mehr 
zu zweifeln, denn einen Gegner nach dem andern 
brachte Mukl mit seiner Riesenkraft und Behendig- 
keit zu Fall. 

Nur der „ Welsche", wie sie ihn nannten, <ein stark- 
knochiger, langer Bursche, hatte seinerseits auch alle 
seine Gegner ins Gras gestreckt und war ebenso oft 
wie Mukl, namlich fiinfmal, Sieger geblieben. Das 
Kampfspiel hatte nun sein hochstes Interesse erreicht. 
Mukl und der Welsche standen einander gegeniiber 
wie kampfbereite Hahne, und wShrend aus Mukls 
gutmiitigem Gesicht die helle Freude lachte, schaute 
der Welsche verbissen und trotzig drein. 



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Schon hatten sie einander oben bei den starken, 
leinenen Hemden ergriffen und bohrten einer dem 
andern den Kopf in die Schultern, auf den Moment 
lauernd, in dem der Qegner wanken wiirde, um ihn 




dann mit einem raschen Ruck auf den Riicken zu 
drehen. 

Jetzt zog Mukl an, und der Welsche drehte sich in 
der Luft. Ein lauter Ruf entfuhr alien Zuschauern. 



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Er stiirzte ins Qras, Mukl dariiber hin, aber gewandt 
wie eine Schlange drehte sich der Welsche und blieb 
auf dem Bauche liegen, sich mit H&nden und FiiBen 
fest an den Erdboden stemmend. So muBte Mukl 
ihn jetzt lupfen und umdrehen, wenn der Sieg er- 
fochten sein sollte. Die Zuschauer riefen ihm zu, 
und Mukl hob und hob und packte den Qegner, aber 
fest krallte sich der Walsche an den Boden, so daB 
Mukl ihn nicht lupfen konnte. 

„Eine Minute habt ihr noch!" rief der Her r Qraf, 
mit der Uhr in der Hand, „dann muB geteilt werden!" 

„Donnerwetter!" dachte Mukl. „Qeteilt!? Da 
langt's ja nicht mehr auf das Tuchel!" 

Und wutend nahm er alle seine Krafte zusammen, 
um mit einem letzten Anprall den Welschen umzu- 
drehen. Der aber ersah den Moment und stellte dem 
Mukl ganz unmerklich das Bein. So rollten sie iiber- 
einander und weiter iiber den abgegrenzten Platz 
hinaus — die Zuschauer sprangen zuriick und lieBen 
eine Qasse. Weiter walzten sie sich — da entfuhr 
ein Schreckensruf der Menge. Hinunter rollten alle 
beide iiber den steilen Abhang. Die Qefahr war groB. 
Noch einige Schritte, so senkte sich der Abhang 
immer scharfer, schlieBlich senkrecht zu Tal. Die 
beiden schienen verloren. Das ging alles so blitz- 
schnell, daB niemand hatte helfen konnen. Der 
Welsche lieB Mukls Hemd nicht los. Schon kollerten 
sie dem Abgrund zu, als Mukl mit groBter Qeistes- 
gegenwart eine von den Latschen packte, die am 
auBersten Rande fest in der Erde wurzelten. Der 
Welsche rollte iiber den Rand des Abgrundes hinaus 
und hing nach unten. Mukls Hemd, das er fest ge- 
packt Hielt, zerriB — aber Mukl ergriff ihn rasch mit 
der freien Hand am Hosengurtel und hielt ihn fest! 
Schon kamen die Zuschauer und zogen die beiden 
nicht ohne Anstrengung wieder auf das Plateau her- 
auf. 

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Alles umringte den Mukl und schiittelte ihm die 
Hand. 

„Wer hat den Preis?" rief Mukl triumphierend. 

„Du net!" sagte der Welsche giftig. 

„Was? Du Krowott!" schrie Mukl, rot vor Zorn. 
,,'s Bein hast du mir g'stellt, und dafur halt i den 
Kerl noch! 's nSchstemal laB i di nunterrumpeln!" 

„Jawohl! Jawohl!" xiefen die Zuschauer. 

Mit geballten FSusten trat der Welsche auf den 
Muklzu: „Du bist zuerst am Buckl g'legen! I kann's 
beschworen!" 

Der Mukl sah den andern einen Augenblick an, 
dann gab er ihm ohne ein weiteres Wort eine solche 
Ohrfeige, daB dieser zurticktaumelte. 

„Recht hat er!" schrien die Zuschauer, „der will 
noch schachern, wo ihm der Mukl das Leben gerettet 
hat!" 

Der Welsche griff sein Hiitel vom Boden auf, sagte 
kein Wort, und, einen bitter giftigen Blick auf den 
Mukl schieBend, machte er sich Bahn und ver- 
schwand. 

Alles umringte Jetzt den Mukl mit lauten Gliick- 
wunschen. Auch der Herr Qraf kam jetzt atemlos 
herbei. „Braver Bursche!" sagte er und schiittelte 
dem Mukl die Hand. „Aber jetzt trag' den Tisch 
heraus, wir wollen rasch die Preise verteilen. Es 
zieht ein Wetter herauf!" 

Freudestrahlend trat Nepomuk Kleemaier in die 
Hiitte, um den Tisch herauszutragen. Aber, mit dem 
zerrissenen Hemd kann er sich drauBen nimmer sehen 
lassen. Rasch trat er an die Truhe, nahm das andere 
Hemd — er hatte nur zwei — und zog es an. 

„Mukl!" rief der Herr Qraf auBen. 

„Kimm schon!" sagte Mukl und trug den Tisch 
hinaus. 

Der Herr Qraf hatte bei dem Tisch auf einem 
Stuhle Platz genommen und kontrollierte die Qeld- 

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rollchen. Endlich sagte er: „Das ist doch toll! £>a 
fehlen gerade zwanzig Mark!" 

Einer stierte den andern an, und alle Augen blie- 
ben auf Mukl haften. 

„Hast du dir den Preis vorweg genommen, Mukl?" 
fragte der Herr Qraf. 

Dem Mukl stieg die Zornrote auf. Das war seine 
schwache Seite. Alles trieb ihm gleich das Blut zu 
Kopf. 

„Sag's nur!" fuhr der Herr Qraf fort, „wo soil denn 
das Qeld schlieBlich sein?" 

„Sie sagen — i war* ein Dieb!" rief Mukl, mit fun- 
kelnden Augen auf den Herrn Qrafen losgehend. 

Dieser wurde ein wenig blaB vor Arger, erwiderte 
nichts, sondern nahm aus seinem Portemonnaie ein 
Zwanzig-Markstiick und warf es verachtlich auf den 
Tisch. 

,.Erster Preis! Nepomuk Kleemaier." verlas er von 
einem kleinen Zettel und bot demselben das Zwan- 
zig-Markstiick an. Dieser nahm es nicht. 

„Herr Qraf! Erst nehmen Sie zuruck, daB Sie mich 
fur einen Dieb halten!" Hochatmend stieB Mukl diese 
Worte hervor. 

„Ich pflege nichts zuriickzunehmen, mein Bester," 
sagte dieser von oben herab. „Es wird besser sein, 
Sie nehmen Ihr Qeld und schweigen. Ich will die 
Sache nicht untersuchen, damit ist es genug!" 

„Ihnen vielleicht — aber mir nicht!" schrie der 
Mukl. „Sie sagen, ich bin ein Dieb!" 

„Dieses Wort haben Sie zuerst ausgesprochen," 
entgegnete der Qraf ktihl. 

„Aber denken tun Sie sich's!" schrie Mukl erbit- 
tert. 

Der Herr Qraf gab keine Antwort mehr und ver- 
teilte die Preise weiter. Aus dem Zischeln und 
Tuscheln, das sich rings erhob, konnte Mukl bald 
entnehmen, wie schlecht man von ihm dachte, von 

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ihm, dem sie vor fiinf Minuten noch jubelnd die 
Hande geschiittelt hatten. 

Das heitere Fest endete in gedruckter Stimmung. 
Es fing zu regnen an, bald hatte sich alles verlaufen. 
Mukl trug den Tisch in die Hiitte — das Zwanzig- 
Markstuck lag noch darauf. Lange safi Mukl davor 
und starrte es an, bis ihm die Tranen von den Wan- 
gen liefen. 



Einige Zeit nach dem Preisrankeln auf der Hoch- 
alm stand Nepomuk Kleemaier in der Vorhalle des 
gr&flichen Schlosses zu Oberndorf. Sein kleines 
Bundel hatte er neben sich auf den Boden gelegt. 

„Sie wollen mich sprechen?" sagte der Qraf, der 
aus einem Zimmer in die Vorhalle heraustrat. „Ein 
wenig kurz, wenn ich bitten darf, ich will auf die 
Jagd!" 

„Kurz und gut, Herr Graf!" entgegnete Mukl 
trotzig, und zog ein kleines Papierpaketchen hervor. 
„Ich muB in die Stadt zum Militar einriicken. Hier 
sind die zwanzig Mark von dem Preisrankeln. Ich 
will sie nicht haben, solange Sie mich ftir einen Dieb 
halten!" 

In diesem Augenblick ging ein bildsauberes Mad- 
chen mit einem groBen Milchkubel iiber die Vorhalle. 
Es war die braune Miezl, die erste Dirn der graf- 
lichen Meierei, welche eben die Milch in die Kiiche 
tragen wollte. 

Als sie ihren Mukl sah, unterdriickte sie einen Aus- 
ruf und blieb aufmerksam stehen. 

„Ich habe Sie schon einmal ersucht, mich mit der 
Qeschichte ungeschoren zu lassen, und damit basta!" 
sagte der Herr Qraf argerlich. 

„Nix basta!" trotzte der Mukl. „Mir ist die Qe- 
schichte nicht basta !** 

„Frecher Bursche! Er will mir noch trotzen? 
Warum ist Er denn nicht gleich herausgekommen mit 



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dem Tisch? Wer soil denn das Geld genommen 
haben, wenn nicht Er?" 
Mukl bekam einen roten Kopf. 




Die braune Miezl stellte ihre Milch nieder und 
mischte sich in das Gesprach. 

„Mein Gott, Mukl, nimm doch Vernunft an!" meinte 
sie begutigend. 



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„Ah — du bist da! Hor' nur zu, Miezl — einen 
Dieb nennt mich der Herr Graf!" 

„Beruhig' dich doch, Mukl!" sagte die Miezl, indem 
sie zu weinen anfing. „Sei ehrerbietig mit dem Herrn 
Graf en — der Schein ist gegen dich!" 

„Was — der Schein? — Du — also du auch — du 

glaubst es auch? — Ah, da soil doch du 

haltst mich auch fiir einen Gut is's! Macht, was 

ihr wollt — mich sehfs nimmer!" 

Mukl warf das Zwanzig-Marksttick, welches in 
dem Papier eingewickelt war, dem Herrn Grafen vor 
die FiiBe und eilte die Treppe hinunter. 

Schluchzend rannte Miezl hinter ihm nach: „Mukl 
— Mukl — i glaub's ja net!" 

„Falsch bist! Mi siehst nimmer!" tonte es zuruck, 
und verschwunden war der Trotzkopf. 

Am nachsten Tag stand Mukl in der Kaserne des 
ersten Infanterie-Regiments am rechten Fliigel einer 
langen Reihe von jungen Burschen, welche alle noch 
in Zivil als Rekruten vom Feldwebel in Empfang ge- 
nommen wurden. In dem unendlich langen Kasernen- 
gange roch es nach einer angenehmen Mischung von 
KommiBbrot, Lederzeug, Putzpomade und Stiefel- 
wichse. Die in Regalen lehnenden, blankgeputzten 
Gewehre imponierten den jungen Rekruten gewal- 
tig, und sie standen mit aufgerissenem Mund und 
groBen Augen da, der Dinge harrend, die da kommen 
sollten. Es wurde verlesen, dann wurden die Re- 
kruten einzelnen Kompagnien zugeteilt und von den 
betreffenden Unteroffizieren in Empfang genommen. 
Mukl kam zur 2. Kompagnie. Als er mit etlichen 
40 anderen Burschen unter Fiihrung eines Unteroffi- 
ziers die Treppe hinaufpolterte in den zweiten Stock, 
wo sich die Zimmer der 2. Kompagnie befanden, 
trat ihm von hinten einer auf den FuB. Mukl sah 

sich um und traute seinen Augen nicht es war 

der Welsche! Eben war man auf dem Korridor des 
zweiten Stockwerks angelangt, und der Unteroffi- 
17 

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zier rief „Halt!" — da ging es dem Mukl wie eine Er- 
leuchtung durch den Kopf. Er drehte sich urn, packte 
den Welschen beim Kragen und schrie: „Gesteh* 
Kerl, du hast die zwanzig Mark gestohlen!" 

Der Welsche wehrte sich, und die schonste Rau- 
ferei war im Qange. Qerade in diesem Augenblick 
offnete sich die gegenuberliegende Ttire, und der Herr 
Hauptmann nebst dem dicken Feldwebel traten 
heraus. Sie blieben bei dem Anblick der Burschen, 
die so rauften, daB man kaum mehr unterscheiden 
konnte, zu welchem Korpus die in der Luft herum- 
wirbelnden Arme und Beine gehorten, wie zu Salz- 
saulen verwandelt stehen. Endlich fand der Haupt- 
mann die Sprache wieder: „Ihr Kannibalen, wollt ihr 
aufhoren!" Der Unteroffizier sprang herzu und wollte 
Mukl wegreiBen. Doch der lieB nicht aus. , f Ent- 
schuldigen schon" — sagte er, dem Welschen den 
Kopf an die Wand driickend, daB diesem die Augen 
aus den H6hlen quollen — „aber dieser Hader- 
lump " 

„Wirst du loslassen, Bestie?" schrie der Unteroffi- 
zier, riB das Seitengewehr heraus und machte Miene, 
dem Mukl tiber die Hand zu schlagen. Da lieB Mukl 
los. 

„Wie heiBt der Kerl?" schrie der Hauptmann. 

„Nepomuk Kleemaier — aber gewiB und wahrhaf- 
tig — " 

„Halts Maul!" donnerte der Hauptmann. „Schret- 
ben Sie auf: 8 Tage strengen Arrest, daB der Bengel 
da Manieren bekommt!" 

Mukl und der Welsche stellten sich wieder in das 
Qlied. Dem letzteren hingen die Fetzen vom Leibe, 
auch einige Buschel Haare lagen am Boden. 

Der Herr Hauptmann sah sich die Leute einzeln an, 
stellte verschiedene Fragen und ging dann fort. 

Jetzt trat der Herr Feldwebel in Aktion. Sein 
Qrundsatz war: „Wie kommandiert, so exerziert." 
Und zur Aufrechterhaltung der Disziplin gehorte sei- 

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ner Ansicht nach vor alien Dingen eine groBe Portion 
Qrobheit. Vor alien Dingen darf den jungen Rekru- 
ten gegenuber der erste Augenblick nicht vers&umt 
werden, um zu imponieren und ihm „die Kourasche 
abzukaufen", wie der Herr Feldwebel sagte. Nach 
der stattgehabten Rauferei schien ihm eine Extrazu- 
lage zu seinen gewohnlichen Schimpfworten sehr am 
Platze zu sein. Er stellte sich also in Positur, stieB 
den Pallasch auf den Boden, lieB die Augen rollen 
und fing an in einem tiefen, vertrauenerweckenden 
Ton, der sich aber allmahlich steigerte, bis er zum 
Schlusse in einem wahren Lowengebriill endigte. 

„Ihr dreckigen Schienochsen!" — so begann der 
wackere Feldwebel den Rekruten die „Kourasche 
abzukaufen", — „ihr sechsfach vernagelten Horn- 
viecher — ihr wasserkopfigen Schmierpeter und Af- 
fenkonige! Wenn ihr vielleicht glaubt, dafi es mir 
ein besonderes Vergniigen macht, zum Plasir oder 
Amusemang so einen Haufen ungekSmmter Orang- 
utans in des Konigs seinen Rock hineinzuverhelfen, 
so habt ihr mit eurem biBchen Kopfschmalz daneben- 
gehauen. Ihr weiBgewaschenen Botokudenhammel ! 
Was denkt sich uberhaupt so ein breihirniger Ltirn- 
mel vom koniglichen Dienst? — He? Denkt er sich 
was dabei?!" 

Er faBte einen blassen Burschen im ersten Qlied 
beim Rockknopf. 

„Nein!" stammelte dieser ganz erschrocken. 

„Na also," fuhr der Feldwebel fort, seine Stimme 
allmahlictt zu dem Lowengebriill steigernd. „Also — 
nichts denkt ihr euch, da seht ihr's — Luft habt ihr 
da in eurer Qedankenfouragekammer — und wenn 
man euch draufschluge, was leider, wenn's auf- 
kommt, nicht gestattet ist, so macht es einfach 
„Plautz", wie wenn man eine aufgeblasene Zigarren- 
diite zusammenplatscht! — Also merkt euch das, ihr 
Kohldampfschieber! Was sollst du dir merken?" 
Diesmal war Mukl der Angeredete. 
17* 

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„Ich soil mir merken, daB der Affenkonig im konig- 
lichen Dienst Luft in der Zigarrendtite haben soil!" 
sagte Mukl treuherzig, dem alles nur so im Kopfe 
wirbelte. 

Der Feldwebel schnappte nach Luft, und die Re- 
kruten in den hinteren Qliedern lachten und schnitten 
Qesichter. 

„Jetzt schau' mir mal einer so einen — so einen — 

so einen ein Fremdworterbuch her — ich finde 

kein Wort ftir diesen — fur diesen — ha, es ist zum 
Wahnsinnigwerden — Krokodilstranen konnte man 
vergieBen iiber diesen Botokudenh&uptling!" — 

Noch lange dauerte die „Ansprache" des Herrn 
Feldwebels. 

Mukl und der Welsche kamen zur selben Korporal- 
schaft und wurden sogar Bettnachbarn. 

Die militarische Laufbahn Mukls begann also mit 
Arrest. Als er aus dem trubseligen Loch herauskam, 
war er ganz verbittert. Er muBte fur den andern 
als Dieb gelten und durfte ihn nicht einmal zur 
Rechenschaft Ziehen! 

Und daB von der Miezl kein Brief kam, das wurmte 
ihn am meisten. Tag fur Tag, beim Exerzieren, im- 
mer und uberall wartete Mukl auf den Brief, in wel- 
tfiem etwa stehen sollte: „Ich halte dich fur ehrlich, 
ich Hebe dich noch immer, wenn du auch im Zorn von 
mir gegangen bist usw." — Aber der Brief blieb aus. 
Endlich beschloB Mukl, sich noch eine Frist zu setzen, 
und dann nicht mehr zu warten. Den Weihnachtstag 
bestimmte er als Termin. Langsam schlichen die 
Wochen dahin. Er hatte sich tadellos gehalten, und 
seit jener ersten keine zweite Strafe mehr erhalten, 
so peinlich auch der Feldwebel achtgab, um ihn auf 
irgend einer UnregelmaBigkeit zu erwischen. Mit 
seinem Bettnachbarn, dem Buttolo, den sie den Wel- 
schen nannten, weil sein QroBvater aus Italien einge- 
wandert war, hatte er noch kein Wort gesprochen. 
Die beiden gingen wie zwei groBe, knurrende Hunde 

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umeinander herum, jeden Augenblick bereit, uberein- 
ander herzufallen. 

So kam der Weihnachtsabend heran. 

Es traf ihn gerade, daB er das erstemal Posten 
stehen muBte vor dem Palais des Armeekorpskom- 
mandanten, des Prinzen Waldemar. Im tiefen Schnee 
lagen StraBen und Hauser, aus denen die Fenster in 
rotem Schimmer leuchteten, zum Zeichen, daB da 
gliickliche Menschen sich des erhabenen Festes freu- 
ten, sich liebend mit Qeschenken bedachten an dem 
groBen Tage der Liebe. 

Wer an diesem Tage so ganz allein und verlassen, 
jhne Eltern und Geschwister, ohne Braut, ohne 
Freund dasteht, der ist wirklich ein armer Mensch. 
Und wenn er noch dazu, wie Mukl, frierend auf der 
StraBe stehen muB, das Gewehr in der erstarrten 
Hand, und bittres Leid im Herzen, der ist der Arm- 
sten einer auf der Welt. 

„Waldemar!" sagte die Frau Prinzessin zii ihrem 
hohen Gemahl drinnen im Palais, wahrend sie an der 
Tafel saBen, nachdem die Bescherung voriiber war, 
„sollen wir dem Posten drauBen nicht ein Glas 
Punsch hinausschicken? Es ist so kalt, und die Arm- 
sten haben keinen Weihnachtsabend." 

„Papa — Papa — ich darf dem Soldaten den 
Punsch bringen? Nicht wahr?" rief Prinzessin Marie, 
ein reizendes Madchen von zwolf Jahren. Die an- 
dern Prinzen und PrinzeBlein wollten auch mit von 
der Partie sein, aber Prinz Waldemar erlaubte es nur 
dem Tochterchen. 

„Ich werde mir dir gehen!" sagte er und suchte 
ein paar Goldstiicke hervor. 

„Erkaltet euch aber nicht !" mahnte die Frau Prin- 
zessin und ftigte noch einige Pfefferkuchen zu dem 
Punsch. Ein Diener ging damit durch den Park vor- 
aus, der Prinz und sein Tochterlein folgten, in weite 
Mantel gehiillt. 

Mukl stand an das Schilderhaus gelehnt, das ne- 

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ben dem groBen Portal angebracht war, und sah den 
Schneeflocken zu, wie sie leise niederfielen und im 
Scheine der Laternen wie Diamanten funkelten. 
i „Da, Mann!" schreckte ihn ein silbernes Stimm- 
chen aus seinem Briiten, wahrend ein kostlicher Duft 
von heiBem Punsch zu ihm drang. Das PrinzeBchen 
hielt mit ihren beiden kleinen Handen einen Napf 
Punsch in die Hohe. 

Mukl fuhr auf und erkannte in dem groBen Pelz 
den Prinzen. Er prasentierte sein Qewehr und stand 
steif, wie aus Stein. 

„Du, Papa, sag' ihm doch, er soil nehmen!" sagte 
das PrinzeBchen. 

„Qewehr ab!" — „Riihrt Euch!" kommandierte 
der Prinz lachend. „So, jetzt trinken Sie einmal einen 
ordentlichen Schluck. Und weil Sie ganz gewiB schon 
tiichtig rasonniert haben, daB gerade Sie von vielen 
das Los getroffen hat, in der Weihnachtsnacht da 
stehen zu mtissen, so nehmen Sie das da. u Damit 
gab der Prinz ihm ein Qoldstiick. 

Das PrinzeBchen klatschte vor Freude in die 
Hande, und dem Mukl liefen die Tranen tiber die 
Wangen. Solang er dagestanden hatte, ungeliebt 
und verlassen, frierend und voll Bitterkeit, hatte er 
sich in seinen Trotz eingewickelt, der ihm ein Schutz 
war gegen die Tranen, die ihm schon seit Monaten 
im Herzen saBen. Jetzt aber, bei der ersten, zarten 
Beruhrung einer freundlichen Hand, schmolz sein 
Stolz und Trotz in Tranen hin, wie Schnee im Frtih- 
ling. 

„Papa, der Mann weint!" rief das PrinzeBchen er- 
staunt. 

„Ist Ihnen nicht wohl?" fragte Prinz Waldemar 
gnadig. 

„Zu Befehl, Hoheit!" entgegente Mukl stramm, in- 
dem er seine Tranen hinunterschluckte, „ich hab' nur 
was im Qemiit, war mi druckt!" 

„Wer hat das nicht?!" lachelte der Prinz. 

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„Papa, darf ich dem Soldaten meine Puppenstube 
zeigen — darf er nicht mit hereinkommen?" sagte 
PrinzeBchen Marie, der selbst beinahe die Tranen 
kamen, als sie den schonen, groBen Mann weinen 



sah. Heiiige Nacht! Wie machst du der Menschen 
Herzen mild und weich! Prinz Waldemar, der im 
Rufe stand, ein sehr strenger General zu sein, fiihlte 
in dem silbernen Stimmchen seines Tochterleins et- 

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was, das ihm zu Herzen drang, wie ein Hauch aus 
dem Paradies — « aus dem ja alle Kinder stammen! 

„Also, kommen Sie herein, Mann — ein Stuck 
Braten wird Ihnen nicht unwillkommen sein!" sagte 
der Prinz. 

Aber Mukl riihrte sich nicht. 

„Vorwarts!" machte der Prinz ein wenig ungedul- 
dig, und der Diener, welcher im Hintergrunde stand, 
und den mit seinen Kniehosen und seidenen Striimp- 
fen erbarmlich an den FtiBen fror, knurrte und grunzte 
vor Arger, daB man mit dem dummen Bauern solche 
Qeschichten mache. 

„Warum gehen Sie nicht?" sagte Prinz Walde- 
mar. 

„Ich darf nicht, Hoheit!" sagte Mukl fest. 

„Wie? Wenn Ihr General Ihnen befiehlt?" 

„Ich hab' die Instruktion, unter keinen Umstanden 
den Posten zu verlassen, auBer ich werde abgelost!" 
entgegnete Mukl ruhig und fest. 

Der Prinz faBte ihn scharf ins Auge. 

„Wissen Sie, was Ihnen passiert, wenn Sie mei- 
nem Befehl nicht gehorchen? Sie werden prozes- 
siert!" 

„Zu Befehl, Hoheit!" 

„Qut! Ich befehle Ihnen, jetzt den Posten zu ver- 
lassen und hineinzugehen!" 

Mukl, der wieder stillstand und prasentierte, 
klopfte das Herz. Einen Augenblick kam er ins 
Schwanken, aber sofort war es ihm klar, was seine 
Pflicht sei. 

„Bitt' um Verzeihung, Hoheit! I muB auf'm Posten 
bleiben, bis i abgelost bin!" 

„Also Er geht nicht?!" rief der Prinz und stampfte 
mit dem FuB. 

„Bitf um Verzeihung, Hoheit — nein! Bis i ab- 
gelost bin!" 

„Verdammter Bauernschadel!" grunzte es im Hin- 
tergrund. Es war der Bediente, der trippelnd das 

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elne seiner diinnen Beine am andern rieb und vor 
K&lte etwas zu laut gedacht hatte. 

„WoIlen Sie was, Kappes?" wandte sich der Prinz 
urn. 

„Nein, nein, Hoheit!" sagte hastig der Herr Kap- 
pes mit den diinnen Beinen und knickte zusammen. 

Prinz Waldemar trat jetzt ganz dicht an den Sol- 
daten heran: 

„Nehmen Sie Vernunft an. Es tut mir leid um Sie. 
Qehorchen Sie dem Befehl, auf meine Verantwortung. 
Sie kommen sonst ein paar Jahre ins Gef&ngnis!" 

Jetzt stieg Mukl das Blut zu Kopf. Etwas lauter, 
als es schicklich war, rief er: 

„Lassen's mi hinrichten, Hoheit! I bleib auf mei- 
nem Posten, bis i abg'lost werd\ Und wer mi ver- 
treiben will, dem renn i mei Bankenett in'n Leib!" 

Angstlich schmiegte sich das PrinzeBchen an ihren 
Vater, der Herr Kappes vergaB, die diinnen Beine zu 
reiben, und glotzte offenen Mundes drein iiber diese 
unerhorte Frechheit, neugierig, was dem kecken Bur- 
schen wohl passieren werde. 

Prinz Waldemar aber l&chelte iiber das ganze Ge- 
sicht: „Lieb Vaterland, magst ruhig sein!" — sagte 
er leise vor sich hin : — „Also, du bleibst auf deinem 
Posten tot oder lebendig?" 

„Zu Befehl, Hoheit!" 

„Aber die Hand darfst du mir doch geben?" 

Mukl geriet in Verwirrung — Herr Kappes riB 
-ugen, Mund und Ohren auf, und das PrinzeBchen 
achte. 

Prinz Waldemar schiittelte Mukl, der sein Gewehr 
)ei FuB genommen hatte, kr&ftig die Hand. „Du bist 
Mn kreuzbraver Kerl! Das soil dir nicht vergessen 
sein, mein Sohn! So! Und jetzt will ich dich ablosen! 
Mir war, als h&tte ich was von einem Bauernschadel 
eben gehQrt. 

Kappes, damit Ihnen das laute Denken vergeht — 
da nehmen S i e das Gewehr — so — den Obermantel 

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kannst du ihm auch geben! Nur Mut, Kappes — Sie 
sind nie Soldat gewesen? Sollen auch erfahren, wie 
das ist! Vorwarts!" 

„Ho — o — o — heit!" winselte der ungluckliche Kap- 
pes, w&hrend das PrinzeBchen jubelnd in die H&nde 
klatschte und lachte. Kappes sah auch erbarmlich 



komisch aus mit seinen diinnen, seidenen Beinen, dem 
weiten Mantel und dem Qewehr, das er angstlich von 
sich hielt. 

„Stellen Sie sich ins Schilderhaus, Kappes, wenn's 
Ihnen zu kalt wird!" hohnte der Prinz. Die Sache 
kam ihm gerade gelegen, denn der Herr Kappes war 

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zwar ein sehr gewandter Diener, aber von Zeit zu 
Zeit muBte er ein wenig gemaBregelt werden, sonst 
wurde er zu vorlaut! 

„Ho — ho — heit! das ist mein Tod!" jammerte Kap- 
pes. 

„Im Qegenteil, Kappes!" lachte der Prinz, „diese 
halbe Stunde, bis die Ablosung kommt, wird sehr ge- 
sund ftir Sie sein ! Und nun kommen Sie, mein braver 
Kamerad, und lassen Sie sich den Weihnachtsbraten 
schmecken!" 

Der Prinz, das PrinzeBchen und der Mukl gingen 
ins Palais, und der vorlaute Herr Kappes lief mit sei- 
nen diinnen Waden und dunnen Striimpfen, das Oe- 
wehr auf der Schulter, im Schnee herum und knurrte 

und grunzte! 

* 

Lange wirkte noch in Mukls Herzen der Eindruck 
nach von dem merkwiirdigen Christabend, wo er 
schon vermeint hatte, ins GefSngnis zu kommen, und 
wo er dann wie in einem Zaubermarchen in einen 
prachtigen Palast gekommen war, wo die hohen Herr- 
schaften ihm die Hand gegeben hatten und ihn so 
freundlich nach allem ausfragten, wo er einen Braten 
bekam, wie noch nie in seinem Leben, wo das Prin- 
zeBchen ihm beim Fortgehen die Taschen voll Pfeffer- 
niisse steckte und der Prinz sich den Namen Nepo- 
muk Kleemaier in eine rote Brieftasche schrieb. Wie 
ein Traum war ihm dies alles vorgekommen, und 
doch hielt sie ihn aufrecht, diese schone Erinnerung, 
bei dem Druck, der auf seinem Herzen lastete. Mit 
der Miezl war es aus! Das stand fest! Mukl woilte 
nicht mehr dran denken und dachte doch dran von 
frtih bis abends. Aber das hatte er sich zugeschwo- 
ren, der Trotzkopf, nie mehr sollte ihn seine Heimat 
sehen — nie. Er hatte es sich zugelobt, bei allem, 
was heilig war, nie mehr dorthin zu gehen, wo man 
ihn fiir einen Dieb gehalten hatte, nie mehr die Stelle 

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zu betreten, an der ja doch sein Herz mit alien Fasern 
hing. Und er wird seinen Schwur halten, der Mukl, 
das darf man glauben! 

Also sind wieder einmal zwei Menschen, die Qott 
sichtbar fiireinander geschaffen hat, auf immer aus- 
einandergerissen! Aber warum hat sie ihm denn nicht 
geschrieben, die einfaltige Miezl? Ein gutes Wort 
steht doch einer Frau, einem Madchen, so gut an ! Es 
flieBt wie Balsam in das trotzige Mannerherz. Warum 
schrieb sie denn nicht? — Aber sie hat ja doch ge- 
schrieben! — „Nun und?" — „Und?!" — Ja, wenn 
die Schulen so schlecht sind im Oebirg und so weit 
weg, daB man im Winter nicht hinkommt, und wenn 
man immer hausen und wirtschaften muB, wie die 
Miezl, da kommt es halt, daB man einen solchen Brief 
schreibt, — da — hier ist er, so hat er ausgesehen 
von auBen: 




^ -"*w*»^ >6>£n Mti/l{J^ 

Inwendig sind lauter liebe gute Worte gestanden, 
und reichlich war der Brief mit Tranen genetzt, wie 
man schon von auBen sehen konnte. Die Aufschrift 
lautete: An meinen lieben Mukl. Er is jez Beim 
Mulleter i glaub bei der FuBfantrie in der Haub 
und reBedenzstadd. Zido. Weiter als bis in die 
Haupt- und Residenzstadt kam der Brief doch 

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nicht, trotz des cito in der Ecke. Er blieb ruhig 
auf dem Postamt als Kuriosum liegen, urn sp&ter wie- 
der an den Aufgabeort zuriickgeschickt zu werden. 
Denn so findig die Post auch iiberall ist, einen „Mukl 
bei der Fufifanterie" ausfindig zu machen, das war 
selbst fur die schlaue Post zu schwierig. 

Der Winter verging, der Frtihling zog ins 

Land. Mukl war ein strammer Soldat geworden, nur 
beim Unterricht, da haperte es. Da kam immer ein 
furchtbares Heimweh iiber ihn, so dafi er nicht mehr 
aufpassen konnte und lauter verkehrte Antworten 
gab. Dagegen war der Welsche, der Buttolo, um so 
pfiffiger und war bald unter den Unteroffiziersaspi- 
ranten, w&hrend der Mukl bei der miindlichen Prfi- 
fung dazu durchfiel. Nie hatten die beiden ein Wort 
mitsammen gesprochen. Nur einmal beim Turnen auf 
dem Schwebebaum, als das Aneinander-Vorbeigehen 
geiibt wurde, wo die zwei sich Begegnenden mit den 
Armen sich festhalten miissen, bis sie sich auf dem 
glatten Balken aneinander vorbeigeschoben haben, da 
blitzte der alte HaB auf. Mukl und Buttolo traf die 
Reihe, sich zu begegnen. Der Schwebebaum war weit 
fiber Manneshohe. Leicht un.d sicher schritt Mukl in 
voller Bepackung dem Feind entgegen. Jetzt trafen 
sie sich. Da blitzte das tiickische Auge des Welschen, 
und anstatt sich an Mukl festzuhalten, beniitzte er 
das Qewehr zum Balancieren und stieB dem andern, 
der seitwarts stand, um ihn vorbeizulassen, mit der 
FuBspitze in die Kniekehle, wie wenn er mit dem 
FuB ausgeglitten ware. Mukl schwankte und griff 
nach dem Qewehr des Buttolo, brachte diesen aus 
dem Qleichgewicht und sprang ab, als er sah, dafi er 
sich nicht mehr halten konnte. Buttolo aber, der ver- 
gebens festzustehen versuchte, fiel nach der andern 
Seite herunter und gerade mit dem Mund auf den 
Qewehrlauf, und schlug sich drei Vorderz&hne aus. 

Mukl eilte teilnehmend bin, als er den andern bluten 
sah, der aber zischte mit seinen ausgeschlagenen 

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Z&hnen: „Warte, bis ich dein Vorgesetzter bin — 
dich bring' ich hinein ins Kriminal!" dann ftihrte man 
ihn ins Lazarett. 

Von dieser Stunde an trachtete Buttolo dem Mukl 
nach dem Leben, so grimmig war sein HaB. Er war 
durch den Verlust seiner Z&hne noch haBlicher ge- 
worden, was ihn bei seiner groBen Eitelkeit furchtbar 
wurmte. Von dieser Zeit an trug er an seiner Uhr- 
kette ein Zwanzig-Marksttick und klimperte immer 
herausfordernd damit, sobald er Mukl ansichtig 
wurde! Diesem stieg dann das Blut zu Kopf, aber er 
schwieg. Wie wurde das werden, wenn Buttolo 
Unteroffizier wurde; welche Martern, welche Schi- 
kanen wird er nicht erfinden, um ihn zu einer Wider- 
setzlichkeit zu veranlassen und so ins GefSngnis zu 
bringen? 

Und Buttolo wurde Unteroffizier. Es war eine Be- 
sichtigung an dem Tag, an welchem er zum ersten- 
mal die Tressen trug. 

Als er ins Zimmer trat, war Mukl schon in voller 
Ausrtistung. 

„Nehmen Sie Haltung an, wenn ein Unteroffizier 
eintritt!" schrie er ihn an, obgleich Mukl vorschrifts- 
maBig vor seinem Todfeind stillgestanden war. „Zur 
Strafe machen Sie hundert Kniebeugen! Knie— e— 

beugt , str — e — e — ckt!" so ging's hundertmal. 

Als Mukl die hundert Kniebeugen gemacht hatte, 
schrie der boshafte Mensch: „Jetzt fangen wir von 
vorn an, weil Sie um zwei betrogen haben, — Sie 
haben nur 98 gemacht! Von vorn! Knie — e — beugt 

— str — e — e — ckt! Natiirlich — betriigen — stehlen 

— das sind so die Richtigen — vom Posten weg- 
laufen, wie damals bei seiner Hoheit — warten Sie, 
Biirschchen, jetzt geht's aus einem andern Ton! Ich 
laB ihn Kniebeugen machen, bis — • — " 

„Was machen Sie denn da?" ertonte es plotzlich. 
Der Herr Hauptmann war unbemerkt eingetreten. 
„Sind denn jetzt Freiubungen anbefohlen?" 

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„Der Herr Hauptmann entschuldigen, der Mann hat 
die Ehrenbezeigung nicht vorschriftsmfiBig ge- 
macht!" stotterte Buttolo. 

„So — o? Die Tressen sind Ihnen in den Kopf ge- 
stiegen? Da miissen wir Ihnen das Blut wieder in die 
Beine bringen!" sagte der Hauptmann, „stellen Sie 
sich einmal hin — 500 Kniebeugen — Kni — e — e 
beugt! Und den Mann lassen Sie mir in Rub', sonst 
klopf ich Ihnen auf die Finger und lasse Ihnen die 
Tressen wieder heruntertrennen! Nur tiefer die Knie 
beugen, sonst gibt's noch fiinfhundert!" Mukl atmete 
auf. — 

Das Regiment marschierte auf den Exerzierplatz. 
Der Vorbeimarsch verlief gl&nzend. Der Prinz nickte 
dem Mukl, der am Fitigel marschierte, freundlich zu, 
das argerte den Buttolo, der als schlieBender Unter- 
offizier marschierte, so, daB er stolperte und beinahe 
das Gewehr fallen lieB. Der Prinz deutete auf ihn, 
der Oberst machte ein wutendes Qesicht, und nach 
dem Einrticken erhielt Buttolo vom Hauptinann drei 
Wochen Kasernenarrest. 

Seine Wut gegen Mukl kannte nun keine Qrenzen 
mehr. Aber er muBte sie vorlauf ig verbeiBen, seit der 
Hauptmann als dessen Beschiitzer auf getreten war — 
die 500 Kniebeugen waren noch zu frisch im Ged&ch- 
nis seiner Kniegelenke. Es war gegen Abend, als 
Buttolo unter dem Kasernentor stand — hinaus durfte 
er ja 3 Wochen nicht, auBer im Dienst — und ingrim- 
mig und neidisch die Passierenden musterte. Da kam 
ein Hofdiener in Livree. 

„Wo ist die zweite Kompagnie? 44 wandte er sich in 
einem knurrenden Ton an die Torwache. 

„Bitte! Ich bin von der zweiten Kompagnie, 44 sagte 
Buttolo zuvorkommend, „zu wem wiinschen Sie? 44 

„Ah, 44 grunzte der Hofdiener, „muB man so einen 
weiten Weg machen wegen so einem bloden Bauern- 
liimmel! Einen gewissen Nepomuk Kleemaier suche 
ich. Hat's meinem hohen Herrn scheinfs angetan — 

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muB ihn einladen, den Proleten da — muB mir noch 
eine Lungenentztindung holen — als ob ich nicht an 
dem Rheumatismus und der Diphtherie und den Frost- 
beulen genug hatte, die ich mir am Weihnachtsabend 
gehoit habe im Schilderhaus, wahrend der Kerl drin- 
nen meine Portion Braten aufgegessen hat! Es ist 
schreckiich, schauerlich!" Der Herr Kappes wischte 
sich den SchweiB von der Stirne. 

„Wie?" sagte Buttolo begierig, „Sie sind der arme 
Herr, der fur den Vagabunden Posten stehen muBte? 
Ich habe davon gehort. Er prahlt ja immer damit!" 

„Was tut er? Prahlen?!" rief Kappes wtitend. „Ich 
bin imstande und kehre gleich wieder um. Den Ty- 
phus habe ich mir gehoit und die Bleichsucht und den 
Rotlauf und den Wadenkrampf, von der Schande gar 
nicht zu reden — und jetzt soil ich den Intriganten da 
im Auftrag meines hohen Herrn ins Palais bestellen 
fur nSchsten Sonntag! Es ist zum Rasendwerden!" 

Buttolo wurde gelb vor Neid und Zorn, gelber als 
er gewohnlich schon war. 

„Herr Hofdiener," sagte er, „darf ich mir die Ehre 
geben, Sie auf ein Qlas Bier einzuladen? Ich teile 
Ihren Zorn gegen diesen Menschen, und wir wollen 
gemeinsam iiberlegen, was da zu machen ist!" 

Alsbald saBen die beiden in der Kantine, jeder hin- 
ter einem Qlas Bier. 

„ — Und was meinen Sie denn, Herr Kappes, daB 
der Prinz von ihm will?" fragte Buttolo. 

„Ich habe so was in der Nase," entgegnete dieser, 
„daB der Leibjager, der vorige Woche pensioniert 
worden ist, ersetzt werden soil. Lang ist er ja, der 
Lummel, der dumme — diese langen Kerls werden 
immer bevorzugt." 

„Wie?" rief Buttolo fieberhaft, „der Kleemaier soil 
Leibjager werden bei Seiner Hoheit? Ah — da soil ja 
doch! — Nein! Das darf nicht geschehen, und wenn 
ich ihn friiher umbringen sollte!" 

„Mir war's recht!" knurrte Herr Kappes. — „Ich 



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hatte nichts dagegen. Das ware so der Richtige im 
Palais, um alles auszuschniiffeln und aufzusptiren und 
den ehrlichen Mann zu spielen! Da war's aus mit 
dem gemiitlichen Leben. Da miiBte man wegen jeder 
Flasche Wein, die man heimlich trinkt, in Angst sein, 
daB dieser Biedermaier einen verklatscht. Mir wSr's 
recht, wenn man den Kerl in die Luft blasen kflnnte!" 

„In die Luft blasen!?" Buttolo sprang auf und 
schlug mit der geballten Faust auf den Tisch, daB die 
Glaser hupften. „In die L u f t blasen?! — Mir kommt 
ein Gedanke! Ich werde ihn in die Luft blasen! 
Qleich morgen. Verlassen Sie sich darauf. Dumm 
ist er ja, wie die Nacht — es wird gelingen, und uns 
beide wird keine Seele im Verdacht haben!" 

„He — uns beide? Sie werden doch nicht denken, 
daB ich Ernst gemacht habe," krebste der Hebe Herr 
Kappes, „ich glaube, Sie haben mich falsch verstan- 
den!" 

„Unbesorgt!" erwiderte Buttolo, „ich brauche Sie 
nicht dazu. Der Kerl wird in die Luft geblasen. Ich 
bin morgen mit zehn Mann zur Hilfeleistung bei der 
Luftschifferabteilung kommandiert, und jetzt im 
Augenblick ist mir eine groBartige Idee gekommen! 
Sie werden sehen, der Kerl wird in die Luft geblasen ! 
Mehr sage ich Ihnen nicht!" 

„Es ist auch besser, wenn Sie mir nichts sagen," 
meinte Kappes Sngstlich, „dann habe ich keine Ver- 
antwortung. Aber jetzt muB ich ihn gleichwohl auf- 
suchen und meinen Auftrag ausrichten!" 

„Noch ein Glas, Herr Hofdiener — oder Herr Hof- 
furier " 

„Bitte — bitte — sagen Sie nur schlechtweg Herr 
Kappes zu mir, ich bin nicht stolz! Ein Glas noch 
also!" 

Die beiden hockten sich noch einmal zusammen, 
und Buttolo verleumdete den ehrlichen Mukl nach be- 
sten Kraften und erzahlte auch dem Herrn Kappes, 
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daB Mukl beim Preisrankeln in der Heimat zwanzig 
Mark gestohlen habe. 

Da horchte Kappes auf. „Das ware vielleicht noch 
besser als das „In die Luft blasen", obschon ich noch 
nicht weiB, was es damit fiir eine Bewandtnis hat — 
auch gar nicht wissen will — aber das ware das 
beste, wenn man dem Burschen einen Diebstahl nach- 
weisen konnte, dann war' es aus bei unserm Herrn!" 

„Nachweisen ist nicht leicht!" sagte Buttolo 1&- 
chelnd, indem er mit dem Zwanzig-Markstuck an 
seiner Uhrkette tandelte, „aber mein Zeugnis steht 
jederzeit zur Verfiigung. Es ist nur, fiir den Fall es 
miBlingen sollte, den Kerl morgen in die Luft zu 
blasen." 

„Jetzt muB ich aber dran glauben, Herr Buttolo", 
sagte Kappes, „es wird zu spat. Bis aufs Wieder- 
sehen!" 

„Und reinen Mund halten!" ermahnte der Unter- 
offizier finster. 

„Na, selbstredend! Wo werd' ich denn?!" grinste 
Kappes und ging, wahrend Buttolo noch bei einem 
dritten Qlas briitend zuriickblieb. 

Kappes begab sich in den zweiten Stock nach dem 
ihm von Buttolo bezeichneten Zimmer. Mukl war 
ganz allein drin und putzte die Knopfe seiner Uni- 
form. Als er den Diener in Livree erblickte, sprang 
er vom Bettrand auf. 

„Herr — eh — Kleemaier?" fragte Kappes in einem 
suB-freundlichen Tone, als ob er sich an den groBen, 
schonen Burschen nicht mehr recht erinnert hatte. 
„Im Auftrage Seiner Hoheit des gnadigsten Prinzen 
Waldemar habe ich Ihnen mitzuteilen, daB Sie sich 
nSchsten Sonntag nachmittag 3 Uhr im Palais einzu- 
finden haben!" 

„Ah," machte Mukl, „i komm' — ja, ganz gewiB 
komm' i. Wollen's Ihnen nit setzen, Herr Bedienter. 
Was meinen's denn will der gute, hohe Herr von 
mir?" 

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„J' cha— a!" machte Kappes langgedehnt mit 
einem bedenklichen Gesichte, „i' cha — das ist so eine 
Sache ! Ich bin sozusagen sehr intim mit dem Herrn, 
und er vertraut mir so ziemlich alles an! Hm! Es 
ist eine Sache, die mir leid tut und vielleicht kann ich 
ihnen recht dienlich sein, denn ich habe Sie wirklich 
sehr gern!" 

„Ich dank' Ihnen!" sagte Mukl treuherzig und gab 
Kappes die Hand. 

„Der hohe Herr," fuhr Kappes fort, „war Ihnen 
sehr zugetan, aber jetzt hat er was gehort von einer 
Qeschichte, die Sie einmal gehabt haben!" — 

„I — a — G'schicht? Was fur a G'schicht?" 

„F cha! Von einer Geschichte mit einem Zwanzig- 
markstiick bei einer Preisrankelei." 

Mukl wurde bleich bis in die Lippen. 

„Seien Sie klug, mein Lieber, vertrauen Sie sich 
mir an, wie die Sache sich verhalt, ich habe Sie wirk- 
lich lieb, und wir konnen den Herrn dann ganz ge- 
mutlich hinters Licht fiihren!" sagte Kappes lauernd. 

Mukl stierte vor sich hin. 

„Mir konnen Sie's ja sagen," fuhr der schlaue Lakai 
fort, „ich weiB ja ohnedies, daB Sie's gestohlen haben 
und " 

Mukl sprang auf, wie von einer Natter gebissen: 
„Galgenvogel, niedertrachtiger!" schrie er und 
suchte nach irgendeinem Gegenstand, urn ihn Herrn 
Kappes an den Kopf zu werfen. Zum Ungliick fur diesen 
stand da der Napf mit Putzkreide. „Schwapp!" flog 
dem braven Herrn Kappes die Putzkreide ins Ge- 
sicht, daB die Tropfen wie ein Spruhregen im Zimmer 
herumfuhren, und Herr Kappes im Gesicht so bleich 
war „w i e K r e i d e". Aber das war erst das Vor- 
spiel! Mukls Zorn war durch den langen Druck zu 
einer Riesenhohe gestiegen, er packte, da er nichts 
anderes fand, die groBe Bank und hob sie auf wie 

einen Spazierstock jetzt lauf, wackerer Kappes 

— lauf, was 's Zeug halt — und er lief. Was es war, 
18* 

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konnte er nicht erblicken, da ihm die Kreide dick in 
den Augen stand, aber wie er an den allgemeinen 




Umrissen wahrnehmen konnte, schien ein gewichtiges 

WurfgeschoB im Anzug. Also kratz' aus, Kappes! 

Er rannte zur Tiir hinaus, die Bank flog hinter ihm 



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drein mit fiirchterlichem Qepolter an die Wand. Kap- 
pes gewann instinktiv die Treppe, sauste hinunter 
mit seinen diinnen Beinen. Unten stand ein groBer 



Kiibel mit Spiilwasser, links und rechts ein Soldat — 
sie wollten ihn eben hinuntertragen und rasteten 
einen Moment. Kappes fuhr die Treppe herunter, 

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„plumps" kopfuber mitten hinein in den Kiibel mit 
Spulwasser, die Beine in die Luft. Sprudelnd und 
pustend arbeitet er sich heraus, denn schon hort er 
den Mukl oben am Treppenabsatz wieder „elender 
Galgenvogel" schreien — tapfer schluckt er eine 
Portion der angenehmen Briihe hinunter, gliicklich, 
daB er jetzt wenigstens wieder ein wenig sieht, denn 
das Spulwasser hat ihm die Kreide etwas aus den 
Augen gewaschen, dafur hangen ihm jetzt Kartoffel- 
schalen, Krautstengel und andere unbeschreibliche 
Dinge urn die Ohren. Lauf, Kappes! Kratz' aus, 
edler Kappes! Mukl kommt schon hinterdrein. Und 
Kappes lief den langen Kasernengang hinunter. Wer 
hatte gedacht, daB er so laufen konnte, Mukl von 
weitem hinterdrein — da steht eine Tiire offen — 
Kappes hinein — es ist stockfinster drin — er stol- 
pert — fallt — weich ist es — und der Atem geht ihm 
aus — er pustet und spukt — einerlei — jetzt stiirmt 
Mukl an der Tiire vorbei — rasch heraus, nach der 

andern Seite getaufen — barmherziger es 

war eine RuBkiste, was so weich war — patschnaB in 
die RuBkiste fallen, das soil sehr gut sein fur Livree- 
diener! — Kappes ist zum Schlotfeger verwandelt — 
vielleicht entkommt er in dieser Maske — nein — 
Mukl hat sich umgesehen — ihn an den diinnen Bei- 
nen erkannt — er macht Kehrt, und dem Kappes wie- 
der nach — dieser saust die Treppe hinunter ins Par- 
terre, wird da wieder ein Kiibel mit Spiilwasser ste- 
hen? — Nein — aber ein Qefreiter biegt um die Ecke, 
der 18 Glas Bier fur die Kasernenwache auf einem 
Brette balanziert — Klirrrr — da liegt die Bude — 
„halt" — „halt" — „zahlen!" „Schlotfeger, zahlen!" 
tont es hinter Kappes. Ein paar Soldaten, die auf 
dem Gang herumstehen, machen Miene, ihn aufzu- 
halten — vorwarts, Kappes ! — kratz' aus, edler Kap- 
pes! — er ist den Gang hinaufgestiirmt und biegt um 
die Ecke — das Tor ist auf der anderen Seite des 
Vierecks — er kann nicht mehr laufen — nur ver- 

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stecken — wieder eine offene Tiire — und wenn's 
eine RuBkiste wieder ware — hinein — eine zweite 
Tiire — ein Schlusselbund hangt im SchloB, um- 
drehen — hinein — es ist stockdunkel — er hort das 
SchloB hinter sich knacken und eine Stimme, die ruft.: 
„Donnerwetter, wer hat da an meinen Schliisseln 



herumzugeistern!" — es ist der Unteroffizier vom 
strengen Arrest, der einen Moment sich weggewandt 
hatte — Herr Kappes befindet sich im strengen Ar- 
rest — er scheint nicht allein zu sein — er greift — 
und spurt etwas Weiches — im selben Augenblick 
kriegt er eine furchterliche Ohrfeige — „was krab- 
belst du mir am Kopf, Meier?" grohlte eine Stimme. 

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— „Was denn?" knurrte es aus der entfernten Ecke. 
„Ja, wer hat denn jetzt die Ohrfeige bekommen?" 
„Ich!" schrie Kappes wiitend und tastete weiter. — 
Plautz — erhielt er wieder einen Schlag, und eine 
dritte Stimme rief: „Warte, ich will dir dein Spa- 
zierengehen vertreiben!" — Kappes flog zuruck und 
stieg einem unsichtbaren Menschen auf den Bauch. 

— Bums, bekam er einen FuBtritt, der ihn wieder 
an das andere Ende des Lokals beforderte — don 
empfingen ihn zwei Fauste und hielten ihn fest. — 
„Mein letztes Streichholz!" sagte jetzt die erste 
Stimme wieder, und fur ein paar Augenblicke erhellte 
ein matter Schimmer den Arrest. „Ein Schlotfeger!" 
riefen die drei Soldaten wie aus einem Munde, „wart' 
Kerl, dir werden wir's beibringen, deinen SpaB mit 
uns zu machen, und uns auf dem Bauch herumzutre- 
ten!" — Hageldicht prasselten jetzt die Priigel von 
sechs deutschen Soldatenfausten auf den Herrn KaR- 
pes nieder, bis er halbtot in einer Ecke liegen blieb. 

— Dort lassen wir ihn einstweilen liegen. 
„Antreten!" schrie am nachsten Morgen frfih urn 

6 Uhr der Unteroffizier Buttolo, der die ganze Nacht 
kein Auge geschlossen und bose Dinge gedacht hatte. 

Die zehn Soldaten traten an, Mukl am rechten Flu- 
gel, und marschierten nach dem Obungsplatz der 
Luftschifferabteilung, etwas vor der Stadt. 

Mukl schaute groB drein, er hatte noch nie einen 
Ballon gesehen. Wie ein groBes Ungeheuer bewegte 
sich derselbe, der eben mit Qas gefullt wurde, hin und 
her, von einer Abteilung Soldaten im Maschennetz 
festgehalten. Die Mannschaft durfte sich im Qras 
lagern. Ein frischer Wind wehte herrliche Diifte blii- 
hender Baume iiber die Heide. Mukl war es heimat- 
wehmiitig urns Herz. Er entfernte sich ein wenig 
von den Kameraden und ging auf eine kleine Anh6he. 
Von dort sah er tiber die Baumwipfel weg hiniiber, 
wo in blauer Feme sich die zarten Linien der Berge 
vom Horizont abhoben. 



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Unterdessen rief ein Offizier den Unteroffizier But- 
tolo heran. 

„Ihre Instruktion fur heute ist sehr einfach! Sobald 
der Ballon gefiillt ist, nimmt jeder Mann eines der 



Seile in die Hand und geht dann in der von mir be- 
zeichneten Richtung. Wir machen zuerst eine Fessel- 
fahrt und iiben das Obersetzen von Telegraphen- 
drahten und Terrainhindernissen. Sie werden das in 
der Weise leiten, daB zuerst ein Seil losgelassen wird, 

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iiber das Terrainhindernis geworfen, driiben wieder 
festgenommen wird, dann das nachste, und so fort." 

„DrauBen im Qelande wird dann der Befehl von mir , 
aus der Qondel zum Loslassen der Seile durch 
Winken mit dem Taschentuch gegeben. Darauf kom- 
mandieren Sie: ,La8t Seile los! 4 Auf das ,los' laBt 
jeder Mann gleichzeitig das Seil fahren! Verstan- 
den?" 

„Zu Befehl, Herr Leutnant!" 

„Gut! Jetzt instruieren Sie Ihre Leute. Wir fahren 
gleich auf!" 

Bis dahin hatte Buttolo offenbar noch entweder mit 
seinem EntschluB gekampft oder die Moglichkeit der 
Ausfiihrung bezweifelt, jetzt aber iiberzog satanische 
Freude sein Qesicht, als er sah, daB Mukl in den An- 
blick seiner Berge versunken sei. Er lieB sachte seine 
neun Mann antreten und erklarte ihnen ihre Obliegen- 
heiten. 

„Zum SchluB", sagte er, „macht der Ballon eine 
Freifahrt, zu diesem Zweck miiBt ihr naturlich alle 
gleichzeitig die Seile auslassen; auf das Kommando 
,laBt Seile — los!' laBt jeder das Seil los. Verstan- 
den?! Ruhrt euch!" 

Jetzt ging er auf Mukl zu. 

„Sie miissen naturlich wieder eigens instruiert 
werden!" 

„Entschuldigen der Herr Unteroffizier!" sagte 
Mukl vorschriftsmaBig. 

„Es ist gut!" machte dieser. „Sie haben sich bloB 
scharf einzupragen, daB, wenn der Ballon zum SchluB 
frei aufsteigen soil, die Seile losgelassen werden miis- 
sen. Verstanden?" 

„Zu Befehl!" 

„Das Kommando dazu wird von mir erteilt und ist 
folgendes: Zuerst kommt das Avertissement „LaBt 
Seile los!" Da miissen die Seile noch festgehalten 
werden, und erst auf das Ausfuhrungskommando 

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„Los" werden gleichzeitig die Seile losgelassen. Also 
erst auf das z w e i t e „los" ! 

Dreimal lieB sich Buttolo diese Instruktion von dem 
ahnungslosen Mukl wiederholen. Das wird die Ver- 
geltung fiir den Sturz vom Schwebebaum und meine 
drei Zahne, dachte Buttolo ingrimmig, wenn der 
dumme Bursche einen Moment mit hinauffahrt, und 
wenn er auch gleich loslassen wird, so f&hrt er doch 
mindestens zehn bis zwanzig Meter hoch .und wird 
sich tiichtig auszahlen. 

„Angetreten!" hieB es. Der Ballon war voll. 

„Wir bekommen starken Nordwind!" sagte ein Of- 
fizier zu dem andern, als sie beide in die Qondel stie- 
gen. Die Soldaten ergriffen die Seile, und langsam 
und majestatisch stieg der Ballon auf eine Hohe von 
etwa hundert Meter. Nun ging es in einer bezeich- 
neten Richtung vorwarts. Terrainhindernisse wur- 
den, wie oben erwahnt, iiberschritten. Der Wind 
war indessen ziemlich stark geworden. Jetzt gab 
der Offizier in der Qondel das Zeichen mit dem Ta- 
schentuch, man war gerade in einem freien Acker- 
feld. „Aufpassen!" rief Buttolo leichenblaB vor Auf- 
regung. „LaBt — Seile los!" 

Los lieBen die neun Soldaten die Seile, und der 
Ballon stieg pfeilgeschwind in die Hohe, — Mukl, der 
das Seil eisern umklammert hielt, mit in die Hohe 
reiBend. Er wartete auf das zweite „los", und als 
ihm durch den Kopf schoB,' daB Buttolo ihn geprellt 
habe, war der Ballon schon in den Wolken. Da lieB 
Mukl nicht mehr aus! So weit war es nicht so iibel. 
Mukl spiirte gar keine Bewegung, vielmehr schien 
nur die Erde unter ihm langsam zu versinken und 
immer kleiner zu werden. 

„Um Qottes willen!" rief der eine von den beiden 
Offizieren in der Qondel. „Da ist ja ein Mann mit 
aufgefahren!" 

„Wir miissen sofort landen!" 

„Unmoglich! Wir sind gerade iiber dem See!" 

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Der eine Offizier offnete sofort das Ventil und lieB 
Qas entstromen. Der Ballon ging langsam nieder, 
wurde aber von einem starken Nordwind rasch gen 
Suden getragen. 

„Schreien Sie ihm doch hinunter, er soil in die Gon- 
del heraufklettern!" 

Der Offizier schrie, aber der Wind und der Abstand 
waren zu stark. 

„Ah, er scheint die Zeichen zu verstehen!" 

Mukl zog sich einige Meter hoher am Seil empor. 
Bei seiner Korperkraft w&re es ihm moglich gewesen, 
die ganze L&nge des Seils bis zur Qondel hinaufzu- 
klimmen. Da fiel ihm etwas Besseres ein. Er zog, 
mit einer Hand sich haltend, das Ende des Seils em- 
por und machte mit Hilfe der Zahne einen Knopf. 
Dadurch wurde eine Schlinge gebildet, die sich durch 
das Qewicht fest zuzog, als Mukl mit dem FuB hinein- 
stieg. So stand er ganz bequem und wohlgemut, ohne 
das geringste Unbehagen oder Angstgefuhl in seiner 
Schlinge und lieB unten Dorfer und Walder und Fel- 
der wie Spielzeug an sich voriibergleiten. 

„Famoser Bursche das!" sagte der eine Offizier 
in der Qondel. „Er hat sich eine Schlinge gemacht 
und steht drin!" 

„Wir werden stark gegen das Qebirge getrieben!" 

„Bei dem waldigen Terrain ist Landen unmoglich. 
Er wiirde sich an den Tannen spieBen. Der Wind 
geht noch zu stark. Lassen wir uns in die Taler trei- 
ben, da wird der Wind wechseln, wenn nicht ganz auf- 
horen. Der Mann kann ja jetzt lange aushalten, es 
ist keine Qefahr mehr fur ihn!" 

Mukl war wie im Paradies ! DaB es so etwas Scho- 
nes gabe, hatte er sich nicht vorgestellt. Dieses 
sanfte, lautlose Vorwartsgleiten hoch oben in sonni- 
ger Luft! Diese ungeheure Schnelligkeit, die man 
nur wahrnahm, weil unten die Qegenstande in ra- 
scher Flucht wechselten! Sobald Mukl nicht hinunter- 
sah, glaubte er wie ein Vogel regungslos im Ather zu 

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schweben. Es war ein wunderbares Qefiihl! Es 
wurde ihm ganz andachtig zumute. 




„Was ist denn das?" Dort taucht ja der Zinken 
auf — ein Juchzer entrang sich seiner Brust! 

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„H6ren Sie, Herr Kamerad! Das ist ein braver 
Kerl! Er jodelt noch in seiner Situation! Nun laBt 
der Wind nach, nun wollen wir langsam die Landung 
versuchen!" Der Offizier offnete wieder das Ventil. 
Der Ballon senkte sich bis etwa 500 Meter und strich 
jetzt langsamer in das breite Gebirgstal hinein. Mukl 
fiihlte sich tief ergriffen. Da lag sie vor ihm, die ge- 
liebte Heimat, die er im Trotz verlassen, und nach 
der er sich doch gesehnt hatte Tag und Nacht. Schpn 
tauchte das SchloB des Herrn Qrafen in der Feme 
auf. Langsam senkte sich der Ballon. 

„Dort, hinter dem SchloB auf der groBen Wiese 
wollen wir landen!" sagte der Offizier. 

„Ja, dort geht es prachtig! Auch wird es ganz 
windstill!" entgegnete der Kamerad. 

Schon war der Ballon auf 150 Meter ungefahr ge- 
sunken. Mukl, der viel weiter unten hing, war der 
Erde etwa hundert Meter naher. Er konnte schon 
die Gesichter unterscheiden von den Menschen, die 
mit lauten Ausrufen zu dem Ballon emporsahen. 

„Wir miissen steigen, Herr Kamerad!" sagte der 
eine der Offiziere in der Gondel, „sonst schlagt der 
Mann an dem Dach vom SchloB an!" 

„Nur eine Idee!" sagte der andere und lieB ein we- 
nig Sand fallen, was den Ballon um einige Meter hob, 
„wir kommen gerade glatt daruber! Obrigens schauen 
Sie, Herr Kamerad, auf der Plattform sind eine 
Menge Betten zum Ausklopfen ausgebreitet. Wir 
streifen glatt daruber hin; wenn der Mann klug ist, 
springt er ab und gerade dem hubschen Madel in die 
Arme, das da mit dem Ausklopfbesen steht!" 

Und Mukl war klug — er lieB die Schleife los — 
etwa 5 bis 6 Meter hoch befand er sich jetzt iiber der 
Plattform des SchloBdaches — ein Sprung, daB die 
Federbetten fliegen — ein Schrei — der Ballon geht 
durch den Verlust von Mukls Gewicht wieder in die 
Hohe — die zwei Offiziere lachen, daB sie fast aus 
der Gondel fallen: „Bravo! Bravissimo! Was sagen 

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Sie, Herr Kamerad? Da hangt er schon dem M&del 
am Halse und laBt sie gar nicht mehr aus. Ein ganz 
famoser Bursche das!" 

Mukl und Miezl hielten sich umschlungen uiid wein- 
ten vor Freuden! 




B,|\elnU\e M. 



Als Mukl am nachsten Tag mit den zwei Offizieren 
per Eisenbahn wieder in der Stadt ankam, war er der 
Held des Tages. In alien Zeitungen stand sein Name. 
Herr Kappes, der in klaglichem Zustand aus dem un- 
freiwilligen Arrest kam, verriet in seinem Zorn alles. 
Buttolo wurde eingesperrt und Soldat zweiter Klasse. 
19 

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Herr Kappes durfte sich nach einem andern Dienst 
umschauen. Mukl aber wurde auf Dispositionsurlaub 
entlassen und wurde Leibjager beim Prinzen. Der 
Herr Graf hat ihm audi den Verdacht des Diebstahls 
abgebeten. 

Mukl hat seine geliebte Miezl heimgefuhrt und steht 
in groBer Qnade beim Prinzen, sitzt in einer griinen, 
goldbetreBten Uniform auf dem eleganten Kutschen- 
bock und tragt seinem Herrn den Stutzen, wenn er 
in den schonen Bergen jagt. Seinen Kindern aber wird 
er einmal als goldene Lebensregel hinterlassen : „Tut 
immer eure Pflicht, dann wird das Bose, das euch 
die Menschen tun, machtlos gegen euch sein, und 
wenn man euch zur Pflicht macht, ,festzuhalten\ so 
,laBt nicht los', wie gefahrlich es auch anfangs aus- 
schauen mag, denn hatte ich damals nicht meiner 
Pflicht gemaB ,festgehalten', so hatte ich den Hals ge- 
brochen und ware nicht ein glucklicher Mann gewor- 
den, mit dem Spitznamen Mukl,derLuftschif- 
fer! 44 



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„A11 Heil!" 



Herr Jeremias Qrantscherber war der zuwiderste 
Mensch auf Gottes writer, schoner Erde! — 

Da konnt ihr ihn sehen ! — 

Er steht gerade am Fenster und rasiert sich. 

Eigentlich ist er ein ganz hiibscher Mann, kaum 
30 Jahre alt, mit gutgeschnittenem Qesicht, hellen 
Augen und braunen Locken. Aber — o jemine — 
diese Stirnfalten! — Ach, und der hubsche Schnurr- 
ban, der sieht ja aus, als hatten Mause drin gehaust. 
Das kommt von der Qewohnheit, immer daran zu 
kauen und zu nagen ! — 

Schab — schab — geht das Messer tiber den 
Backenbart. Da kommt Frau Sibylla Oberholz, die 
alte Wirtschafterin, zur Ttire herein. Herr Jeremias 
Qrantscherber schielt zuruck — schrumms — da hat 
er sich geschnitten. 

Nur ein ganz kleines biBchen, aber wie das Donner- 
wetter fahrt er auf die Haushalterin los. 

„Ich kann nichts dafiir!" winselt sie, noch bevor 
sie weiB, was geschehen ist. 

„Sie konnen nie was dafiir!" briillt Herr Qrant- 
scherber. „Sie bringen mich ins Grab und konnen 
auch nichts dafiir, Sie Urschel, Sie!" Er fuchtelt mit 
dem Messer und schmiert den Seifenschaum im gan- 
zen Zimmer herum. „Widersprechen Sie nicht! Sie 
wissen, das macht mich nervos!" 

„Ich sage ja kein Wort!" winselt Frau Oberholz. 
19* 

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„Ha — eben reden Sie ja! Schweigen Sie, oder es 
gibt ein Ungluck! Behandelt man so einen armen, 
kranken Menschen? Krank bin ich — krank! Wissen 
Sie's noch nicht?!" 

„Aber es fehlt Ihnen doch nichts!" quietschte die 
Haushalterin aus ihrem Winkel. 

„Ich werde rasend, wenn Sie noch ein Wort sageri 
— es fehlt mir nichts! — Das ist das Hochste! — es 



fehlt mir nichts! Gehen Sie zu den Menschenfressern, 
da gehoren Sie hin, Sie hartherziges Weib!" 

„Aber man sieht doch nicht, daB Sie krank sind!" 
bockte Frau Oberholz weiter. 

„Hinaus!" brullte der arme Kranke mit einer Lun- 
genkraft, die dem groBten Elefanten keine Schande 
gemacht hatte, „hinaus!" 

Frau Oberholz retirierte urn den Tisch herum, sich 
an die Decke klammernd, daB alles darauf Befind- 
liche die schonsten Purzelbaume schlug. 

„Ein Narr sind Sie!" schrie sie noch zur Turspalte 



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herein; denn das letzte Wort muBte sie haben, und 
wenn's ihr Tod gewesen ware. 

Pfauchend und keuchend vor Zorn warf sich Herr 
Qrantscherber aufs Sofa. 

„Ein wahres Hundeleben!" stohnte er. 

Da hatte er eigentlich recht. Es war ein recht 
zweckloses Dasein, das er fiihrte. Ohne Eltern und 
Qeschwister, nur mit einigen Verwandten, mit denen 
er langst in bitterster Feindschaft stand, hatte er, im 
Besitz eines groBen Vermogens, welches die Eltern 
als Schweinemetzgerseheleute sauer verdienten, gar 
keine Idee, was er eigentlich mit sich selber anfangen 
sollte. Als einziges Kind verhatschelt, zum Studium 
gezwungen, das ihm, je mehr der Vater damit renom- 
mieren wollte, um so verhaBter ward, hatte er nichts 
Rechtes gelernt. Viel zu frtih hatten ihn die Eltern 
allein auf der Welt gelassen im Besitz des groBen 
Vermogens, welches ihm nur eine Schar lockerer 
Freunde auf den Hals zog, die bei ihm schmarotzten 
und sich dabei uber den jungen Protzen lustig mach- 
ten. Als er etwas kluger geworden, hatte er zwar 
einen um den andern von den „guten Freunden" hin- 
ausgeworfen. Aber da er nichts absolviert hatte, vom 
Militar freigekommen war, alles gesehen hatte, so 
war er nur „Hausbesitzer" und „Rentier" — zwei 
Worte, bei denen manchem das Wasser im Mund zu- 
sammenlauft, und die doch nicht hinreichten, den jun- 
gen Mann davor zu bewahren, daB er, wie wir eben 
horten, „ein Hundeleben" ausrief. 

„Ein Hundeleben! — Dieses Frauenzimmer werde 
ich auch hinausjagen, wie ich die Bedienten und den 
Kutscher hinauswarf, die mich bloB bestohlen haben! 
Niemand will ich mehr haben! Gar niemand! Nicht 
einmal einen Kanarienvogel! Ich gehe auch nicht* 
mehr ins Qasthaus! Ich werde mir selber kochen 
und r 

Herr Qrantscherber vollendete seinen Monolog 
nicht, denn es klingelte. 

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„Na ja — natiirlich — der Doktor — der Quadrat- 
esel Herein!" 

„Quten Moooorgen!" sagte der Herr Medizinalrat 
Langgut im tiefsten BaB, daB alle Mobel vibrierten 




und die Glaser im Schrank mitklangen. Dieser BaB 
und der lange, weiBe Bart hatten etwas ungemein 
Nervenberuhigendes. Wenn der Herr Medizinalrat 
so auf dem tief en C f ragte : „Wo f ehlt es denn, meine 
Hebe Gnadige?" da glaubten die Patientinnen und 



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Patienten, daB ihnen gar nichts mehr fehle, was bei 
den meisten ja ohnehin der Fall war. 

Zu Herrn Qrantscherber kam er taglich; denn er 
war der geborene Hausarzt, an den man sich ge- 
wohnte wie an eine tagliche Notwendigkeit. Er hatte 
sich eben mit dem Behagen eines Mannes, der seiner 
Sache sicher ist, niedergelassen, als es drauBen aber- 
mals heftig klingelte. 

Nach kurzem Wortwechsel drauBen schoB ein klei- 
ner, borstiger Mann zur Ttire herein und schrie : „Wo 
ist der Patient? Habe keine Zeit zu Komplimenten!" 

Herr Qrantscherber geriet in peinliche Verlegen- 
heit. Freilich hatte er den beruhmten Psychiater und 
Nervenspezialisten, Herrn Professor Neuntoter, der 
fiir jeden Besuch 50 Mark verlangte, zu sich bitten 
lassen. Aber daB er auch gerade jetzt kommen muBte, 
wo der andere da war! 

Sehr verlegen stellte er die Herren vor: „Mein 
Hausarzt, Herr Medizinalrat Langgut — Herr Pro- 
fessor Neuntoter!" 

Der Medizinalrat machte ein langes „Hm", wie eine 
Orgel, wenn der Kantor mit beiden Handen die Noten 
austeilt und den einen FuB auf dem Pedal stehen 
laBt. 

Dann erhob er sich freundlich lachelnd: „Da sind 
Sie ja in den besten Handen, also bis mooo — or gen!" 

Qrantscherber hatte geglaubt, die beiden wiirden 
sich am Ende um ihn streiten. Was denkst du, guter 
Jeremias — sie haben alle beide Platz in deinem 
Portemonnaie, sie hacken sich die Augen nicht aus, 
aber werden dir gewissenhaft zu Neujahr die Rech- 
nung schicken. 

Als sich der Medizinalrat empfohlen hatte, nahm 
der Professor den Hausbesitzer in die Arbeit. Er 
klopfte und horchte ein wenig an ihm herum mit 
einem so wutenden Qesicht, als waren ihm die 
50 Mark noch viel zu wenig. 

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Grantscherber wollte ihn auf etwas aufmerksam 
machen. 

„Bitte zu schweigen!" knurrte der Borstige. „Habe 
keine Zeit, mich mit den Patienten in Unterhandlun- 
gen einzulassen. Brauchen nichts zu sagen! Sehe 
alles allein! Storung trophischer Funktionen! Diffuse 
Sklerose! Reizung des Nervus Sympathikus — voll- 
kommener Neurastheniker — Anlage zur Dementia 
Paralytika — gehen Sie auf ein Jahr in meine Anstalt 
— vielleicht wird es besser — wahrscheinlich aber 
nicht!" 

„Aber was soil ich denn?" wagte Jeremias ganz 
gebrochen einzuwenden. 

„Sag's Ihnen ja!" schrie Professor Neuntoter, in- 
dem er seinen Hut nahm. „Kommen Sie in die An- 
stalt — irrsinnig konnen Sie dort ebensogut werden 
wie hier! Quten Morgen!" 

DrauBen war er. 

Jeremias Grantscherber sank vernichtet auf s Sofa : 
„Tropische Funktionen — Konfuse Sklerose — der 
Nervus Pathetikus kaput — ein vollkommener Neu — 
Neu — Pneumatiker, nein — Historiker — nein, Neu- 
histeriker oder Rheumatiker. — Entsetzlich!" 

Frau Oberholz kam herein mit boshaftem Augen- 
blinzeln : 

„Na, da haben Sie's doch einmal selbst gehort. In 
die Anstalt sollen Sie gehen — in die Irrenanstalt!" 

Herr Grantscherber war im Zweifel, was er der 
boshaften Alten an den Kopf werfen sollte; da er aber 
gerade nichts Passendes hatte und ihm auch die Ener- 
gie dazu fehlte, so lieB er es sein. 

„Der Herr Hauptmann von Schofelingen vom Par- 
terre haben heraufgeschickt, Sie mochten doch ein- 
mal die Stallture machen lassen!" fuhr Frau Ober- 
holz fort. 

„Erst soil er die Miete bezahlen, die er schon so- 
lange schuldig ist!" 

„ — Und die Lehrerin im vierten Stock hat mit 

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ihrem Velotschibah eine ganze Ecke im Stiegenhaus 
weggeschlagen!" 

Qrantscherber sprang auf. Die Energie kam wie- 
der. So, wie sie ruckweise ausblieb, so kam sie stoB- 
weise wieder. 

„Jetzt hab' ich's satt! Die muB mir jetzt hinaus!" 

Er keuchte in den vierten Stock hinauf, wo an der 
Tiire stand : „Schlicht, Schrif tstellerswitwe". Er tippte 
auf den Telegraphen, als wollte er ein Loch in die 
Wand bohren. Qanz erschrocken offnete eine weiB- 
haarige, alte Dame. 

„Ach, der Herr Hausherr — — " 

„Ich habe es jetzt satt, die Wirtschaft mit den Fahr- 
radern!" schrie er. „Da soil man nicht nervos wer- 
den! Das ganze Stiegenhaus ist demoliert! Ein an- 
standiges Frauenzimmer fahrt uberhaupt nicht auf 
dem Rad! Ich werde — " 

Bums! Da schloB die alte Dame ruhig die Tiire 
wieder zu. 

„Na, wartet nur, notige Gesellschaft!" wutete Qrant- 
scherber und stieg wieder die Treppe herunter. 

Unten wurden frohliche Stimmen laut. Umkehren 
konnte er nicht. Da lief er ihnen ja gerade in die 
Hande. 

Es war die Lehrerin und ihr Bruder, der Fahnrich, 
der die beiden Rader trug. 

„Ach, der Hausherr!" sagte die junge Dame, eine 
bildhubsche, schlanke Blondine, indem sie noch roter 
wurde und auf der Treppe stehen blieb, wodurch der 
Hausherr oben und der Fahnrich unten ebenfalls ge- 
zwungen waren, stehen zu bleiben. 

„Verzeihen Sie!" sagte sie mit anmutigem Lacheln, 
„ich hatte gestern das Malheur, mit dem Pedal an den 
Mauervorsprung zu stoBen. Ich habe dem Haus- 
meister schon gesagt, daB es gleich auf meine Rech- 
nung repariert wird!" 

„Ja!" stotterte Jeremias verlegen. „Wenn jeder 
im Haus radeln wollte, dann — " 

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„Wie, Sie fahren nicht?" sagte das junge Madchen 
ganz erstaunt. 
Nicht um alles hatte Herr Grantscherber eine Ant- 



wort gefunden; nur war ihm klar, daB das, was er 
vorhin zur Mama des Frauleins gesagt hatte: „Ein 
anstandiges Frauenzimmer fahrt uberhaupt nicht! 4 ' 

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ein rechter Blodsinn gewesen sei. Denn anstandiger 
und feiner als Fraulein Maria Schlicht konnte gar nie- 
mand sein. Und wie sie jetzt so vor ihm dastand in 
ihrer hellen Bluse, dem dunkeln, kurzen Rock, ein 
Strohhutchen auf dem Blondhaar, so grazios und ele- 
gant, da schamte er sich seiner Borniertheit. 

„Ich konnte ohne mein Rad gar nicht mehr leben!" 
fuhr das junge Madchen fort. „Als Papa starb, und 
ich Lehrerin werden muBte, da dachte alles, ich be- 
kame die Schwindsucht. Aber jetzt hah' ich meine 
roten Backen wieder, seit mein geliebtes Rad mich 
jeden Tag ein paar Stunden in den Wald hinaustragt. 
Mama hatte anfangs gemeint, es passe sich nicht. 
Aber zu FuB gehen darf ein junges Madchen! Sehen 
Sie, die Chinesen denken anders, bei denen diirfen 
die Frauen nicht gehen, sie verkriippeln ihnen die 
FtiBe. Es schickt sich eben nicht! Wie dumm! Qe- 
nau mit demselben Recht konnte man unschicklich 
finden, daB wir Madchen radfahren, und alle die, 
welche es finden, die sind eben fur mich Chinesen!" 

„Vor fiinf Minuteh war ich auch noch fur Sie ein — 
Chinese! Aber Sie haben mich schon fast bekehrt!" 
sagte Herr Qrantscherber, dem die ungekiinstelte 
Liebenswurdigkeit des jungen Madchens die Stirn- 
falten zu glatten begann. 

„Es ist auch zu ungerecht!" mischte sich der Bru- 
der, ein sympathischer, junger Soldat, in das Qe- 
sprach. „Wer wird aussprechen, alle Reiter und 
Reiterinnen sind Hanswurste, weil er einmal ein paar 
lacherliche Sonntagsreiter sah. Und wie dumm ist 
es, zu sagen, es sei shocking fur Damen, radzufahren, 
weil man zuweilen Qelichter auf dem Rad sieht mit 
verriickten, unasthetischen Anzugen. Obrigens, jetzt 
fahrt der Offizier in Uniform, und damit ist die De- 
batte geschlossen!" 

„Denken Sie! Nachstens, beim Manover, wird eine 
Abteilung zu Rad mitgehen, und mein Bruder kom- 
mandiert sie," sagte das Fraulein ganz stolz. 

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„Ja," erganzte der Fahnrich. „Aber wiser Inspek- 
teur ist dagegen." 

„Alles war gegen das arme Rad, so wie man gegen 
die Eisenbahn war, und schlieBlich — schlieBlich fahrt 
sogar noch unser Hausherr und dein Inspekteur!" Mit 
freundlichem QruB gingen die Qeschwister an Jere- 
mias Qrantscherber vorbei. Der Bruder trug die „ge- 
liebten" Rader. 

Unten wartete der Bediente des Herrn Hauptmann 
von Schofelingen. Er hieB Schmirgl. Jakob Schmirgl! 
Qelernt hatte er als Maler und Lackierer. Seine Ju- 
gend und Lehrzeit hatte er in Leipzig zugebracht, 
weshalb er auch unverfalschtes Wald- und Wiesen- 
sachsisch sprach. Sein Qesicht und der dazu gehorige 
Kopf waren rund wie ein Kurbis, rot und fettglanzend, 
wie wenn er sich selber mit Karmin anlackiert hatte. 
In dem Qesicht saB ein ganz kleiner Mund, der immer 
so aussah, als ob er gerade pfeifen wurde, zwei kleine, 
blitzgraue Auglein. Das ganze Melonenhaupt auf 
einen untersetzten, mit einem KommiBrock bekleide- 
ten Korper gesetzt, welcher auf zwei henkelformig 
nach auBen mit geschweiften Beinen steht: das istflerr 
Jakob Schmirgl. Von Charakter ist er sehr gut, bis 
auf eine kleipe Schwache fur anregende GetrSnke, 
eine grundehrliche Haut; aber wenn man ihn krSnkt: 
„Ei herrjemersch, dann werd' er Ihnen echal widend! 
Ei cha! Dann is er rachsichtig, un da gann sein, was 
will! Nu aben!" 

Eben schien er wtitend zu sein, als der Hausherr in 
seine Wohnung trat. 

„Wenn ich Sie giedigst bidden darfte, Herr Qrant- 
scherber — nahmen Sie sich meiner an — mein Harr 
macht mir eenen solchen Skandal wagen der lum- 
bichen Stalldihre — Sie gennen 'n ja!" 

„Ja, ja! Wird besorgt!" sagte Qrantscherber. 

„Sie derfen nich etwa glauben, ich hatte kein dreies 
un radliches Qemied, weil ich so von mein Harm 
rade — aberscht dan mag doch niemand ausstehn, 

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Beim Ragimend keen ainziger Offizer. Er steht auch 
schon mit 'n eenen Baine im Zylinder, das genn Se 
mir glauben! Ich wollde gar nich sagen, daB er mir 
noch 17 Mark schuldig is. Aber wie dar mid die Laide 
umgeht. Nu, wie macht ersch denn 'n Schlicht, den 
Fannrich, der bei unserer Kompagnie steht. D&n 
schikaniert er, wo er gann, er ward 'n ooch nich zum 
Offizier qualifizieren, un worum? — nur, weil die 
Schwester, das liebe, nette Frailn, mein Herrn Haubd- 



mann hat recht saftich abfahren lassen. So een Hacke- 
stock mechte ooch noch SiBholz raschbeln. Ach, das 
hatt' ich 'n gegennt, den Windbeidel. Aber der arme 
FSnnrich, wann der nich Offizier ward — nu, dann 
duht der sich was an. Er hat nemlich sahr gud stu- 
diert, und im Regimand is vom Inhaber an Freiblatz 
fir anen Offizier, der griecht dann Zulache un so. Nu 
und die braven Leide sind so arm, sach ich Ihnen — 
so arm. Alles verdient die Frailn Marie, die wo Lah- 
rerin is. Nu, wenn der Bruder aber nich Offizier wird 
jetzt, was soil er denn anfangen. In 'n andern Ragi- 
mend gann er nich dienen, wenn er dan Freiblatz nich 
griecht. Un der boshafte Basenstecken da, der halb- 
dode, der is schuld daran — ach, ich gennd 'n gleich 
in die Midde von'nanderreiBen — denn haren se, 
sahen se — wenn ich emal widend werde — no da!" 
Herrn Qrantscherber interessierte die Erzahlung. 
„So — sie hat den Hauptmann abfahren lassen!" 
„Im Verdrauen gesprochen — an dich'chen Klaps 

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hat er gekricht. Auf der Drappe — ich sah's — er 
war audi zu unverschamt!" — 

Grantscherber entlieB den redseligen Burschen und 
ging aus. Schwer fiel ihm wieder die tropische Kon- 
fusion und die rheumatische Clementia des Doktor 
Neuntoter auf die Seele. Er ging zu einem befreun- 
deten Notar. 

Der wollte eben sein Rad besteigen. 

„Der auch!" dachte Grantscherber. 

„H6re!" redete er ihn an. „Ich mochte mit dir 
sprechen! Ich will mein Testament machen!" 

„Kauf dir lieber ein' Rad! Addio!" 

Fort war er. 

Verbliifft stand Grantscherber. Plotzlich faBte er 
einen EntschluB. 

„Ins Irrenhaus komm , ich doch — warum soil ich 
diesen Irrsinn nicht auch mitmachen? Ich fahr' Rad!" 

Er sah sich um, ob niemand lachte. Nein, aber ein 
Radler hatte ihn fast uberfahren. 

„Diese verdammten Kerle! Man hort sie gar nicht! 
Verdammter Unfug!" 

Er trat in eine Fahrradhandlung. Er brauchte nicht 
weit zu gehen. 

„Womit kann ich dienen?" 

„Ein Rad zum Radeln!" 

„Bitte, die Lehrbahn ist am Haus!" 

Ein junger Mann in Pumphosen und Trikotjacke 
zweckte Grantscherbers Beinkleider zusammen und 
schnallte ihm einen breiten Gurt um den Leib. 

„Schwimmgurtel auch noch?" knurrte dieser. 

Er kletterte auf ein Rad, und dahin ging's. 

„Das kann ja jeder Esel!" sagte er argerlich. 

„Ja, weil ich Sie halte!" lachelte der Jiingling. 

„Lassen Sie doch einmal los!" 

„Sofort! u 

Majestatisch strampelte Grantscherber dahin. Ein 
Tritt — noch einer — plautz, da liegt er, daB alles 
knallt. 

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„Hm," machte er, sich den Staub abwischend, „mise- 
rables Rad!" 

Der Jiingling fiihrte ihn wieder. Bei der zwanzig- 
sten Runde etwa — Grantscherber strampelte, daB 
ihm der SchweiB herunterlief — lieB er ihn heimlich 
los. Zehn Schritte fuhr Grantscherber ganz allein; 
da war ihm, als sei der Fiihrer nicht mehr da. Er 
sah sich urn — plautz, da lag er wieder. 

Freudestrahlend stand er auf, sich das geschun- 
dene Khie reibend. 

„Nicht wahr, die ganze Runde fuhr ich allein?" 

„Jawohl!" 

„Na, also! Geht ja famos!" 

Der Radzauber war iiber ihn gekommen. Stolz 
gondelte er weiter. 

Ein anderer Anf&nger kam ihm entgegen. Der 
konnte schon klingeln. 

Grantscherber versuchte es auch. Ja, hat sich was! 
Kaum, daB er den Finger ruhrte, kam die Sache schon 
ins Rutschen. 

Der andere kam immer naher und klingelte wie 
verzweifelt. 

Aha, der Schafskopf kann nicht ausweichen, dachte 
Grantscherber, also rechts hinuber! Zum Donner, 
warum geht es denn links? Je mehr er nach rechts 
wollte, desto mehr fuhr er nach links. Wie von einem 
Magnetberg angezogen, fuhr er auf den unglucklichen 
Klingler los. Dem schien es ebenso zu gehen. Wie 
zum Turnier fuhren sie gegeneinander an mit weit- 
aufgerissenen Augen, die sich, ach, so gern vermie- 

den hatten. Rabautz krrracks — Aschupp ! Vier 

Beine baumeln gen Himmel, zwei Rader liegen am 
Boden. 

Die beiden krabbeln sich auf : 

„Pardon — Pardon — bitte — bitte sehr!" 

Stolz schaukeln die beiden wieder weiter. 

Als Grantscherber nach Hause ging, ftihlte er sich 
so froh gestimmt wie schon lang' nicht mehr. Er 

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pfiff sogar. Ach, aber die Treppe — au — au — 
jeder Schritt ein Zentnergewicht. „Ah — so und jetzt 
Essen! — Vorwarts! — Morgen soil der Schneider 
Hawlitschek mit einer Auswahl von Radfahranzugen 
kommen!" 

„Mit was?" machte Frau Oberholz und lieB den 
Mund offenstehen. 

„Rad — fahr — an — zti — gen!" briillte der jungeMann 
mit Lowenstimme. 

Frau Oberholz stellte das Essen nieder. Qegen ihre 



Qewohnheit vergaB sie die Antwort und driickte sich 
scheu hinaus. 

„Jetzt ist er wirklich iibergeschnappt," sagte sie 
drauBen. 

Noch nie hatte Jeremias Qrantscherber so kostlich 
geschlafen wie in dieser Nacht. Als ihn am nachsten 
Vormittag der Herr Medizinalrat aufsuchte, war er 
nicht mehr zu Hause — er war beim Radeln ! — Schon 
nach acht Tagen fuhlte er sich zur ersten Ausfahrt 
reif. Er hatte ein wunderschones Rad und sah in 
dem neuen dunkelbraunen Anzug mit den griinen 
Striimpfen so schneidig aus wie ein junger Maikafer. 

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Ein wundervoller Herbstmorgen brach an, als er 
losgondelte. 

„Diese dummen FuBganger!" knurrte er, als er auf 
der StraBe war, „konnen sich nicht umsehen! Ein 
wahrer Unfug!" 

Vor acht Tagen hatte er ebenso liber die Radler ge- 
schimpft! — O menschliche Gerechtigkeit! 

Schon werden die Hauser sparlicher, Dort winkt 
das freie Feld. 




-*^s^. 



„Rau, wau — rau, wau!" Ein Koter will Grant- 
scherber an die griinen Waden f ahren. Er scheint ein 
Gegner des Radfahrsportes. Dieser will ihm mit dem 
Stiefelabsatz eine andere Meinung beibringen. 

„Da, du Biest!" 

„HupfI" Der Koter weicht elegant aus. Das ist 

namlich ein PrivatspaB von dem Koter, den er bei je- 

dem Vorbeifahrenden mit Gltick anzubringen pflegt. 

Grantscherber fliegt im Bogen von seinem Rad und 

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mit dem neuen Anzug mitten in einen Schmutzhaufen, 
der eigens zu dem Zweck zusammengeschaufelt 
scheint. Da sitzt das Hebe Hundchen und streckt die 
rote Zunge lang heraus. 

„Da8 die Polizei so was duldet!" tobt der junge 
Hausbesitzer, tiber und iiber voll Schmutz, w£hrend 
einige Qassenjungen den Gesturzten mit hohnischen 
„A11 Heil"-Rufen noch argerlicher machen. 

„Sie wiinschen?" tont eine BaBstimme. Sie gehprt 
einem Schutzmann, der urn die Ecke auftaucht. 

„Da, dieser Koter!" faucht Qrantscherber. 

Dieser sa8 im BewuBtsein seiner vorschriftsmaBi- 
gen Marke ganz behaglich da und zeigte seine Zunge. 

„Hat er Sie gebissen?" 

„Nein! Aber nach mir geschnappt!" 

Der Schutzmann zuckte die Achseln. 

Der Hund lachte — wenigstens kam es Qrantscher- 
ber in seinem Zorn so vor. 

„Obrigens bitte ich, Ihre Fahrerlaubnis zu zeigen!" 
sagte der Schutzmann. 

„Habe keine!" 

Der Polizist notierte Namen und Adresse. 

„A11 Heil!" brullte die Jugend. „Rau, wau" machte 
der Koter, als Qrantscherber jetzt in seinem frtiher 
braunen, nun grauen DreB das Weite suchte. 

Endlich liegt die Stadt im Riicken. 

Eine Menge Radler und Ra^lerinnen begegnen ihm 
oder fahren ihm vor. Sie verlassen alle die StraBe 
und fahren nebenan auf dem glatten FuBweg. 

„Naturlich! da geht's viel besser!" sagt der Haus- 
herr und fahrt auch da. 

Nach einer Weile fallt ihm auf, daB nunmehr alle 
wieder mitten auf der schlechten StraBe fahren und 
den FuBweg verlassen. 

„Dumme Kerls!" sagt Qrantscherber, der sich den 
Qrund nicht denken kann. 

In der Feme taucht ein reitender Qendarm auf. 

Seelenvergnugt strampelt Jeremias drauf los. Ach, 

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es ist doch zu herrlich, so gleichsam in der Luft spa- 
zieren zu gehen. Leicht und angenehm, wie freund- 
liche Gedanken durch die Seele, so dahinzurollen im 
kiihlen Waldesschatten, hinein in die lachende Welt! 

Der Gendarm nimmt die Richtung direkt auf den 
kiihnen Sportsmann. 

Na nu? Was will denn der? 

„Steigen Sie mal ab! u schreit er ihn an. 

Einen Moment iiberlegt unser Sportsmann, ob er 
nicht einfach davonfahren soil; aber am Ende ist er 
doch nicht so „fit", urn mit einem Pferde konkurrie- 
ren zu konen. Er steigt also wiitend ab. 

„Warum fahren Sie auf dem FuBweg?" sagt der 
Gendarm. 

„Das geht Sie nichts an!" 

„Donnerwetter nochmal, das wollen wir sehen. 
Haben Sie die Tafel nicht gesehen, oder konnen Sie 
nicht lesen?" 

„Sie sind ein unverschamter Flegel!" 
Der Gendarm wird rot wie ein Puter und zieht 
sein Notizbuch : „Na, warten Sie, an den Flegel wer- 
den Sie denken! Wer sind Sie?" 

„Hier ist meine Visitenkarte! Und wie heiBen S i e, 
daB ich mich iiber Ihre Flegelhaftigkeit beschweren 
kann!" 

„Das werden Sie bei Gericht erfahren!" sagt der 
Gendarm kiihl und reitet fort. 

Wiitend radelt Grantscherber weiter. Er hat so 
eine leise Ahnung von Beamtenbeleidigung. „Ha 
— elende Sklaverei in diesem modernen Staat!" 

Jetzt sah er, daB alle Radler wieder lustig auf dem 
FuBweg fuhren, nachdem der Gendarm weg war. 

Nun argerte er sich erst recht. 

Wahrend er noch innerlich tobte, begegneten ihm 
zwei junge Burschen. Er machte einen Hollenlarm 
mit seiner Klingel, aber die machten keine Miene, aus- 
zuweichen. 

Plotzlich traten sie lachend zur Seite und steckten 
20* 

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dem Voriiberfahrenden ihre Spazierstocke in die 
Speichen. 

Da lag er zur Abwechslung wieder einmal! 

Die Burschen erhoben ein lautes Hallo. 

Der Hausherr aber, stumm vor Wut, sprang auf 
und gab dem nachsten eine Dachtel, daB alles 
krachte. 

Alsbald trischakten und knittelten die drei aufein- 
ander los, was dasZeug hielt. Wer weiB, wie es ausge- 
gangen w&re, wenn nicht eine Partie Radfahrer mit 
lautem Zuruf in Sicht gekommen wSre, vor denen die 
Burschen schleunig in den Wald ReiBaus nahmen. 

Grantscherber rieb sich den Rucken und fiihrte sein 
StahlroB eine Zeitlang. 

„Was fur Martyrer mtissen doch die e r s t e n Rad- 
fahrer gewesen sein — wenn es jetzt noch so zu- 
geht!" dachte er. „Sie duldeten Hohn, Spott, Stein- 
wiirfe und Priigel! Heil diesen heldenhaften Bahn- 
brechern!" Er riefs und schwang sich aufs Rad. So- 
fort war die gute Laune wieder da : „Pah, dem hab' 
ich doch einen Tritt gegeben, an den er denken wird 
— und der andere wird sich auch wundern, wenn er 
morgen sein Qesicht im Spiegel sieht!" 

Qanz getrostet, schliirfte er die kostliche Waldluft 
mit einem tiefen Atemzug. Da — „krach u — ein Pi- 
stolenschuB? Nein! — Der Qummireifen war ge- 
platzt. 

„ Jetzt hab' ich's aber satt!" rief der verhinderte 
Sportsmann laut und schleuderte sein ungluckliches 
Rad wiitend in den StraBengraben. „Ich soil dich 
wahrscheinlich jetzt auf dem Buckel in die Stadt zu- 
rucktragen, du elendes — miserables — niedertrach- 
tiges " 

Eine reizende Radlerin, die eben in Sicht kam, 
schnitt ihm das Wort ab. 

„Um Qottes willen — > der Hausherr ! Ja, wie sehen 
Sie denn aus?" Die Blondine sprang vom Rad. 

„Kann ich Ihnen helfen?" 

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„Danke, Fraulein Schlicht. Ach, es ist zu Srger- 
lich. Der Reifen ist mir eben geplatzt." 

„Auch gestiirzt miissen Sie sein! Sie sehen ja 
furchtbar aus!" 







„Ja, ja — aber lassen Sie sich doch nicht in Ihrem 
Vergniigen storen!" 

„Nein, nein! Radler miissen sich aushelfen! Ich 
sehe, Sie haben keine Werkzeuge mit sich!" 

Unter anmutigem Geplauder nahm sie aus ihrem 

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Taschchen, das am Rad hing, die notigen Sachen. Sie 
nahm den Gummireifen vom Rad ab, klebte den RiB zu, 
bog den Reifen wieder aufs Rad und pumpte Luft hin- 
ein. In wenigen Minuten war sie fertig. 

„Ich danke Ihnen tausendmal, gnadiges Fraulein!" 

„Bitte sehr! Aber ich muB eilen, sonst komme ich 
zu spat in die Stunde!" 

Sie saB auf und fuhr los. 

Grantscherber, der seinRad gewendet hatte, sprang 
auch auf und fuhr mit. Die hubsche Lehrerin be- 
schleunigte ihr Tempo ganz gewaltig. Es schien ihr 
nicht ganz passend, daB der junge Mann sie begleitete, 
obwohl sie sich sehr gem mit ihm unterhalten hatte; 
vielleicht gerade darum, weil sie dies ftihlte, fuhr sie 
ihm davon. 

Qrantscherber, der ja kein Qedankenleser war, 
radelte wie alle Wetter nebenher. Ein solches Tempo 
war er noch nie gefahren. 

StoBweise erzahlte er sein heutiges Ungemach. 

„Beim Radeln darf man sich iiber nichts argern!" 
sagte das Fraulein lachelnd. 

„Ja, wenn man an Kleroser Neutrale leidet, wie 
ich — " meinte der Hausherr pustend. 

Fraulein Schlicht lachte laut. 

„Wissen Sie, woran Sie leiden? Sie haben keine 
Arbeit und zu viel Geld, haben keine Pflicht, keine 
Sorge, allzu maBig werden Sie wohl auch nicht sein. 
Daher kommen Ihre Nerven! Wenigstens radeln Sie 
jetzt, das wird Ihnen wieder frisches Blut geben, und 
vielleicht wird noch was Besseres aus Ihnen als ein 
— Privatier!" 

Qrantscherber riB die Augen auf. Das hatte ihm 
noch niemand gesagt! 

„Ja, ja — Sie haben recht — ganz recht." — Er 
fuhr jetzt dicht neben ihr. 

Die geiibte Radlerin, welche hoffte, daB der Be- 
gleiter dieses Tempo nicht mehr lange aushalten und 

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zuruckbleiben werde, trat darauf los, daB sie nur so 
dahinflogen. 

„Ich versichere Sie, Fraulein — " keuchte Qrant- 
scherber. 

„Obacht!" schrie in diesem Augenblick laut die 
Lehrerin auf. 

Ein groBer Ast lag quer iiber den Weg. Zu spat! 
Qrantscherber fuhr darauf, sein Rad machte einen 
Satz und fuhr auf die Maschine des Frauleins, welche 
mit aller Qewalt in den StraBengraben geschleudert 
wurde. 

Jeremias, der natiirlich mitgestiirzt war, erhob sich 
kreidebleich und stammelte atemlos Entschuldigun- 
gen. 

„Nein, nein!" sagte Fraulein Schlicht, welche wie 
betaubt eine Zeitlang am StraBenrand sitzen blieb. 
„Sie sind nicht schuld. Meine Ziererei ist schuld! Ich 
hatte sagen sollen: fahren Sie mit — oder bleiben 
Sie da! Es war rucksichtslos von mir, ein solches 
Tempo vorzulegen, da Sie doch Anf anger sind! Nun 
— ich habe meine Strafe!" 

Zum guten Qltick kam eben ein Wagen, denn des 
Frauleins Rad war total zerbrochen. Sie fuhr zart- 
lich mit der Hand driiber. „Mein armes, liebes Rad!" 
sagte sie mit Tranen in den Augen, indem sie daran 
dachte, wie viele Nachtarbeit es gekostet, bis sie das 
Qeld dafiir zusammengespart hatte. Qrantscherber 
lieB den Wagen halten, half dem Fraulein hinein und 
lud das zerbrochene Rad auf. 

„Sie mussen leider gehen!" sagte Fraulein Schlicht, 
voll Angst, daB der etwas langsani begreifende Haus- 
herr mitfahren konnte. 

„Ach, wenn Sie sich nur nicht weh getan haben!" 
meinte er ganz weich. 

Der Wagen fuhr an. 

Das Madchen wandte sich zu dem Zuriickbleiben- 
den: 

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„Das hah' ich leider! — Aber geben Sie sich keine 
Schuld, ich habe den Arm gebrochen!" 

Da stand Grantscherber wie vom Donner geriihrt 
Das tat ihm furchtbar leid! Viel weher, als wenn es 
ihm selbst passiert ware. 

„Das kann ich mein ganzes Leben nicht wieder gut- 
machen — dies arme, tapfere, liebenswiirdige Qe- 
schopf — o, ich Tolpel — ich dummer, ekelhafter, 
protziger Tolpel — ich mochte mir gleich selber eine 
herunterhauen!" 

Mit nassen Augen sah er dem dahinrollenden 
Wagen nach. Dann klaubte er sein Rad zusammen, 
das kaum noch gefuhrt werden konnte. 

Tief seufzte er auf : 

„Das war meine erste Ausfahrt! Strafmandat — 
Anzug hin — Beamtenbeleidigung — durchgehauen 
— Rad kaput — griin und blau am ganzen Leib — 
Arm gebrochen All H e i 1!" 



„Schan guden Dag, Herr Hausharr!" sagte Jakob 
Schmirgl, der auf dem Treppenabsatz das neue Rad 
Grantscherbers putzte. Denn nach dem Unfall hatte 
dieser gleich zwei neue Rader gekauft — die teuer- 
sten, die iiberhaupt zu haben waren. Eines fiir sich, 

das andere — ein Damenrad, fiir na, fiir die 

Frau Oberholz vielleicht?! 

„Ich sache Ihnen, was das fiir wunderbare Rader 
sein! Ach herrjemersch, und das Fraulein hat erscht 
eene Fraide iber das ihriche. Na, haide kommt ja 
der Gipsverband schon wech! Ich butze das Rad vom 
gnadichen Frailn ooch mit. Des duh ich zum Ver- 
gniechen, da nahm' ich nischt. Sind ja S i e so nobel 
gagen mich, Harr Grantscherber, und lassen anen 
armen Furierschiitzen, dar von seinem schundichen 
Harm nischt kriecht, ooch was zugommen!" 

Grantscherber, der eben vom vierten Stock her- 
untergekommen war, wo er sich mit prachtigen Blu- 

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men nach dem Befinden erkundigt hatte, horte dem 
lustigen Schmirgl gerne zu. 

„Na, wissen Sie, was mein HSrr, der halbdode 
Basenstecken, gesacht hat, d&r glatzkapfige Schiel- 
beidel — der halbdode? ,Es frait V hat er gesacht! 
So 'n Rubsack — Es frait 'n! da8 das arme, schone 
Frailein 'n Arm gebrochen hat. Aber wart, dan griech 
ich noch, vor ich ins Zivil iw^rgahe — in drei Wochen 
nach 'n Manaver! Dan griech ich noch beim Wickel! 
D£r soil mich noch gannen lernen!" 

„Ihr geht ja morgen ins Manover?" unterbrach 
Qrantscherber den Redestrom des Schmirgl. 

„Ei cha! Arscht sein Divisionsmanaver, wo die hie- 
siche Qarnison gageneinander manavriert, dann gom- 
men die Korpsman&ver — und dann heiBt es ,es lSwe 
der Raservemann 4 !" 

„Warum sind Sie denn gar so wfltend auf Ihren 
Herrn? u fragte Qrantscherber. 

Die Augen Schmirgls funkelten aus seinem dicken 
Kopf heraus, er spitzte seinen Mund noch mehr, 
stemmte die Arme in die Seite und gr&tschte mit den 
krummen Dachsbeinen aus. 

„Worum ich widend bin auf dan — ei, haren se, 
sahen se — erschtens is das a schlachter Mansch — 
und zweetens is ar a ganz miserabler Mansch. Nu, 
so was labt doch nich. Ich bin 'n neilich iwer seinen 
Schreibtisch beim Aufraimen gegommen, do hat er 
vergassen abzuschlieBen, und da las ich die Qualifika- 
tionen — na, haren se, wie dar den armen Fannrich 
schlecht gemacht hat — do will ich doch in meinem 
gansen Lawen nie keine Neine mehr kageln, wenn 
ich 'n das so hingahn lasse. Aus Bosheit und Rach- 
sucht wagen dar Schwaster hat ar den jungen Mann, 
d£r doch dar allerbravste und dichtigste is, so ge- 
mein qualifiziert, daB er nu gans gewiB nich Leidnand 
ward und an anderer dan Offiziersblatz griecht, ir- 
gend so een Brodexionswanst, und dar nicht, d£fs 
verdiente. Na und dar junge Schlicht, dar hat noch 

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so an riesiges Ahrgefiel — iwerhaubt die ganse Fa- 
milie, urn die Zulache ist es dam nich amal — der 
labt vom schwarzen Brote — aber die Schande, die 
iwerlabt dar nich! Nadierlich hat ar noch geine 
Ahnung. Nach 'n Manaver warden die Qualifikationen 
arscht eingereicht — drum zerbrach ich mir ja den 
Kopp, wie ich's nor anstelle, daB ich mainen Harm, 
dan Basenstecken, dan halwdoden, noch schnall in 
Zylinder verhalfen gannte, mit dem ainen Baine steht 
er schon drinne!" 

Der Hausherr horte Schmirgls Erzahlung mit hoch- 
stem Interesse. 

„So eine Gemeinheit!" sagte er. „Denken Sie nur 
nach, Jakob, Sie kriegen von mir eine Belohnung, 
wenn Sie das fertigbringen!" 

„Ei cha", meinte Schmirgl, „man gann sich wohl 
was vornahmen, aber es gommt dann doch nur auf *n 
Moment an. An groBer Stratage wie der Moltke, dar 
hat auch sich kein Sedang vorher auf 'n Babier vor- 
zeichnen gennen, dar hat aben auch den Moment be- 
nitzt!" 

„Nun, benutzen Sie einen guten Moment, lieber 
Jakob", lachelte der junge Hausherr, „an einer Be- 
lohnung soil's nicht fehlen!" 

„Ach, herrjemersch, das mach' ich zu mainem Bri- 
fadvergniegen!" grinste Schmirgl, indem er das Rad 
in die Wohnung trug. 

Mit Sack und Pack stand das Bataillon, in welchem 
der Hauptmann von Schofelingen eine Kompanie 
fuhrte, um 3 Uhr nachmittags im Kasernenhof. Es 
sollte die Avantgarde bilden, wahrend die anderen 
Bataillone spater nachfolgen sollten. Vom Exerzier- 
platz weg sollte alles vollkommen kriegsmaBig zu- 
gehen. Der Herr Oberst hatte eben das Bataillon 
von vorn und hinten beschnuffelt und bekrittelt, als er 
den Herrn Hauptmann von Schofelingen rief. 

„Herr Oberst!" Der Hauptmann hackte mit den 

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Sporen in seinen alten Schimmel hinein und knallte 
auf den Oberst los. 

„Ho — bitte, nicht so schari auf mich loszureiten, 
Herr Hauptmann! Ich will Ihnen heute Gelegen- 
heit geben, unserem hohen Herrn Inspekteur un- 
ter seinen Augen zu beweisen, daB Sie ein Bataillon 
zu fiihren vermogen!" 

Brr, das war deutlich! Also frifi Vogel oder stirb! 
Blamierst du dich heute, so laB dir „dan Zylinder 
ausbageln", wiirde Schmirgl gesagt haben. 

„Sie bilden mit dem Bataillon, das Sie fiir heute 
fiihren, die Avantgarde. Sie waren ja gestern dabei, 
als ich die Dispositionen ausgab, und kennen also 
Hire Aufgabe!" 

Der Oberst griiBte kiihl und lieB den Major aus- 
treten, dessen Stelle sofort der Hauptmann einnahm. 
Die 3. Kompanie befehligte statt seiner der alteste 
Leutnant. 

Herr von Schofelingen war, urn's kurz zu sagen, 
ein Mensch, wie sie sich in unserm Offizierkorps nicht 
lange halten konnen. Er hatte schon als Leutnant ein 
paarmal bedenklich gewackelt; seit er aber Haupt- 
mann war, sahen ihm seine Obern hollisch auf die 
Finger. 

Da saB er mit seinen langen, dtinnen Beinen auf 
dem Schimmel. Sein verlebtes Aussehen und seine 
Magerkeit hatten ihm den angenehmen Spitznamen 
„Qevatter Tod" eingetragen. Schmirgl zog den 
„halbdoden Basenstecken" vor, was ungefahr das 
gleiche bezeichnete. Der Hauptmann war zer- 
schmettert. Er konnte singen: O Isis und Osiris — 
o wiiBtet ihr, wie's mir is. — Osiris und o Isis — ich 
steck* in einer Krisis! — Und zwar in einer tiich- 
tigen. Jede Dummheit kommt heute auf meine 
Kappe. Wird der General Kniffelbach geschlagen — 
bin ich schuld — kriegt ein Fusilier den Hitzschlag — 
ich schuld. — Gibt's in den Quartieren Flohe — ich 
schuld. Ich bin und bleibe schuld an allem und jedem, 

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denn ich fiihre ja die Avantgarde. Ich bin der allge- 
meine Siindenbock, der geschlachtet wird. — Ob's 
nicht besser ware, gleich vom Fleck weg den Ab- 
schied einzugeben? Nein! Wer weiB! Die ganze 
Qeschichte ist doch nur ein Glticksspiel — Augen zu 
und drauf los manovriert! Wer weiB! — „Viel- 
leicht" und „wer weiB" sind ja die Lieblingsworte 
aller Leute, die nichts konnen und wissen. 

„Herr Hauptmann, ich glaube, Sie schlafen hier 
ein!" rief jetzt der Oberst, der mit dem Major der 
Exzellenz von Kniffelbach entgegenreiten wollte, von 
der StraBe duirchs Qittertor in den Kasernenhof 
herein. 

Der Hauptmann fuhr zusammen. 

„Kompanie!" schrie er „ — ah Bat— tall— jonn! Mit 
Kompanien rechts schwenkt, marsch!" In einem 
schneidig sein sollenden Qalopp ritt er durchs Qitter- 
tor auf die StraBe hinaus. 

Das Bataillon marschierte drauflos. Aber unseli- 
ger „Gevatter Tod", wie soil denn eine Kompanie- 
breite durch das Tor gehen? Schau dich doch urn ! 

„Stelle treten", sagte der Hauptmann der ersten 
Kompanie, als kein anderes Kommando kam. 

Die hinteren Kompanien prallten auf die vorderen, 
und das ganze Bataillon trat im Kasernenhof vor 
dem Qittertor auf der Stelle hin und her. 

Schmirgl, der mit anderen Offiziersburschen hinter- 
drein marschierte, freute sich wie ein Schneekonig 
und wippte vergniigt auf den FuBspitzen. „Das is 
amal Worth — dein S a d a n g gommt noch!" 

Schofelingen sah sich um. Von der andern Seite 
naht auf der StraBe eine Staubwolke, auf die der 
Oberst und der Major losreiten. 

„Herr Hauptmann", schreit Schofelingen den Fiih- 
rer der ersten Kompanie an, „warum kommen Sie 
denn nicht heraus?" 

„Ich kommandiere das Bataillon nicht!" schreit 
dieser bissig zuriick. 

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Die Staubwolke nahert sich. Schon kann man Ex- 
zellenz von Kniffelbach erkennen. Schofelingen stan- 



den seine wenigen Haare zu Berg. Wem ist es nicht 
schon passiert, daB einem die einfachsten und gelau- 
figsten Dinge entfallen, gerade wenn man sie unbe- 

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dingt braucht. Ein Name — ein Wort — es liegt auf 
der Zunge — aber wenn der Tod drauf steht — man 
kann es nicht finden. 

So der geangstigte Hauptmann. Als er aus der 
Staubwolke den gefiirchteten General sich entwickeln 
sah, entfiel ihm das Kommandowort, das jeder seiner 
Fusiliere hatte aussprechen konnen. 

Unter diesen war bei dem minutenlangen Stelle- 
treten eine ungetrubte Heiterkeit ausgebrochen. Die 
Kerls feixten und grinsten mit ihren Menageklappen, 
daB man hatte die Zahne vom ganzen Bataillon nach- 
zahlen konnen. 

„Ja, was ist denn das fur eine Hanswursterei?" rief 
Exzellenz. 

Eins — zwei — linker — rechter, eins — zwei — 
immer munter! Das Bataillon wird weiterwippen bis 
heute nacht, wenn kein Befehl kommt. 

Schofelingen lief der SchweiB herunter. Er kam 
sich vor wie der Zauberlehrling oder wie Ali Baba in 
der Hohle der 40 Rauber, der das rettende „Sesam, 
tu J dich auf 44 vergessen hatte. 

„Ja, was ist denn das fur ein Krautsalat?" schrie 
die Exzellenz. „Wer laBt denn hier Ballett tanzen? 44 

Der Oberst antwortete mit verstandnisvollem 
Blick: „Exzellenz, ich lasse heute den Herrn Haupt- 
mann von Schofelingen das Bataillon fiihren — er 
bringt es aber nicht aus dem Kasernenhof 'raus!" 

„Ach so — o — o — o — o! 44 machte Exzellenz. 

Da brach der Bann! 

„Bataillon halt! 44 brullte Schofelingen. 

Na endlich. Da waren sie, die Kommandos, eins 
nach dem andern, tadellos und richtig, und das Batail- 
lon schlangelte sich aus dem Kasernenhof. 

Das war kein gutes Omen, „Qevatter Tod 44 ! — 

Qesenkten Hauptes reitet er seinem Bataillon vor- 
aus. QewiB, er war dabei, als der Oberst die Ordre 
fur die Avantgarde gab — aber da dachte er doch 
nicht, daB er sie heute zu fiihren habe. — 

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Schmirgl, der hinterdrein zottelte mit seinen krum- 
men Beinen, horte auf einmal seinen Namen rufen.. 
Es war der Hausherr auf seinem Rad. 

„Schmirgl! — Gut, daB ich Sie treffe. Ich suche 
den Fahnrich Schlicht. Ich mochte gern ein wenig 
zusehen heute!" 

„Ei da! Der Harr Qrantscherber! Dan F&nnrich 
dreifen Sie hier nich, dar is doch bairn Fainde! Ei 
cha! Die sind heide nacht mit der Eisenbahn wag! 
Es soil namlich a Versuch gemacht warn mit 'n Rad- 
fahrern, und die hat dar Fannrich zu iiehren. Na, bei 
uns werd's heide intressant! Dar Basenstacken, der 
halwdode, fiehrt's Badalliong. Das w&rd was gaben. 
Bleiben Sie doch da, Herr Qrantscherber, vielleicht 
genn' wir ihn ains anbinseln heide! Bscht!" 

Exzellenz und seine Suite kamen eben hinterdrein. 
Qrantscherber blieb ein wenig zuruck und ftihrte sein 
Rad am StraBenrand. 

„Nein! Ich glaube nun einmal nicht an den prak- 
tischen Erfolg der Strampelei" — setzte Exzellenz 
ein Qesprach mit dem Oberst fort. „Ich war immer 
dagegen und wtirde unnachsichtlich sein, wenn der 
Gegner den geringsten Erfolg mit seiner neuen Waffe 
durch unser Verschulden davontruge! Wieviel hat 
denn der Feind?" 

„Nur einen Zug — versuchsweise unter Fiihrung 
des Fahnrich Schlicht zusammengestellt", sagte der 
Oberst. 

„Na, Sie werden sehen, diese neue Waffe blamiert 
sich, wie ich es vorhersagte," meinte Exzellenz. „Der 
Feind steht also um 11 Uhr nachts auf der Hohe von 
Johannesthal, so daB die beiderseitigen Vorposten 
diese Nacht noch zusammentreffen werden. Bevor 
die Kavallerie eintrifft, mussen wir also sehr behut- 
sam vorgehen! — Was treibt denn dieser Mensch, 
dieser Hauptmann Schofelingen. Es soil doch vom 
Kasernenhof weg kriegsmaBig zugehen — das bum- 
melt ja daher wie im tiefsten Frieden. Nicht einmal 

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Eklaireurs sind vorgeschickt. Dem Herrn muB ich 
aber doch einmal energisch auf die Hacken treten!" 

Sie sprengten voruber an die Tete. 

Qrantscherber hatte, von den hohen Herren nicht 
beachtet, kein Wort des Gesprachs verloren. Er 
rtickte wieder auf und erzahlte alles Schmirgl. 

„Nu hamm mer'n," rief er, „nu gaben Sie Obacht!" 
Er nahm aus der Kartentasche des Hauptmanns eine 
Karte und gab sie Qrantscherber. „Auf der Johan- 
nesdaler StraBe miissen Sie unbedingt auf 'n Fann- 
rich stoBen. Denn die sand doch ohne Zweifel als 
Eglarars voraus. Und nu bassen Sie auf. Sachen 
Sie ihm, er soil, was Zeich halt, um zwalfe rum an 
der StraBengreizung JohannesdalerstraBe — Brunn- 
hauserstraBe stehen" — er wies es nach einigem 
Suchen auf der Karte, „da ward ich ihm dan Basen- 
stacken in da Hande lief ern ! Nu kratzen Sie los. Sie 
f ahren am hasten gleich rechts den Faldwag — sahen 
Sie hier — da schneiden Sie a Stick ab!" — 

„Aber wie wollen Sie denn das machen?" fragte 
Qrantscherber. 

„Die Gagend kenn' ch wie maine Hosendasche — 
verlassen Sie sich auf mich — an Ihnen hangt's jetzt 
— die Karte nahmen Sie aber mit, das is die Haub- 
sache! Sie missen f ahren wie 'n Donnerwedder — es 
is a ordentliches Stick!" 

Ohne Zogern saB Qrantscherber auf und ver- 
schwand alsbald auf einem Nebenweg. 

Mit wiitendem Qesicht kam jetzt Hauptmann von 
Schofelingen zuruckgeritten. 

„Geben Sie die Kartentasche!" Schmirgl tat es 
tiickisch. 

Der Hauptmann kramte eine Weile, dann sagte er 
fluchend und schimpfend: 

„Da fehlt ja gerade das Blatt, das ich brauche. 
Schweinigel, niedertrachtiger !" 
„Herr Haubmann meinen das Blatt von der nach- 

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sten Umgabung? Das hah' ich zu Hause gelassen, ich 
dachte, Sie brauchen's nicht!" 

Schofelingen war so wtitend, daB er dem Schmirgel 
mit der ilachen Klinge eins uberzog. Dahinten sah's 
ja niemand. 

Schmirgl kochte, doch schluckte er freundlich den 
Schlag hinunter. 

„Ach, dashalb brauchen Harr Haubmann sich nich 
aufzurSgen. Die Gagend kenn' ich so genau wie nur 
was. Wie Harr Haubmann in Urlaub waren, da hah' 
ich alle Dage weide Ausflieche mit'n Harm Haubmann 
sein Schimmel in der Gagend gemacht!" 

Der Hauptmann, der noch nicht lange im Regiment 
war und in den Kaffeehausern der Stadt besser Be- 
scheid wuBte als in der Umgegend, konnte nichts 
Besseres tun, als sich fur diesmal mit dem ortskundi- 
gen Burschen versohnen. Denn von einem der Offi- 
ziere, mit denen alien er iibers Kreuz war, eine Karte 
borgen oder gar um Rat fragen! Nein! Die hatten 
ihn hochstens aufsitzen lassen, denn im Kartenlesen 
war er nicht groB. S o war's vielleicht besser. 

„Du kennst die Gegend ganz genau? Bis Johannes- 
thai!" 

„Jawohl, Herr Haubmann, und weider auch noch!" 

„Gut! Komm' mit vor an die Tete und antworte 
auf alles, was ich dich iragen werde!" 

Schmirgl lachte innerlich wie ein Holzfuchs. — 

Es dammerte schon, als Grantscherber abfuhr. Er 
ziindete die Laterne an und sauste dahin wie ein 
nachtlicher Kobold. Immer zu, immer zu, die Kilo- 
meter iliegen nur so vorbei. Bei jedem Tritt denkt 
er an den braven Fahnrich, dem er aus der schlech- 

ten, ungerechten Qualif ikation heraushelf en will 

und an die blonde Schwester denkt er auch ein we- 
nig, sogar ein wenig sehr! Dunkle Nacht. Sparlich 
leuchtet die Laterne. Scharf geht es bergauf — und 
die StraBe frisch geschottert. Er tritt mit aller Macht. 
Krach! Untreues Rad! Ein Pedal ist abgebrochen! 
21 

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Past sinkt ihm der Mut, aber die Hohe ist erreicht, 
und nun geht es wieder abwarts. Er zieht ein Bein 
hinauf und strampelt mit dem andern weiter. Grant- 
scherber achzt, schwitzt, dampft, pustet, nur vor- 
wSrts! Schadet alles nichts. 

„Jetzt bin ich wieder Mann!" sagt er zu sich sel- 
ber, „der Doktor Neuntoter ist ein Hanswurst, ich 
habe keine Nerven mehr! Hurra!" 

„Welcher Schafskopf briillt denn da zu seinem Pri- 
vatvergniigen Hurra?" ertonte es unmittelbar vor 
ihm. 

Qrantscherber sprang ab. 

„Pardon!" sagte die Stimme, „ein Zivilist? Ich 
bitte um Entschuldigung. Ich dachte, es sei einer von 
meinen Leuten!" 

„Und noch einmal Hurra!" rief Qrantscherber, in- 
dem er den FShnrich Schlicht umarmte. „Nennen 
Sie mich, wie Sie wollen — weil ich Sie nur habe!" 

In eiligen Worten erzahlte er dem Erstaunten alles. 

Des Fahnrichs Augen blitzten: 

„Kinder, jetzt zeigen wir, was wir konnen!" rief 
er, und gerauschlos verschwand er mit seiner Schar 
radelnder Soldaten in der Dunkelheit. 

Grantscherber warf sich aufatmend neben dem 
StraBengraben ins Gras. 

„So," sagte er, sich abtrocknend, „ich habe das Mei- 
nige geleistet — Herr von Schmirgl, nun ist's an 
Ihnen!" 

Der Hauptmann von Schofelingen hatte unterdessen 
von seinem Burschen alles erfahren. Nur wegen der 
Sicherung des FluBtiberganges, den ihm die Exzel- 
lenz mit ebenso gepfefferten als ihm unklaren Worten 
ans Herz gelegt hatte, konnte er nicht ins Reine 
kommen. Gerade daruber hatte Exzellenz, die in 
einem Dorfe unterwegs abgestiegen waren, bis zwei 
Uhr friih Meldung erwartet. Der Hauptmann ent- 
nahm dem Gesprach seiner Offiziere, daB diese nach 
ihren Karten die Brucke vier Marschstunden entfernt 

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annahmen, wahrend Schmirgl den Hauptmann ver- 
sicherte, ihn in einer guten halben Stunde dahinbrin- 
gen zu konnen, auf einem reitbaren Waldweg nam- 
lich, der ganz enorm abschneide. 

Das war nun freilich hochst wichtig. Es war jetzt 
zehn Uhr, und wahrend die ermatteten Truppen ab- 
kochten, konnte er, von Schmirgl gefiihrt, hinreiten, 
das Terrain besehen, dann zuruckkommen, auf dem 
Waldweg eine Kompagnie hinschicken und so etwa 
schon um 1 Uhr dem General die Meldung des voll- 
zogenen Befehles senden. 

„Sie irren sich auch bestimmt nicht, Schmirgl? 
Wenn Sie sich irren — na, das ist gar nicht auszu- 
denken, was Ihnen dann passiert!" 

„I, wo ward ich denn, Harr Haubmann!" versetzte 
Schmirgl zuversichtlich. 

Wahrend die Truppen links und rechts der StraBe 
biwakierten, ritt der Hauptmann hinter Schmirgl her 
waldeinwarts. Schmirgl hatte zwar ein kleines Be- 
denken. Er wuBte, daB der fragliche FluBubergang 
allerdings vier Marschstunden entfernt ist. Aber bis 
zur StraBenkreuzung Johannesthaler- und Brunn- 
hauserstraBe war es eine halbe Stunde. Vor 12 Uhr 
konnte aber der Fahnrich nicht dort sein, wo er ver- 
sprochenermaBen den Hauptmann ans Messer gelie- 
fert kriegen sollte. Jetzt war's 10 Uhr. Wie die zwei 
Stunden 'rumbringen, ohne daB der Hauptmann Ver- 
rat merkte? Eine voile halbe Stunde fuhrte er den 
Herrn von Schofelingen im Wald herum. Endlich 
fragte der Hauptmann ungeduldig. 

„Qleich — gleich, Herr Haubmann, wir sin schon 
da!" 

Wieder eine halbe Stunde. Da riB dem Haupt- 
mann die Qeduld. Wutend fihg er an zu schimpfen 
und zu drohen. 

Da f ing Schmirgl klaglich zu heulen an : 

„Ach, Herr Haubmann, nahmen Sie's gidigst nich 
ibel, ich hawe mich dodal verirrt!" 
21* 

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Der Hauptmann lieB einen wahren Hagel von 
Schimpfworten iiber den verschmitzten Schmirgl los. 

„Bscht! Urn Gottes willen, bscht! Der Feind!" 
machte Schmirgl plotzlich. Der Hauptmann schwieg. 
„Ich will mich vorschleichen!" 

Der Hauptmann nickte ihm zu, es zu tun, und ver- 
hielt sich regungslos, auch sein Schimmel, der iiber- 



haupt froh war, wenn er sich nicht zu ruhren 
brauchte. 

Eine Viertelstunde verging. Noch eine. Der Haupt- 
mann tobte innerlich, aber er wagte nicht, sich zu 
ruhren. 

Wenn man ihn hier finge — heiliger Gott — er 
hatte gar keinen Befehl zuriickgelassen. Das ware 
der Zylinder — unfehlbar. Er kochte also nur inner- 
lich, obschon ihm die Beine schon einschliefen, und 

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es ihm bei dem Starren in die Dunkelheit vor den 
Augen flimmerte. 

Schmirgl aber lag zwanzig Schritt von seinem 
Herrn entfernt im Dickicht auf dem Bauch und 
rauchte in groBter Gemiitsruhe eine Zigarre. 

Nach einer guten halben Stunde erhob er sich und 
kroch zu seinem Herrn zuriick. 

„Nun?" machte dieser gespannt. 

„Es war gar nichts," sagte Schmirgl, „ich hatte 
mich geirrt!" 

Wie der Bose fuhr jetzt der Hauptmann auf ihn 
los: „Infamer Schingel, mir scheint, du narrst mich!" 
Er riB den Sabel heraus und wollte ihn Schmirgl um 
die Ohren schlagen. 

Dieser schrie: „Irren is mfinschlich!" und reti- 
rierte. 

„Doch, da is ein Dimpel, der is mir bekannt — jetzt 
gann ich mich wieder aus!" sagte der boshafte 
Schmirgl und schritt dem wutenden Herrn voraus. 

Na endlich, da kamen sie auf die StraBe. 

„Ich sehe keinen FluB!" wollte der Hauptmann 
sagen. Da tonte es aus 20 Kehlen: „Hurra!" Der 
Fahnrich und seine Leute umringten ihn. Er war ge- 
fangen. 

AuBer sich, wollte er Einwendungen machen. Der 
Fahnrich sagte nur: „Pardon, Herr Hauptmann, es 
ist vollkommen kriegsm&Big befohlen!" Drei Mann 
lieB er bei dem schimpfenden Schofelingen zuriick 
und ruckte mit den andern vorsichtig weiter vor — 
Sie naherten sich schon dem Biwak. Es mochte 
schon 3 Uhr frtih sein, denn sie waren langsam vor- 
geruckt. Da kam ein Reiter. Es war die Exzellenz 
ganz allein. Es kam ihm nicht geheuer vor, daB keine 
Meldung einlief — er wollte selber nachsehen, was 
der unglaubliche Schofelingen wieder fur Dummhei- 
ten mache. 

Im Gebiisch steckten die Radler. Dem Fahnrich 
klopfte das Herz. Ein leises Zeichen. Der General 

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war umringt. „Exzellenz sind geiangen!" sagte der 
Fahnrich keck. 



's von ocnoienngen sieciui 

„ Den werden Exzellenz gleich sehen u , antwortetfe der 
Fahnrich, „ den haben wir schon vor 3 Stunden gef angen! a 

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„Na, warte, Briiderchen!" murmelte Exzellenz, sich 
in sein Schicksal ergebend, und folgte den kecken 
Radlern. 



Das Zusammentreffen mit dem Hauptmann muB 
furchtbar gewesen sein. Der General nahm ihn unter 
vier Augen vor, und so weiB man nicht, was sie ge- 
sprochen haben. Tatsache ist, daB der Hauptmann 

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sofort sich krank meldete und andern Tags urn seinen 
Abschied einkam. — 

Einige Wochen spater ist es. Einer der letzten 
goldschimmernden Herbsttage, da sitzt eine gliick- 
liche Gruppe im Garten von Grantscherbers Haus: 
die alte, weiBhaarige Frau Schlicht, die miitterlich 
zartlich auf einen jungen Leutnant schaut. Daneben 
zwei, die nichts reden und sich nur immer gluckselig 
anlacheln. Herr Jeremias Grantscherber und — seine 
schone Braut, Fraulein Schlicht. 

Und noch einer kommt eben den Kiesweg herauf: 
der neue Hausmeister. Er hat krumme Beine und 
einen dicken, roten Kopf — sollte das — freilich ist 
er's — Schmirgl — der Moltke in der Westentasche. 
Zwei blitzblanke Rader fiihrt er. 

„Ich hah' mersch wohl gedacht, Sie warden haide 
noch ein wanig hinausmachen bei d£m herrlichen 
Wetter!" 

„Am Verlobungstage wollt ihr radeln, Kinder? 4 ' 
meinte verwundert die besorgte Mama. 

„GewiB, Mama! Gerade heute!" sagte die Braut, 
„denn wem verdanken wir unser Gltick? — Dem 
Rad!" 

„Es soil leben!" riefen der Leutnant und der Brau- 
tigam, mit den Glasern zusammenklingend. Auch 
Schmirgl durfte anstoBen. 

„Dam Rad verdanken Sie Ihr Glick — das is schon 
wahr — aber mir auch an wanig — denn sonst hatten 
Sie dan Frailn nich andworden genn\ als sie iragte — 
,washalb daten Sie denn das fur mainen Bruder?' — 
weil " 

„Weil ich dich liebe!" erganzte der Brautigam, 
seine Braut umarmend. 

„A11 Heil!" schrie Schmirgl, daB man es zehn Hau- 
ser weit horte. „A11 Heil!" 



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Die Schlacht bei Bronnzell. 



Wenn man die Weltgeschichte liest, so erfahrt man, 
daB die Menschheit sich immer und ewig gegenseitig 
ermordet und umgebracht hat! 

Was anderes steht nicht drin! 

Nun gibt es wohl Professoren, die weise den Finger 
an die Qlatze legen: „Es war immer so — ergo — 
muB es immer so sein!" — Andere wieder legen den- 
selben Finger an die Qlatze und sagen: „Es war im- 
mer so — ergo — muB es einmal anders werden!" 

Wie die Sache sich wirklich verhalt, ob es einen 
Weltfrieden geben kann oder nicht, das weiB nur der 
liebe Gott — denn so, wie er es haben will, so geht's 
halt! — 

Wir Deutschen, die wir so mitten drinnen sitzen im 
europaischen Konzert, haben schon zu alien Zeiten 
tuchtig dreinhauen mussen, um uns unserer Haut zu 
wehren! 

Einmal waren es Hunnen und Ungrer, dann wieder 
andere Hungrer und Lungrer — oben der Dane, unten 
der Welsche — links der Franzmann, rechts Talg- 
gesichter und Polacken. Immer war etwas los. 

Aber dem deutschen Michel war's noch nicht ge- 
nug! Mit den eigenen Brudern hat er auch noch rau- 
fen mussen. Dann haben sich immer die feindlichen 
Nachbarn gefreut und im Triiben gefischt. 

Nun, damit ist's vorbei, und nimmer werden wir 
einen solchen Bruderkrieg erleben. 

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Das war' auch nicht lustig, davon zu erzahlen, son- 
dern besser, nicht einmal mehr daran zu denken. 

Nnr einmal sind deutsche Brtider einander feindlich 
gegenubergestanden mit groBen Armeen, wo es lustig 
ausging. Denn passiert ist weiter nichts, und wenn 
es auch schon anfing zu knallen — getroffen wurde 
nur beim Feind einmal ein alter Schimmel und bei 
uns — ein Stiefelabsatz! 

So steht es deutlich in der Weltgeschichte zu lesen 
in dem ZusammenstoB der Bayern und PreuBen 
bei Bronnzell in der Nahe von Fulda am 8. November 
1850. Und wie dies des Naheren zugegangen, davon 
eben will ich nach gewissenhafter Durchforschung 
von Quellen, die mir nur allein zuganglich waren, er- 
zahlen : 

Also — im Herbst 1850 war es, an einem regneri- 
schen Nachmittag, als die Kariolpost in Rupertsdorf 
einfuhr. Der Postilion blies ein lustiges Stuck, trotz 
des feinen Spruhregens, der ihm auf den blauen, sil- 
berbetreBten Frack und die weiBen Lederhosen fiel. 
Denn erstens war er ein gutes Gemtit, zweitens saB 
hinter ihm auf dem Wagen ein bildsauberes Madchen 
— und drittens blies er doch immer, wenn er in sein 
Heimatdorf hereinfuhr, das so lieb und traut in saf- 
tigem Wiesengrun am FuB der schonen bayerischen 
Alpen lag. 

Der Postilion war ganz still geworden am Ende der 
Fahrt, obwohl er zuerst recht lustig sich mit dem htib- 
schen Passagier unterhalten hatte. Es war doch seine 
Jugendgespielin — die Kathi — die Tochter von sei- 
nem Herrn, dem reichen Posthalter, die aus dem In- 
stitut heimkam, von den frommen Schwestern in Diet- 
ramszell. Und gar nicht stolz war sie geworden, die 
Kathi, noch ganz das alte, herzige, naturliche Qe- 
schopf, und sie plauderte so gemutlich mit ihm — 
dem einfachen Postilion, als wenn sie nicht Franzo- 
sich gewuBt hatte und Klavier schlagen und was sonst 
noch alles fur vornehme Sachen! 

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Die ganze Zeit iiber hatte er daran gar nicht ge>- 
dacht — aber jetzt beim Einfahren ins Dori fiel es ihm 
auf einmal schwer aufs Herz. 

Da hielten die Pferde schon vor der Post. 

„Wo bleibt denn der Vater?" fragte Fraulein Kathi 
verwundert, indem sie aus dem Wagen sprang, wah- 
rend der Postilion die verschiedenen Schachteln und 
Btindel herunterlangte. 

Aufgeregte Stimmen schallten aus dem Gast- 
zimmer. 

Die Tiire flog auf, und mit Hurra und Hut- 
schwenken sturmten die jungen Burschen heraus, den 
jungen Postilion, der offenen Mundes mit seinen 
Schachteln dastand, fast umrennend. 

Mutzl! — Hans! — Hurra — Krieg gibt's — Krieg 
mit die PreuBen! — Juhu! — Juchuhu!" riefen sie 
ihm im Voriibergehen zu. 

Krieg! Wie dies Wort einen jungen Burschen gleich 
packt! Der Mutzl Hans hatte gedient und zwar im 
ersten Kiirassierregiment zu Miinchen, hatte es bis 
zum Qefreiten gebracht und war noch nicht lange 
weg vom Militar. DaB aber Soldaten eigentlich fiir 
den Krieg sind, daran dachte er heute zum aller- 
erstenmal. Der lange Frieden, in dem das gliick- 
liche Bayern seit dem Storenfried Napoleon gelegen, 
hatte bei Zivil und Militar die stiBe Qewohnheit er- 
zeugt, uberhaupt nicht mehr an den Krieg zu denken. 

Lange Friedenszeit wirkt immer erschlaffend auf 
den militarischen Organismus, und damals ging es 
beim bayerischen Militar ziemlich gemutlich zu. 

Der Postilion warf seine Schachteln im Qastzimmer 
auf den Tisch und wartete gar nicht ab, bis der Post- 
halter und seine Gemahlin die Tochter begriiBt hat- 
ten. Er versorgte seine Pferde und rannte nach Haus. 

Tranenden Auges kam ihm seine alte Mutter mit 
einem offenen Papier entgegen. — Die Einberufung! 

„Sei gut, Mutterl! Alle Kugeln treffen ja nicht!" — 

Der Mutzl Hans hatte schon zusammengepackt und 



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wollte nur noch einmal zum Posthalter, denn am 
nachsten Morgen sollte es ja schon fortgehen. 

Die Wolken hatten sich ein wenig auseinander ge- 
schoben und lieBen einen schwer roten Abendhimmel 
durchblicken, der alles blutig iibergoB. 

Als er zum Obstgarten hinter der Post kam, sah er 
eine dunkle Gestalt ins Abendrot schauen. 

Er erkannte Fraulein Kathi. 

Da legte es sich ihm auf einmal so schwer auf die 
Brust. Er muBte durch das Tiirchen im Zaun ein- 
treten. 

Kathi sah auf. 

Der junge Bursche mit seinen blonden Locken war 
ganz mit rotem, goldenem Qlanz umgeben, weil er 
gerade im Kreis der untergehenden Sonne stand. Er 
gemahnte sie an den heiligen Georg in der Kloster- 
kirche. Gerade so hatte ihn der Maler dargestellt. 

Sie schauten einander schweigend in die Augen. 

„Leben Sie wohl, Fraulein Kathi," sagte Hans tief- 
atmend. „Ich muB morgen ins Feld!" 

„Ich werde fur Sie beten," antwortete das junge 
M&dchen, und ihre Stimme zitterte dabei. 

Sie hatte ihm die Hand gegeben — er hielt sie fest 
in der seinen. Sie wuBten nichts mehr zu sagen. 

Das Abendrot verschwand und tiefer Schatten 
fiillte rasch das Tal. 

Sie standen lange, ohne zu sprechen. Plotzlich 
tonten Stimmen von der StraBe. 

„Auf Wiedersehen!" flusterte Kathi und eilte ins 
Haus zuruck. 

Die Burschen, deren laute Stimmen das Madchen 
verscheucht hatten, erkannten sie im Lichtschimmer, . 
der aus dem Hause drang, als sie die Stufen hinauf- 
eilte. Sie lachten laut und machten dumme Bemer- 
kungen. 

Plotzlich blieb dem einen das Wort im Munde 
stecken, weil er einen furchtbaren Schlag darauf er- 
hielt. Auch der andere horte auf zu lachen, denn er 

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wurde von einer unbekannten Faust dermaBen in dem 
StraBengraben herumgewirbelt, daB ihm zumute wur- 
de wie einem Schaf, wenn es die Drehkrankheit be- 
kommt. 

Nur einige Sekunden — ein Treten, Scharren, Kra- 
chen, Schnauben und Achzen — dann war alles wie- 
der still. — 

„Feigling — !" schrie der im Qraben Sitzende, sein 
Messer ziehend, „komm her, wenn du Schneid hast!" 

Der andere stand, den Kopf vorgebeugt, und lieS 
das Blut aus der Nase laufen, pustend und auf den 
unsichtbaren Ohrfeigenspender schimpfend. 

„Wer war's denn?" stohnte er. „Der Faust nach, 
mein , ich, der Schmied!" 

Der andere, fortwahrend seine Herausforderung 
briillend und mit dem Messer fuchtelnd, tappte im 
Dunkeln nach dem unbekannten Qegner. 

„Halt — da scheppert was!" 

Er rieb ein Streichholz an und hob den Qegenstand 
auf, an den er mit dem FuB angestoBen war. 

Es war ein Metallschild mit dem bayerischen Wap- 
pen, das an einer zerrissenen Silberborte hing — wie 
es die bayerischen Postillone am Arme tragen. 

„Hallo — der Mutzl war's!" 

Wiitend zogen die Qepriigelten mit ihrem Fund ins 
Postwirtshaus. 

Da war alles voll erhitzter Kopfe, Qeschrei und 
Spektakel. 

Endlich ubertonte der eine Durchgebleute den Tu- 
mult und erzahlte den Hergang. 

„Hier sitzt er unter uns!" beschloB er seinen Vor- 
trag, „und wenn er kein feiger Lump ist, so kommt 
er mit mir hinaus!" 

Alles sah gespannt auf. Der Postilion ruhrte sich 
nicht, als wenn es ihn gar nichts anginge. Da schwoll 
dem andern der Kamm, der ein beriichtigter Raufer 
war. Er zog das Silberband mit dem Wappen hervor 

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und warf es dem jungen Postilion ins Qesicht. „Feiger 
Kerl!" sagte er dazu. 

Hans Mutzl erhob sich in seiner ganzen GroBe und 
wischte dem Burschen eine herunter, daB er bis an 
die gegeniiberliegende Wand flog. „Das ist die zweite 

Dachtl, die du von mir kriegst verlang' dir nit 

die dritte, sie mocht' schlecht ausf alien ftir dich!" 

Ein allgemeines Beifallsgeschrei erhob sich. 

„Und ob ich feig bin," fuhr der brave Postilion fort, 
„das werden wir ja drauBen im Felde sehen. Messer- 
held bin ich, gottlob, keiner. Und das merkt's euch, 
Bub'n, wer sich iiber die Fraul'n Kathi sein Maul zer- 
reiBt, dem schlag' ich drauf — so wie dem Hanswurst 
dort!" 

Mit diesen Worten folgte der Postilion seinem 
Herrn, dem Posthalter, der ihn, ganz blaB vor Zorn, 
ins Nebenzimmer winkte. 

„Was hor' ich da? Du warst mit meiner Tochter 
im Obstgarten?" 

„Aus Zufall, Herr Postmeister!" 

„So? — Aus Zufall? Und da machst dir wohl Qe- 
danken auf mein Kind, weil d' dich so als Beschiitzer 
aufspielst?" 

„Ja, Herr Postmeister," sagte der Bursche ganz 
ehrlich, wie es ihm urns Herz war; Venn's Qott ftigt, 
daB ich wieder gesund nach Haus komm\ dann — " 

Jetzt war's aus. Der Postmeister war ganz auBer 
sich. Er rannte im Zimmer herum und schimpfte und 
wetterte. 

Frau und Tochter kamen ganz bestiirzt herein, 
nachzuschauen, was los sei. 

„Was los ist?" schrie der Posthalter. 

„Nicht genug, daB der bose Bub, der Leonhard, mir 
davongelaufen ist und mir Kummer und graue Haare 
gemacht hat — jetzt fangt mir das Madel auch noch, 
Qeschichten an. — Deswegen braucht man sie nicht 
ins teuere Pensionat zu schicken, daB sie einem sol- 
chen VerdruB macht! Ist ein wahres Vergniigen, 

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solche Kinder zu haben ! Einen verschollenen Buben 
und ein nichtsnutziges M&del!" 

Da kam er aber schon an. Mit allem schuldigen 
Respekt, aber sehr bestimmt, sagte Fraulein Kathi 
ihrem zornigen Herrn Vater ihre Ansicht. Dazu 
weinte die Frau Posthalterin, die Hunde heulten, im 
Qastzimmer war ein Heidenlarm. Der Postilion stand 
dabei und schwieg, denn wenn er was gesagt hatte, 
wiirde man es in dem Spektakel doch nicht gehort 
haben. 

Endlich, nach langem Hin und Her, kriegte Kathi 
noch das letzte Wort. 

„Jetzt ist's genug, lieber Vater! Mein Herz hat 
man mir im Institut auch noch am rechten Fleck ge- 
lassen. Der Hans ist brav, und hier geb' ich ihm noch 
einmal, wie vorhin, meine Hand und sag', Qott soil 
ihn behiiten — wer wird mir's verwehren, daB ich fiir 
ihn bete!" 

Sie gab ihm die Hand. Hans trieb es das Wasser 
in die Augen. „Bleibt , s gesund beisammen!" rief er 
und ging rasch fort. 

Am andern Morgen marschierte Hans Mutzl, der 
Postilion, sein Biindel am Stock uberm Riicken, nach 
Tolz. Dort waren mehrere Kameraden aus anderen 
Ortschaften zusammengekommen, alsbald setzten 
sich alle auf ein FloB, und hinunter ging's auf der rau- 
schenden, griinen Isar nach Miinchen. Abends tauch- 
ten schon die gemiitlichen Frauenturme in der Feme 
auf, und das FloB legte bei der Isarkaserne an. 

Mutzl hat sich gemeldet und ist bei der ersten Es- 
kadron eingestellt. KiiraB und Helm, Pallasch und 
Montur hat er gefaBt und sieht recht ritterlich drin 
aus. Ein machtiger Brauner ist ihm zugewiesen. Er 
steht eben im Stall bei ihm und putzt ihn, als der 
Wachtmeister hereinkommt. Der ist so dick, daB 
man glaubt, jetzt muB der weiBe Sabelgurt platzen. 

Ein Riesenkiirbis ist gar nichts gegen seinen Kopf, 
in welchem eine groBe, blaurote Kartoffel mit ver- 

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schiedenen Auswiichsen als Nase figuriert. Bier — 
ist der Inhalt seines Qemutes — Bier — das Ziel 
seiner Qedanken — Bier und noch einmal Bier! Sein 
Name aber — seltsames Spiel der Natur — ist Wein- 
lechner! 



Also der Wachtmeister Weinlechner poltert in den 
Stall, reiBt an seinem grimmigen Schnauzbart und 
schimpft. Das war namlich bei den damaligen Wacht- 
meistern gerade so wie bei den heutigen. 

„Heda — Stallwachen! So wollt' ich doch, daB ihr 
eure eigenen Mostschadel — als Krautsalat aufessen 

muBtet ohne einen Schluck Bier dazu! Wo sind 

22 

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denn diese Quadratlackel?! Da soil ja doch gleich 
das Hofbrauhaus in den Erdboden hineinversinken ! 
Diese Kerl' tun ja grad, wie wenn kein Krieg war'! 

— Aha, da hangt einer!" 

Er stupfte einen langen Ktirassier mit dem Pal- 
lasch, der im Stroh lag und schnarchte. 

„Ihr werdet's wirklich noch so weit bringen, ihr 
Baumschabler, daB ich mich wirklich einmal recht 
fiber euch Srgern tu'l Dann fleckt's aber, das sag' ich 
euch! Dann kann's auftreffen, daB ich einen Lattier- 
baum aus dem Stand reiB' und damit und damit 

— na, das werdet ihr dann schon sehen, was ich da- 
mit mach'!" 

Der lange Ktirassier hatte sich gemachlich erhoben 
und rieb sich die Stelle, an welcher ihm der Wacht- 
meister seine Anwesenheit angedeutet hatte, dabei 
grinste er ganz f reundlich fibers breite Qesicht. 

„Wo sind denn die andern Stallwachen?" 

„Drtiben! u 

„Wo drtiben?" 

„Im grtinen Baum — an der Isar!" 

„Donnerrr — rrrr!" 

„Es wird frisches Pschorr geschenkt!" 

„Psch— orr?!" sagte der Wachtmeister andachtig 
und in tiefen Qedanken. „Ist es gut?" 

Die Stallwache verdrehte die Augen und schnalzte 
mit der Zunge! 

„Hor mir auch einen Stein! Aber wie 's Donner- 
wetter. 1st vielleicht das letzte Pschorr fur dieses 
Leben!" setzte er wehmutig dazu. 

Der Stallwachter lief mit einem MaBkrug, der ne- 
ben ihm im Stroh gelegen hatte, fort. Der Wacht- 
meister ging die Stallgasse hinauf. „Aha — das ist 
der Reservist — der Qefreite Mutzl — 20 Strich aus 
dem Gaul herausgeputzt — brav. Er kriegt den er- 
sten Beritt, haben Mangel an Chargen. Werd's 'm 
Herrn Rittmeister sagen, wenn er kommt — kommt 
zwar selten — die Hauptsach' bin ich bei der Schwa- 

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dron. — Verstanden! — Ich bin der Vater der 

Schwadron und die Mutter dazu Vater und 

Mutter muB man ehren — hm — hat Er Qeld von zu 
Haus? — was sagt Er? — nicht viel? — das ist bos! 
— Ein richtiger Kiirassier muB von zu Haus was ha- 
ben, sonst soil er gleich zur Infanterie gehen, wo's 
geniigt, wenn man den Feldwebel mit Zigarren und 
Leberkas einreibt — ein richtiger Kiirassier, der 
Vater und Mutter ehren will, der muB wenigstens 

potz Sauerkraut und Kartoffelstampf, was 

kommen da fiir Vogel?!" 

Ein dicker Herr in Zivil — gut noch einmal so dick 
wie der Wachtmeister, naherte sich durch die Stall- 
tiire. Er trug einen karierten Anzug, weiBe Weste, 
Vatermorder mit hoher Krawatte, und einen grauen 
Zylinder. Sein Qesicht glich einem rot angestriche- 
nen Vollmond. Eine ftirchterlich dicke Uhrkette 
schlang sich um die Fulle seines Leibes. Man durfte 
wohl annehmen, das sei der dickste Mann seines 

Jahrhund - nein halt — her stellt euch 

— • da kommt noch etwas Dickeres hinter ihm — seine 
Qattin! Das war wirklich eine Riesendame — der 
Breite nach. Eine Krinoline hatte sie auch noch an 
unter dem lila Seidenkleid, daB man dachte, sie werde 
jeden Augenblick davonfliegen wie ein Luftballon. 
An der Stelle, wo bei anderen Menschen der Hals zu 
sitzen pflegt, trug sie einen lichtseidenen, blumenge- 
stickten Schal. Auf dem gescheitelten Kopf saB hin- 
ten, wie zwei gelbe, murbe Hornchen, eine goldene 
Riegelhaube, wie sie die Munchener Biirgersfrauen 
friiher trugen. 

Hinter diesen beiden gewichtigen Personen kam 
ein junger, recht auffallig gekleideter Zierbengel von 
etwa 20 Jahren, offenbar der Sohn, denn er hatte be- 
reits ein stattliches Wamperl, Wurstfinger mit dicken 
Ringen dran und gar keinen Hals. Alle drei schau- 
ten sehr protzig drein, indem sie die Unterlippe weit 
vorstreckten und die Augen zuzwickten, wobei sie 
22* 

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b- 



t4 



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gleichzeitig die Stirne hoch hinaufzogen. Man ver- 
suche das einmal vor dem Spiegel, und man wird 
sehen, daB man, um ein solches Qesicht von frtih bis 
abends zu machen, sehr viel Qeld haben muB. Qanz 
richtig wird es nur einem Knallprotzen gelingen. 

Hinterdrein kam noch ein achtjahriger Schlingel 
mit kurzen Hosen, der ebenfalls so dick zu werden 
versprach, wie seine Familie. Den SchluB machte ein 
kugelrunder Boxl, der seinen Unterkiefer nicht vor- 
zustrecken brauchte, da er von Natur schon aussah 
wie ein fiinfstockiger Hunde — Hausbesitzer. 

„Is da 's erschte Kiirassierregiment — Sie?!" 
schnarchte der dicke Herr, und die ganze Prozession 
blieb hintereinander in der Stallgasse stehen. 

Die Pferde schauten sich ebenso verwundert um, 
wie der Wachtmeister Weinlechner. 

„Was wollen Sie denn?" 

„Da, mein Sohn, der " Der dicke Herr konnte 

nicht weiterreden, denn die Dame mit der Krinoline 
brach in ein kraftiges Schluchzen aus : 

„Mein Pepperl! — Mein Pepperl! Wenn ihm nur 
nix g'schieht, meinem Pepperl!" Dabei preBte sie 
ihren Sohn an sich, soweit es bei dem beiderseitigen 
Umfang moglich war. 

„Aber Mama!" schnaufelte dieser. 

Der achtjahrige Bruder plarrte, und der Boxl heulte 
dazu, daB die Pferde in den Standen erschraken. 

„M6chten's nicht so gut sein, meine Pferd' scheu zu 
machen!" knurrte der Wachtmeister. „Wissen's 
nicht, daB wir Krieg haben!" 

Da kam der Stallwachter mit dem Bier. Des 
Wachtmeisters Ziige verklarten sich. „Ah — " machte 
er, „das ist halt ein Bierl!" 

„Spaten?" fragte der dicke Zivilist. 

„M — m— !" 

„Pschorr?" 

„Hm — hm!" 

„Spaten ist in letzter Zeit zu dick!" 

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„Hm — hm!" 

„Hat gar keinen leichten Musso!" 

„M — m — !" 

„Hacker war im letzten Sud zViel Hopfen!" 

„Hm — hm!" 

„Sternecker hatte keinen Faum!" 

„M — m — !" 

„Neben Hofbr&u ist der Pschorr jetzt um eine Lang' 
wieder voraus!" 

„Hm — hm!" 

Der Wachtmeister hob die Nase wieder aus dem 
Krug. Das MaB war leer. 

Das soil einmal einer in einer anderen Sprache 
nachmachen, ein MaB Bier austrinken und zu 
gleicher Zeit mit seinem Nachbarn Konversation 
fiihren! 

„M — m" heiBt namlich auf miinchnerisch : „Nein, 
mein Herr, Sie irren sich!" und „hm — hm!" bedeu- 
tet ins Hochdeutsche, iibersetzt: „Allerdings, mein 
Herr, es freut mich, daB ich Ihnen in diesem Punkt 
beipflichten kann!" 

Freilich, wenn so ein Berliner zum Beispiel bei uns 
was fragt und „m — m" oder „hm — hm" h6rt, so 
glaubt er es mit einem Taubstummen zu tun zu haben 
und macht einen schnoddrigen Witz, weil er meint, 
der hort ihn nicht. Wenn ihm dann der Zylinder ein- 
getrieben wird, dann wundert er sich und sagt, wir 
Bayern seien grob. 

Die beiden Manner, der Wachtmeister und der 
dicke Zivil, sahen sich jetzt nach diesem Biergesprach 
mit unverhohlener Hochachtung an. Sie hatten gleich 
heraus, daB sie beide Kenner seien! 

„M6chten's audi?" fragte der Wachtmeister; „hm, 
hm!" machte das Zivil vierstimmig. Ich glaube, der 
Boxl gab auch seine Zustimmung — aber das kann 
ich nicht bestimmt behaupten. 

„Also noch funf MaB — ich tank' auch noch einen 
Schluck!" befahl der Wachtmeister. Der dicke Herr 

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zog sein Portemonnaie und gab dem StallwSchter 
einen Kronentaler. 

„Also jetzt lassen's Ihnen sagen, Herr Wacht- 
meister," schnarchte der Dicke. „Ich bin der Privatje 
und Hausbesitzer Schmuttermeier vom Rindermarkt, 
und da, mein Sohn, der * 4 

„Mein Pepperl! Mein Pepperl! 44 pl£rrte die dicke 
Schmutter Muttermeier — ah — Schmuttermeier- 

mutter — Mutterschmutter — Schmuttermeier 

na also — die dicke Frau mit der Krinoline und um- 
armte ihren SproBling. 

„Aber Mama! 44 nSselte der edle Jtingling wieder. 

„Aber Margret! 44 verwies jetzt Vater Schmutter- 
meier, „laB 'n doch gehn, den Lalli, den groBen. Sei 
net so sentimental, wozu hat man denn seine Biil- 
dung! — Der Tepp hat sich's nSmlich in Kopf g'setzt 
— Offizier mochf er werden. In Kopfarbeiten war 
er immer schwach — und wenn er jetzt als Avan- 
tascher eintretet — Geld is ja da, wissen's, da glaubet 
i, er mocht jetzt bei die Kriegszeiten besser durch- 
kommen als mit dene dummen Priifungen! Denn 
tapfer is er — • und Geld, wie g'sagt, is vorhanden!" 

„Wenn das vorhanden is, dann wird sich's schon 
machen lassen! Denn bei uns Ktirassier' ist eine nob- 
lige Waffe, und sind Leute gem gesehen, die von Haus 
aus was haben!" sagte der Wachtmeister mit einem 
Seitenblick auf den Qefreiten Mutzl, der fleiBig an 
seinem Gaul fortstriegelte. 

„Eigentlich ging die Geschichte den Herrn Oberst 
an! Aber bei den sturmischen Kriegszeiten — ah, da 
ist er ja schon wieder mit dem Bier; greifen's zu, 
meine Herrschaf ten ! — Soll'n leben! 44 

„Aa! 44 machte das Zivil und packte jedes einen 
MaBkrug. 

Dieses „Aa 4 * hieBe ins Hochdeutsche iibersetzt: 
„Mein Herr, wir danken Ihnen ftir die freundliche 
Aufmerksamkeit, uns mit einem Ganzen auf unser 
Wohl vorgekommen zu sein, und gestatten uns sofort 

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ebenfalls, mit einem Qanzen nachzukommen und den- 
selben auf Ihr Wohlsein zu leeren!" 

Wer da nicht einsieht, wie plastisch, kurz und klar 
die Miinchener Sprache im Vergleich zu dem Hoch- 
deutschen ist, dem ist nicht mehr zu helfen. 




Eine feierliche Pause entstand. Mit verklarten 
Blicken schaute jeder in seinen Krug, dann huben sie 
an, die Hausbesitzerischen und der Wachtmeister, 
immer weiter bogen sie sich zuriick, daB dem Stall- 
wSchter, der trocken zusah, ein langer Faden sich 

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aus dem Munde spann und ihm die Augen schier 
herausfielen. 

Ein allgemeines „A — ah — " ertonte jetzt. Aber 
gedehnter wie das vorige „Aa". Es sollte heiBen: 
„Was sagen Sie, meine Herrschaften, ist das nicht 
ein groBartiger Stoff!" 

Man sieht, was wir Munchener mit demselben Vo- 
kal fiir verschiedene Qedankenreihen ausdriicken 
konnen. 

Der Wachtmeister hatte nicht ganz ausgetrunken. 



Er trat in einen Pferdestand zu einem groBen, 
dicken Fuchsen und bot ihm den MaBkrug an. 

„Mama — das Pferd trinkt Bier!" jubelte der Kurz- 
hosige. 

„Das war* ein schlechtes Kiirassierpferd," erwiderte 
der Wachtmeister ernst, „das kein Bier trinken 
m6cht , ; da, Braunl, trink' aus — wenn wir nach 
PreuBen kommen, nachste Woch\ bekommst so nix 
mehr als Hafergriitze und Bliemchenkaffee!" 

„Mein Pepperl!" hatte Mutter Schmuttermeier bei- 
nahe wieder angefangen. Aber der Ton der Verzweif- 

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lung gelang ihr nicht mehr. Die frische MaB Bier 
hatte ihn total weggeschwemmt. Dagegen gelang ihr 
sehr gut ein Schrei des Entsetzens, als sie sah, wie 
der Qaul des Wachtmeisters ihren jiingsten Sohn 
hinten an den karierten Hoschen mit den Zahnen er- 
faBt hatte und ihn zornig zwischen Hafermulde und 
Heuraufe herumbeutelte. 

„Maxl! Zu Hilfe!" schrie Frau Schmuttermeier. 
Maxl schrie Zeter und Mordio. Er hatte namlich dem 
Braunl auch Bier aus seinem MaBkrug anbieten wol- 
len, hatte aber &ngstlich wieder zuriickgezogen ; dies 



nahm der Qaul tibel und erwischte ihn bei den Hosen. 
Der kugelrunde Boxl wollte ihn attackieren, erhielt 
aber einen solchen Tritt mit dem Huf, daB er tiber 
die Stallgasse weg zu einem Schimmel flog. Dieser 
sandte ihn mit Protest und einem FuBtritt zuriick, 
einem Rappen hiniiber. Dieser verstand den SpaB 
und „trat u ihn gleich wieder seinem gegeniiberstehen- 
den Kameraden ab. So wurde der arme dicke Boxl 
hin und her geschossen, bis er endlich im Mistkarren, 
in den er fiel, ein leidliches Unterkommen fand. 

Der Wachtmeister nahm mit der Ruhe eines Hel- 
den dem schwebenden Maxl den MaBkrug aus der 
Hand — den dieser als echter Sohn Miinchens in 

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hochster Not noch so hielt, daB er keinen Tropfen 
verschiittete — und bot ihn seinem braven RoB dar. 
Augenblicklich lieB dieses den Maxl fallen, daB er wie 
ein reifer Apfel ins Stroh plumpste, und schliirfte das 
dargebotene Bier mit vielem Verst&ndnis. 

„Sehn's, das is ein Pferd!" meinte der Herr Wacht- 
meister stolz. 

Der Herr Schmuttermeier aber zankte: „Siehst 
du's, Margret — da hast's. Hah' ich dir nicht gleich 
g'sagt, daB sich das nicht g'hort, mit der ganzen Fa- 
milie da in die Kasern' hereinrennen ! So geh' ich dir 
nicht iiber die StraBen mit dem Bub'n!" 

Maxl sah allerdings, von ruckwarts betrachtet, be- 
denklich aus. Aber eine Mutter weiB immer Rat. Sie 
hing dem Maxl ihren seidenen Schal um, der bis auf 
den Boden ging. 

„So! Na also!" sagte Vater Schmuttermeier, „jetzt 
schlag' ich vor, wir gehen hiniiber in den grtinen 
Baum — gelten's, Herr Wachtmeister, wo das gute 
Bier ist, und da besprechen wir alles in Gemiitlich- 
keit." 

„Ich hah' zwar eigentlich keine Zeit, weil Krieg ist," 
entgegnete der Wachtmeister, „aber auf ein Stiindl 
kommt's nicht an!" 

Und in umgekehrter Reihenfolge, wie sie gekom- 
men war, begab sich die Familie Schmuttermeier wie- 
der zum Stall hinaus. 

Einige Tage vergingen noch mit Herstellung der 
Propretat. Es schien, als wollte die bayerische Ar- 
mee die alten Spartaner nachahmen, welche bekannt- 
lich vor der Schlacht sich immer in den hochsten 
Wichs warfen. Endlich stand das Regiment mit Sack 
und Pack im Kasernenhof, zum Ausmarsch bereit. 

„Zum Qebet!" ertonte das Kommando nach alter, 
schoner Sitte. Unter den feierlichen Klangen der 
Regimentsmusik beugte jeder sein eisenbedecktes 
Haupt, mit der rechten Hand salutierend. Dann er- 

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tonte ein lustiger Marsch, und hinaus ging's durchs 
Kasernentor in den Krieg. 

Hans Mutzl war gleich der erste hinter der Musik 
und dem Stab und seinem Rittmeister, dem Herrn 
Grafen Pelz von Faulberg, der sich doch zum Aus- 
marsch hatte sehen lassen. Neben ihm ritt im Qlied 
der Avantageur Josef Schmuttermeier. Im Tal stan- 
den die Menschen Kopf an Kopf und schwenkten mit 
Tiichern und Htiten. Ebenso am Marienplatz. Das 
Regiment zog sich durch das Rathaustor und 
schwenkte in die Dienersgasse hinein. Da, an der 
Ecke, stand die Familie Schmuttermeier. „Da is er 
— da kommt er!" schrien sie, daB alles Volk die 
Halse reckte, zu schauen, wer denn da so besonderes 
kame. 

„Pepperl, Pepperl — daB dir fein nix passiert," 
schrie die Frau Schmuttermeier, und der liebevolle 
Papa Hausbesitzer trat vom Trottoir herunter mit 
einer ganzen Kette Regensburger Wtirste in der einen 
und einem schaumenden MaBkrug in der andern 
Hand auf seinen Sohn zu. Dieser wollte sein RoB an- 
halten, aber es gelang ihm nur, die Wurstkette auf- 
zugreifen, denn der Qefreite Mutzl trieb ihn mit 
einem energischen „Vorwarts!" wieder ins Qlied. 

„Sie sind aber ein fader Mensch," knurrte der 
Hausbesitzerssohn und sah sich grimmig nach dem 
Bier um. Dieses nahm der Wachtmeister Weinlech- 
ner in Empfang, der auf seinem Riesenbraunen hinter 
der Schwadron ritt. „Ich werd* schon achtgeben auf 
den Pepperl, daB ihm nix geschieht!" sagte er aus- 
trinkend. „Ah — Hofbrauhaus!" sagte er dann weh- 
mutig, indem er den Krug zuruckgab, „gruBen's mir's 
schon!" Und weiter ging's durch die LudwigsstraBe 
zum Siegestor hinaus. 

In der Hohe von Schwabing wurde „Trab" ge- 
blasen. 

„Sie — horen's!" schnaufte Pepperl Schmutter- 

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meier nach dem zehnten StoB, „glauben's vielleicht, 
ich bin ein Qummiballn, daB ich das aushalt?!" 

„Eine Letschfeigen sind Sie!" erwiderte der Qe- 
freite Mutzl. „Sie mussen halt leicht reiten!" 

„So? Reiten's einmal leicht mit meinem Qewicht! 

— Und wie — der KtiraB — druckt! — Herrgott — 
das halt i net aus! Au, au! Bei jedem Hopser 

— stoBt einem der Sabel, der dumme — einen blauen 
Fleck! — Wenn i das gewuBt hatt' — war' ich — zur 
Artillerie gegangen — da hatt' — !" 

„Da hatt' der Protz fahren konnen!" lachte Mutzl. 
„Was — sagen's — von — Protz!" 
„Ich mein\ da hatten Sie auf der Protz fahren 
konnen!" 
„Ah so! — Brr — der Staub! — Warum spritzen 

— denn die Schwa — Schwabinger ihre StraBen 
nicht! — - Sie! — Ich mocht' austreten!" 

„Halten's jetzt einmal Ihre Bapp'n! Es ist noch 
kein ,Ruht' kommandiert!" herrschte der Gefreite, 
sich iiber den dicken Avantageur argernd. 

„Na wart'!" dachte dieser und blinzelte schlau. Er 
loste sachte sein eisenbeschlagenes Sturmband, daB 
der Helm auf seinem dicken Kopf zu tanzen begann! 
Plautz! Da kollerte er schon herunter. 

„Wollen Sie Ihren Helm aufheben, Sie — " schrie 
Mutzl wutend. 

„Komm' schon!" entgegnete der Hausbesitzers- 
sohn und steuerte sein Pferd aus der Reihe. Er stieg 
ab, hob den Helm aus dem Qraben auf, putzte ihn 
fein langsam ab, bis das ganze Regiment, in eine 
dichte Staubwolke gehullt, an ihm vorbeigerasselt 
war; dann lachte er ganz kannibalisch, kletterte auf 
sein RoB und ritt hochst gemiitlich wieder durchs 
Siegestor zuruck 'bis an sein elterliches Haus am 
Rindermarkt. 

Die Familie Schmuttermeier bekampfte eben ihren 
Abschiedsschmerz mit Bock und WeiBwurstchen, und 
eben wollte Mutter Schmuttermeier sagen : „Wo mag 

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jetzt unser armer Pepperl sein?" — als ihre eine 
WeiBwurst im Halse stecken blieb. 

Ein Qeist! ! — Nein! Kein Qeist — Pepperl selbst! 

Da war Freude in Israel. 

„Bist desentiert?" f ragte Vater Schmuttermeier be- 
denklich. „Da wirst ja erschossen." 

„Kein Schein!" lachte Pepperl. „Es pressiert ja 
net. Das Regiment bleibt heut' in Freising. Nach- 
mittag laB i mir einen Fiaker holen und fahr' nach!" 

„Ein Schenie, unser Pepperl — ein Schenie, i 
sag's ja!" sagte die dicke, gliickliche Mutter, und die 
Familie setzte sich nieder zum Friihsttick. 

„Wo waren Sie?!" herrschte der Gefreite Mutzl 
den Herrn Pepperl an, als er abends in Freising ein- 
rtickte. 

„Das geht Sie einen Schmarrn an!" sagte dieser. 

„So? Das wollen wir sehen?" Qleich ging er zum 
Wachtmeister und meldete den Vorfall. Dieser legte 
vaterlich seine Hand auf Mutzls Schulter. 

„Das ist aber gar nicht schon von Ihnen, daB Sie 
einen Kameraden verklagen!" 

„Das ist doch meine Pflicht, Herr Wachtmeister! 
Ich bin doch verantwortlich fiir meinen Beritt!" 

„No ja, no ja — aber nicht gleich so scharf sein! 
Wir sind ja nicht. bei die PreuBen! Schauen Sie, der 
junge Mann ist eben aus einer feineren Familie. Er 
wird sich schon machen!" 

„Mir is recht!" brummte Mutzl, „aber wenn er 
noch einmal sagt, das geht mich einen Schmarrn an, 
so gib ich ihm was Ein'kochtes zu seinem Schmarrn, 
daB er g'nug hat!" 

Am n&chsten Tag gelangte das Regiment bis 
Landshut und weiterhin nach Regensburg, wo Rast 
gemacht wurde. 

Hier erhielt Hans Mutzl einen Brief von seiner 
Mutter, welche ihm neben den Ausdrticken mutter- 
licher Gefiihle und Besorgnisse auch mitteilte, daB 
beim Posthalter alles ganz aus dem Leim sei. Er 

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habe Nachricht von seinem Sohne erhalten, den er 
mit seiner Zornmiitigkeit von zu Haus fortgetrieben. 
Er habe seinem Vater geschrieben, daB er beim drit- 
ten preuBischen Dragonerregiment Trompeter sei und 
sich darauf freue, durch eine bayerische Kugel zu fal- 
len, da ihm das Leben ohnedies verleidet sei. Der 
Posthalter gehe jetzt herum wie ein Irrsinniger, und 
auch Fraulein Kathi sei immer recht traurig. Sie 
komme manchmal zu ihr und lasse ihn schon griiBen. 

Nach zwei Tagen verlieB das Regiment Regens- 
burg und marschierte gegen Nordwesten. 

„In Regensburg hat mir's gefallen! 44 sagte der 
Wachtmeister zu Mutzl, als sie auf dem Marsch 
waren. 

„Ja! Schone Stadt! Der Dom namentlich — j!" 

„Jawohl!" sagte der Wachtmeister, „der Dom auch 
— aber vor allem das Bier — alle Achtung! 44 

„Wo marschieren wir denn eigentlich hin, Herr 
Wachtmeister?" fragte Mutzl. 

„Direkt auf Berlin! Dort werden uns die PreuBen 
erwarten. Wir reiten alles iiber den Haufen und 
fertig!" 

„So, so? 44 verwunderte sich Mutzl. 

„Keine Spur! 44 schnarchte Pepperl, der Hausbe- 
sitzerssohn. „Lesen Sie denn keine Zeitungen? 44 

„Nein! Hochstens, wenn eine Wurst drin einge- 
wickelt ist!" entgegnete der biedere Wachtmeister. 

„Also, die G'schicht ist so: 44 — sagte Pepperl 
Schmuttermeier wichtig, und froh, sein Licht leuchten 
lassen zu konnen: — „Der deutsche Bund, wie Sie 
wissen, mocht' schon lang' aus 'm Leim gehen. 
PreuBen und Osterreich vertragt sich net. Etzt ha- 
ben's in Kurhessen einen Verfassungsstreit, n&mlich 
der Kurfurst und sein Minister Hassenpflug mit die 
Stande. Und da haben die siiddeutschen Bundes- 
staaten unsBayern hing'schickt, daB wir die Q'schicht 
wieder in Ordnung bringen. Der PreuB* laBt sich 
das nicht gefallen, aber sie wissen noch net recht, ob 

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sie ernst machen sollen; da sind n£mlich zwei Mi- 
nister — der Radowitz, der mficht' den Krieg, und 
der Qraf Brandenburg, der mocht' Frieden!" 

„Und derweil kommen wir schnell wie das Donner- 
wetter und beuteln sie 'raus aus ihre Sandgruben!" 
lachte der Wachtmeister. 

„Also nach Kurhessen marschieren wir? Wegen 
denen ihrem Verfassungsstreit? Das is aber dumm!" 
sagte Mutzl. „Und deswegen miissen wir mit die 
PreuBen raufen — ? Sind doch auch Deutsche! War' 
g'scheider, wir gingen alle miteinander gegen die 
Tiirken oder die Franzosen!" 

„Aber Sie reden einen Stiefel!" sagte der Pepperl 
protzig. „Wissen's denn nicht, daB sich der Norden 
mit dem Stiden endlich einmal auseinandersetzen 
muB! 44 

„Sollten sich lieber zusammensetzen! 44 erwiderte 
Mutzl hartnSckig. „Versammeln , s lieber Ihren Qaul 
— wenn er Ihnen hinfallt, lass' ich Sie zwei Stunden 
Sattel tragen, und reden's net so g'schwollen! In 
alten Zeiten haben die Deutschen einen Kaiser g'habt, 
so sollt's wieder sein!" 

Der Herr Schmuttermeier hub ein Gelachter an, 
daB er schier vom Qaul gef alien ware. „An Kaiser! 44 
schrie er, „so eine Schnapsidee, haben Sie's gehort, 
dem seine Politik? — an Kaiser — vielleicht machen's 
Ihnen dazu, wann Sie recht tapfer sind! 44 

„Sie Lalli! 44 replizierte Mutzl. „Wann's iiber mich 
lachen, fangen's eine! 44 

„Sie mir! 44 schnaubte Pepperl ganz blau vor Zorn. 
„Sie — mir — Sie Dappsch&del Sie — Sie bieten 
einem Munchener Hausbesitzerssohn Dachteln an — 
da muB i bitten — 44 

„Sie sind mir zu lausig, Sie Protz!" machte Mutzl 
ver&chtlich. 

Hui, da blitzte es in der Luft. Pepperl hatte den 
Pallasch herausgerissen — Mutzl fuhr schnell mit der 
Hand nach dem seinigen. 
23 

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Deutsche Briider! Immer die dumme Politik, 

die euch zum Raufen bringt. 

Der Wachtmeister packte den Pepperl wie ein 
Schraubstock bei der Hand. „Sie — das gibt's net!" 
sagte er ruhig. „Stecken Sie Ihren BratspieB ein! 
Ein Qliick, daB die Herren Offiziere ausgetreten sind. 
Das wenn einer g'sehen hatt'! Sie sind ja ein ganz 
rabiates Biirschel!" 

Pepperl steckte fauchend sein Schwert wieder 
ein. 

„Und jetzt wird nix mehr politisiert. Aber so viel 
steht fest, der PreuB* ist unser Feind! Warum? Weil 
er einen Neid und Zorn auf tins hat. Und warum hat 
er einen Neid? — Wegen 'm Bier! !" 

Die n&chstenTage vergingen mit langweiligen MSr- 
schen. Die Kavallerie muBte meistens biwakieren, 
weil die HauptstraBen fiir Infanterie und Artillerie 
freigehalten wurden. Das erste Kiirassierregiment 
befand sich im Vortrab und wurde jetzt vielfach zur 
AufklSrung verwendet, je naher man dem Feinde 
kam. 

Dabei sah man keine Helmspitze von demselben, 
hatte iiberdies noch den strikten Befehl, im Falle 
man auf feindliche Abteilungen stieBe, keinen SchuB 
abzugeben, sondern sich sogleich zuriickzuziehen. 

„Eine verdammte Krebserei das!" wetterte der 
Wachtmeister Weinlechner. „Was? Nicht einmal 
drauflosreiten sollen wir, wenn wir die Kerle sehen 
— gleich ausreiBen? Na, da muBt' ich auch dabei 
sein! Zum Davonlaufen bin ich zu schwer, und die 
Politik geht mich nichts an, und wenn ich so eine 
Pickelhaube sehe, werd' ich mich auch zuriickziehen, 
aber erst, nachdem ich mit dem Pallasch draufgetupft 
und gesehen habe, ob sie eine bayerische Faust aus- 
halt — friiher nicht!" Und die Kiirassiere stimmten 
ihm frohlich bei. 

Eines Tages hatte die erste Schwadron die Spitze. 
Man n&herte sich auf einige Meilen der Stadt Fulda. 

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WacHtmeister Weinlechner mit zwolf Ktirassieren, 
darunter Gefreiter Mutzl und Avantageur Schmutter- 
meier, werden vom Herrn Rittmeister Qraf Pelz von 
Faulberg vorausgeschickt, nach demFeind zu sp&hen, 
wahrend die Schwadron in einer Talmulde absitzt. 

Die gespannte Pistole in der Hand, traben die 
Eisenreiter auf der StraBe dahin. 

„Kinder!" sagt der Wachtmeister auf einmal, „heut 
wird's mich treffen! Ich hab* eine Ahnung! Heute 
fair ich!" 

Seit mehreren Tagen war der Wachtmeister kom- 
plett melancholisch geworden. Seit Regensburg hatte 
es kein anstandiges Bier mehr gegeben! Anfangs 
ging es noch zur Not, aber dann in Franken und wei- 
ter hinauf wurde es so schlecht, daB selbst desWacht- 
meisters Brauner daftir dankte — und seit etlichen 
Tagen im Biwak gab es gar keines mehr. „Ich hab' 
eine Ahnung! 44 sagte er mit einem tiefen Seufzer. 
„Ich hab* getraumt, mein Brauner fangt unter mir zu 
wanken an, und ich sttirze in ein tiefes, schwarzes 
Wasser! — Wenn ich von Wasser traum', ist's immer 
schlecht, und gar noch von schwarzem! 44 

„Sie sind krank, Herr Wachtmeister! 44 trostete 
Mutzl. 

„Ja! 44 sagte dieser mit einem Frostschauer, seine 
Nase in den Kragen seines weiBen Mantels steckend, 
„seit dem letzten Bier in Gmiind! Wenn da kein 
Gift drin war, so will ich nie mehr im Hofbrauhaus 
sitzen! — Hofbrauhaus! 44 Ein schwerer, tiefer Seuf- 
zer entfuhr seiner eisengepanzerten Brust, und seine 
Augen wurden feucht. „Donnerrrwetter! 44 briillte er 
dann, sich ermannend, „wenn sie nur endlich einmal 
kamen, daB man drauflosdreschen konnte — dieses 
Herumlauern macht ja ein altes Weib aus einem. 
He! Was? Noch immer nix, Schmuttermeier? 44 

Dieser, der vorausgeritten war, kam jetzt ganz auf- 
geregt zuruckgaloppiert. 

„Melde, Herr Wachtmeister, das Dorf hinterm 
23* 

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Wald vom Feind besetzt. Ganz deutlich die Pfckel- 
haube gesehen!" 

„Halt!" befahl der Wachtmeister, sich in den Bii- 
geln aufrichtend. „Kinder, jetzt gilt's! Macht euer 
StoBgebet, denn das sag* ich euch, wenn sie kommen, 
reiten wir drauflos, und wenn's tausendmal befohlen 
ist, davonzulaufen. Am besten stellen wir uns hier 
hinterm Wald auf, und wenn sie auf der StraBe her- 
ankommen, mit Marsch-Marsch unter sie hinein und 
drauflosgehauen, bis nur mehr die Fetzen tibrig sind. 
Ein Freiwilliger soil sich melden, der sie uns hierher- 
lockt, denn da drinnen in dem Hohlweg konnen wir 
uns nicht ruhren. Freiwilliger vor!" Qefreiter Mutzl 
und Pepperl Schmuttermeier riefen wie aus einem 
Munde : 

„Hier, Herr Wachtmeister!" 

„Schmuttermeier — los!" befahl der Wachtmeister, 
und dieser galoppierte in einem Tempo fort, das man 
ihm gar nicht zugetraut h£tte. 

Zehn bange Minuten vergingen. 

Nichts war vernehmbar als der ktihle Herbstwind, 
der durch die Tannen rauschte. 

Der Wachtmeister schickte zwei weitere Kuras- 
siere aus. Sie verschwanden in der WaldstraBe. Oh, 
dieses Warten vor der Schlacht! — Nichts rtihrte 
sich. 

„Die sind in einen Hinterhalt geraten!" sagte end- 
lich der Wachtmeister. Er beorderte weitere drei 
Kurassiere, behutsam nachzuschauen, und, wenn sie 
in Qefahr kamen, wenigstens einen zurtickzuschicken. 
Eine Viertelstunde verging. Keiner kam zuriick. Dem 
Wachtmeister stand der SchweiB auf der Stirne. 
„Diese PreuBen!" wetterte er; „die Kerls haben Fall- 
gruben gelegt! Weiter! Die letzten vier Mann! Der 
fiinfte reitet zuriick- zur Schwadron und meldet: 
,Qr6Bte Vorsicht — Hinterhalt im Walde!' Wahrend 
die vier tiber den Sattel vorgebeugt in den Wald hin- 
einritten, eilte der fiinfte zur Schwadron zuriick, und 

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der Wachtmeister war mit dem Gefreiten Mutzl 
allein. 

Eine weitere, endlos lange Viertelstunde verging! 
Nichts regte sich! 

„Jetzt wird's mir zu dumm! Vorwarts, Mutzl! Wir 
teilen das Schicksal unserer Kameraden!" Der 
Wachtmeister rief's, riB den Pallasch heraus, und 
hinein stiirmten die beiden in den Wald, bereit, alles 
iiber den Haufen zu reiten. Bei jeder Biegung er- 
warteten sie, mit einer Salve begriiBt zu werden oder 
auf die Leichen ihrer Kameraden zu stoBen! Nichts! 
Der Wald war durchritten. Dort an der StraBe 
lag ein einsames Haus und driiben das Dorf. „Holla! 
Dort blitzt eine Pickelhaube! Hurra!" rief der Wacht- 
meister. 

„Das ist ja ein Wirtshausschild!" sagte Mutzl, dem 
eine dunkle Ahnung aufstieg. Sie ritten langsam 
naher. 

„Qasthaus zur goldenen Pickelhaube!" stand da 
und darunter „Bayrisch Bier", und horch', welche 
Stimmen ! 

„Da droben auf der Hoh' — steht die bayrische 
Armee!!" grohlen die Kurassiere drinnen im Wirts- 
haus. 

Sprachlos steigt der Wachtmeister ab und tritt 
unter die Schar. 

Da sitzen sie alle — vollzahlig — Schmuttermeier 
in der Mitte, und sind kreuzfidel. Der Wachtmeister 
will etwas von Standrecht sagen, aber seine Mannen 
halten ihm alle die Krtige hin und schreien so furch- 
terlich: „Prosit, Herr Wachtmeister!" daB sein 
Qrimm in ein seliges Lacheln ubergeht. Er kostet! 
Erwartungsvoll schaut alles auf ihn, sein Urteil zu 
horen. Einen tiefen Zug tut er, dann schopft er Atem 
und sagt: „Pschorr!!" Ein allgemeines Hurra be- 
kraftigt sein Urteil. 

„Kinder!" sagt der brave Reitersmann, indem er 
sich unter die Seinen setzt. „Entschuldigen kann ich 

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euch nicht aber verstehen — verstehen — kann 

ich es, daB ihr hier nicht mehr weggegangen seid!" 

Mutzl war der einzige, der, nachdem er sich auch 
tuchtig gelabt hatte, wieder an seine Pflicht dachte. 
Mit den andern war nichts mehr zu machen. Des 
Wachtmeisters lang verhaltener Durst brach mit un- 
bezahmbarer Wut alle Schranken der Disziplin durch. 

Mutzl ritt also allein weiter, denn schlieBlich war 
man doch in Feindes NShe und konnte tiberfallen 
werden. 

Er ritt durch den Ort. „Bronnzell" las er auf der 
Tafel. Er ritt einen FuBsteig hinauf, der am Felsen 
schmal hinfiihrte. Unten rauschte ein Bach. 

Was blitzt da durchs Qebtisch? Mutzl halt an. Ihm 
gegenuber auf zwanzig Schritt lauert ein preuBischer 
Dragoner auf einem Schimmel. Umkehren konnen 
sie beide nicht. Mutzl hatte es getan, weil es be- 
fohlen war, obwohl ihm das Herz vor Kampfesmut 
klopfte. So aber konnte er nicht zuruckweichen. 

Der preuBische Dragoner, ein htibscher junger 
Bursch' — ein Trompeter — zog blitzschnell die Pi- 
stole und schoB — Mutzl sptirte einen Schlag an der 
Ferse. Auch er hatte seine Pistole erhoben — da 
kam etwas iiber ihn, als fltisterte ihm eine innere 
Stimme zu: „T6te deinen Bruder nicht!" Und mit 
einem leisen Druck die Richtung der Pistole ver- 
andernd, schoB er seine Kugel dem Schimmel seines 
Qegners durch den Kopf. 

Kaum war sein SchuB gefallen, so knatterte und 
blitzte es aus dem Wald, und die Kugeln klatschten 
um ihn herum an die Felswand. 

Der feindliche Trompeter war mit seinem Schim- 
mel in den Bach hinuntergekollert und schien sich 
stark verletzt zu haben. Mutzl blieb keine Wahl. Er 
wandte sein Pferd und rutschte und kollerte dem 
Trompeter und seinem toten Schimmel nach in den 
Bach hinunter. 

Kaum sptirte er, daB er und sein Pferd heil seien, 

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so packte er den Ohnmachtigen, sonst ware er im 
Bach ertrunken, legte ihn quer iiber den Sattel, 
sprang trotz seinem schweren KuraB ohne Biigel auf 



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— und wie ein Donnerwetter dem Lauf des Baches 
nach, wieder hinein nach Bronnzell. Es wurde Halt 
beim Feind geblasen. Da muBte etwas Besonderes 



los sein! Kaum hatte Mutzl mit seinem Qefangenen 
das Dorf erreicht, als der Wachtmeister und Schmut- 
termeier mit geschwungenem Pallasch und lautem 

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Hurra durch die Dorfgasse brausten. Die Schiisse 
hatten sie alarmiert. In weiterer Entfernung kamen 
andere, und die letzten wollten eben aufsitzen. Der 
Wachtmeister kam daher wie ein Ungewitter, aber 
merkwtirdig, sein Pferd lief im Zickzack und machte 
ganz stiere Augen. Schmuttermeier hatte den Helm 
ganz schief auf und brullte Hurra, daB die Fenster 
zitterten. 

„Obacht, Wachtmeister, Obacht — hier hinaus!" 
schrie Mutzl aus Leibeskraften. Er sah, daB der 
Braune in seinem Zickzacklauf direkt auf den Enten- 
pfuhl lossteuerte, der tief und schwarz auf demHaupt- 
platz des Dorfes lag. Schmuttermeier mit Todesver- 
achtung dem Wachtmeister nach. 

Ein Plumps, noch ein Plumps. 

Die Pferde krabbeln sich heraus, die Reiter bleiben 
in der Entenpfutze. 

„Das ware noch schoner!" ruft Mutzl und eilt her- 
bei. Schon hat er den Wachtmeister herausgezogen, 
nun erwischt er auch den Schmuttermeier bei den 
Beinen — freilich muB er bis an den Hals dabei hin- 
eingehen. Bei Schmuttermeier war es hochste Zeit, 
dem war die Luft schon ganz bedenklich ausge- 
gangen. 

Jetzt kam die Schwadron dahergerasselt, zum Ein- 
hauen bereit. 

„Was war los, Wachtmeister, melden Sie schnell!" 
schreit der Rittmeister. 

„Melde gehorsamst, daB mein Brauner bet — runken 
ist! u lallte der Wachtmeister, von der schwarzen 
Bruhe triefend. 

Da kam ein preuBischer Offizier ganz allein her- 
ubergeritten. 

„Bedauere sehr, Herr Kamerad!" rief er hertiber, 
„eben Depesche eingetroffen, daB die Feindseligkeiten 
eingestellt sind." 

„Gewehr ein!" kommandierte der Rittmeister und 

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begrtiBte den Offizier, den er eine Minute friiher vom 
Gaul gestochen hatte, mit einem Handschlag. 
„F — Fr — Frieden — ist schon wieder?" schimpfte 



der Wachtmeister. „Kaum wird man warm bei d — der 
S — ache — ist der SpaB wieder aus!" 

Mutzl fiihrte seinen Qefangenen in ein Haus. Er 
war unterdessen zu sich gekommen und, wie es 

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schien, nicht schwer verletzt. Als Mutzl ihm zu trin- 
ken brachte und mit ihm redete, sagte er: 



v^= 



„Deine Sprache heimelt mich so an! Wo bist du 
her, Kiirassier?" 
„Aus Rupertsdorf!" 

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„Was?! — Ich audi!" rief der Dragoner. 

Da schoB es dem Mutzl wie ein Freudenblitz auf — 
drittes Dragonerregiment — Trompeter — Ruperts- 
dorf. — „So bist du dem Posthalter sein Leonhard?" 
jauchzte er. 



„Ja, der bin ich!" sagte der Dragoner. 

Da uberlief es den Hans Mutzl andachtig, und er 
dankte Qott, daB er auf den Schimmel gezielt und 
auf die innere Stimme gehort hatte. „Das hat deine 
Schwester d'erbetet!" sagte er gertthrt und um- 
armte den Feind. 



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Drei Wochen spater ist es. Weihnachten ist vor 
der Tiire. Tiefer Schnee liegt auf Berg und Tal. Da 
klopfte es beim Posthalter an der Ttir. 

„Der Mutzl!" schreien alle drei, namlich der Post- 
halter, seine Frau und die Kathi. 

„GriiB Qott beinander!" sagt der Mutzl, „da bin i 
wieder heil und g'sund!" 

„Glaub's wohl!" knurr te der Posthalter. „Is ja gar 
net g'schossen worden." 

„Wohl is g'schossen worden! 4 ' entgegnete Mutzl, 
„mir hat's einen Stiefelabsatz weggeputzt! Wie 
steht's, Posthalter? Qibst mir deine Tochter zuir 
Christkindel?" 

„Mach' keine dummen Witz'!" 

„Auch net, wenn ich kein armer . Postilion meht 
bin? Ich hab' n&mlich einem Kameraden sein Lebeit 
gerettet. Er ist ein reicher Hausbesitzerssohn. Frtihei 
haben wir uns net leiden konnen, jetzt sind wir 
Freund'. Er will sich dankbar erweisen und leiht 
mir's Geld, daB ich eine Posthalterei anfang'! Also 
wie steht's — krieg' ich die Kathi zum Christ- 
kindel?" 

„Wenn i einmal was sag', dann — " 

„Halt! Nix verred'n, Posthalter! Qibst mir die 
Kathi auch dann net, wenn ich dir deinen Leonhard 
dafiir da in die Stuben 'reinstell'?" 

Da kriegt der alte Mann das Zittern — und die 
Stubentiir f liegt auf: „Vater, Mutter!" 

„Leonhard! — Leonhard!" 

„Na also!" sagte der Mutzl vor Freuden strahlend 
und zieht die Kathi an sein Herz, und die wird rot 
und blaB vor Qliickseligkeit. 

Da hat's einmal f rohliche Weihnachten gegeben. — 

Herr Schmuttermeier hat den Qedanken ans Mili- 
tar auf gegeben. x Er hat's ja nicht ndtig, denn Qeld 
ist vorhanden. Dem Mutzl hat er unter die Arme ge- 
griffen, denn der hat jetzt die schonste Posthalterei 
in ganz Oberbayern und die schonste Frau dazu. Der 

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Wachtmeister Weinlechner ist davon abgekommen, 
den Pferden Bier zu geben. Heu, meint er, sei doch 
sicherer. Er ist zur Koniglichen Leibgarde der Hat- 
schiere gegangen. In der Residenz zu Miinchen kann 
man ihn stehen sehen mit seiner groBen Hellebarde. 
Will man wissen, wo das beste Bier ist, so gehe man 
ruhig hinter ihm drein, wenn sein Dienst aus ist. 

Auf die Preufien ist er jetzt besser zu sprechen, seit 
er in einer Zeitung gelesen hat, daB in Berlin ver- 
haltnismaBig mehr Bier getrunken wird, als in Miin- 
chen. 

„Ich will Ihnen was sagen," hat er im HofbrSuhaus 
neulich am Stammtisch gesagt, „man mag politische 
Anschauung haben, welche man will, aber daB sie in 
Berlin noch mehr Bier trinken wie bei uns — das is 
schon von die PreuBen!" 



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Der falsche Doderlein. 



„Hor — r — r — rein!" schrie der Regimentsadjutant 
in der Kanzlei des Gardereiterregimentes, daB die 
Schreiber, die an dem heiBen Augustvormittag den 
seligen Zustand zwischen Wachen und Schlafen aus- 
probierten, den die Tiirken so hoch riihmen — daB 
die Schreiber erschrocken mit ihren Federn in die 
Tintenfasser fuhren! 

„Wie groB soil man denn noch drauBen anschrei- 
ben: „Nicht anklopf — " Diese Srgerlich iiber die 
Schulter gerufenen Worte des Herrn Adjutanten ver- 
wandelten sich in ein offiziell freundliches LScheln, 
als ein Qardereiteroffizier in voller Paradeuniform 
in der Tiire erschien. Der Adjutant stand auf: 

„0 — Herr Kamerad Doderlein ! Der Herr Oberst 
will eben weggehen. Hatten Sie denn nicht 10 Uhr in 
der Ordre? Es ist eben X A vor 11 !" 

„Mein Kutscher, der Esel, der hat " wollte der 

Offizier in Qala stammeln, wahrend er sich den 
SchweiB abtrocknete. 

„Ich werde Sie sofort dem Herrn Oberst melden! 
Bitte einzutreten!" 

Herr Doderlein trat, iiber den SSbel stolpernd, in 
das Vorzimmer, wahrend der Adjutant im n&chsten 
Zimmer klopfte und gleich eintrat. 

Als die Tiire von der Kanzlei zum Vorzimmer sich 
geschlossen hatte, gerieten die Schreiber in Be- 
wegung: 

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„Habt Ihr das Monstrum gesehen?" kicherte der 
eine, „der wiegt mindestens seine 300 Kilometer !" 

„Schaute Du!" fluster te sein Nachbar, „das ist doch 
der reiche Doderlein, dem die ganzen HSuser am 
alten Markt gehoren. Wenn du blofi so viele Millio- 
nen hattest wie der da, mochtest du noch zweimal 
so dick sein!" 

„Ist er denn so ekelhaft reich ?" 

Der Adjutant trat wieder ein und setzte sich an 
den Schreibtisch. Die Schreiber biickten sich auf ihr 
Papier, die Federn raschelten, und die Fliegen summ- 
ten. — 

„Leutnant der Reserve Doderlein meldet sich zur 
Obung einberufen", sagte drinnen beim Oberst der 
eben Besprochene in einem phlegmatischen, etwas 
schnarrenden Ton. 

„Danke!" erwiderte der Oberst, ein stattlicher Herr 
mit graumeliertem Schnurrbart. Er betrachtete den 
Meldenden eine Weile und unterdriickte ein leichtes 
L&cheln. 

Herr Doderlein sah auch wirklich ein wenig ko- 
misch aus. Sein weiBblonder, kurz geschorener Kopf 
ware nicht so iibel gewesen. Eine feine Nase und 
ein paar blaue Augen, ein kleines SchnurrbSrtchen 
iiber den roten Lippen machten den Eindruck eines 
sorglosen, freundlichen Menschen, der niemand was 
zuleide tut — — aber — aber der Bauch — der 
Bauch! Das war ja wirklich ein ganz nettes Ranz- 
lein. Trotzdem ihm die Uniform entsetzlich eng 
schien, ragte das Bauchlein doch lustig iiber die Li- 
nie hinaus, wo sich die FuBspitzen befanden. 

Doderlein war sich sonst immer ganz proportio- 
niert vorgekommen in den sackahnlichen Gewan- 
dern, welche unserer daseinsmiiden Jugend von ruck- 
warts das Aussehen von gebrochenen, gebeugten 
Qreisen verleihen. Aber heute friih, als er sich seine 
Uniform anziehen wollte und ein Knopf nach dem an- 
dern absprang, bis der herbeigeholte Schneider 
24 

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schnell riickwarts die Nahte herauslieB — da sagte 
Doderlein Srgerlich: „Nicht gedacht — daB so dick 
bin!" 

Doderlein vermied jedes iiberfliissige Wort, da er 
durch Anlage und Erziehung ein ungeheurer Faulpelz 
war. 

Also die Augen des Herrn Oberst blieben nach der 
eingehenden Musterung auf dem Korpervorsprung 
des Reserveleutnants haf ten : 

„Sie haben ein wenig gut gelebt, Herr Leutnant!" 
sagte er. 

„Hunger habe nicht gelitten, Herr Oberst!" entgeg- 
nete Doderlein ruhig. 

Der Oberst runzelte die Brauen und nahm eine 
mehr dienstliche Haltung an: 

„Sie sind in Ihrem Zivilverhaltnis?" 

Jetzt lachelte Doderlein den Oberst erstaunt an. 
Er, der reiche Doderlein — was brauchte er denn 
zu sein? Merkwiirdige Frage? 

„Was Sie in Ihrem Zivilverhaltnis sind?" wieder- 
holte der Oberst scharf. 

„Aber Herr Oberst werden doch den Namen Do- 
derlein gehort haben — " wollte der Dicke in der leut- 
seligsten Weise antworten. 

„Donnerwetter, Herr!" fuhr ihn jetzt der Oberst an. 
„Wo haben Sie denn ihre militarischen Alliiren her? 
Sie sind hier im Dienst und haben kurz zu beant- 
worten, was Sie gef ragt werden ! Vor allem nehmen 
Sie mal einen scharfen Verweis entgegen, daB Sie 
eine Stunde zu spat sich melden!" — 

„ — Mein Kutscher, der Esel " wollte Doder- 
lein in aller Seelenruhe einfallen. 

„Schweigen Sie, wenn ich bitten darf! Ich werde 
Sie scharf im Auge behalten! Danke!" 

Der Oberst drehte sich kurz um. 

„Bitte sehr!" sagte Doderlein gegen alien milita- 
rischen Anstand und ging ganz gemutlich. „Nur nicht 

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imponieren lassen!" sagte er fiir sich, als er heraus- 
trat. 

„Qut abgelaufen?" frug der Adjutant. 

„Wasdenn?" 

„Die verspStete Meldung?" 

„A11 right!" sagte Doderlein, hinter der Hand gah- 
nend. „Was mach' ich jetzt?" 

„Sie haben sich noch bei Ihrem Rittmeister und bei 
Ihrem Instruktionsoffizier zu melden!" Auf diese 
Bemerkung des Adjutanten brummte Doderlein: 
„Auch noch?" 

„Freilich! Ich habe Sie zur Schwadron Rittmeister 
Graf Auenwald gestellt, in der Ihr Vetter Leutnant 
ist!" 

„Vetter?" 

„Ist Kamerad von Doderlein nicht Ihr Vetter?" 

„Ach ja! Das ist entfernt verwandte adlige Linic 
— die armen Doderleins!" 

„So, so!" lachelte der Adjutant. „Auf Wieder- 
sehen im Kasino, Herr Kamerad!" 

,,'dieu!" machte Doderlein, sich mit Qemiitsruhe 
zu seinen weiteren Meldungen begebend, wShrend 
der Adjutant zum Oberst eintrat. 

„Mein Qott, was haben Sie uns denn da fiir ein 
Qigerl eingestellt?" wandte sich der Oberst an den 
Adjutanten. „Wo ist denn der Herr ausgebildet?" 

„Hier im Regiment, Herr Oberst — sein Vater war 
der enorm reiche " 

„Was kiimmert mich denn sein Vater! Na, den 
Herrn werde ich mir noch n&her ansehen!" 

Armer Doderlein! Ja, jetzt ist das alles ganz an- 
ders wie vor 5 Jahren, wie du als Einjahriger und das 
Jahr darauf als Unteroffizier hier bummeltest. Der 
alte, gute Oberst, der Duzfreund deines heimge- 
gangenen Papa, ist langst pensioniert. Ein anderer 
Wind weht jetzt! — Der brave Doderlein hatte nam- 
lich als Einjahriger absolut keinen Dienst gemacht. 
Unter alien erdenklichen Vorwanden dispensiert, 
24* 

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iibungsfrei, paradefrei, beurlaubt, wuBte er von ka- 
valleristischen Dingen nicht viel mehr, als daB man 
die Pferde nicht von hinten sekieren soil, weil sie da 
ausschlagen! Doderlein hatte iiberhaupt eine ausge- 
sprochene Abneigung gegen Pferde. Wahrend sonst 
junge Leute gliicklich sind, auf Rosses Rucken zu 
sitzen, hatte er hochstens auf dem Kutschenbock ein 
wenig Plasier. Das Offiziersexamen hatte er seiner- 
zeit gliicklich hinter sich gebracht, weil er im Theore- 
tischen alles von seinem Nachbarn abschrieb und im 
Praktischen die allerleichtesten Aufgaben vom guten 
alten Oberst erhielt. Das Gymnasium hatte er bis 
zur Unterprima rait Hilfe unendlich vieler Nachstun- 
den absolviert und war dann als Einj&hriger bei den 

Qardereitern eingetreten, weil nun wo hStte 

denn ein Doderlein sonst eintreten sollen? 

Als einziges Kind war er von Jugend auf schreck- 
lich verzogen und verpappelt worden, und da es im- 
mer hieB, er sei schwachlich, so wurde von Mama 
und Papa, von Ammen und Tanten eine hochst er- 
folgreiche Mastkur bei ihm angewendet. 

„Jetzt macht sich der Kleophas," hatte Papa, Do- 
derlein freudestrahlend seiner Qattin mitgeteilt, als 
das Sohnchen im 18,. Jahre 87 Kilo wog. Kleophas 
hatte man ihn nSmlich getauft, weil das zu dem vul- 
garen Namen Doderlein nach etwas klang. Es gab 
ja auch „von" Doderlein, aber das war die notige 
Linie, wie Vater Doderlein immer verachtlich sagte, 
der sie nicht leiden mochte. Der junge Kleophas 
hatte ganz gute Anlagen gehabt, aber da sich schon 
friih bei ihm alles mit einer dicken Lage Speck uber- 
zog, so konnten die guten Anlagen natiirlich nicht 
zum Wachsen kommen. * 

Als er in seinem 20. Jahre beide Eltern verloren, 
was er sich aufrichtig zu Herzen genommen hatte, 
fiihlte er sich sehr verlassen und traurig, trotz des un- 
ermeBlichen Reichtums, den er erbte, und da er nicht 
arbeitete, sehr gut lebte und keinen Schritt zu FuB 

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ging, so wurde er immer dicker und melancholischer. 
GroBe Reisen, die er mit allem erdenklichen Komfort 
unternahm, und vieles Lesen machten ihn zu einem 
sehr unterrichteten Menschen, aber sein spleen wurde 
immer groBer. Da er alles haben, alles bezahlen 
konnte, so wuBte er schliefilich gar nichts mehr mit 
dem Leben anzufangen. Die Wohltaten, die er reich- 
lich andern erwies, wurden als selbstverstandlich 
hingenommen, aber wenn er zuweilen den schwachen 
Versuch unternahm, irgend eine Sache ernstlich zu 
betreiben, so machten gleich von Anfang an die 
„Zunftigen" gegen ihn Front. Zahlen durfte er, wo 
er wollte, aber mit dreinreden nirgends. „Na gut!" 
Da lieB er es sich endlich gefallen, der dicke oder der 
reiche Doderlein zu heiBen, der als guter Kerl, der 
reichlich gab und nichts iibel nahm, iiberall wohlge- 
litten war. 

Einmal hatte er eine Anwandlung von Ehrgeiz ge- 
habt; er dachte daran, sein ganzes Vermogen her- 

zuschenken und aus eigener Kraft ach Qott, 

nein, das waren doch nur so Qedanken! Von der 
Einberufung hatte er sich schon mehrere Jahre „we- 
gen dringender Geschafte" gedruckt, aber endlich 
muBte er dran glauben. 

In der Eskadronskanzlei waren seine Geschafte 
sehr rasch erledigt. Der Herr Rittmeister Graf 
Auenwald war nicht mehr da. Er begniigte sich also, 
den Kopf zur Ttire hineinzustecken und zu krSchzen: 
„Rittmeister sagen — daB da bin!" 

Sodann begab er sich aufs Zimmer No. 13, allwo 
der Instruktionsoffizier zu finden sein sollte. Alle 
Wetter! Da saBen sie ja alle schon in voller Arbeit 
an einem Tische: der Instruktionsoffizier, Oberleut- 
nant von Halden und die fiinf andern einberufenen 
Reserveoffiziere. 

Herr Oberleutnant von Halden sah den Reserve- 
leutnant D6derlein sehr scharf an und lieB ihm gar 
nicht Zeit, sich zu melden: 

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„Herr Kamerad Doderlein? Nicht wahr?" sagte 
er mit einer hohen, schneidigen Fistelstimme. „Bitte 
nur gleich Platz zu nehmen. 1st ja sonst undenkbar, 
wenn die Herren nicht punktlich sind, das vom Herrn 
Oberst befohlene Pensum in den paar Tagen durch- 
zunehmen! Also beim Aufmarsch im Qalopp hat der 

Fiihrer des ersten Zuges " und weiter ging es 

in der Vorlesung. 

Doderlein knurrte seinen Namen nach links und 
rechts und nahm an dem Tische Platz. Ein furchtbar 
unbehagliches Qefiihl iiberkam ihn. „Das wird ja 
reizend! Ich denke, am ersten Tage meldet man 
sich und basta. Fangen die gleich mit Unterricht an! 
Zu dumm!" 

War es die hohe, eintonige Stimme des Vortragen- 
den, war es die Schwule des Augusttages oder der 
KommiBgeruch, der in der Kaserne herrschte, oder 
blendete ihn das Licht des Fensters — Doderlein fing 
auf einmal schrecklich zu blinzeln an und hatte schon 
dreimal hinter der hohlen Hand gegShnt. 

„Herr Kamerad Doderlein, bitte also zu wieder- 
holen!" wandte sich jetzt der Vortragende an ihn. 

Doderlein starrte ihn sprachlos an. Ja, war's denn 
nicht genug, daB er uberhaupt zuhort, auch merken 
soil er sich was, also geht die Fuchserei als Offizier 
auch noch weiter — Vaterland, du verlangst zu viel. 

„Ich bitte, die Aufmarschformationen zu wieder- 
holen. Also auf das Signal „Galopp" reitet der Fiih- 
rer des ersten Zuges im — ?" 

„Im!" wiederholte Doderlein. 

„Im — Trab wohin?" 

„Hm! u machte Doderlein und setzte sein Monokel 
tester ein. 

„Also bitte, Herr Kamerad, wohin reiten Sie, 
rechtsum — linksum — geradeaus — oder wie?" 

„Ich reite linksum!" meinte Doderlein planlos. 

Die Herren lachelten. Der Vortragende argert 

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sich: „Geradeaus zunachst, denke ich, sonst reiten 
Sie den zweiten Zug iiber den Haufen!" 

„Egal!" dachte Doderlein trotzig. „Soll er aus- 
weichen!" 

„Sagen Sie, Herr Kamerad Doderlein, um ganz von 
vorne zu beginnen, wie es notig scheint: Konnen Sie 
mir noch die Teile des Pferdes nennen?" 

„Das Pferd?" frug Doderlein erstaunt. „Das Pferd 

das besteht 'mal aus dem Kopf und 

dem Schwanz!" 

„Weiter nichts?" hohnte der Oberleutnant „Sie 
werden zugeben, daB dies nicht 'mal einen Fisch vor- 
stellen kann." 

Die Herren lachten! 

„Natiirlich die Beine!" knurrte Doderlein. 

„Also Kopf, Schwanz und Beine — nehmen wir 
noch einen Leib dazu, dann kann das Tier jetzt we- 
nigstens schon einen Affen vorstellen!" 

Die Herren lachten! Die Sache versprach unter- 
haltend zu werden. 

Doderlein lachelte kflhl: „Lieber Qott — habe 
28 Pf erde im Stall — J . sollen selber wissen, aus was 
bestehen — bin doch schlieBlich kein RoBarzt!" 

„Herr Kamerad — mache Sie auf merksam, daB 
wir hier jm Dienst sind! Obrigens, wenn Sie auch 
kein RoBarzt sind, wie Sie uns eben glanzend bewie- 
sen haben, so verlangen wir auch vom Reiteroffizier, 
daB er sein Material kennt. Wie wollen Sie denn 
z. B. einem Untergebenen zeigen, daB sich sein Pferd 
am Widerrist gedriickt hat, wenn Sie nicht wissen, 
was der Widerrist ist?" 

Dieses Argument war schlagend. 

Aber Doderlein lieB sich nicht imponieren: „Deute 
einfach hin — wo Druck ist und sage: ,LaB dich ein- 
sperren, du Lummel!' — Qeniigend!" 

Herr von Halden riB Augen und Mund auf, dann 
aber dachte er, daB ein groBer Arger mit einer so 

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kleinen Gage nicht im Verhaltnis stehe und lieB von 
dem braven Doderlein ab. 

Eine Viertelstunde war so verstrichen, Doderleins 
Blicke wurden immer stierer, das Haupt sank immer 
tiefer herab, immer undeutlicher schlugen die Laute 
an sein Ohr. Die Nachbarn sahen die Katastrophe 
kommen; der eine trat ihm auf den FuB, der andere 
riickte mit dem Ellenbogen — umsonst — noch ein 
Zucken nach vorne — dann ein langsames Neigen 

nach hinten, immer tiefer und tiefer krabautz! 

Da kippte er urn, die Tischplatte schleudert er mit 
den Beinen in die Hohe, Biicher und Plane sausen 
durch die Luft, das TintenfaB in hohem Bogen fliegt 
mitten auf D6derleins Kopf. 

Er erwacht verdutzt, bleibt noch ein wenig sitzen 
und klemmt das Monokel ein : 

„BiBchen heiB heute zum Studieren!" sagt er, in- 
dem er sich mit dem Taschentuch die Tinte vom 
Haupt wischt. 

Die Herren lachen, daB alles zittert. Selbst Herr 
von Halden muBte ein wenig schmunzeln. 

„Na, meine Herren, fiir heute schlieBen wir! Mabl- 
zeit!" Damit empfahl er sich. 

„Herr Doderlein, Sie werden eine nette Qualifika- 
tion kriegen!" lachten die Herren. 

„Egal!" gahnte Doderlein, „gehen wir essen!" 

Das Kasino der Oardereiter war ein groBer, lichter 
Saal mit hohen Bogenfenstern, von SSulen getragen, 
mit reich geschnitzter und vergoldeter Holzt&felung. 
Die Tapeten — Qriin mit Gold — waren bedeckt mit 
alten, echten Gemalden, mit Waffen und Troph&en. 
Ein groBes Bild des Landesherrn hing gegeniiber dem 
riesigen Kamin. — Ein vornehm behaglicher Raum. 

„Da is' ganz nett!" sagte Doderlein, als er mit den 
fiinf Kameraden den Saal betrat. Es war schon 1 Uhr 
voruber, die Offiziere saBen schon bei Tische und die 
Regimentsmusik nebenan spielte eben die erste Num- 

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mer. Der Oberst und die Stabsoffiziere waren audi 
heute anwesend, da Liebesmahl war. Die Stimmen 
schwirrten laut und ein Dutzend gemeine Gardereiter 
als Ordonnanzen mit weiBen Handschuhen eilten 
eben, jeder einen Teller mit der Suppe in der Hand> 
aus der Ktiche, die sich in der Nahe befand. 

Die sechs Herren, welche im Vorsaale abgelegt 
hatten, machten ihre Verbeugung gegen den Oberst, 
der mit einem kurzen Nicken erwiderte, und schauten 
dann handereibend oder schnurrbartdrehend auf das 
farbenprachtige, lebendige Bild, bis der Kasinovor- 
stand herbeieilte und ihnen die PIStze anwies. 

Doderlein hatte am untersten Ende der hufeisen- 
formigen Tafel Platz genommen und fand neben sich 
den Assistenzarzt und auf der anderen Seite seinen 
entfernt verwandten Vetter, den adligen Leutnant 
von Doderlein. Dieser stand gleich auf und stellte 
sich freundlich seinem Vetter vor, den er seit der 
Knabenzeit nicht mehr gesehen hatte. Auch der 
nSchste Nachbar stellte sich gleich vor, ein junger 
Offizier Baron Qerlach. Der Doktor hieB Braun und 
war ein ernster junger Mann mit schwarzem Voll- 
bart und goldener Brille. 

Doderlein wandte sich gleich an den Unteroffizier, 
der fiir den Wein zu sorgen hatte, und schrieb einen 
Bon auf drei Flaschen Champagner von der besten 
Marke. 

„Wir miissen alte Vetterschaft und neue Bekannt- 
schaft begieBen!" sagte er zu dem anderen Doder- 
lein. 

„Man konnte Herren Vettern fiir Briider halten," 
sagte Baron Qerlach, „wenn Sie sich nicht in der 
Taille zu sehr unterscheiden wtirden." 

Auch der Doktor bestatigte die Wahrnehmung. 

Kleophas betrachtete seinen Vetter aufmerksamer 
durch das Monokel. In der Tat — die Nase, die Li- 
nien des Qesichtes waren sehr ahnlich, nur war der 
Vetter ein wenig dunkler von Haar und gebraunter. 

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Auch war der adlige Doderlein schlank wie eine 
Tanne. 

„Sind wohl gerne eingeriickt?" frug der Schlanke. 

„Qott bewahre!" sagte der Dicke, indem er die 
Suppe blies, „bin Feind von Militarismus!" 

„Wie? — Ein paar Wochen frohliches Reiter- 
leben?" 

„Pferde mir unausstehlich!" entgegnete der an- 
dere mit stoischer Ruhe. 

„Aber Vetter, posieren Sie nicht — haben ja herr- 
liche Tiere mitgebracht. Ein solches Pferd, wenn ich 
mir jemals kaufen konnte, wie Ihr groBer Licht- 
brauner ist, ich w&re der gliicklichste Mensch auf 
Erden!" 

„Qehort Ihnen, Vetter!" 

„Wie — was?" 

„Dediziere Ihnen den Racker, wenn SpaB macht — 
hat 'mal nach mir geschnappt!" 

Es fehlte wenig, so ware der junge Offizier dem 
Dicken um den Hals gefallen. „Ja, Vetter, soli ich 
das fur Ernst nehmen?! Und gerade jetzt, vor dem 
Manover, wo ich in Verzweiflung bin, weil mein 
Rappe lahmt?" 

„Um so besser!" achzte Kleophas. „Freut mich 
— wenn brauchen konneni Ordonnanz! — Noch 
Teller Suppe!" 

„Also denn tausend, tausend herzlichen Dank, Vet- 
ter; Sie wissen gar nicht, wie gliicklich Sie mich ge- 
macht haben!" 

Er schiittelte dem groBmutigen Vetter die Hande, 
die Augen waren ihm feucht vor Freude. 

„Da muB ich gleich dem Herrn Rittmeister " 

er eilte hiniiber an das andere Tafelende, in einem 
langen Schleifer iiber das glatte Parkett hin- 
rutschend und teilte dem Rittmeister die Freudenbot- 
schaf t mit. 

„Ordonnanz — noch mehr Suppe!" rief Doderlein 
abermals. „Krebssuppe — famos!" 

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„Gestatten mir die Bemerkung", meinte der Dok- 
tor zur Rechten, „Sie essen viel zu viel! Ich wiirde 
Ihnen Suppe iiberhaupt verbieten!" 

„Seien Sie so gut!" stammelte Doderlein — „Sup- 
pen und Mehlspeisen — einzige — was jammervolles 
Dasein ertrSglich macht!" 

„Nun, Sie werden an Herzverfettung, Magenerwei- 
terung, Elephantiasis !" 

„Prosit, Doktor!" unterbrach ihn Doderlein, ein 
groBes Qlas Sherry austrinkend — „verderben mir 
Appetit nicht!" 

Der Vetter kam mit dem Rittmeister zurtick. 

„Bitte, bitte, nicht storen lassen!" sagte Graf Auen- 
wald zuvorkommend, den Doderlein, der sich halb 
und halb mit vorgestreckter Serviette erheben wollte, 
sachte an den Schultern niederdriickend. „Habe Sie 
nur kennen lernen wollen." — „Pardon!" grunzte 
Kleophas. 

„Bitte — hatten sich 'n wenig verspatet. Also Ihr 
Lichtbrauner kommt in die Schwadron? Charmant! 
Dann wollte Ihnen noch sagen, wenn Herr Oberst auf 
die neu ankommenden Herren trinken sollte, waren 
Sie der Alteste zum Gegentoast. Auf Wiedersehen, 
Herr Kamerad!" Er gab Doderlein freundlich die 
Hand und ging wieder aiif seinen Platz. 

„Was! Rede soil auch noch halten?" knurrte Kleo- 
phas, indem er zwei groBe Stiicke Braten von der 
Platte nahm, welche die Ordonnanz ihm servierte. 
„N6 — was hier alles von einem verlangen!" 

„Sie haben wohl Lampenfieber?" meinte Baron 
Gerlach. 

„Lampenfieber?" machte Kleophas verachtlich. — 

„Werden gleich sehen — wie das mit kalter Hand 
abmache!" 

Da klopft der Oberst schon ans Glas. Die Musik 
schweigt. Zuerst kommt das iibliche dreimalige 
Hurra auf den Landesherrn, dann sagt der Oberst in 
kurzen, kernigen Worten, wahrend alles zu essen 

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aufgehort hat und mit dem Qlas in der Hand dasteht, 
einigen Herren Lebewohl, die aus dem Regiment ver- 
setzt werden. Zum SchluB hieB er die neuen Reserve- 
offiziere willkommen. „Tragen Sie," so schloB er, 
„die militarischen Eigenschaften des Mutes, der 
Treue, des Pflichtgefiihls, einer frischen Lebensan- 
schauung mit hinaus in ihren Zivilberuf, und Sie wer- 
den sich gern an die Strapazen erinnern, die Sie jetzt 
erwarten! Ein dreifaches Hurra den Herren von der 
Reserve!" 

„Hurra — hurra — hurra!" schallte es, die Trom- 
peten schmetterten, die Glaser klangen! 

Da erhebt sich Kleophas mit aller Seelenruhe, 
wischt sich den Mund, klemmt das Monokel ein und 
klopft ans Qlas. 

Begtinstigt von der herrschenden Unruhe, halt er 
folgende denkwurdige Rede. 

„Passen Sie auf! — " sagt er zu seinen Nachbarn, 
„wie das mache!" 

„Itzen — aten — teten — bizen — kz — taz — waz 

— Kameradschaft — hapen — tipen — sinz — 

pelz — Herr Oberst lepst — hascht — 

balomben — belaten — Reitergeist — haben — 
aut — ut — keine — Verlaptaterung — tipertei 

— sa — so Herren von der Reserve — 
ein dreimaliges Hurra dem Qarde- 
reiter regiment!" 

„Hurra — Hurra — Hurr a!" 

Dies riefen die sechs Herren, wahrend alle andern 
sitzen blieben, und gingen mit ihren Glasern zum 
Oberst, um mit ihm anzustoBen. 

Doderleins Tischnachbarn hatten vor Lachen ihre 
Servietten zerbissen. Die entfernter Sitzenden hat- 
ten aufmerksam gelauscht, aber naturlich nur die 
Schlagworte verstanden, die Doderlein herausge- 
schrien hatte. 

Der Oberst stieB mit Doderlein an : „Sehr schneidig 

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gesprochen — habe leider nicht alles verstehen kon- 
nen!" 

„Ja — schlechte Akustik!" sagte Doderlein, ohne 
eine Miene zu verziehen. Er ging auf seinen Platz 
zuriick und nahm sich drei Stiicke Pudding. 

Die Tischnachbarn stieBen mit ihm an und lachten 
noch lange Zeit iiber die schneidige Rede. 

Das Diner war zu Ende. Es wurden Lichter und 
Zigarren gebracht. Der Oberst ging mit den hoheren 
Offizieren. Alles fuhr empor — nur Kleophas blieb 
sitzen und scharrte ein wenig mit den FuBen. Er 
ftihrte eben ein groBes Stuck KSse zum Munde. 

Nun verdoppelt sich der L£rm. Ein blauer Zi- 
garrendunst erfiillt den Saal, die Lichter flimmern 
Epauletten und Knopfe blitzen, die Qesichter werden 
roter, die Witze keeker, die Champagnerflaschen 
mehren sich. 

„Nu wird's endlich gemutlich," sagte Doderlein, 
sich eine schwere Zigarre ansteckend. 

Der Vetter war schon in den Stall geeilt, den neuen 
geschenkten Lichtbraunen abholen zu lassen, auch 
der Doktor hatte sich empfohlen. 

Enger ruckten sich die Lustigsten der Lustigen zu- 
sammen, die Jugend des Regiments, nur wenige al- 
tere Herren blieben, darunter ein Rittmeister und ein 
Oberleutnant, welche versetzt worden waren und 
jetzt noch mit manchem vollen Qlas gefeiert wurden. 

Der Mittelpunkt des Qanzen war bald unser Do- 
derlein. Er trank mit unermudlicher Ausdauer. Den 
engen Rock hatte er jetzt aufgeknopft, und da er 
nichts iibelzunehmen pflegte, was die lustigen Briider 
bald heraushatten, so war er bald die allgemeine Ziel- 
scheibe des Witzes. 

„Es lebe ,das KleofaB 4 !" hatte ein Witzbold bald 
gerufen, und von Stund an blieb' ihm dieser Name. 

Jetzt klopfte der junge Qerlach ans Qlas und schrie 
mit hochrotem Kopf: „Qestatten Herr Rittmeister, 
daB wir den alten Brauch ausiiben, der fur die schei- 

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denden und ankommenden Herren im Regiment be- 
steht?" 

Ein indianermaBiges Hallo der samtlichen Jugend 
war die Antwort. Der Rittmeister nickte und schrie 
etwas, das nicht verstanden wurde. 

Der Brauch, den die jungen Herren vor einigen 
Jahren einmal in einer iibermutigen Laune eingefuhrt 
batten, bestand darin, dem Ausscheiden und dem 
Hereinkommen drastischen Ausdruck zu verleihen. 
Vom Saal aus ging namlich ein kleines Schubfenster 
auf den zur Kiiche fuhrenden Korridor, durch wel- 
ches im Winter oder bei stilleren Qelegenheiten Spei- 
sen hereinbefordert werden. 

Der aus dem Regiment Scheidende wurde in feier- 
lichem Gansemarsch von einigen an das Schubfenster 
getragen und dort unter Wehgeheul hinausgescho- 
ben, wahrend die neu Ankommenden umgekehrt 
unter Jubelgeschrei vom Korridor durchs Fenster ins 
Kasino hereinbefordert wurden. Angefragt wurde 
natiirlich nur bei Hoheren, wahrend Gleichaltrige mit 
der freundlichen Sitte iiberrascht wurden. 

„Zum Gansemarsch und Fackelzug — Kerzen 
hoch!" schrie der kleine Gerlach, und jeder bewaff- 
nete sich mit einer von den auf dem Tische stehen- 
den brennenden Kerzen, und unter Johlen und Lachen 
wurde der Rittmeister in die Hohe gehoben. Voraus 
schritt Gerlach kreuz und quer durch den Saal iiber 
die Tische, unter den Tischen durch, alles muBte 
ihm folgen. — Hinterdrein schwitzend und pustend, 
mit einer Flasche in der Hand, der dicke Doderlein. 
Das war ein Heidenspektakel. 

Endlich machte Gerlach Halt. Ein Trauergeheul 
erscholl, als wenn hundert SchloBhunde bei Mond- 
schein versammelt waren. Und der Rittmeister, der 
sich vor Lachen schuttelte, wurde fein sauberlich 
durch das Schubfenster geschoben und drauBen von 
einigen in Empfang genommen. Ebenso der Ober- 
leutnant. 

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Die viereckige Nische, die durch die Mauer ging, 
war etwa einen Meter tief und gerade so geraumig, 



daB ein Mann durchkriechen konnte. Jetzt ging der 
Fackelzug von neuem los — diesmal aber im Qalopp. 
Jeder hielt die Kerze in der Rechten, die Linke als 

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Trompete vor den Mund; so schmetterten und 
jauchzten die frohlichen Reiter dahin, natiirlich jetzt 
erst recht iiber Tische und Stuble, wobei manch einer 
zu Fall kam. „Das KleofaB" — schwitzend hinter- 
drein. Die lustige Schar passierte die Ttire und kam 
auf den Korridor, wo unter lautem Hurra die Reserve- 
leutnants mit unheimlicher Geschwindigkeit ins Re- 
giment" hinein befordert wurden, so daB mancher 
Knopf in der Nische lossprang. 

Der letzte war „KleofaB"! Nun ging erst der 
Spektakel los, als die zwei Herren, welche die andern 
befordert hatten, auch ihn ltipfen wollten. Er schrie, 
sie sollten doch erst abmessen, ob er auch durchgehe. 
Aber da half nichts. Eine ganze Schar hatte ihn er- 
griffen und — schwupp wurde er in die Nische ge- 
steckt, wie eine Qranate ins Rohr, daB die Fugen 
krachten. Hinein kam er wohl, auch sah der Kopf 
auf der anderen Seite heraus, aber durch kam er 
nicht — er war zu dick! 

Jetzt kannte der Tumult keine Qrenzen. „Das 
KleofaB steckt! — Das KleofaB flott machen!" und 
wiitend schoben die auf dem Korridor bei den Bei- 
nen! Einen kleinen Ruck ging's noch vorwarts, aber 
dann steckte er rettungslos test. Jetzt zog die Schar 
wieder zuriick an den Beinen. Die Stiefel gingen 
ab, und die Ziehenden purzelten durcheinander. 
„Enges Lokal hier — " schrie KleofaB, „seid mal so 
gut und korkt mich da schleunig 'raus!" 

Aber es ging nicht! Man lief Qefahr, ihm die Beine 
auszureiBen, so fest hatte man ihn hineingestopselt! 

Nun trostete man unter lautem Hallo das gute 
KleofaB ; einer legte ihm gar ein Polster unters Kinn ! 
Es war eine tolle Unterhaltung! 

Unterdessen wurden Okonomiehandwerker mit 
Werkzeug geholt. 

„Unter zwei Stunden Arbeit bringen wir den Herrn 
Leutnant nicht 'raus!" 

Da riickten die Herren die Stiihle im Halbkreis urn 
25 

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ihn, steckten dem KleofaB eine Zigarre in den Mund 
und unterhielten sich mit ihm, wahrend die Arbeiter 



die Wande herausstemmten. Endlich — endlich war 
es so weit. Man zog ihn, der bereits der allgemeine 
Liebling war, heraus. Er konnte erst kaum auf den 



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FiiBen stehen, und es war schon spat, als er in seiner 
Equipage mit mehreren Herren nach Hause fuhr, die 
alle versicherten, so herrlich habe man sich schon 
lange nicht mehr amiisiert, als mit dem braven Do- 
derlein! — 

Am n&chsten Tage ging's ins Manover. Doderlein 
hatte noch keines mitgemacht. Sein Kammerdiener 
hatte vier groBe Koffer vollgepackt und sollte mit 
denselben in einem Wagen hinter dem Regiment 
dreinfahren, so hatte KleofaB es sich wenigstens aus- 
gedacht. 

Um sechs Uhr friih hatte das Regiment marsch- 
m£Big aufgestellt zu sein. Der Kammerdiener muBte 
seinen Herrn schlieBlich aus dem Bette Ziehen. End- 
lich gelang das „lever" und da der Kutscher tiichtig 
drauflos peitschte, so war es moglich, daB Doderlein 
das Regiment noch gerade erreichte, als die letzte 
Schwadron mit Sack und Pack und flatternden Fahn- 
lein zum Kasernentor hinausritt. 

„Bitte zu schlieBen, Herr Leutnant," rief ihm der 
Rittmeister im Vorbeireiten zu. Mit Hilfe des Kam- 
merdieners kletterte Doderlein nach einigen miB- 
lungenen Versuchen auf seinen zahmen alten Schim- 
mel, der schon langst bereit stand. Ein Tier, welchem 
man auf dem Rucken ein Feuer anzunden konnte, 
ohne daB es sich ruhrte, das aber fiirs Auge recht 
stattlich aussah und so weich ging, wie ein Kanapee. 

„Also machen wir — Qottes Namen — Dummheit 
mit!" seufzte Doderlein und stieB dem Schimmel die 
Sporen in die Weichen, was einen Zotteltrab zur 
Folge hatte, in welchem er alsbald die letzte Schwa- 
dron erreichte. Man war aus der Stadt und es er- 
tonte das Signal „Riihrt euch". Die Offiziere traten 
aus dem Qlied und ritten voraus oder nebenher. Die 
Mannschaft ziindete Pfeifen an und lieB zu dem Huf- 
getrappel lustige Lieder erschallen. 

Es war ein wunderschoner Spatsommermorgen, 
wurzige Luft und goldener Sonnenschein — so recht 
25* 

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ein Tag von Gott, wo man bei jedem Atemholen sich 
des Lebens dankbar freuen mag. — Die Waff en blitz- 
ten, die Fahnlein flatterten, und lustig ging's in die 
Welt hinein! 

„Guten Morgen, Vetter!" rief jetzt der schlanke 
Doderlein den Dicken an. „Ist es nicht herrlich 
schon, so iibers Feld zu reiten?" 

„Staub — sehr fatal — blodsinniges Getrampel!" 
knurrte KleofaB, der noch Schlaf hatte. 

„Vetter, Sie sehen, ich reite Ihr herrliches Tier — 
aber ich kann es eigentlich doch nicht als Ge- 
schenk " 

„Wollen mich wohl beleidigen! Obrigens warum 
sagen wir nicht „du"?" 

„Gerne!" rief der Schlanke, dem Dicken die Hand 
hiniiberreichend. „GruB dich Gott, Kleophas!" 

„GriiB dich Gott, Hellmuth!" 

„Und macht dir das wirklich keinen SpaB?" be- 
gann Hellmuth wieder. „Gibt es ein schoneres Ge- 
ftihl, als in des Konigs Rock auf einem flotten Pferde 
zu sitzen, die Sonne iiber sich, alle Sorgen unter den 
Hufen — " 

„H6r* auf!" rohrte KleofaB. „Milit£r — privile- 
gierte Massenmordanstalt — Volkerschiedsgericht 
einfacher und billiger!" — 

„Ja — ich nehme die Welt so, wie ich sie vorge- 
funden habe!" — 

„Nette Welt das!" brummte Doderlein. „DaB da 
bei der Hitze mitreite — einfach roher Zwang — 
menschenunwurdig !" 

In diesem Augenblick ertonte das Signal „Offi- 
ziere". 

„Vorw&rts, Vetter, es blast Offiziere! — Galopp!" 
Damit lieB Hellmuth den Braunen in leichtem Satz 
iiber den Graben auf das abgeraumte Feld springen. 

„Du — Hellmuth! Wie macht man Galopp?" rief 
KleofaB. 

„Schenkel dran, Schenkel dran — lass'n laufen, 

388 ^ " ' ' < ." ! 



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was er kann!" rief dieser zuriick, indem er davon- 
brauste. 

KleofaB gab die Sporen, das hatte Trab zur Folge. 
Sodann riB er am Ziigel, wie wenn es die Nachtglocke 
bei einem Doktor gewesen ware und schlug mit der 
rechten Faust in die Weichen — ah — da war er ja 
— der Galopp! 

„MuB mir merken — diese Hilfe!" 

Einen Moment hatte ihm der weiche Qalopp bei- 
nahe SpaB gemacht, als es aber mindestens drei Mi- 
nuten dauerte, bis er an die Spitze kam, wo der 
Oberst hielt, fing er an zu schwitzen und wurde schon 
wieder argerlich. 

Der Oberst stand auf freiem Feld inmitten der Of- 
fiziere und erklarte die Aufgabe des heutigen Tages. 

„Wir haben hauptsachlich den Wald und das Qe- 
lande um denselben herum zu untersuchen!" 

Doderlein, der eben atemlos ankam, horte noch 
undeutlich die letzten Worte. 

„Haben die Herren mich verstanden?" rief der 
Oberst. 

„Zu Befehl!" tonte es von alien Seiten. 

„Herr Reserveleutnant Doderlein, Sie auch? — Wo 
ist er?" 

„Hier, Herr Oberst!" 

„Also was ist Ihre nachste Aufgabe?" 

„Das Gelander um den Wald herum untersuchen!" 
schnaufte KleofaB. 

Die Stabsoffiziere schmunzelten, die Leutnants 
grinsten, der Oberst blickte wiitend: 

„Sie meinen wohl Q e 1 a n d e!" 

„Natiirlich — Qelande!" sagte Doderlein ganz kuhl. 

„Sie sagten aber Qelander!" 

„So?" machte Doderlein erstaunt. 

„Nehmen Sie gleich Ihren Zug zum Aufklaren! 
Sie wissen doch, was Sie zu tun haben?!" 

„Zu Befehl!" sagte KleofaB. — Er hatte keine blasse 
Ahnung. 

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Der Oberst salutierte. Die Offiziere stoben aus- 
einander. 

„Was nun!" fragte KleofaB den Vetter. 

„Den Wald und das GelSnde sollst du untersuchen, 
ob kein Feind drinnen steckt. Du steigst auf einen 
hohen Baum und — " 

„Was mach' ich?! — B£ume klettern? — 1st nicht! 
— Beine schon steif! — Kann man nicht friih- 
stucken?" 

„Qalopp, Herr Leutnant!" rief der Rittmeister da- 
zwischen. KleofaB setzte den Schimmel mit der be- 
wfihrten Hilfe in Galopp. Alsbald waren sie bei Hirer 
Schwadron. Hellmuth soufflierte die Kommandos, 
gab dem Vetter die Richtung an, in der er reiten 
sollte, und so gelang es KleofaB, sich an die Spitze 
von etlichen zwanzig Reitern zu setzen, mit denen er 
von dannen ritt, wahrend das Regiment auf der Land- 
straBe halten blieb und absaB. 

Die Sonne brannte ganz gehOrig. 

Kaum war Doderlein dem Regiment aus dem Qe- 
sicht, so hielt er sein RoB an. 

„Langsam, Kinder!" rief er, „den Feind soil der 
Deibel holen! — Wer ist von euch der Schlauste? 
Der soil einen Taler haben!" 

Nun machte jeder ein Qesicht, als wenn er der 
Schlaueste ware. Einer machte ein besonders 
schlaues Qesicht. Ein Bursche mit einem dicken 
Kopf, brennroten Haaren und Sommersprossen, der 
aus seinem Brotladen grinste wie ein Kannibale, der 
eben einen fetten Hollander schlachtet. 

„Na — Sie!" wandte sich KleofaB an ihn, „wie 
heiBen Sie denn?" 

„Obelhack! — Ich bin ja der Herr Offiziersbursche 
vom Herrn Leitnam!" 

„So, Herr Offiziersbursche, hier ist der Taler. Mai 
schnell zu dem Wagen reiten, der hinterm Regiment 
dreinfahrt. — Kammerdiener sagen — soil mit ordent- 

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lichem Fruhstuck 'rantauchen ! Da oben auf tie 

— da unten am FuB der Hohe trifft er mich!" 
Obelhack ritt davon, was Zeug hielt. 

„So! Nun Kinder, steckt euch 'mal Pfeifen an — 
oder wollt Zigarren haben?" Er langte mit beiden 
Handen in die Satteltasche. 

„Das ist ein kommoder Herr!" grinste ein Reiter 
dem andern zu. 

Nun zottelten die Reiter nach dem nahen Wald. Am 
FuB des Hiigels lieB Doderlein Halt machen. 

„Na, Kinder — sucht den Feind! — Hier bin zu 
treffen!" 

Die Reiter verloren sich unter Fuhrung des Unter- 
offiziers im tiefen Wald. KleofaB kletterte von sei- 
nem Schimmel, lieB ihn grasen, reckte und streckte 
seine steifen Beine und lieB sich auf dem weichsteit 
Moosplatzchen nieder. Helm, Kartusche und Sabel, 
diese unpraktischen Sachen, legte er ab und knopfte 
sich den Rock auf. 

„Eigentlich — ganz amiisant — Manover!" knurrte 
er. Fast hatte er etwas wie ein leises Vergnugen 
empfunden, als die kuhle duftige Waldluft ihm frisch 
entgegenstrich. Bald aber verlor er sich in philo- 
sophische Qriibeleien, uber den Unwert und die Lang- 
weile des Daseins. — Alles still weit und breit — nur 
der Wind rauscht in den hohen Wipfeln. 

Plotzlich fuhr er auf! — War der Feind da? Nein! 

— Ein paar Ameisen hatten ihn tuchtig gezwickt. 
KleofaB hatte sich in einen Ameisenhaufen gesetzt 

— das Schicksal so vieler Naturfreunde. 

„Wozu — dumme Beaster existieren?!" philo- 
sophierte er argerlich. „Das soil 'neschone Welt 
sein!" 

Zuerst wollte er den Ameisenhaufen mit seinem 
Sabel von Qrund aus zerstoren — dann aber war er 
wieder zu gutmiitig dazu. Er hockte sich eine Weile 
davor und betrachtete das emsige Treiben. 

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„Warum — Beaster so pressiert sind — mochte 
wissen!" dachte er. 

Dann suchte er einen andern Platz und wartete 
wehmiitig auf sein Fruhstuck. — Alsbald schlief er 
ein. — 

Eine Stunde mochte er selig geruht haben, als er 
heftig geschuttelt wurde. 

„KleofaB — Mensch! Aufsitzen! Der Feind ist da!" 

Hellmuth war es mit den Reitern. Er stiilpte dem 
Schlaftrunkenen den Helm auf, warf ihm die Kar- 
tusche wie ein Kumt urn den Hals, den S£bel be- 
hielt er in der Hand. „VorwSrts!" Er half ihm auf 
den Schimmel und gab ihm einen tiichtigen Schlag 
mit dem Sabel — dem Schimmel namlich. 

Und — piff — paff — piff — knallte es hinter ihnen 
drein. Es war eine feindliche Infanteriepatrouille. 

„Was treibst du denn so?" schnaufte KleofaB. 
„Kerls schieBen doch nur blind!" 

„Bist du ein Menschenskind!" lachte Hellmuth. 
„Ich habe inzwischen alles fur dich besorgt. Der 
gute Rittmeister hat mir's erlaubt. Ich habe mit dei- 
nen Leuten den ganzen Wald abgesucht — alle Mel- 
dungen zuriickgeschickt. Zum Qliick heiBen wir beide 
Doderlein, sonst ware die Unterschrift eine FSlschung 
gewesen!" 

„Danke!" stohnte KleofaB, „aber reite bloB nicht 
so schnell — kann nicht vertragen!" 

Alsbald stieBen sie auf Obelhack. 

„Donnerwetter!" schrie KleofaB, „wo ist das Fruh- 
stiick, Kerl?" Man hatte nicht glauben sollen, daB er 
so schreien konnte. 

„Bitf gehorsamscht, Herr Leitnam. Der Herr 
Oberst hat den Wagen antroffen und haben gesagt, 
hier gibt's kein Bagaschi, und hat miissen der Kam- 
merherr sofort nach Haus fahren!" 

Doderlein wurde ganz blaB vor Zorn: „Donner- 
wetter, wie kann sich der Oberst das erlauben!" 

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„Ja, mein Dicker, das kann er und noch viel mehr!" 
begiitigte Hellmuth. 

„Aber mir failt — Magen heraus!" brullte Kleo- 
faB. 

„Hier hast du Schokolade! Wir kommen bald ins 
Quartier!" 

KleofaB verschlang miirrisch die Schokolade. 

„Da kommt der Oberst, ich driicke mich!" sagte 
Hellmuth und verschwand hinter Baumen, um auf 
Umwegen das Regiment zu erreichen. 

Der Oberst kam naher. „Das haben Sie sehr schnell 
und gut gemacht! Ich sehe, Sie konnen, wenn Sie 
wollen. Nur etwas mehr Haltung!" Voriiber war er. 

„Haltung ware mir momentan nicht 'mal so wich- 
tig — wie Friihstiick!" knurrte Doderlein. 

Das Regiment marschierte wieder auf der Land- 
straBe. Die Quartiere waren noch weit. KleofaB 
war wiitend. Auf einmal blieb die Sonne aus. 

„Bravo," sagte KleofaB. 

Der Himmel bewolkte sich rasch. 

„Immer zu!" meinte KleofaB. 

Da! — Ein Tropfen — noch einer — mehrere! 
Qanz verwundert blickte KleofaB zum Firmament: 
„Na, das fehlte bloB noch!" stohnte er. Alsbald fing 
es leise an zu regnen, dann st&rker und immer star- 
ker, und nach einer Viertelstunde war alles ein 
graues, platscherndes Wassergeriesel! 

Endlich — endlich kam man ins Quartier. 

„Was? — Hier soil wohnen?" schrie Doderlein ent- 
rusted als er nachmittags 3 Uhr in dem Dorf Klein- 
hadern mit Hellmuth ein kleines Bauernhaus betrat 
und sich sofort den Kopf an die niedere Tiire stieB. 

„Qibt , s hier kein Qasthaus?" 

„Da wohnen der Oberst und die Stabsoffiziere!" . 

„Aber fiir Geld — ?" 

„Fiir Qeld kriegst du hier gar nichts, lieber Vetter. 
Komm, machen wir uns gemutlich!" 

„Gemutlich!" stohnte KleofaB, den Strohsack be- 

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trachtend, auf dem er die Nacht zubringen sollte. 
„Und Essen?" 

„Biichsenfleisch!" sagte Hellmuth lustig. 

„Brr!" machte Doderlein. 

Eine wassertriefende Ordonnanz stand drauBen. 

„Was wollen Sie von mir?" schrie KleofaB. 

„Melde gehorsamst urn 4 Uhr Unterricht beim 
Herrn Oberleutnant von Halden." 

KleofaB nahm einen Reitstiefel, aus dem er eben 
das Wasser geschtittelt hatte, und schleuderte ihn 
vor Zorn an die Wand. 

„Sie — Landmann!" wandte er sich an den Haus- 
herrn. „Wie lange wird's denn regnen?" 

„Bestimmt ko is net sagen!" meinte dieser, „wohl 
a TSge a achte!" 

„Das ist mein Tod!" seufzte KleofaB verzweifelt. 



Der nachste Tag — es regnete in Stromen — 
brachte einen langen Marsch — kleine Neckereien 

mit dem Feind und abends ein Biwak! — Ein 

Biwak bei Regen ! ! Da brummt auch ein abgeharteter 
Soldat — und Doderlein? Er brummte nicht mehr; 
stiere Verzweiflung hatte sich seiner bemachtigt. Wie 
begehrenswert schien ihm heute der verachtete Stroh- 
sack von gestern! Als er am nachsten Morgen in 
einer Pfutze liegend erwachte, wunderte er sich sel- 
ber, daB er diese Nacht iiberlebt hatte. 

Wahrend Obelhack triefend Kaffee kochte, fragte 
Doderlein : 

jjSag' mal, Obelhack! Gibfs im Manover auch Qe- 
fangene?" 

„Jawohl, Herr Leitnam!" 

„Werden die gut behandelt?" 

„Jawohl, Herr Leitnam!" 

„Qut! Obelhack!" — 

Das Regiment brach auf! Ein Hundewetter! Man 
war zu einem groBern Truppenverband gestoBen, 

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und das Regiment wurde diesen und die folgenden 
Tage nur in Reserve verwendet. 

Hundertmal fragte Doderlein: „Vetter, kommen 
wir denn noch nicht bald an den Feind?" 

„Qeduld, Dicker!" sagte dieser. „Ich sehe, du be- 
kommst Qeschmack am Soldatenleben!" 

„J — a!" machte Doderlein. Aber was er vor- 
hatte, das sagte er nicht. 

Endlich verlor er die Qeduld und wollte sich krank 
melden. 

„W£r' ich nur so gesund wie Sie!" lachte der Dok- 
tor Braun. 

„Aber Doktor — ich falle vom Fleisch!" 

„Fett wollen Sie sagen!" 

„Bin total aufgeritten!" 

„Hirschtalg!" 

„Habe Leibschmerzen!" 

„Qrog!" — und der grausame Doktor lieB ihn 
stehen. 

Endlich lieB sich die Sonne wieder sehen, und da 
kam auch der Feind. 

Vom frtihen Morgen drohnte der Geschutzdonner. 
Endlich hieB es: vorwarts! 

„Hurra!" rief Hellmuth. „Jetzt gibt's eine Attacke! 
Wir kommen ins erste Glied!" 

„Auch noch!" knurrte Doderlein. 

Da blies es schon Trab und Aufmarschieren. Da 
stand das Regiment auf freiem Feld, und driiben be- 
wegten sich feindliche Reiter heran, klein wie die 
Bleisoldaten — ein Regiment Husaren. 

Noch einige hundert Schritt werden im Trab zu- 
ruckgelegt, dann schmettern die Trompeten „Marsch, 
marsch!" 

KleofaB, der eigentlich vor der Front reiten soil, 
hat sich schon aufnehmen lassen und steckt im Qlied 
— eingekeilt in „drangvoll furchterliche Enge". 
Schreien h£tte er konnen, so quetschten sie seine 
dicken Beine. Aber da war keine Zeit zum Schreien ! 

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Der Wind saust entgegen, daft es den Atem nimtnt 
— Schnauben — Klirren — Rasseln — Stampfen — 
Krachen — wie die wilde Jagd, Erdstucke, — Steine 
schwirren durch die Luft, kaum kann man die Augen 
aufbehalten — vorwarts — unaufhaltsam braust es 
dahin. Und gegenuber immer naher mit unheimlicher 
Schnelligkeit kommt es heran, ein wogendes Meer 
von Pferdekopfen und Hufen, von Lanzenspitzen und 
blitzenden Sabeln. 

„Donnerwetter — groBartig!" krachzt Doderlein 
unwiilkiirlich, wahrend er sich fest am Sattelknopf 
halt. Der Schimmel muB mit, ob er will oder nicht. 

„Barmherziger — das wird ernst!" iiberlauft es 
KleofaB. Aus dem wogenden, tosenden Meer gegen- 
uber losen sich grotesk anwachsend die deutlichen 
Umrisse von Reitern und Pferden. Schon sieht man 
die Offiziere mit ausgestrecktem Sabel vor der Front, 
schon unterscheidet man die Qesichter, die Mahnen, 
die Niistern, die blitzenden Augen, die Erde donnert 
und drohnt unter dem wilden Qalopp der zwei gegen- 
einander reitenden Regimenter. 

„Noch zwei Sekunden — und bin gespieflt!" Doder- 
lein wollte parieren. Ja, hat sich was! KleofaB 
machte die Augen zu und ftihlte schon die Lanzen in 
seinem Bauch! Da schmettern die Trompeten 
„halt!" 

Die vordersten Offiziere waren schon fast aufein- 
andergeprallt und muBten die Pferde zuruckreiBen, 
daB diese fast auf der Erde saBen. Lachend begruB- 
ten sie sich, Qardereiter und Husaren. 

Da ertonte das Signal „kehrt!" 

„Wir sind geschlagen!" sagte Hellmuth lachend zu 
KleofaB, neben dem er jetzt wieder ritt. 

„Wieso denn?" meinte dieser. 

„Siehst du den Offizier mit der weiBen Binde? Das 
ist der Schiedsrichter, er winkt zurtick!" 

Das Regiment ging im Schritt den Weg zuriick, 
den es eben in wilder Jagd durchlaufen hatte. 

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„Sehe gar nicht ein ^- watum geschlagen," sagte 
KleofaB, indem er seinen Schimmel anhielt. „Ich fur 
meine Person bin nicht geschlagen ich bleibe!" 

„Du bist verriickt!" rief Hellmuth im Weiterreiten, 
„so komm doch!" 

„Denke nicht dran!" Damit wandte der Dicke sein 
Pferd und ritt dem Feind nach, welcher nun seiner- 
seits im Trab zuriickging. Es war hinter den Garde- 
reitern auf der Hohe eine Batterie aufgefahren, die 
energisch zu feuern begann und unter deren Schutz 
sich das Regiment zuruckzog. 

„KleofaB!" schallte es noch einmal von Hellmuth 
heruber, aber dieser ritt ruhig weiter. 

Nach einigen hundert Metern fielen die Husaren in 
Schritt, da auch auf ihrer Seite Batterien auffuhren, 
welche die feindlichen in Schach hielten. 

Das Husarenregiment machte Front. 

Doderlein blieb nun stehen und befand sich gerade 
in der Mitte zwischen den feindlichen Parteien. 
Todesmutig lieB er huben und driiben die Kanonen 
feuern und stand da — allein gegen ein ganzes Regi- 
ment Husaren. 

* Das lieBen sich diese aber nicht lange gefallen. Ein 
Leutnant mit vier bis fiinf Mann lost sich vom Qros - 
los und wie alle Wetter auf den tapfern Doderlein zu. 
Als dieser iiberzeugt war, daB sie ihn binnen einer 
halben Minuten erreicht haben wiirden, wandte er 
sein Pferd und setzte es in Qalopp. 

Da brausten die Husaren heran. 

„Gefangener!" schrie der Leutnant. 

Doderlein jubelte inn^rlich auf: „Na, endlich!" Er 
markierte eine verzweifelte Flucht, beugte sich auf 
den Hals seines Schimmels und feuerte ein paarmal 
aus dem Revolver nach rtickwarts. 

„Ist doch Unsinn, Herr Kamerad! Sind Qefange- 
ner!" rief der Husar, der ihm schon vorausgeritten 
war. 

Da packte ihn ein Husar am Arm, aber das war fur 

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ekien besseren Reiter berechnet als Doderlein. Er 
verlor das Gleichgewicht und purzelte kopftiber, den 
Husaren, der ihn nicht loslassen wollte, durch sein 
Qewicht mit sich reiBend. 

Verdutzt stand er wieder auf, nach Luft schnap- 
pend. Der Leutnant stellte sich artig vor. KleofaB 
sah auf und wurde krebsrot vor Zorn: „Der?! — 
Ausgerechnet der! — Wenn ich das gewuBt hatte!" 
Die ganze Menschheit war ihm „wurscht", aber den 
Menschen, den haBte er. 

Das hing namlich mit dem groBten Schmerz seines 
Lebens zusammen. Doderlein war ja doch im Qrunde 
ein Gemutsmensch, wenn er es auch sorgf&ltig ver- 
barg. Es war vor zwei Jahren auf einem Bali — Kleo- 
faB war zu faul, zu tanzen, und sah von der Qalerie 
zu — da fuhr es ihm plotzlich ins Herz! Er lieB sie 
nicht mehr aus den Augen, die schlanke Brunette, die 
es ihm so blitzschnell angetan hatte. Endlich wollte 
er sich nahern. Sie sprach gerade mit dem Husaren- 
leutnant, eben dem, der ihn jetzt gefangen nahm. Sie 
lachten laut zusammen, Durch Palmen gedeckt 
konnte er n&her kommen und horchen. Sein Name 

wurde genannt und dann dann hatte er sich 

verfarbt und hatte die beiden lachen lassen und war 
nach Hause gegangen und hatte dort bitterlich ge- 
weint. Nie fragte er, wer die junge hiibsche Dame 
gewesen sei, nie hatte er sie wiedergesehen, aber er 
liebte sie noch immer. 

Als KleofaB aufsitzen wollte, bemerkte er, daB sein 
Schimmel jammerlich auf drei Beinen humpelte. Die 
Attacke war zu viel gewesen — er ging krumm! 

AlsozuFuB! Qefangener der Husaren! Das Regi- 
ment war wieder im Trab weiter zurtickgegangen, 
und die Husaren eilten tiachzukommen, ihren Qe- 
fangenen mit dem Schimmel an der Hand hinter- 
drein. 

Nachdem Doderlein so einige Stunden hinter den 
Husaren den Schimmel fiihrend iiber Kartoffelfelder 

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bei einer Gluthitze gestolpert war, sah er ein, daB er 
mit seiner Qefangennahme vom Regen in die Traufe 
gekommen sei. Und dann erst, wenn die Schlacht 
aus — behSlt ihn der Feind ja nicht, er muB wieder 
zu seinem Regiment — wo das finden — vielleicht 
stundenlang in der Nacht herumlaufen. Entsetzlich! 
„Na!" sagte er fiir sich, „da kratz' ich wieder aus!" 

Man kam jetzt durch den Wald. Die Husaren vor- 
aus, sich nur von Zeit zu Zeit nach dem Qefangenen 
umsehend, der ja zu FuB nicht entrinnen konnte. Als 
KleofaB die abenteueriichsten Qedanken erwog, wie 
er aus dieser selbstgeiegten Falie herauskommen 
k6nne — horte er neben sich im Qebusch ein leises 
Pfeifen. Er ging naher hin — da kroch der treue 
Cbelhack vergniigt grinsend auf dem Bauch daher, 
reichte seinem Herrn ein Zettelchen und verschwand 
wieder. 

Auf dem Zettel stand: „Halte womoglich die Hu- 
saren beim Kreuzweg auf, so wird es einen SpaB ge- 
ben. InEile — dein Vetter!" 

„Braver Junge! — Holt mich heraus! — all right!" 
frohlockte Doderlein. 

Der Husarenleutnant schaute sich eben um, als der 
Qefangene den Zettel gelesen. 

„Nun, Herr Kamerad, geht's denn gar nicht mehr?" 

„Suche bloB Kreuzweg — der bald kommen muB!" 

„Hier ist er ja!" der Husar deutete geradeaus. 

„Ah — famos! Hier habe namlich Kammerdiener 
mit Sekt und kalter Kiiche herbestellt — . bis 12 Uhr 
— richtig sind jetzt 10 Minuten vor! Wollen doch 'n 
biBchen friihstiicken! Wie?" 

„Sekt?!" fragte der Husar, dessen Magen heute 
nur Tee und schlechtes Bier in Aussicht gehabt hatte. 
„Sekt? Alle Hagel! Das ist 'mal vorsichtig von 
Ihnen!" 

„Drei ganze Pullen — in Eis! Es eilt doch wohl 
nicht so, daB man paar Minuten verschnaufen kann?" 

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„Schon! Will nur sehen, wo das Regiment ist. 
Lechner, Qalopp! Sehen Sie nach!" 

Ein Husar brauste davon. 

Man machte am Kreuzweg halt. Nach wenigen 
Minuten kam der Husar zuruck mit der Meldung, das 
Regiment stehe abgesessen in einer Talschlucht in 
Reserve. 

„Na, dann geht es!" sagte froh der Husarenleut- 
nant. „Aber wo bleibt Ihr Kammerdiener?" 

„Immer punktlich — wird gleich da sein!" 

Die Husaren saBen ab, steckten die Lanzen in die 
Erde, koppelten die Pferde zusammen und lagerten 
auf einer kleinen Lichtung. 

Auf einmal fing Doderlein ganz unmotiviert an 
laut zu lachen. 

Der Husar sah ihn verwundert an: 

„Warum lachen Sie denn?" 

„Qlaube — Sekt kommt eben!" Er hatte im Qe- 
biisch etwas blitzen sehen. 

„Wo denn?" fragte der Husar. 

„Hier!" schrie eine frische Stimme. 

Es war Hellmuth, der mit zehn Qardereitern, die 
abgesessen waren, aus dem Wald hervorbrach. 

„Qefangener! u brullte Doderlein wie ein Stier und 
packte den Husaren um den Leib. 

„Ja — ja — naturlich!" sagte dieser, „deswegen 
brauchen Sie mir ja nicht die Rippen zu brechen!" 

Hellmuths Leute hatten sich der Pferde und Lanzen 
bemachtigt. Die Husaren waren gefangen! 

Doderlein driickte dem Vetter die Hand und klet- 
terte stolz auf ein Pferd, seinen Schimmel von dem 
Reiter ftihren lassend. 

„Also darum der Sekt?" fragte der Husar arger- 
lich. 

„Kriegslist!" erwiderte Doderlein stolz. 

Das war ein Qaudium, als sie beim Regiment an- 
kamen. „Das KleofaB hat einen Leutnant mit vier 
Husaren gefangen!" ging es von Mund zu Mund. 
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Der Oberst lieB sich die gelungene List ausfiihrlich 
erzahlen und lobte den unverschamten Doderlein 
iiber die MaBen, dem der Vetter nattirlich lachelnd 
wieder die Lorbeeren uberlieB. 

Am n&chsten Tag kam man auf ein Rittergut ins 
Quartier. Hellmuth freute sich, seine Schwester dort 
zu treffen, welche seit kurzem als Erzieherin dort 
weilte. 

„Seid Ihr denn so arm, daB deine Schwester Er- 
zieherin sein muB?" fragte KleofaB den Vetter. 

Dieser nickte traurig. „Seit Papas Tod!" 

„Wie kannst du danu bei den Qardereitern die- 
nen?" 

„Solang es eben geht!" sagte der Vetter mit einem 
tiefen Seufzer und fing gleich ein anderes Qe- 
sprach an. 

Von Tag zu Tag hatten sich die beiden mehr be- 
freundet, der schlanke und der dicke, der adelige und 
der burgerliche Doderlein. Bewunderte KleofaB sei- 
nes Vetters Qewandtheit und Mut und sein treues, 
liebenswiirdiges Wesen, so hatte Hellmuth sehr bald 
heraus, daB KleofaB ein ausgezeichnetes Herz besaB 
und viel mehr in ihm steckte, als er unter seinen 
Qigerlalliiren zu erkennen gab. — 

Es standen einige Rasttage bevor, und da mehrere 
Kavallerieregimenter in der Qegend zusammenge- 
zogen waren, so sollten Offiziersrennen stattfinden. 

Fast die Halfte der Qardereiteroffiziere war auf 
dem SchloB einquartiert. 

Man fand sich am ersten Mittag im groBen Speise- 
saal zusammen, wo der Hausherr und seine Familie 
die Honneurs machten. Kaum hatte KleofaB den Saal 
betreten, als er leichenblaB wurde und sich schleu- 
nig entfernte. Er eilte in den Park hinunter und 
stierte, auf einer Bank sitzend, vor sich hin. Auf ein- 
mal horte er hinter sich seufzen und sah sich um. 
Da saB der Vetter auch auf einer Bank, nur durch 
das Qebiisch getrennt. 

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Sie begriiBten sich erstaunt. 

„Bist du denn nicht bei Tisch?" 

„Bin nicht wohl!" sagte KleofaB; „und du?" 

„Ich habe nein, dir kann ich's nicht sagen!" 

KleofaB drangte den Freund so lange, bis er ihm 
endlich sein Herz ausschiittete. 

„Ich muB quittieren!" Die Tranen lief en ihm tiber 
das hiibsche Qesicht. 

„Was?!" machte KleofaB erschrocken. 

„Du weiBt, wir sind arm, aber ich habe mich ohne 
Schulden durchgeschlagen. Da habe ich vor ein paar 
Jahren mit andern Herren fur den Spieler, den Ben- 
tow, gutgestanden, der dann durchgegangen ist. 
Hatte einen Wechsel mit unterschrieben. Um zahlen 
zu konnen, muBte ich damals zu Wucherzinsen Qeld 
aufnehmen. Das ging dann so fort wie eine Lawine, 
und jetzt bricht es zusammen. Ich bin verklagt auf 
40 000 Mark — eben erhielt ich die Mitteilung. Na- 
tiirlich bin ich jetzt verloren! Es gibt keinen Aus- 
weg!" 

„Das ist doch eine Qemeinheit von dir!" sagte 
KleofaB ganz bose. 

„Wieso? — Ich bin wirklich unschuldig hineinge- 
kommen!" 

„Das ist eine Qemeinheit von dir, daB du sagst, es 
sei kein Ausweg, wo ich doch dein Freund bin!" 

„KleofaB!" stammelte Hellmuth blaB und rot wer- 
dend — „du wolltest!" 

„Du wolltest! — Pfui, du schlechter Freund! So 
eine Lumperei — 40 000 Mark — nicht einmal ein 
Monatgeld von mir — warum sagst du denn nicht 
einfach, gib mir das Qeld, Dicker?" 

„Nein, eher ware ich gestorben! Aber jetzt, wo du 
es mir anbietest, mir Ehre und Leben wieder- 
gibst — — " 

„Halfs Maul!" brummte KleofaB; „du bist ein 
schlechter Freund!" Er holte ein Scheckbuch aus sei- 
ner Brieftasche, riB ein Blatt heraus. „Da — Unter- 
26* 

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schrift schon drauf — all right — nichts mehr dar- 
iiber reden!" 

Hellmuth umarmte geriihrt den guten Vetter. 
„Du nobles Herz! Ach, das muB ich gleich der brau- 
nen Liesel sagen. Die sorgt sich um mich. Ich habe 
ihr eben mein Ungliick erzahlt!" 

„Wem? Der braunen Liesel?" 

„Meine Schwester!" 

„Die hier ?" 

„Ja! — die hier Erzieherin ist, die brunette Dame 
in dem grauen Kleid. Bist du ihr nicht eben vorge- 
stellt worden?" 

„Hellmuth! Setzen! Jetzt hor* mal zu!" Und nun 
erzahlte KleofaB sein Leid. 

„Du liebst die Schwester?" jubelte Hellmuth, „hip 

— hip — hurra!" 

„Aber wenn sie mich nicht will? 44 

„Sie muB! 44 fort war er. 

„He — Hellmuth — halt! 44 schrie KleofaB. „Na, 
wie Qott will, ich half still! 44 

Er hielt aber gar nicht still, sondern rutschte in 
groBter Unruhe auf der Bank hin und her, bis er 
Schritte vernahm. 

Ja — sie war es. Das Herz schlug ihm horbar. Er 
sprang auf und suchte nach Worten. 

„Sie haben meinen Bruder gerettet!" sagte das 
hiibsche junge Madchen mit feuchten Augen. „Wie 
soil ich Ihnen danken?" 

„Habe dir schon gesagt, wie! 44 rief Hellmuth froh- 
lich. „Sie weiB alles, KleofaB! DaB du sie seit zwei 
Jahren liebst! 44 

Liesel wurde purpurrot. 

„Aber sage nur, warum hast du denn das nicht 
fruher gesagt? 44 

„Weil" — stotterte KleofaB — „auf Kaufmannsball 

— damals — vorstellen wollen — Sie eben mit Hu- 
sarenleutnant gesprochen — nannte meinen Namen 

404 



— hinter Palmen zugehort, wie gesagt haben: ,Das 
dicke Schwein will nicht tanzen!" 

Das junge Madchen besann sich eine Weile, dann 
fing sie hellauf zu lachen an. 

„Wie? Liesel! Du hast den braven KleofaB ein 
dickes Schwein genannt?" sagte Hellmuth vorwurfs- 
voll. 

; „Aber nein! Ich erinnere mich sehr gut. Von Ihnen 
war gar nicht die Rede. Der Offizier hat mich beim 
Namen genannt, ich heiBe doch auch Doderlein — 
und dann erzahlte er mir von einem Amateurzirkus, 
wo er als Clown ein Schwein vorfuhren werde, wel- 
ches er eben dressiere, und das nicht tanzen lernen 
wolle." 

Ober KleofaB* Antlitz lief es wie Sonnenschein! 

„Und was erwidern Sie auf mein Gestandnis, 
Elise?" 

„Sie haben ein nobles Herz! Aber eine arme Qou- 
vernante zu heiraten, dazu gehort Mut. Ich glaube 
nicht, daB Sie !" 

„DaB ich Mut habe?! Und wenn ich es Ihnen be- 
weise?" 

„Dann — dann will ich Ihnen Antwort geben!" 

Sie neigte sich grazios und verschwand hinter dem 
Qebusch. 

„Mit einem Wort, sie sagt, sie nimmt mich, wenn 
ich kein Qigerl mehr bin! Wird gemacht!" sagte 
KleofaB frohlich und ging Arm in Arm mit dem Vetter 
hinauf zum Diner 

„H6r' mal!" nahm KleofaB nach dem Diner Hell- 
muth beiseite. „Ich werde deiner Schwester meinen 
Mut beweisen! Ich reite morgen die Steeplechase 
mit!" 

„Du? Ja, bist du schon einmal gerannt?" 

„Ne!" 

„Bist du iiberhaupt schon einmal iiber Hindernisse 
gegangen?" 

„Ne!" 

405 

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„Ja, Dicker, dann wirst du den Hals brechen!" 

„Egal! Dann sieht sie — daB Courage habe!" 

Alsbald lieB KleofaB von Obelhack seine Ladylike, 
ein edles Vollblutpferd, auf dem er noch nie gesessen 
war, zu der Obungshurde bringen, die sich die Herren 
in der Nahe des Schlosses hatte errichten lassen. 
Hellmuth riet umsonst ab. 

„Spring du mal vor!" sagte der Dicke, „will recht 
aufpassen." 

Hellmuth saB auf. Etwa hundert Schritte vor der 
Hiirde, die iiber einen Meter fest war und lange 
Besenreiser hatte, ritt er an. Er erklarte alles, wah- 
rend er es vormachte. 

„Jetzt Qalopp — ganz ruhige Faust — jetzt Ziigel 
locker — Schenkel 'ran, Oberkorper zuriick — hopla 
— da sind wir drtiben. — Springt herrlich, deine La- 
dylike! Nun versuch' es du!" 

Hellmuth sprang ab und half KleofaB hinauf. 

„Aha — Biigel sind zu lang. — So — jetzt!" 

„Oi! u quiekte Ladylike und ging hinten in die 
Hohe, daB KleofaB am Hals saB. 

„Ho — la!" beruhigte Hellmuth das Tier, „du darfst 
nicht mit den Sporen hinkommen ! 1st wie eine Dame 
zu behandeln, ein Vollblut!" 

KleofaB ritt langsam an. 

„ Jetzt Qalopp!" Hui, ein Satz, und das Pferd 
brauste auf das Hindernis los. 

„Langsam! Langsam! — Oberkorper zuriick 

zu — ruck! !" schrie Hellmuth. 

Schrum! Da stand das Pferd mitten im Qalopp wie 
festgenagelt vor der Hiirde — und KleofaB flog allein 
hinuber. Er machte einen vollkommenen Saltomor- 
tale. 

„Hast dir was getan?" rief Hellmuth, der herbei- 
sprang. 

Obelhack ergriff das Pferd am Ziigel. 

„I wo? Warum springt denn das Beast bei mir 
nicht?" 

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„Du hast den Qaul ja nicht springen lassen, Her- 
zensjunge!" 

„So? — Gut! Noch einmal!" 

„LaB es doch sein, KleofaB!" 

Abermals ritt KleofaB an, die Ziigel locker — den 
Oberkorper weit zuriick. 

„Bravo!" schrie Hellmuth. „Jetzt Schenkel dran! 
Hopla! Ach herrjeh!" 

Diesmal kam das Pferd in hohem Sprung iiber die 
Hiirde — und daftir blieb KleofaB heruben! Als La- 
dylike in die Hohe ging, rutschte er, da er schon ganz 
hinteniiber hing, iiber die Kruppe herunter! Da saB 
er! 

„Jetzt laB es aber sein!" 

„Ne! — Noch einmal!" 

Zum drittenmal ritt KleofaB an in scharfem Tempo, 
das Pferd war schon aufgeregt! Diesmal sprang er 

mit dem Pferd iiber die Hiirde aber beim Lan- 

den fiel er nach vorne. Ein schwacher Versuch, das 
Qleichgewicht wiederzufinden. — 

„Loslassen! Loslassen!" schrie Hellmuth, da Kleo- 
faB einen Augenblick auf der Seite hing. Da lag er 
schon im Qrase, sich mehrmals iiberkollernd. 

„Jetzt ist SchluB!" achzte KleofaB, der sich nicht 
erheben konnte. „Bein ist ab!" 

„Alle Wetter!" Hellmuth sprang herzu. „LaB 
sehen!" Schnell zog er ihm den Stiefel aus und un- 
tersuchte vorsichtig den FuB. 

„Qottlob, nichts gebrochen — aber tuchtig luxiert 
scheint es — es schwillt schon an! Nun kannst du 
morgen nicht reiten!" 

„Aber ich muB — ich muB!" stohnte KleofaB ver- 
zweifelt. „Wenn nicht in den Stiefel kann — reite 
in Pantoffeln!" 

„Dicker, du bist ein schneidiger Kerl! Dich hat 
die Liebe aufgeweckt!" sagte Hellmuth. „Und nun 
sollst du doch morgen reiten ! War ich die ganze Zeit 
dein Spiritus, so kann ich wohl morgen auch noch 



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einmal als falscher Doderlein auftreten, bis du selber 
deinen Mann stellen kannst und wirst!" 

W&hrend KleofaB, je einen Arm um Hellmuths und 
Obelhacks Hals geschlungen, gliicklich unbemerkt in 
sein Zimmer humpelte, entwickelte Hellmuth seinen 
Plan. 

„Du gibst mir eine von deinen Uniformen — ich 
stopfe mich aus, bis ich deinen Umfang habe, pudre 
mir Haar und Schnurrbart hell, setze dein Monokel 
auf und reite als Letzter zum Start. Da gibt jeder 
nur auf sich selber acht. Wahrend des Rennens wird 
man mich aus weiter Feme natiirlich auch nicht er- 
kennen, und reite ich als erster durchs Ziel — von 
den Pferden, die morgen gehen, wird namlich keines 
deiner Ladylike die Hufe zeigen — so reite ich an der 
Tribune vorbei bis zum Tannenwaldchen, wo du ver- 
steckt bist — springe ab — verstecke mich — du 
nimmst das Pferd am Ziigel und humpelst zum 
Pfosten. Kannst dann sagen, du bist angeritten wor- 
den. — Und dann — Tschinta — tara — Bumta — 
tara — feiern wir die Verlobung mit der eigensinni- 
gen Liesel!" 

„Hellmuthr jubelte KleofaB. 

„Jetzt bleib ruhig auf dem Diwan und mach' dir 
Umschl&ge!" 

Die beiden Vettern hatten sich den ganzen nach- 
sten Tag nicht sehen lassen, nur Obelhack hatte zwei- 
mal geheimnisvoll einen Arm voll Heu in das Zimmer 
des Herrn Leutnant Doderlein getragen. 

Als es ein Uhr war und man im Schlosse zum Diner 
ging, war der falsche Doderlein fix und fertig. Mit 
Obelhacks Hilfe hatte man das Heu in eine Uniform 
des KleofaB genSht. Hellmuth hatte sich Kopf und 
Haar gepudert, das Monokel eingeklemmt und sah, 
mit dem dicken Wamslein, da er im Qesicht dem 
Vetter ziemlich ahnelte, selbst auf eine kurze Entfer- 
nnug genau aus wie KleofaB. 

WShrend die andern oben tafelten, schlichen die 

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beiden zum SchloB hinaus, hinuber zur Rennbahn, die 
in nachster N&he auf einem groBen Wiesenplan er- 
richtet war, 

Nicht weit von der aus Holz errichteten Tribune 
befand sich ein kleiner Schlag von dichten jungen 
Tannen, an welchem die Bahn hart vorbeifiihrte. In 
diesen krochen die beiden und befanden sich bei 
einem ImbiB, den der treue Obelhack hinuberschmug- 
gelte, und einigen Zigarren sehr wohl. 

Bei Tisch wurde lebhaft besprochen, daB Hellmuth 
Reugeld fiir seinen Lichtbraunen gezahlt und daB da- 
gegen KleofaB mit der „vierjahrigen Fuchsstute La- 
dylike, von Turul aus der PatroneB" genannt habe! 

Die Sonne schien lustig. Die Tribune fiillte sich 
mit Offizieren und Herrschaften von dem nahen 
Stadtchen und den benachbarten Qutern. Die Regi- 
mentsmusiken spielten frohliche Weisen. 

Liesel saB mit den Herrschaften in der ersten Reihe 
auf der Tribune. — 

Das erste — ein kleineres Hiirdenrennen — war ge- 
ritten. Dann kam ein Jagdreiten und jetzt die groBe 
Steeplechase. 

„Es ist Zeit, Herr Leitnam!" sagte Obelhack ins 
Versteck hinein, der mit der Ladylike hinter dem 
Schlag hielt. 

„Also los!" rief Hellmuth — weniger vom Rennen 
als von seiner Maske aufgeregt. „VergiB nicht! Ich 
reite, als wenn ich das Pferd nicht aufhalten konnte, 
an der Tribune vorbei bis hier hinter den Schlag. Da 
spring ich ab, verschwinde und du trittst in Aktion!" 
„All right!" brummte KleofaB, nicht minder auf- 
geregt. 

„Es sind vierzehn Herren am Start," sagte jemand 
auf der Tribune. 

„Wo ist Doderlein?" 

„Hier kommt er eben!" 

„Wo?" 

„Dort driiben, hinter dem Waldchen!" 

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„Das Pferd hat einen famosen Sprung!" 
„Jetzt sind alle am Platz. Ftinfzehn Pferde!" 
„Da senkte der Starter die rote Fahne!" 
„Heidih — da toben sie los!" — 
Hellmuth hatte sich ganz hinten gehalten, um nicht 
erkannt zu werden. Nach dem ersten Hindernis teilte 
sich das Feld ein wenig. Hellmuth dr&ngte scharf 
durch und ritt jetzt als Funfter. — Nun kamen 
Schanzkorbe — einer stiirzt — Ladylike springt flie- 
gend driiber weg. Der falsche Doderlein reitet als 
vierter. Weiter gehfs in wilder Flucht. Der Zwi- 
schenraum zwischen den vier ersten und dem groBe- 
ren Schock nimmt stetig zu. Jetzt kommt die scharfe 
Wendung, zugleich der nasse Qraben. Hellmuth ver- 
sammelt das Pferd und reitet schief auf den Qraben 
zu, dadurch abschneidend — hoppla — jetzt hat er 
die Fiihrung — die andern bleiben zuriick. Jetzt 
gehfs auf die Tribune los ! 

Dort erhebt sich ein Summen und Brausen. 
„Wer?" — „D6derlein! u — „Wahrhaftig, er fuhrt!" 

— „Unglaublich, der KleofaB!" — „Bravo, er nimmt 
das Rennen!" — „Da ist er! u 

Etwa zwanzig Schritte vor den andern stiirmt der 
falsche Doderlein auf die Tribunenhurde los — in ta- 
delloser Haltung mit seinem Bauchlein hoppla! 

— Ein allgemeines, lautes Bravo von der Tribune be- 
lohnt den prachtvollen Sprung. 

„Man soil niemand nach dem ersten Eindruck be- 
urteilen!" sagte der Oberst. „Der Mann bereitet mir 
eine Oberraschung nach der andern!" 

Weiter ging's quer iiber den Platz und wieder ne- 
ben der alten Bahn einlenkend zuriick. 

Immer mehr distanzierte Ladylike die folgenden 
Pferde. Jetzt kommen sie wieder zuriick den alten 
Weg — noch eine Hiirde, die letzte, und jetzt flache 
Bahn. — Eine Beifallssalve schallte von der Tribiine, 
als der falsche Doderlein jetzt weit — weit voraus 



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ohne einen Peitschenhieb in tadelloser Haltung durchs 
Ziel ging. 

„Was schreien Sie denn?" stohnte KleofaB, der in 
qualender Unruhe im Dickicht saB. 

,,'s is aus, Herr Leitnam!" sagte Obelhack, der 
als Posten aufgestellt war. 

KleofaB eilte aus dem Tannendickicht — da er 
nicht orientiert ist, blickt er nach der entgegengesetz- 
ten Richtung. 

„Hopp, Herr Leitnam, hopp!" briillt Obelhack. 
Der Vetter braust heran, scharf urn die Ecke — Kleo- 
faB fahrt herum. — „He!" schreit Hellmuth und sucht 
das in vollem Lauf befindliche Pferd zur Seite zu 
reiBen. KleofaB kann nicht wegspringen — sein FuB 
versagt — da walzen sich alle drei im Qras, das 
Pferd — der f alsche — und der echte Doderlein ! — 
Hellmuth und Ladylike springen sofort wieder auf 
die FiiBe — KleofaB bleibt liegen. 

„Vetter — um Qotteswillen — was ist?" 

„Geh fort! Man sieht von der Tribune her!" 

Hellmuth springt ins Dickicht. „Ist nichts gesche- 
hen, KleofaB?" 

„Nischt!" lacht dieser am Boden liegend. „Sie 
haben mich mit den Opernglasern. Nu bleib' ich 
feste liegen! Sollen mich nach Hause tragen. Dok- 
tor kommt schon gelaufen. Auf Wiedersehen, Her- 
zensjunge!" 

Auf der Tribune gerat alles in Bewegung: „Er ist 
gesturzt" — „n a c h dem Sieg" — „so ein Pech" — 
„dort driiben" — „er bleibt liegen" — „es muB ihm 
was passiert sein" — so schwirrt es durcheinander — 
in der ersten Reihe wird eine brunette junge Dame 
leichenblaB. 

Der Doktor Braun eilt herbei. 

„Qehirnerschiitterung!" sagte er bedenklich. Kleo- 
faB ware fast herausgeplatzt. Gemachlich tragt man 
ihn nach Hause, den faulen Herrn. Er ist der Held 
des Tages. 

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Diesen Abend war herrlicher Mondschein. Er be- 
leuchtete im Park drei gliickliche Menschen, den fal- 
schen Doderlein und den echten — und seine Braut! 

— Er hat alles erzahlt, aber als Liesel bei seinem 
vermeintlichen Sturz einen jahen Schreck empfand, 
hatte sich zum zweitenmal etwas in ihrem Herzen ge- 
ruhrt, wie da, als ihr Hellmuth erzahlte, dafi KleofaB 
ihn vor dem Untergang gerettet habe! Und so gab 
sie ihm ihr Jawort. 

„PaB auf! Das soil ein Leben werden, Schwester!" 
sagte Hellmuth! „Wir beide, du und ich, wir wollen 
einen prachtigen Jungen aus ihm machen, vielleicht 
gar noch einen schneidigen Qardereiteroffizier — 
denn Schneid hat er, du hattest nur sehen sollen, wie 
er gestern nachmittag Hiirden nahm! Wenn du sei- 
nen Kiichenzettel regulierst und ich alle Tage mit 
ihm acht Stunden im Sattel sitze, so ist er in einem 
halben Jahre so schlank wie eine Tanne! Schau 
nur, wie das Manover schon an ihm gezehrt hat, — 
nicht wahr, Dickerchen?" 

„Ja, Herzensjunge, du hast mich von Qrund aus 
umgestulpt — ich erkenne mich selbst nicht wieder!" 
sagte dieser gliickselig. 

„Nicht ich!" meinte Hellmuth, „dich hat die Liebe 
kuriert. Denn die Liebe ist die machtigste Zauberin 
auf Erden — manchmal macht sie sogar aus Qigerln 

— Helden!" 

„Das soil ein Wort sein!" rief KleofaB, indem er 
gliickselig die beiden Geschwister umarmte! 



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Der ewige Hochzeiter. 



Trari — trara — ra ta ra — ta — tata! — Die 
Schwadron kommt durchs Stadtchen geklappert. Die 
Fenster klirren, die Madels schauen, die SpieBbiirger 
bleiben stehen, die Jungen laufen, die Hunde bellen. 

„Trari — trara tataratatata!" So schmettert's 
voraus. So rein und scharf, leicht und glockenhell! 
Das ist der Trompeter Mutschmann auf seinem 
Schimmel. Die Beine streckt er vom Gaul. Die 
Ziigelfaust hat er in die Seite gestemmt und der 
Schimmel geht mit langem Hals, dafi die Ziigel hin 
und her pendeln. Den Tschapka hat er schief auf 
dem braunen Lockenkopf und die Trompete am Mund 
hinauf gegen den blauen Himmel gerichtet, so reitet 
er voraus, der bildhiibsche, flotte Kerl, ein rechter 
deutscher Ulanentrompeter. 

Zehn Schritte hinter ihm kommt der Herr Ritt- 
meister, ein magerer, sonnengebraunter Soldat mit 
groBem Schnurrbart, die FuBspitzen nach auswarts, 
die^ langen Biigel hinten am Rist und den Kopf etwas 
vorhangend, den Tschapka tief in der Stirne. 

Zehn Schritte weiter klappert die Schwadron mit 
lustig flatternden Fahnlein, die Offiziere zur Linken. 

Zuerst der Oberleutnant Graf Delmensingen mit 
dem dicken, roten Kopf, daB man denkt, es wird ihn 
gleich der Schlag treffen — er sieht aber immer so 
aus und befindet sich ganz wohl dabei. Der glatt- 

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rasierte Kopf quillt an alien Seiten unter dem Tschap- 
ka hervor, als hatte er keinen Platz darunter. 

Der nachste ist der Leutnant Farmbach, ein hub- 
scher Herr mit blondem Vollbart. 

Der dritte Offizier ist auf Urlaub, darum fiihrt der 
Fahnrich den Zug. Er heiBt Freiherr von und zu 
Tiimmelkam auf Melverstedt. Er ist ein hiibsches 
Biirschchen von 19 Jahren mit einem weiBblonden 
Kopf, ungeheuer lebhaften blauen Augen, feinem ari- 
stokratischen Profil und schlanker Taille. Er hat 
den Sitz eines englischen Jockei angenommen, wenn 
er nach dem Rennen, ohne gewonnen zu haben, zum 
Pfosten zuriickkehrt. Den Riicken gebogen, die Beine 
hinaufgezogen, daB die FuBspitzen fast am Pferde- 
hals waren, die eine Hand in der Hosentasche, mit 
dem Ziigel so lang er nur sein konnte, gab der Herr 
Baron Tiimmelkam auf Melverstedt deutlich zu er- 
kennen, daB ihm das Exerzieren schon langst lang- 
weilig sei, und daB man nach seiner Meinung wieder 
um eine Stunde zu spat einriicke. 

Der schnauzbartige Wachtmeister beschloB die 
Reiterschar. Doch halt! Nein! Da kommt noch 
einer — ganz hinterdrein. Es ist der Lazarettgehilfe 
und Gefreite Zeck mit der groBen Verbandtasche. Er 
sieht ein wenig verknittert aus, der brave Zeck. Es 
ist ihm alles zu weit. Der Helm fallt ihm bis iiber 
die gurkenahnliche Nase, neben welcher links und 
rechts ein schwarzes kleines Auge wie ein Tintenklex 
in dem blassen Qesicht leuchtet. Er sitzt stocksteif 
auf seinem RoB, mit iibermaBig hohlem Kreuz, jene 
Korperpartien, mit welchen andere Reiter sonst den 
Sattel zu bedecken pflegen, hoch in die Luft. ' 

Die Schwadron gehorte zu einem Regiment, welches 
in einer etwas entfernteren Stadt lag, und bildete die 
einzige Qarnison des kleinen Stadtchens. Darum 
gait sie aber auch sehr viel bei den Biirgern. „Un- 
sere Ulanen!" und „unsere Herren Offiziere!" ja da 
ging jedem das Qesicht aus dem Leim! 

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Als die Schwadron durch das enge Tor in den Hof 
der kleinen ruBigen Kaserne geklappert war, machte 
sie Front. 

Alles stand wie eine Mauer, nur der Fahnrich Ba- 
ron Tiimmelkam rutschte auf seinem Sattel hin und 
her und verdrehte die Augen nach alien Seiten. 

„Donnerwetter!" fing der Rittmeister an zu pol- 
tern, „hort der Fahnrich nicht, daB Stillegesessen 
kommandiert ist, was webern Sie denn auf Ihrem 
Qaul herum!? — Bin heute sehr unzufrieden," fuhr 
er fort, „sind immer noch solche Krautschweinigel 
unter euch, die den Unterschied zwischen einer Lanze 
und einer Mistgabel nicht einsehen wollen. Aber 
paBt 'mal auf, ihr niedertrachtigen Agrarier, paBt 
'mal auf, wenn ich grob werde, dann wiinscht euch 
lieber zur Infanterie, als daB ihr mir unter die Finger 
kommt!" 

Die Ulanen wuBten ganz genau, wie's gemeint war, 
denn wenn der Herr Rittmeister langere mit kernigen 
Worten gewiirzte Ansprachen hielt, dann war es gut 
gegangen, dann war er sehr zufrieden. Nur wenn er 
beim Einrucken gleich stumm nach Hause ritt, dann 
zog der Wachtmeister die unangenehme rote Brief- 
tasche hervor, dann regnete es Arrest und Strafstall- 
wachen. 

„Jeden Tag kann der Herr Major zur Trensenbe- 
sichtigung kommen und noch immer sind solche 
Liimmel unter euch, die nicht begreifen konnen, daB 
das Qliick der Erde auf dem Rucken der Pferde ist 
und daB man euch damlige Mistkarrenschieber zu 
Kavalieren macht, wenn man euch auf ein Dienstpferd 
setzt und euch die ritterliche Lanze in die Hand 
gibt!" 

Er wuBte wohl, daB sie es alle einsahen, seine flot- 
ten Ulanen, er wuBte es ganz genau, der brave Ritt- 
meister, und das Herz hatte ihm heute im Leibe ge- 
lacht, als er seine jungen deutschen Lanzenreiter iiber 
das Exerzierfeld hatte attackieren lassen. Das war 
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gegangen wie ein Ungewitter. Aber er hatte zwei 
Grundsatze, der Herr Rittmeister : „Ein junges Pferd 
nie ohne Schenkel gehen lassen!" — und „junge Ula- 
nen nie beloben!" „Das Pferd liimmelt sich sonst 
auf die Stange und meine Ulanen legen sich auf die 
faule Haut." Nun, er muBte es ja wissen, der Herr 
Rittmeister, denn er war ein sehr guter Offizier. 
Sein Blick schweifte iiber die Schwadron. Er hatte 
gem einen herausgefunden, dem er noch speziell 
einige scharfgepfefferte Lehren gegeben hatte, aber 
er erinnerte sich wirklich an kein Versehen — doch 
ja — da hinten — 

„Ja, ganz richtig!" fuhr der Rittmeister fort. „Da 
hah' ich heute auf dem Exerzierfeld einen Kerl 
herumwimmeln sehen, ausgesehen hat er wie ein Sol- 
dat, aber sicher war es ein verkleidetes altes Weib 
— Sie da hinten mit Ihrer Umhangtasche — Sie 
haben eine nette Reiterei vollfiihrt — bei der Attacke 
hat der Karpfe sich an der Mahne angehalten, dabei 
hat er ein hochedles Pferd, dieser Apothekerlehrling! 
Ein Ungluck, daB solche Kerls Vorschrift sind! Rei- 
ten Sie 'mal raus da! Na, horen Sie nicht? Schock- 
schwerenot! Sie da — Lazarettgehilfe, Sie sollen da 
herausreiten zu mir. Ja, hat die Welt schon so einen 
Trottel gesehen — sitzt dieser Chineser auf einem 
Tier, das meine UrgroBmutter ohne Sattel und Zaum 
uberall hinreiten kann, und bringt es nicht aus dem 
Qlied heraus! Her — t — r — r — aus da!" Der Laza- 
rettgehilfe Zeck zeigte den besten Willen, dem Be- 
fehl seines Rittmeisters Folge zu leisten. Er stellte 
die Faust aufrecht, lieB die Ziigel aufmunternd hin 
und hergehen, legte die Unterschenkel an und suchte 
die tr&ge Masse des Pferderiickens durch eifriges 
Rutschen auf dem Sattel in FluB zu bringen. Um- 
sonst! Der Qaul blieb wie angenagelt. Erstens, 
dachte sich das „edle" Tier, gehen die andern audi 
nicht und ich brauche keine Extrawurst, zweitens 
hah' ich heute fiir meine 8% Kilo Hafer genug ge- 

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schuftet, die diinnen Waden von dem Kerl da, der 
auf mir oben sitzt, spur* ich ja kaum, und sollte er 
sich unterstehen, mir mit den Sporen zu nahe zu 
kommen, dann wird er was erleben! 

Wahrend das kluge Tier also dachte, ritt Zeck im- 
mer tapfer darauf los, nur daB man die Wirkung nicht 
sah. 

„Was macht denn der Schnapsgefreite?" schrie der 
Rittmeister, „ich glaube, der Kerl will sich zum 
Schlangenmenschen ausbilden; was quargeln Sie 
denn da in der Luft herum wie eine verriickt gewor- 
dene Spirale! Warum reiten Sie denn nicht her- 
aus?! 44 

Da erhob Zeck verzweif elt seine diinne, piepsige 
Stimme: „Entschuldigen der Herr Rittmeister, ich 
reite schon die ganze Zeit heraus, aber das Vieh tut 
nicht mit!" 

Die ganze Schwadron grinste und der Fahnrich 
Baron Tummelkam platzte laut heraus. Das war so 
was fur ihn! Er konnte iiber alles und jedes lachen, 
und wenn auch manches von andern Menschen ganz 
ernst gefunden wurde, er fand es doch lacherlich. 
Er war trotz seiner 19 Jahre noch ein kindlich lustig 
Blut. 

„Wer lacht denn da?" rief der Herr Rittmeister 
„der Fahnrich!? Weinen sollten Sie lieber iiber so 
einen Quadratdoskopf, der sich untersteht ein Dienst- 
pferd ein Vieh zu nennen, wahrend man doch nicht 
einmal einen Menschen so nennen darf, ohne bean- 
standet zu werden. Sitzen Sie ab, Fahnrich — und 
Sie auch — Floh oder wie Sie heiBen!" — „Zeck! 
Herr Rittmeister! 44 schrie der Lazarettgehilfe sehr 
stolz. 

„Na ja — wuBte ja, daB Sie so 'n Amphibien-Na- 
men haben — so — klettern Sie 'runter — werde 
Ihnen gleich eine Leiter bringen — so — jetzt 
schmeiBt er noch die Tasche hin — so eine Tranen- 
lampe — gleich wird er flennen, der Latwergen- 
27* 

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mensch! Na, Fahnrich, weil Sie heute so gut aufge- 
legt sind, machen Sie mit dem Jiingling da noch ein 
biBchen FuBgalopp bis zwolf Uhr. Morgen, Kinder!" 
— „Morrrgen, Herr Rittmeister!" schrie die Schwa- 
dron aus Leibeskraften. Der Rittmeister ritt mit den 
Offizieren, die schon friiher ausgetreten waren, fort, 
wahrend der Wachtmeister kommandierte : „Fertig 

zum Absitzen Abgesessen — zu einem rechts 

brecht ab — marsch!" Und einer hinter dem andern 
riickte mit seinem Pferd an der Hand in den Stall. 
Die Pferde des F&hnrichs und des Lazarettgehilfen 
wurden von den Stallwachen iibernommen und Fahn- 
rich Baron Tummelkam auf Melverstedt und Laza- 
rettgehilfe Zeck standen auf dem einsamen Kasernen- 
hofe und sahen einander an. „Wollen wir ein biB- 
chen?" fragte der Fahnrich lachend. Zeck schuttelte 
wehmiitig das Haupt. Die Art, wie er dies vollfiihrte, 
war bemerkenswert. Er schlittelte namlich mit den 
ganzen Oberkorper, wie wenn der Hals steif ange- 
wachsen ware, dabei preBte er das Kinn gegen den 
Rockkragen, als ob er eine Serviette zusammenlegen 
wollte. Es war dies mehr Qewohnheit von ihm, als 
ein korperliches Qebrechen. 

Zeck war namlich im Zivilleben Dorfbader und 
hielt sich aber fiir den „groBen Medizinmann", und 
weil ihm dies niemand glauben wollte, darum hielt 
er den Hals so steif und schaute mit seinen kleinen, 
schwarzen Augen, die ohne Augenbrauen und Wim- 
pern ganz unvermittelt in dem bleichen Qesicht 
saBen, immer schnurgerade an seiner langen, etwas 
blaulichen Loffelnase vorbei. Als Zeck den Kopf in 
der angegebenen Weise schuttelte, amiisierte sich der 
lustige Fahnrich natiirlich sehr. 

„Menschenkind, wahrhaftig, Sie haben steife Ga- 
naschen, Sie miissen in einen Pferdestand gestellt 
und alle zwei Tage zwei Stunden ausgebunden wer- 
den, damit Sie Ihren* Widerrist ein wenig von den 
Halswirbeln loskriegen." Zeck lachelte. 

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Ach du meine Qttte, was fur ein merkwiirdiges L£- 
cheln war das! — Man nehme eine Zitrone, zer- 
mantsche sie mit einem Qallapfel, gieBe darauf einen 
Loffel Alizarintinte, detto einen Loffel Essig, detto 
Myrrhentinktur, detto zwei Messerspitzen Alaun, 
riihre es gut durcheinander, bestreue das Qanze mit 
Paprika, nehme es ein und stelle sich dann vor den 
Spiegel. Das Qesicht, welches man dann ohne Zwei- 
fel machen wird, dtirfte dann annahernd dem Lacheln 
des Zeck zu vergleichen sein. 

Fur jene, welche vielleicht doch nicht so viel In- 
teresse an unserm Zeck nehmen, um mein Rezept zu 
befolgen, geniige es zu erfahren, daB Zecks Qesicht 
von der Natur mit zu viel Haut bedacht war, die beim 
Lacheln sich in die merkwiirdigsten Falten zog wie 
ein nasser Strumpf. Der Fahnrich lachte, daB er sich 
bog, als er Zeck so lacheln sah. 

„Er lacht! Zeck lacht!" schrie der Fahnrich. 
„Mensch, wenn Sie lachen, muB ja die Milch zusam- 
mengehen in der ganzen Stadt! Ach, lacheln Sie 
nochmal, es ist zu schon!" 

Nun kam der Trompeter Mutschmann mit einem 
Qlas Bier nebst Wurst und Brot, das er aus der Kan- 
tine geholt hatte. „Der Alte ist nach Hause gerit- 
ten," sagte er, „wir konnen's riskieren." 

Der Fahnrich riskierte es mit Vergniigen, denn der 
FuBgalopp war ihm sehr verhaBt. Er setzte sich mit 
Mutschmann auf eine Bank neben der Stalltttre, wah- 
rend Zeck respektvoll vor ihnen stand. Tiimmel- 
kam konnte sich noch immer nicht iiber den Laza- 
rettgehilfen beruhigen und sein Qelachter steckte den 
Trompeter mit an. 

„Was hast du denn, Rudi?" fragte er gleichfalls 
mitlachend, obschon er den Qrund noch gar nicht 
wuBte. 

Mutschmann war namlich ein Schulkamerad von 
Baron Tummelkam gewesen, infolgedessen sagten 
sie sich noch du. 



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Der Fahnrich erklarte dem Trompeter den Grund 
seiner Heiterkeit und so amusierten sich beide tiber 
den guten Zeck und seine Eigentiimlichkeiten, und da 
dieser auch kein SpaBverderber war, sondern herz- 
haft mitlachte, so drohnte alsbald der kleine Kasernen- 
hof von dem lauten Gelachter der drei jungen Leute. 

„Na, immer lustig!" ertonte plotzlich eine Stimme, 
„geht euch wohl zu gut?" Der Fahnrich und der 
Trompeter sprangen auf, ersterer hatte den Mund 
noch voll. 

„Warum riickt der Mann nicht ein?" fuhr die plotz- 
liche Stimme fort, die dem Herrn Major von Hosier 
angehorte, der wie aus der Erde auftauchte. 

„Es ist der Lazarettgehilfe, Herr Major!" antwor- 
tete der Fahnrich strammstehend. 

„So? Was ist denn dabei so lacherlich? Schon 
gut, Wachtmeister." Dieser kam eben eilig herge- 
laufen. „Die Herren sind wohl schon nach Hause ge- 
ritten? Komme wohl ein biBchen unerwartet? Na, 
und ihr drei, driickt euch 'mal schnell, der Kasernen- 
hof ist kein Platz, um Radau zu machen!" 

Wie froh waren die drei, Tummelkam, Mutsch- 
mann und Zeck, und wie eilten sie staubaus. 

Major v. Hosier war ein sehr unangenehmer Herr. 
Bei Vorgesetzten, Kameraden und Untergebenen 
gleich unbeliebt, wuBte er, daB er die Majorsecke 
nicht umsteuern werde, hatte es doch als Rittmeister 
schon die groBte Miihe und Protektion gekostet, um 
diesen Grad zu erreichen. In unserer groBen deut- 
schen Armee, die das beste Offizierskorps der Welt 
besitzt, konnen sich unwissende und von Charakter 
zweifelhafte Offiziere nicht halten! In den unteren 
Graden gelingt es wohl zuweilen einem und dem an- 
dern, sich eine Zeitlang zu fristen, hohere Komman- 
dos aber vertraut man nur tiichtigen, ehrenfesten 
Mannern an, deren Fahigkeiten und Charakter daftir 
btirgt, daB sie ihr kostbares Menschenmaterial nicht 
vergeuden. Der Charakter und die Gesinnung sind 

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gerade im Soldatenstand so wichtig. Es kann vor- 
kommen, daB einer alle Priifungen besteht, sich im- 
mer korrekt auffiihrt und doch seiner ganzen Qesin- 
nung nach nicht zu dem strammen und doch so men- 
schenfreundlichen und vornehmen Qeist unseres Of- 
fizierkorps paBt. So war es bei Major von Hosier. 
Es lag nichts Bestimmtes gegen ihn vor, aber bei 
tausend kleinen Anlassen sah man, daB er falsch, un- 
nobel und kleindenkend sei, daB er vor den Hoheren 
kroch und die Untergebenen schikanierte. In seinen 
Leutnantstagen war er ein eitler Renommist, und als 
seine wohlgeschniegelten Haare anfingen schabig zu 
werden, da hatte er sein kleines Vermogen durchge- 
putzt und noch etliche Schulden dazu. Na, was 
schadet's — eine reiche Frau, und die Sache ist ge- 
macht! Das ist ja der Ausweg aller Wichte, die 
nicht Kraft genug haben, sich selber zur Qeltung zu 
bringen. Aber das ging nicht so leicht, wie Herr 
von Hosier glaubte. Er blitzte iiberall ab, ein paar- 
mal gelang es ihm, sjch zu verloben, aber da hatte er 
selber schleunigst vor der Hochzeit ReiBaus genom- 
men oder „das Jawort zuriickgegeben", wie man 
sagt, denn es war eitel Schein gewesen, er erfuhr 
noch rechtzeitig, daB die betreffenden Damen auBer 
funfzig Schranken aller moglichen Kleiderfetzen 
„nischt" hatten. Und nun suchte er immer noch. 
Seit er mit Ach und Krach Major geworden, suchte 
er geradezu fieberhaft. Er wuBte, daB er bald pen- 
sioniert werde, er hatte daruber einen ganz bestimm- 
ten Deuter erhalten. Also war es hochste Zeit! 
Denn einen aktiven Major heiratet man noch, wenn 
sonst nichts, so hat man doch die Uniform geheiratet 
— aber einen pensionierten — o je — dann ist es aus 
mit den Chancen. Major von Hosier suchte also 
krampfhaft eine reiche Frau, hielt iiberall an, fuhr 
iiberall ab, und in der ganzen Stadt nannte man ihn 
den „ewigen Hochzeiter". 
Wahrend sich der Herr Major mit dem Wacht- 

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meister in die Stallungen begab, urn etwas Ordnungs- 
widriges auszuspiiren, gingen die Drei in die Kantine, 
urn das unterbrochene Friihstiick fortzusetzen. Auf 
einmal verdusterte sich Zecks Miene. „Der wird 
doch nicht das Revierkrankenzimmer visitieren!" 
piepste er. 

„Natiirlich!" sagte Mutschmann, „da konnen Sie 
sich drauf verlassen und in jede Medizinflasche wird 
er seine Karbunkelnase hineinstecken!" 

Zeck sprang auf. „Uje! Da muB ich gleich in die 
leeren Kognakflaschen Lakritzensaft tun!" Er 
rannte fort, ohne zu zahlen. 

„Sie Ungeheuer!" rief ihm der Fahnrich nach. „Er 
hat den Kognak fur die Kranken ausgeloffelt! Ein 
wahrhaftiges Meerwunder, dieser Zeck!" 

„Wenn er nur nicht in die Tinte kommt mit sei- 
nem Lakritzensaft!" lachte der Trompeter. „Was 
machen wir jetzt, Mutsch?" sagte der Fahnrich, der 
mit dem Friihstiick fertig war und sich eine Zigarre 
anztindete. „Es wird gut sein, wenn wir dem ewigen 
Hochzeiter aus dem Weg gehen.' Komm mit auf mein 
Zimmer und blase mir etwas auf dem Waldhorn 
vor!" 

Qesagt — getan. 

Baron Tummelkam lag auf seinem Bett auf dem 
Rticken, die Beine iibergeschlagen, seine Havanna 
rauchend, in behaglichster Stimmung, wahrend unser 
Mutschmann wunderbar weich auf seinem Waldhorn 
blies. 

Der Fahnrich und der Trompeter waren, wie er- 
wahnt, Kameraden von der Lateinschule her. Rudi 
war dann ins Pagenkorps gekommen und Mutsch- 
mann muBte seine Studien aufgeben, da er seinen 
Vater verlor. Er kam zu einem Instrumentenmacher 
in die Lehre. Ein schwerer Kummer war es fur den 
intelligenten, hochtalentierten Jungen, da er sein Stu- 
dium nicht fortsetzen konnte. Aber unverdrossen 
benutzte er jede freie Zeit, blieb immer allein, ging 



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nie ins Wirtshaus und iibte sich auf den Instrumen- 
ten seines Meisters. Vor allem war das Blasen seine 
Lust und er brachte es bald sehr weit darin. Mit acht- 
zehn Jahren stellte er sich freiwillig bei den Ulanen, 
da er nicht Einj&hriger werden konnte. Seine arme 
Mutter hatte es nicht erschwingen konnen, wenn er 
sich auch wohl getraut hatte, das Examen zu be- 
stehen. 

Baron Tummelkam war gleichzeitig mit ihm einge- 
treten, nach einem halben Jahre auf die Kriegsschule 
gekommen und erwartete jetzt, zur Schwadron zu- 
ruckgekehrt, seine Beforderung zum Offizier. 

Rudi war eben so alt wie Mutschmann, nur war er 
seiner ganzen Lebensanschauung nach noch ein 
Knabe, wahrend Mutschmann, im Kampf des Lebens 
frtih gereift, schon ein Mann zu nennen war. Rudi 
dachte nur an lustige Streiche und Kindereien. Der 
Herr Rittmeister hatte ihm jiingst gedroht, er werde 
ihn nicht zum Offizier qualifizieren, wenn er nicht 
alsbald Vernunft annehme. Das ware eine schone 
Qeschichte. Da wurden ja der alte Baron Tummel- 
kam und die Frau Baronin auBer sich gewesen sein. 
Sie lieBen es auch an Ermahnungen nicht fehlen. Es 
hatte namlich mit dem Offizierwerden von dem lusti- 
gen Rudi noch eine ganz besondere Bewandtnis. Die 
reiche Linie der Tummelkam auf Melverstedt war 
ausgestorben und der letzte — ein alter Haudegen 
und kinderloser General — hatte ein Familienfidei- 
kommiB errichtet, an dessen QenuB die Bedingung 
geknupft war, daB der jeweilige NutznieBer aktiver 
Offizier sein muBte. So wie nun Rudi Offizier wurde, 
fiel ihm ein bedeutendes Vermogen zu, auf das Papa 
Tummelkam auf seinem magern Out schon recht 
sehnsuchtig wartete. Daher die Sorgen der guten 
Eltern, daB ihr Sohn filius durch eine seiner belieb- 
ten Dummheiten die Epauletten und damit sein Qltick 
verscherzen konne. Aus dem Pagenkorps ware der 
liebe Rudi ohnedies beinahe gestampert worden, so 

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hatte er es dort getrieben. Dabei war Rudi ein guter 
und sehr begabter Junge, aber in seinem Blute 
steckte etwas, so daB er nicht ruhig sitzen, nicht 
ruhig denken konnte. Irgend ein Schabernack, eine 
Tollheit, ein SpaB muBte ausgefuhrt werden. Da 
vergaB Rudi dann alles daruber und konnte sich halb 
tot lachen. 

Also Rudi liegt auf dem Bett und der Trompeter 
blast. 

Da klopft es an die Tiire und hereftn trat Zeck. 

Er war ein wenig verlegen, aber doch sehr wiirde- 
voll, denn als Qefreiter rechnete er sich zu den Un- 
teroffizieren. „Erlauben, Herr Fahnrich!" quiekste 
er. 

„Herein mit dir, weiser Ben Zeck, der der bloden 
Welt Lakritzensaft fur Kognak vorgaukelt!" schrie 
Rudi. 

„Sieht sehr gut aus in den dunkeln Flaschen!"? 
meinte Zeck, sich vergniigt die mageren Hande 
reibend. 

„Na, und wenn der ewige Hochzeiter deinen Ko- 
gnak verkostet?" 

„Dann, Herr Fahnrich, bin ich ein Mann der blassen 
Vernichtung!" Bei diesen tragischen Worten verzog 
Zeck sein ihm von Qott anvertrautes Qesicht zu 
einem solch kannibalischen Lacheln, daB selbst 
Mutschmann nicht mehr blasen konnte und an seinem 
Mundstuck herumsprudelte und prustete. Rudi schrie 
und strampelte mit den Beinen vor Vergnugen. 

„Schon drei Wochen bin ich wieder bei der Schwa- 
dron und lerne dieses Unikum erst heute kennen. 
Jetzt wird's erst lustig in dem langweiligen Raben- 
nest. Zeck ist ja da. Man stimme Zeck heiter mit 
einer MaB Bier und einer Wurst, damit er grinst — 
und das Vergnugen ist gemacht!" 

Dazu wieherte Rudi, was Zeug hielt, und Mutsch- 
mann, der eigentlich ein Adagio blies, tutete fortissi- 



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mo, weil er ebenfalls das Lachen in sein Horn hinein- 
kriegte. 

„Seid Ihr besessen?" brullte der Wachtmeister 
plotzlich ins Zimmer. „Was ist denn los? Hat der 
Kerl den Veitstanz? Komm mir nicht zu nahe!" Er 
meinte Zeck, der in der Tat beangstigend aussah. Er 
hatte sich beim Lachen verschluckt und sprang auf 
einem Bein, hustend und mit den langen Armen wie 
mit den Flugeln schlagend. 

„Der Herr Major ist doch hier und ihr macht einen 
Larm, daB die Kaserne wackelt! Raumt lieber hier 
zusammen, er steckt ja seine Nase iiberall hinein!" 

Der Fahnrich, der noch immer Tranen lachte, war 
vom Bett heruntergerollt. 

„Wachtmeister — kennen Sie den Zeck? — Haben 
Sie je einen Blick in die Seele dieses Ungeheuers ge- 
worfen?" 

„Lassen Sie jetzt doch die Kindereien, Fahnrich!" 

„Wissen Sie, Wachtmeister, was er getan hat?" — 
brullte Rudi weiter. „Dieser gerissene Knabe — 
dieser durchgehaute Nagel — den Kognak im Revier- 
zimmer hat er ausgepolkt und dafiir einen Saft aus 
Barendr dr dr " 

Rudi konnte nicht mehr vor Lachen. 

„Lakritzen, wie wir Mediziner sagen, habe ich 
hineingetan!" erganzte Zeck gravitatisch. 

„Sie Mediziner!?" knurrte der Wachtmeister 
schmunzelnd, „schoner Mediziner, der den Kranken 
die JVLedizin wegsauf t ! " 

„0, die andere habe ich alle stehen lassen!" ver- 
sicherte der Lazarettgehilfe. 

„Das glaube ich!" 

„Obrigens, Herr Wachtmeister, haben wir heuer 
keine inwendigen Kranken gehabt," ftigte Zeck bei, 
„und der Kognak ware sonst schlecht geworden!" 

„Du Schlauberger!" Der Wachtmeister zog ihn 
lachend am Ohr. Rudi war auBer sich vor Vergnugen 
und Mutschmann blies noch immer fort. 

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„Ich mochte nur, der ewige Hochzeiter kame ihm 
drauf! Hurraxdax, die zwei Qesichter mochte ich 
sehen!" schrie der Fahnrich laut, ohne zu bemerken, 
daB die Ttire nicht geschlossen war. Die anderen 
stimmten in sein GelSchter mit ein. 

„Immer lustig! Habe es gern, wenn die Leute 
lustig sind!" 

Alles stand still und verstummte. 

Es war der Major. 

Jeder von den Vieren hatte denselben Qedanken: 
„Donnerwetter, der wird doch nicht gehorcht 
haben?" 

Natiirlich hatte er gehorcht, drum war er ja jetzt 
auch so giftig suB. Namentlich das Wort ,,ewiger 
Hochzeiter" hatte ihn schrecklich geargert. Er 
wuBte wohl, daB man ihn so nannte, aber aus solcher 
N&he hatte er das fatale Wort noch nie gehort. 

„Ah, da sind ja wieder die drei lustigen Leute von 
vorhin! — Wie heiBen Sie?" wandte er sich zuerst 
an den Fahnrich. 

„Fahnrich Baron Tummelkam." 

„Und Sie?" 

„Trompeter Mutschmann." 

„Und das da?" 

,,£*ecK« 

„Zeck ! — Was Zeck? — Was fur ein Zeck? Kon- 
nen Sie Ihre Charge nicht melden?" 

„Qefreiter und Lazarettgehilfe." 

„Waren Sie krank?" 

„Nein, Herr Major." 

„Sie haben so ein merkwurdiges Qesicht!" 

Rudi wollte schon wieder ausplatzen. Ein Rippen- 
stoB von Mutschmann, der neben ihm stand, brachte 
ihn zur Besinnung. 

„Ich will das Revierkrankenzimmer sehen," sagte 
der Major. „Sie konnen gehen, Wachtmeister, der 
Fahnrich ftihrt mich — der Lazarettgehilfe kommt 
auch mit!" 



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Der Major, der Fahnrich und Zeck gingen ins Re- 
vierzimmer gleich nebenan. 

Der Major sah sich listig lachelnd urn. 

„Herr Assistenzarzt nicht da?" 

„Nein, Herr Major!" sagte Zeck. 

„Wie ist der Krankenstand?" 

„Nix!" sagte Zeck unerschutterlich. 

„Was nix? Ist das eine militarische Antwort? Sie 
scheinen mir ein recht merkwiirdiger Herr zu sein!" 

„Wir haben gar keine inwendigen Kranken, Herr 
Major!" 

„Sehr geistreich gegeben! Und an auBeren Ver- 
letzungen?" 

„Nix!" verharrte Zeck eigensinnig bei seiner lako- 
nischen Kiirze. 

„Hm!" fuhr der Major fort, „wenn Sie keine 
Kranken haben, werden Sie auch sehr wenig Medizin 
verwendet haben!" 

„Nix!" replizierte Zeck hartnackig wie ein Esel. 

„Zeigen Sie her!" befahl der Major. 

Der Lazarettgehilfe offnete einen Schrein, in wel- 
chem eine Menge Arzneiflaschen in Reih und Qlied 
standen. 

„Was ist denn das da hinten?" fragte der Major, 
indem er sich auf die Zehen stellte. „Qanz hinten in 
der obersten Etage?" 

„Karbolwasser!" 

„Nein, noch weiter hinten, die zwei groBen Fla- 
schen — dort, die allerletzten." 

„Das ist — das ist — Kognak!" sagte Zeck, indem 
er ganz stiere Augen machte. 

„So? Kognak? — Outer Kognak?" 

„Sehr guter Kognak, Herr Major!" bestatigte Zeck 
unverfroren. 

„So? Langen Sie 'mal 'raus!" 

Der Lazarettgehilfe tat es, nicht ohne einige Miihe 
und ziemlich langsam. 

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Der Herr Major wartete aber ganz geduldig. 
„Sieht etwas triibe aus, der Kognak! Merkwiirdige 
Farbe! Offnen Sie mal!" 

Zeck wurde bleich. Der Fahnrich biB sich schier 
die Zunge ab. 

„Entschuldigen der Herr Major, ich habe keinen 
Stoppelzieher!" sagte Zeck verzweifelt. 

„Da kann ich aushelfen!" trostete der Major 
auBerordentlich giitig und nahm aus seiner Tasche 
ein Messer, das einen Korkzieher enthielt. 

Nun blieb Zeck nur mehr iibrig, den Propfen abzu- 
brechen. Aber der Major durchschaute seine Ab- 
sicht. „Mir scheint, Sie haben den Tatterich! Qeben 
Sie her!" Mit einem Ruck hatte der Major die Fla- 
sche entkorkt und fiihrte sie an die Nase. 

„Merkwiirdiger Qeruch!" sagte er nach einiger 
Oberlegung. „Riechen Sie 'mal!" 

Zeck folgte der Aufforderung mit dumpier Resi- 
gnation und hielt seine lange Loffelnase iiber die 
Flasche. 

„Na, was sagen Sie? Scheint Ihnen der Kognak 
gut zu sein?" 

„Sehr gut!" erwiderte Zeck mit erheuchelter Ruhe. 

„Kosten Sie mal!" 

„Gerettet!" jubelte Zeck inwendig, denn er hatte 
schon gefiirchtet, der Major werde selber verkosten. 

Er setzte die Flasche an den Mund und nahm einen 
Schluck von der faden Bruhe. 

„Na, wie ist es?" fragte der Major lachelnd. „Ist 
er gut?" 

„GroBartig!" achzte Zeck mit leuchtenden Augen. 

Der Herr Major lachelte immer freundlicher. „Tut 
Ihnen wohl gut, so ein Schluck? Sie sehen ohnehin 
angegriffen aus. Trinken Sie noch einmal, ich er- 
laube es Ihnen!" 

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Mit Todesverachtung nahm Zeck wieder einen 
Schluck. 

„Das ist wirklich etwas Vorziigliches!" sagte der 
Heuchler, indem er Atem schopfte. 




„Also schmeckt es Ihnen?" 

„0, Herr Major!" beteuerte Zeck, wie dankbar 
seine Tintenklexaugen verdrehend. 

„Qut! Dann trinken Sie auf der Stelle die Flasche 
leer!" 



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Zeck stutzte. 

„H6ren Sie nicht? Ich gebe Ihnen den dienstlichen 
Befehl, sofort diese Flasche auszutrinken! Ich werde 
Sie lehren, einen Vorgesetzten hinters Licht zu fiih- 
ren. Zur Strafe trinken Sie erst den Sudel aus und 
dann gehen Sie drei Tage in strengen Arrest!" 

Zeck machte in diesem Augenblick, wShrend er 
ganz bestiirzt die Flasche austrank, ein so iiber alle 
Beschreibung blodsinniges Qesicht, daB Rudi, der 
schon die ganze Zeit mit seinen Lachmuskeln bis aufs 
SuBerste gekampft hatte, jetzt in ein wiitendes Qe- 
lSchter ausbrach. 

Nun wurde der Major aber bose. „Was finden 
Sie denn da lacherlich?" herrschte er den Fahnrich 
an. „Wollen Sie auf der Stelle aufhoren zu lachen?" 

Rudi konnte nicht — beim besten Willen nicht — 
und wenn es sein Leben gekostet hatte — im Qegen- 
teil! Je mehr er sich Miihe gab, sein Lachen zu un- 
terdriicken, desto arger wurde es — jenes tonlose, 
• uniiberwindliche Lachen, das man selber nicht be- 
greift, wenn's voriiber ist, wo man bloB einen aufge- 
rissenen Mund, ein rotes Qesicht und tr&nende Augen 
sieht, bis nach einer Zeit des lautlosen Schiittelns der 
Krampf des Zwerchfells sich in lauten Tonen Luft 
macht. Dieses Lachen wirkt entweder ansteckend 
oder argernd. Letzteres war bei dem ohnehin schon 
giftigen Major der Fall. 

„Melden Sie sich ebenfalls fiir Ihr kindisches Be- 
nehmen zu drei Tagen strengem Arrest!" Damit ging 
er kurz weg und lieB die beiden Helden allein. 

Rudi lachte immer weiter. 

„Wir werden zusammen eingesperrt — ha — ha — 
ha, — ich werde mich — ha — ha — ha — koniglich 
unterhalten!" 

So wieherte er, wahrend Zeck sehr betucht mit 
seiner leeren Lakritzenflasche dastand. 

Die Ankunft des Herrn Majors von Hosier war fiir 
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das Stadtchen keine Kleinigkeit und der Qastwirt zum 
Goldenen Loffel, wo der Herr Major abgestiegen 
war, hatte bereits fur den folgenden Abend eine Ho- 
noratiorenzusammenkunft mit darauffolgendem Tanz- 
kranzchen zu Ehren seiner Anwesenheit arrangiert. 

Der Fahnrich und der Lazarettgehilfe saBen inzwi- 
schen im Arrest. 

Der Fahnrich lag mit iibergeschlagenen Beinen am 
Rticken, wahrend Zeck steifen Schrittes in dem 
engen, finstern Raum auf und ab wandelte und bei 
jedem Kehrt sich langsam um sich selbst bewegte, 
wie seine Mutter, die Erde. 

„Donnerwetter!" fing Rudi die Unterhaltung an. 
„Die werden uns wahrhaftig verhungern lassen. 
Wenn ich wegen Ihrer Lakritzengeschichte ver- 
hungern muB, Zeck, oder wenn ich diesmal des Ar- 
restes wegen nicht Leutnant werde — wahrhaftig, 
Zeck — dann reiBe ich Ihnen Ihre lange Salzgurke 
aus dem Gesicht!" 

„Ach, Herr Fahnrich," jammerte Zeck, „es ist wirk- 
lich kein Vergnugen hier zu sitzen, namentlich fur 
uns Qebildete. Solche Strafen gehoren doch ins fin- 
stere Mittelalter zu den alten Romern!" 

Da klapperte ein Schlussel. Herein trat der Trom- 
peter Mutschmann mit zwei dampfenden Schusseln 
Kaffee. 

„Schnell!" sagte er, „ich habe den Schlussel auf 
der Torwache heimlich weggenommen. Schnell ! EBt, 
bevor der Wachkommandant was merkt. Auch ist 
der ewige Hochzeiter schon in der Kaserne und 
schntiffelt iiberall herum!" 

Wahrend sich die Qefangenen eilends iiber den 
Kaffee hermachten, brachte Mutschmann noch Sem- 
meln, Wurste und zwei Flaschen Bier zum Vorschein, 
welche die Arrestanten hastig in die Taschen 
pfropften. 

„Heute abend ist ein Ball, dem ewigen Hochzeiter 
zu Ehren!" erzahlte der Trompeter weiter. 
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„Ein Ball?" fragte Rudi und die halbe Semmel 
blieb ihm fast im Halse stecken. 

„Ja, ein Ball im ,Goldenen LoffelM" 

„Bravo!" schrie Rudi, „endlich einmal ein Ver- 
gniigen! Da geh ich hin, Mutsch!" 

„Bis ubermorgen bist du aber eingesperrt, mein 
Junge!" erwiderte dieser. 

„Ja, so! — ' So was muB mir passieren!" grollte 
Rudi. 

„Bscht! — Man kommt!" machte Mutschmann, 
„nein — es war nichts — vorwarts, trinkt aus, sonst 
erwischen sie mich, und ich kann euch Gesellschaft 
leisten!" 

Die Arrestanten schliirften schnell ihren Kaffee aus. 

„Danke!" 

„ Adieu! Viel Vergniigen!" Fort huschte der Trom- 
peter mit den leeren Schiisseln und sperrte den Arrest 
wieder zu. 

„Na, Zeck — von den driickendsten Nahrungssor- 
gen waren wir befreit!" meinte Rudi, indem er sich 
den Mund wischte und auf die Wiirste in seinen 
Taschen fiihlte. 

Zeck lachelte zustimmend und vergniigt. 

„Wenn wir nur irgendwo hinaus konnten!" fuhr 
der Fahnrich fort. „Der Qedanke, daB heute abend 
ohne mich ein Ball stattfinden soil, friBt mir am 
Herzen!" 

Er kletterte an der Wand hinauf, einen Vorsprung 
der Mauer beniitzend, und riittelte am Qitter. Das 
rlihrte sich nicht! 

Jetzt uberkam den jungen Soldaten zum erstenmal 
das unangenehme BewuBtsein der Qefangenschaft. 

„Donnerwetter, Zeck! Wie muB einem erst zumute 
sein, wenn man auf Jahre eingesperrt wird oder gar 
auf Lebenszeit!" 

„Brr!" machte dieser. 

„Sollten wir nicht versuchen hinauszukommen, 
Zeck?" 

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„Ich bin dabei! Haben Herr Fahnrich keine Feile 
bei sich?" 

„0h — Sie Tapir! — Haben Sie keine hydraulische 
Presse bei sich — oder ein Torpedoboot — oder ein 

Regenschirmfutteral wie soil ich denn zu einer 

Feile kommen!" 

„Dann bleiben wir eben hier!" knurrte Zeck, den 
der Ausdruck Tapir verdroB, da er nicht genau wuBte, 
ob das ein Vogel sei oder nicht. 

„Um keinen Preis! Ich gehe auf den Ball!" 

„Aber Herr Fahnrich! Qesetzt den Fall, Sie k&men 
wirklich hier heraus und gingen auf den Ball, da 
wiirde man Sie doch sehen und — " 

„Aber Zeck! Wie konnen Sie denken, daB ich so 
hingehen wiirde. Naturlich in einer Verkleidung!" 

Beide schwiegen jetzt und saBen gedankenvoll auf 
der Pritsche. 

Das Wort Verkleidung hatte in Rudis Denken Wur- 
zel gefaBt. Ach, wie lustig war das, sich zu verklei- 
den, und welche Virtuositat besaB er darin! 

„Waren wir nur drauBen, Zeck — fur das andere 
wollte ich schon sorgen!" seufzte er. 

Zeck schien mit einem EntschluB zu kampfen. 

„Herr Fahnrich!" sagte er dann plotzlich. „Man 
kann hinaus!" 

„Wo?" schrie dieser, aufspringend. 

„Sie kennen doch der schwarzen Plobst, der jede 
Woche ein paar Tage im Arrest sitzt?" 

„GewiB ; der Kerl macht sich geradezu ein Vergnu- 
gen daraus, eingesperrt zu werden!" 

„Allerdings, Herr Fahnrich! Und einmal habe ich 
ihn verbinden miissen, wie er aus dem strengen Arrest 
kam. Die Wunde konnte nur von einem Schlag mit 
dem Bierseidel herriihren!" 

„Ach!?" 

„Jawohl! Und da verstand ich auch, warum der 
Plobst immer so wiitend war, wenn er Mittelarrest 
bekam, und ganz zufrieden, wenn es ,strengen 4 ab- 
28* 

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setzte. Der Kerl hat einen Ausgang aus dem stren- 
gen Arrest und macht sich die schonsten Freinachte, 
wenn er hier eingesperrt wird!" 

„Aber wo — wo kann der Ausgang sein?" rief Rudi 
mit leuchtenden Augen. 

„Die Kaserne liegt an der alten Stadtmauer und ist 
noch ein Oberrest der friiheren Befestigung des Stadt- 
chens ; wenn ich nur wiiBte, wo das Gitterf enster hin- 
geht — ob der Ausgang dort ist?" 

„Wir miissen eben suchen!" sagte Zeck. 

„Qut, suchen wir!" Rudi fing oben beim Qitter an, 
jede Ritze, jede Fuge, jedes Fleckchen sorgfaltig be- 
tastend, wahrend Zeck mit der Nase am Boden her- 
umschnuffelte. Die Bestrebungen der beiden erlitten 
eine kurze Unterbrechung, als der jourhabende Unter- 
offizier mit einigen Ausdrucken des Bedauerns einen 
Krug Wasser und einen halben Laib Brot herein- 
stellte. 

Unsere Qefangenen befiihlten ihre Taschen mit den 
Wiirsten und waren sehr kiihl geblieben bei dem 
neuen Zuwachs an Lebensmitteln. 

„Bis morgen um diese Zeit waren wir ungestort!" 
sagte jetzt Rudi, seine erfolglosen Bemuhungen auf- 
gebend, „wenn wir jetzt nur das Loch fanden, so — " 

„Halt!" schrie Zeck, „ich hab's! Hier ist es!" 

Seine Stimme kam wie aus der Unterwelt und 
man sah nur die Sohlen seiner Stiefel. Er war unter 
die holzerne Pritsche gekrochen, die als Lagerstatt 
diente, und rief von dort: „Bitte um ein Ziindholz!" 

Der Fahnrich kroch sofort mit einem brennenden 
Ziindholz ebenfalls unter die Pritsche. Der Raum 
war sehr eng und ohne die groBe Schlankheit der 
beiden ware es ein schwieriges Unternehmen ge- 
wesen. Die Pritsche war sehr solid an der Mauer 
festgemacht und in den Steinboden eingelassen, 
konnte also nicht aufgehoben werden. 

Zeck hatte bereits einige von den Steinfliesen weg- 
gehoben, die nur frei auf den Dielen lagen, welche 

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ebenfalls mit geringer Miihe zu beseitigen waren, wo- 
bei man sah, daB sie durchgesagt waren. Es zeigte 
sich nun beim Schein eines neuen Zundholzchens eine 
schwarze Offnung. Ohne weiteres lieB sich Rudi hin- 
unter, mit den Handen tastend. 

„Hurra!" rief er. „Wir sind gerettet! Das ist ein 
alter, langst unbeniitzter Kanal, def nach der eincn 
Seite zugemauert ist, nach der anderen aber sehe ich 
Tageslicht — da geht's hinaus! Der Schlingel, der 
Plobst hat sich das herrlich eingerichtet!" 

Der Kanal hatte kaum einen Meter im Durch- 
messer; Rudi muBte rutschen und kriechen, es ging 
scharf abwarts und nach ungefahr zehn Metern hatte 
er den Ausgang erreicht und stieB einen Rut des Er- 
staunens aus. Er befand sich knapp uber dem Wasser- 
spiegel des ziemlich breiten Flusses. Er kroch wie- 
der zurtick und lieB auch Zeck die Sache in Augen- 
schein nehmen. 

„Jetzt wird'sgemiitlich!" triumphierte Rudi. „K6n- 
nen Sie schwimmen, Zeck?" 

„0 Qott — nein!" erschrak dieser, „aber man 
konnte doch einen Kahn unter das Loch tahren." 

„Wer?!" 

„Der Trompeter!" 

„Wenn er sich heute noch sehen l£Bt. Hurra! Wir 
gehen auf den Ball! Erst wollen wir aber einmal 
ordentlich fruhstiicken nach unserer Entdeckung. 
Hallo, Bier und Wurst hervor — Brot hat uns der 
Staat freundlich dazu geliefert — na, also! Jetzt 
horen Sie meinen Plan, Zeck; wir verkleiden uns 
als -" 

„Ja, als Rastelbinder, Herr Fahnrich!" riei Zeck. 

„Aber Zeck, da werden wir ja doch nicht unter die 
Honoratioren hineingelassen. Nein! Hochst einfach 
als Damen! Ich mache eine junge Lady, die hierher 
gekommen ist, um die beruhmte Ruine in der Nahe 
zu sehen — und Sie sind meine Mama!" 

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Zeck w&re beinahe vom Rand der Pritsche her- 
untergefallen. 

„Was?! — Ihre Mama soil ich vorstellen?!" 

„QewiB, lieber Zeck! Sie sind wie geschaffen dazu. 
Sie werden mit Ihrem Qesicht ein altes Weib glan- 
zend darstellen konnen!" 

„Ja, aber — !" 

„Still! Da kommt der Trompeter! Bist du es, 
Mutsch?" 

„Ja!" klang es gedampft an der Tiire. 

„Mit dem Schliissel geht es nicht mehr, der Wacht- 
kommandant hat es gemerkt und Spektakel gemacht ! 
Wie geht's da drinnen?" 

„Glanzend! Wir konnen heraus!" 

„Wo denn?" 

„Es geht ein alter Kanal unter dem Arrest auf den 
FluB hinaus!" fliisterte Rudi. „Verschaffe dir einen 
Kahn und sei Punkt 7 Uhr an der Offnung, du wirst 
sie schon finden!" 

„Kinder, ihr macht Blodsinn!" 

„Nein! Ich gehe ganz bestimmt als Lady angc- 
zogen auf den Ball! Zeck stellt meine Mama vor!" 

„Du bist wahnsinnig, Rudi! Bedenke, wenn's her- 
auskommt!" 

„Was sagst du? — Ich versteh' dich nicht! — Ah 
so — herauskommen, sagst du? — Keine Idee! Wie 
soirs denn herauskommen!" 

„Aber denk' doch an deine Eltern! So ein SpaB 
kann dir die Epauletten kosten!" 

„Ach was! Wenn du den Kahn nicht schaffst, 
Mutsch, so schwimme ich einfach hiniiber. Ich habe 
mir's einmal in den Kopf gesetzt, und dabei bleibt 
es! u 

„Aber das Wasser ist noch zu kalt!" 

„Punkt 7 Uhr schwimme ich!" 

„Aber Rudi!" 

„Mein Ehrenwort! Punktum!" 

„Donnerwetter! Bist du ein verruckter Zwickel!" 

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Jetzt gab's fur den Trompeter keinen Widerspruch 
mehr. Er wuBte, daB sein Freund das Wort unter 
alien Umstanden halten wtirde. „Also gut! Ich bin 
um 7 Uhr mit dem Kahn da. Wenn du schon nicht 
abzubringen bist, so will ich wenigstens nach Kraften 
dafiir sorgen, daB nichts dabei herauskommt!" 

„Bravo, Mutsch! So mussen Freunde sein! Bitte, 
sei auch so gut und gehe in die Stiftgasse ins Mode- 
geschaft der Frau Blechert — sie kennt mich — 
meine Schwestern lassen dort arbeiten — und 
sage — " 

„Schon gut! Brauche nichts weiter, habc schon 
verstanden! Nein, so ein Streich wieder! Und der 
Zeck, der Duckmauser, dem hatt' ich das nicht zu- 
getraut!" 

„Man lebt nur einmal, Herr Trompeter!" quietschte 
Zeck durch die Ture. 

„Ihr seid mir ein paar feine Brtider!" lachte die- 
ser, indem er sich kopfschiittelnd entfernte. 

Drinnen im Arrest ergriff Rudi den Zeck und walzte 
mit ihm in dem schmalen Raum herum, es prickelte 
ihm in alien Qliedern, er konnte es kaum erwarten! 

Sieben Uhr schlug's vom Turm der alten Kirche, 
als Rudi und Zeck mit der frohlichsten Laune ins 
Kanalloch einfuhren. Sie krochen hintereinander bis 
zum Ausgang. 

„Er ist nicht da!" sagte Rudi, „ich schwimme 
also!" 

„Bst," ertonte es — zugleich einige Ruderschlage. 
Die dunkeln Umrisse eines Kahnes wurden sichtbar. 

„Springt schnell herein!" fliisterte der Trompeter, 
der im Kahn saB, „man konnte uns von oben sehen!" 

Lautlos glitt Rudi ins Boot, wahrend Zeck so un- 
geschickt hineinplumpste, daB es beinahe umgeschla- 
gen ware. 

Sanft glitt der Kahn den FluB hinunter. Ein wenig 
auBerhalb des Stadtchens landete der Trompeter, und 
die drei sprangen ans Land. 

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Rudi war in seinem Element; sogar Zeck wurde 
von seiner tollen Laune mit fortgerissen, nur der 
Trompeter blieb ernst und besonnen. 

„Ihr Kindskopfe, nehmt euch zusammen, sonst 
kommen wir alle drei noch in die Patsche!" 

„Warst du bei Frau Blechert?" fragte Rudi. 

„Alles besorgt!" brummte der Trompeter. Als- 
bald kletterten die drei die enge Treppe eines Hauses 
in der Stiftgasse hinauf. 

Frau Blechert wuBte schon von allem und wollte 
auch ganz gewiB nichts weiter sagen, daB die Herren 
heute einen so hiibschen SpaB vorhatten, und der gna- 
dige Herr Baron solle nur die Kundschaft giitigst bei 
seiner Familie befurworten, und da ware gerade ein 
fertiges rosa Foulardkleidchen, das muBte dem Herrn 
Baron bei seiner schlanken Taille sehr gut passen, 
und fur den Herrn Zeck ware da ein recht gutes, 
graues Seidenkleid. Da kam auch schon der Friseur 
mit den Periicken, die der vorsichtige Trompeter be- 
stellt hatte. Eine goldblonde fur den Fahnrich, und 
eine ehrbar graue fur den Zeck. Nun ging das Ver- 
gniigen los. Zuerst wurden die beiden glatt rasiert. 
Der Friseur meinte zwar bei Rudi, es sei fast iiber- 
fliissig, aber Rudi bestand darauf. Auch Zecks Ant- 
litz wurde von den wenigen dunnen Harchen gesau- 
bert. Alles half zusammen, und unter Qelachter und 
einem Heidenspektakel waren die beiden in einer 
Viertelstunde hergerichtet, daB sie sich selbst kaum 
wiedererkannten. 

Rudi, der sich viel groBer und schlanker vorkam 
als sonst, sah in der reichen, blonden Periicke wirk- 
lich bildhiibsch aus. Der Friseur hatte ihm das Qe- 
sicht eingepudert und aus seinen blonden Augen- 
brauen schwarze gemacht, was ihn so veranderte und 
verschonerte, daB Frau Blechert sich gar nicht dar- 
iiber beruhigen konnte. Sehr „ahnlich" war auch 
Zeck. Der Friseur fand, daB er noch tauschender 
aussehe. Er hatte mit seiner magern Figur und seiner 



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steifen Haltung etwas ungemein Vornehmes, was man 
ihm gar nicht zugetraut hatte. Sein Qesicht mit den 
vielen Falten paBte wirklich sehr gut zu der grauen 
wiirdigen Periicke. Der Friseur hatte ihm seine rote 
Nase weiB und seine weiBen Backen rot gemacht, 
dazu ihm ein paar schone Augenbrauen gezogen, de- 
ren er sonst keine besaB, so daB Zeck, wenn 
auch nicht gerade schon, so doch recht patent und 
ehrbar aussah. Er freute sich auch unbandig dar- 
iiber, und selbst Mutschmann muBte jetzt lachen, als 
er die zwei ubermiitigen Burschen so fein hergerich- 
tet sah. 

„Es wird euch niemand erkennen," versicherte er, 
„vorausgesetzt, daB ihr euch verniinftig auffiihrt!" 

Endlich waren die AusreiBer fertig. Nun kam der 
kluge Trompeter noch mit einigen Koffern und 
Schachteln daher. 

„Wozu das?" meinte Rudi. 

„Ihr konnt doch nicht ohne Qepack ankommen!" 

„Bravo, du denkst an alles!" jubelte Rudi. 

„Ihr steigt jetzt in den Wagen," fuhr der Trom- 
peter fort, „der unten steht, fahrt bis zur nachsten 
Station etwa eine Viertelstunde. Dort nehmt ihr ein 
Billett erster Klasse und fahrt mit dem Zug urn 8 Uhr 
15 Min. hierher, dann kriecht ihr in den Hotelwagen 
vom ,Qoldenen Loffel' und sagt, euer groBes Qepack 
kommt morgen und dann — na, Donnerwetter, das 
Weitere miiBt ihr schon selber machen! Wer die 
Frechheit hat, eine solche Komodie aufzufiihren, der 
wird sich schon selbst aus der Schlinge Ziehen!" 

„Das denke ich wohl, Mutsch!" 

„Ja, bei dir ist mir auch nicht bange, aber ob der 
Zeck — " 

„Pah!" rief dieser. „Herr Trompeter, Sie kennen 
mich noch nicht, wenn's drauf ankommt, da kann ich 
eine Konigin vorstellen, so weiB ich mich zu beneh- 
men, ich kann was gewisses Feines hineinlegen — 
oh — !" Dabei nahm er zierlich sein Kleid in je zwei 

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Finger, tanzelte hin und her, indem er seine Stimme 
noch dunner machte: „Ach — ich versichere Ihnen 
— das ist ganz aus der Weis\ wie meine Tochter, die 
Lady, fein erzogen ist — au yes — !" 

Die andern wollten sich ausschtitten vor Lachen 
iiber den Zeck, der auf einmal so auftaute und ver- 
borgene Talente zum Vorschein brachte. 

Der Trompeter dr&ngte zum Aufbruch. Zeck trat 
beim Heruntergehen auf sein Kleid und kollerte die 
Stiege herab. Aber da nichts zerrissen war, machte 
er kein Aufhebens davon und ertrug seine aufge- 
schlagenen Knie mit der Wiirde, die einer alten Lady 
zukam. Wahrend Rudi und Zeck innerlich sehr auf- 
geregt — in Erwartung des kommenden Vergniigens, 
das der immer empfindet, welcher einen andern in 
irgendeiner Weise zum besten halt — in den Wagen 
kletterten, wandte sich der Trompeter wieder seinem 
Kahne zu. 

Zeck streckte noch einmal den Kopf aus dem 
Wagenfenster und schrie „Au yes!" in die stille Nacht 
hinein. 

„Kecke Schlingel das!" sagte der Trompeter fur 
sich lachelnd, „fallt aber keinem von den Finken ein, 
mir zu sagen, wo und wann ich sie mit dem Kahn er- 
warten soil, und wo sie ihre Uniform wieder holen 
konnen!" Er trug die abgelegten Sachen der beiden 
in einem groBen Pack zu seinem Schiff. „Es ist gut," 
sagte er, indem er ins Boot stieg, wo sein Waldhorn 
am Boden lag, „daB ich mir ohnehin vorgenommen 
hatte die zwei bosen Jungen zu bemuttern, sonst 
kommt doch noch irgendeine Dummheit heraus!" 

Er war ein weites Stuck iiber das Stadtchen hin- 
ausgerudert, das zu beiden Seiten des Flusses lag, 
und lieB sich jetzt wieder sacht auf der Stromung 
hinuntergleiten, indem er auf seinem Waldhorn blies, 
so weich, so seelenvoll, daB es gar wunderbar klang 
in der kiihlen Fruhlingsnacht, und manches M&gdlein 

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ans Fenster lief, um den reinen Tonen zu lauschen, 
welche von fern heriiberzitterten. 

Im Qasthof zum „Qoldenen Loffel" war es unter- 
dessen schon „arg" schon. Im Saal vor dem Podium 
saBen in „Gesellschaftstoilette" die Honoratioren mit 
sehr ernsten Qesichtern, denn eben sang die Frau 
Apothekerin „Ich schnitt es gern in alle Rinden ein" 
von Schubert. 

Dem Major von Hosier, der in der ersten Reihe 
neben dem Herrn Burgermeister und seiner Qattin 
saB, wurden schon die Zahne lang, als die Frau Apo- 
thekerin krampfhaft bei dem hohen „Dein ist mein 
Herz!" einen ganzen Ton zu hoch sang. Der Ritt- 
meister und der Oberleutnant hatten's gut, sie 
machten ganz vergniigte Qesichter — sie hatten beide 
gar kein Qehor, nicht das mindeste, und sie studier- 
ten bei Konzerten immer mehr das Arbeiten, Scha- 
ben, Klopfen und HSmmern der Virtuosen oder die 
Spiralenbewegungen der Sangerinnen oder den Veits- 
tanz eines Dirigenten, wie er bald mit einem, bald mit 
zwei Armen, bald mit Handen und FiiBen zugleich 
arbeitete, wie er bald wiitete, bald flehte mit seinen 
Blicken, wie die Haare immer wilder in die Stirne 
fielen — ah, so was ist ganz scharmant — es war fur 
die Herren eine Augenweide, so wie die Bewegungen 
eines tanzenden Derwischs etwa. 

Sie sahen ganz vergniigt, wie die Frau Apothekerin 
sich bei dem wiederholten „Dein ist mein Herz!" auf 
die FuBspitzen wippte und die Augen schloB wie ein 
krahender Hahn, wShrend es dem Major, der musi- 
kalisch war, jedesmal wie ein Dolchstich durchs Ge- 
hirn fuhr. 

Endlich war sie fertig und verneigte sich holdselig 
lachelnd. Ein wiitender Applaus erscholl. Sie stol- 
perte vom Podium am Arm des Klavierspielers her- 
unter, und wieder hinauf und wieder herunter, noch- 
mal herauf, immer munter — parlike — parluke — 

-,Das ist wirklich eine Leistung ftir die dicke 

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Tante!" sagte Graf Delmensingen mit dem roten 
Kopf zum Rittmeister. 

„Freilich!" entgegnete dieser, „das bestandige 
Hin- und Hervoltigieren auf diese Irish bank!" Und 
beide Herren applaudierten aus Leibeskraften. End- 
lich blieb die Frau Apothekerin auf dem Podium 
stehen. „Sie kann nicht mehr!" meinte Graf Del- 
mensingen. 

„Ganz halali!" bestatigte der Rittmeister. Da 
taxierte er aber die Natur des Dilettanten schlecht. 
Der Dilettant kann immer noch! 

„Wahrhaftig, sie singt noch eins! Brava!" sagte 
der Biirgermeister zum Major, „brava — brava!" 
und tat sich auf das „a" sehr viel zu gut, denn rings 
um ihn tonte von den weniger feinen Leute „bravo u . 
Der Major seufzte tief auf, und die Frau Apothekerin 
machte sich iiber das „Heideroslein" her. Sie zer- 
rupfte, zerpfliickte und verarbeitete es ebenso, wie 
sie es einmal von einer groBen Sangerin gehort 
hatte. 

Bald kauerte sie sich zusammen wie ein Tiger zum 
Sprung, „und der wilde Knabe brach!" da dachte 
man, sie werde vom Podium herunterwettern und 
den Nachssitzenden am Kragen packen. Und dann 
wurde sie wieder leiser und immer leiser, alles hielt 
die Hande an die Ohrmuscheln, und der Klavierspie- 
ler rollte sich wie ein Igel iiber seinem Instrument 
zusammen und wischte die Tone nur mehr herunter, 
wie wenn er es abstauben wollte. 

„R6slein auf der Hei de!" Die Heide war un- 

endlich lang. Es stand zwar keine Fermate drauf, 
aber das war eben das Feine. Die Frau Apothekerin 
blieb auf ihrer Heide sitzen, solange ihr Schnaufer 
reichte, und keine zehn Pferde hatten sie herunter- 
ziehen konnen. Endlich sah man bloB mehr den offe- 
nen Mund, aber man war doch noch nicht ganz sicher, 
ob das Lied schon aus war, denn das Pianissimo, das 
ganz Feine, das darf man gar nicht horen. Die Frau 



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Apothekerin klappte zusammen wie ein Taschen- 
messer, der Klavierspieler sprang auf und der Radau 
ging los. Die „nichtendenwollenden" Beifallssalven 
— eines der schonsten Rezensentenworte unserer ge- 
duldigen Sprache — knatterten und prasselten los. 

„Ist es jetzt aus?" fragte der Major mit einem 
Seufzer der Erleichterung. 

„0 nein!" sagte der Biirgermeister, Jetzt kommt 
Er! u 

„Wer?" 

„Er — der Apotheker!" 

,,Allmachtiger Gott!" stohnte verzweifelt der Ma- 
jor, „wird er auch singen?" 

„Nein! Er ist Cellovirtuose. GroBartig!" 

Da kam er schon mit seinem Folterwerkzeug. Don- 
nernder Applaus empfing ihn. Er schien die Sache 
hollisch ernst zu nehmen, er daflkte kaum mit einem 
nachlassigen Kopfnicken, was er ofter von groBen 
Virtuosen gesehen hatte, welche das Recht haben, 
flegelhaft zu sein — sonst wiirde ja das Publikum 
nicht glauben, daB sie gar so groB sind — also nach 
einem hochst miirrischen Kopfnicken platzte er auf 
einen Stuhl und fing ohne weiteres zu schaben und 
zu fiedeln an, als waren samtliche Hornissen und Mai- 
kafer der Erde in dem Saal losgelassen. Das war 
ein Qekribbel und ein Qekrabbel, wenn man lange 
hinsah wurde einem ganz schlecht. 

„Was ist denn das?" fragte Graf Delmensingen den 
Rittmeister. Dieser sah aufs Programm: „Hexen- 
tanze von Paganini, fur Cello arrangiert; den Deibel 
auch — das ist ja eine Viechsarbeit! Der arme Kerl 
rackert da auf der Klampfe herum — vollig Mitleid 
kriegt man. Das muB sehr schwer sein. Ich ver- 
st^h's leider zu wenig!" 

„Donner wetter — - jetzt nimmt er den Daumen 
auch noch — er kann's kaum erreichen — vertraxte 
Angelegenheit das — aber ein sehr schneidiger Spie- 

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ler — und alles auswendig!" erwiderte Qraf Delmen- 
singen. 

Der Herr Major wSre gern unter das Podium ge- 
krochen, wenn das gegangen w§re. Mit einemmal 
wandten sich die Kdpfe. Was ist los? Zwei Damen 
sind eingetreten. Qanz fremde Damen. „Donner- 
wetter, sehen Sie 'mal die hiibsche Blondine!" sagte 
der Rittmeister zum Oberleutnant. 

„Alle Wetter," machte dieser, „das laB ich mir ge- 
f alien! Scheinen Fremde zu sein. Nach der alten 
Dame zu schlieBen — Engl&nderinnen." Auch der 
Herr Major wandte seinen Kopf nicht mehr, nachdem 
er sich einmal umgesehen hatte. Ebenso viele andere. 
Es gab schlieBlich keinMensch mehr auf den schweiB- 
triefenden Cellisten acht. Ein allgemeines Fliistern 
und Kopfumwenden war durch den Saal gegangen. 
Der Cellist blickte wiitend nach der Richtung, aus 
der die Storung kam. Dabei tappte er aber ordent- 
lich daneben — der Faden ging ihm aus — noch ein 
paar schwache Versuche, von vorn anzufangen, die 
rettungslos miBlangen — der wackere Apotheker war 
total entgleist! Er packte verzweifelt sein Folter- 
werkzeug und wankte iiber das Podium herunter. 
Donnernder Applaus belohnte ihn — einige meinten 
boshaft, weil er so schnell aufgehort habe. Alles 
schnellte von den Sitzen auf und wendete sich jetzt 
ganz um. Die beiden fremden Damen hatten Sensa- 
tion gemacht! Wahrend die Stiihle beseitigt und rings 
an die Wande gestellt wurden, um fur den Tanz frei 
zu machen, schlangelte sich der Wirt vom „Qoldenen 
Loffel" von einem zum andern und erzahlte mit gliick- 
strahlendem Qesicht, daB es ihm gelungen sei, die 
beiden Damen zur Teilnahme an dem Tanzkranzchen 
zu bewegen. Es seien zwei englische Ladys, Mutter 
und Tochter, die soeben 8 Uhr 15 Minuten mit dem 
Zuge angekommen seien, um morgen die beriihmten 
Ruinen zu besichtigen. 

„Wo sind denn die Damen her?" fragte der Major, 

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indem er mit einem Btirstchen tiber seinen kahlen 
Scheitel fuhr und sein Monokel einklemmte. 

„Aus London, Herr Major!" 

„So? wie heiBen sie denn?" 

„Lady Waterproof/ 4 

„Was — Waterproof?!" 

„So ahnlich — konnen auch anders heiBen, hab's 
nicht deutlich lesen konnen auf dem Meldezettel. Sie 
mlissen enorm reich sein, denn mbrgen kommt ihre 
Dienerschaft nach, acht Personen. Was sagen Sie, 
Herr Major, sieht die junge Lady nicht aus wie ein 
Engel?" 

„Hm," machte der Major und packte den Wirt am 
RockschoBel, „stellen Sie mich augenblicklich den 
Damen vor! u 

Der Rittmeister stieB den Qrafen Delmensingen mit 
dem Ellenbogen an, indem er pfiffig zwinkernd sei- 
nen Schnurrbart drehte: „Mir scheint, der ewige 
Hochzeiter riecht schon wieder Lunte!" 

„Sapristi! 4< sagte der Oberleutnant, „er hat 
recht! Die Kleine — alle Achtung! Dieses wunder- 
volle Haar, dieser herrliche Teint — das findet man 
eben nur bei Englanderinnen. Und wie sie sich halt, 
wie ein Soldat! Wirklich ganz famos; da sollte man 
sich doch ein biBchen 'ranmachen, unser Farmbach 
wird sich Srgern, daB er nicht gekommen ist! u 

„Wo ist denn der?" 

„Zu Hause. Er ist beleidigt, weil ihn der ewige 
Hochzeiter heute so angebriillt hat. Sehen Sie, wie 
er sie annimmt und drauflos turnt. — Natiirlich, die 
werden auf dich gewartet haben!" 

Er meinte den Major, der leicht wie ein Jiingling, 
wenn auch ein biBchen steif, direkt auf die Damen 
losschassierte. 

„Sie kommen zu spat, Delmensingen!" lachte der 
Rittmeister. „Er wird Ihnen hochstens Old England 
tiberlassen! Na, viel Vergniigen. Ich gehe ins Bier- 
stiibchen!" 

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Der Major machte ein exquisit feines Kompliment 
vor den fremden Damen. Die altere versteckte ihr 
Qesicht fast ganz hinter ihrem Facher, wahrend die 
junge ihn freundlich anlachelte, so daB dem eitlen 
Major schon ganz warm wurde. 



„Qestatten die hohen Damen, daB ich Ihnen unse- 
ren schneidigen Herrn Major von Hosier vorstelle!" 
sagte der Wirt. 

Die alte Dame senkte leicht den Kopf hinter ihrem 
Facher, indessen die junge mit der Unbefangenheit 
einer vollendeten Weltdame den Major durch ihr 
Lorgnon betrachtete. 

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„Wirklich ein bildschones Madchen!" dachte der 
Major schon ganz entflammt, „und aus der allerbesten 
Qesellschaft, wie man sieht!" Er wiegte sich grazios 
in den Hiiften, drehte den Schnurrbart und fing an, in 
einem etwas grammatikalischen Englisch den Damen 
Komplimente zu sagen. 

Die junge Lady antwortete in flieBendem, tadel- 
losem Englisch, wahrend die alte Dame hinter ihrem 
Facher sich begniigte „Au Yes" zu sagen. 

Eben begann der Walzer und schon hopsten die 
Paare im Saal herum. „Can I have the pleasure?" 
fragte der Major. 

„Please!" sagte die junge Dame, indem sie sich 
erhob, und die Alte stimmte mit einem „Au Yes" bei. 

Rudi schwamm in Vergniigen. Er hatte gerade 
hinaus „Juchhe!" schreien mogen. 

„Mama liebt es sehr, wenn Sie Deutsch mit ihr 
sprechen!" sagte Rudi wahrend des Tanzes mit leich- 
ter englischer Farbung. „Wir sprechen es ganz voll- 
kommen!" 

„Um so besser!" achzte der Major, dessen steife 
Knochen den Walzer nicht mehr recht vertrugen, 
„denn auf Englisch hatte ich Ihnen unmoglich alles 
sagen konnen, was ich heute empfinde! Die Art des 
Soldaten ist kiihn," stohnte er, wahrend ihm der 
SchweiB herunterlief. „Darum ziirnen Sie nicht, wenn 
ich schon in der ersten Stunde unserer Bekanntschaft 
Ihnen ein Qestandnis mache, welches " 

Da bekam der walzende Major von ruckwarts von 
einem walzenden Jiingling einen solchen StoB in den 
Riicken, daB er mit der Lady bis in die andere Ecke 
des Saales flog. Aber er lieB sich nicht irremachen. 

„ — welches ich als Reitersmann nicht in zogern- 
dem Schritt, sondern in flottem Qalopp iiber meine 
Zunge voltigieren lasse." 

Es war dies seine stehende Redensart. So fing er 
immer an, wenn er irgendwo Geld witterte. Vor 
alien Dingen eine Liebeserklarung — war seine Ma- 
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xime! Man konnte sich ja spater trotzdem unter 
irgendeinem Vorwand zuriickziehen, wenn die Sache 
nicht klappte. 

„So lassen Sie es vom Start, Ihr Gest&ndnis!" sagte 
Rudi mit innerlichem Triumph. 

„Mylady * ich liebe Sie!" keuchte der Major 

atemlos vom raschen Tanz. 

Der Fahnrich hielt inne. 

„Sie erroten!?" fragte der Major, „darf ich hof- 
fen?!" 

Allerdings war Rudi puterrot im Qesicht, aber nicht 
aus madchenhafter Scham, sondern vor Anstrengung, 
das Lachen zu verbeiBen, was ihm diesmal auch ge- 
lang. Er schlug die Augen nieder, der Schlingel, und 
flotete leise: „Sprechen Sie mit meiner Mutter!" 

Ganz aufgeregt steuerte der Major, seine Tanzerin 
am Arm, zu dem Platz, wo die Mama voll Wurde saB, 
nicht ohne mehrmals von seinem Kurs abzukommen 
und einige FuBtritte und RippenstoBe davonzutragen. 
Denn es ist eben so gefahrlich, durch einen Saal 
tanzender Menschen zu gehen, die in Europa geboren 
sind, als sich durch Wilde zu wagen, die ihren 
Kriegstanz auffuhren. 

„Mama, der Herr Major hat mit dir zu sprechen!" 
sagte Rudi zu Zeck. Dann in einem Anfall madchen- 
hafter Ergriffenheit umarmte die Tochter ihre Mut- 
ter, indem sie das Taschentuch an die Augen ftihrte, 
und flusterte ihr ins Ohr: „AufgepaBt, Zeck, er halt 
um mich an!" Wahrend Oberleutnant Graf Delmen- 
singen, der sich eben durch den emsigen Wirt der 
Lady vorstellen lieB, mit Rudi forttanzte, lud Zeck 
den Major mit eleganter Handbewegung zum Sitzen 
ein. 

Hatten die beiden Helden beim Betreten des Saales 
auch ein wenig gezittert, so kam jetzt der Taumel 
des Erfolges iiber sie, und der Gedanke, anstatt im 
dunkeln Arrest sich hier in einer iiber jede Erwar- 



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tung gelungenen Weise zu amusieren, erfullte die bei- 
den mit dem tollsten Obermut. 

„Au, meine gute Mister Offizier — wir wollen zu- 
erst Abendessen — ich sehr 'ungrig von die Eisen- 
bahn!" sagte Zeck im schonsten Englisch-Deutsch. 

„Pardon! Mylady haben noch nicht soupiert?" 

Der Major sprang auf und bot Zeck den Arm. Sie 
gingen nach den Nebenlokalitaten in einen kleinen 
Salon, in dem gedeckte Tische standen. 

„Darf ich bitten, zu befehlen!" sagte er, indem er 
ihr oder vielmehr ihm die Speisekarte reichte. 

Sie war franzosisch — ein Unfug, der noch in man- 
chen Restaurants herrscht, die fein sein wollen, und 
der von unsern Aristokraten gepflegt wird, die noch 
immer von der Zeit nicht wegkommen konnen, wo 
die Menschwerdung erst dann anfing, wenn man in 
Paris war. Seitdem das ganze deutsche Volk dort 
gewesen ist, brauchten wir uns wahrhaftig mehr dar- 
auf einzubilden Deutsch zu verstehen als Franzosisch ! 

Ob es gerade diese Erwagung war oder Mangel 
an Kenntnis dieser schonen Nasenquetschsprache — 
genug, er sah gar nicht auf die linksstehenden Na- 
men der Speisen, sondern deutete mit dem Finger 
rechts auf die Zahlen — und zwar auf die groBten, 
denn er wollte den Major ordentlich 'reinlegen. 

Der Oberkellner stand respektvoll daneben und no- 
tierte die befohlenen Qerichte. 

„Solospargel! — ganz wohl — Krebse — sehr 
schon — ' Chauteaubriand — bitte sehr — russischen 
Kaviar — den befehlen wohl als Hors d'oeuvre ?" 

„Yes!" sagte Zeck kiihl, „geben Sie auch zweimal 
Hordevre!" Er sah zu seiner Befriedigung, daB die 
Zeche schon ein nettes Summchen ausmachte, die 
Solospargel allein waren der friihen Jahreszeit wegen 
mit fiinf Mark ausgezeichnet. 

„Qeben Sie dreimal von alles einstweilen, mein 
Tochter auch wird essen uollen!" 
29* 

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„Und zu trinken befehlen?" fragte der Kellner re- 
spektvoll zusammengebogen. 

Zeck nahm ihm nachlassig die Weinkarte aus der 
Hand und machte es ebenso wie bei den Speisen, er 
deutete auf die groBte Zahl. 

„Sehr wohl — Heidzik Monopole extra dry — My- 
lady?" sagte der Kellner ehrerbietig. 

„Jawohl — extra drei Flaschen," sagte Zeck in aller 
Gemiitsruhe und dachte sich dabei: „Warte! Fur 
den Lakritzensaft, den du mich hast trinken lassen, 
werde ich mir auf deine Kosten die Qurgel mit was 
anderem schmieren!" 

Der Major erzitterte inwendig. Es war ihm nicht 
recht klar, wer eigentlich bezahlen werde. Zwar 
hatte er der Lady den Arm zum Souper geboten. — 
„Na, gleichviel — nur jetzt nicht geknausert, wo 
einige Millionchen jedenfalls auf dem Spiele stehen. 
Es wird ja alles wieder eingebracht werden!" So 
dachte der noble Major von Hosier und machte der 
vermeintlichen Lady ein Kompliment iiber ihren 
distinguierten Qeschmack. 

„Ihre Tochter, Mylady, wird Ihnen ohne Zweifel 
gesagt haben, daB ich ihr ein Qestandnis gemacht 
habe!" 

„Au Yes!" entgegnete Zeck, „Kell— nar, 'aben Sie 
auch Bier?" 

„GewiB!" antwortete dieser, indem er den Kaviar 
herbeibrachte. 

„Dann geben Sie schnell ein Liter!" sagte Zeck — 

„Au Yes! — eine Qestandnis — Sie wollen 'eiraten 
meine Tochter, aber " 

„Ich weiB, was Sie einwenden wollen," unterbrach 
der Major schnell, „wir kennen uns zu wenig. Aber 
es gibt eine Liebe auf den ersten Blick. Sie sehen an 
meinem Rock, wer ich bin, und nachdem Ihre Toch- 
ter eingewilligt hat, braucht es nur Ihr ,ja 4 — ich ver- 
mute, daB Sie Witwe sind?" 

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„Au Yes," sagte Zeck, einen langen Zug aus dem 
Bierglas machend. 

„Sie sehen, Mylady — ich frage nichts tiber Ihre 
sonstigen Verhaltnisse, das muB Ihnen eine Biirg- 
schaft sein fur die Lauterkeit meiner Gesinnung!" 

„Au Yes!" machte Zeck, indem er einen Suppen- 
loffel voll Kaviar zum Munde fiihrte, aber ein sehr 
verdutztes Qesicht iiber den Geschmack machte, den 
er sich ganz anders vorgestellt hatte. 

„Donnerwetter!" dachte der Oberkellner, wahrend 
er den Champagnerkubel hinstellte, „in England essen 
sie den Kaviar mit Suppenloffeln!" 

„Ich begreife," fuhr der Major in seiner Werbung 
fort, „daB Ihnen mein Antrag etwas uberraschend 
vorkommen muB, aber ein Reitersmann kann eben 
nur im Galopp werben!" 

„Au Yes! Mein beste 'err Major, ich 'abe nix da- 
gegen, aber meine Tochter 'at gar keine Vermogen!" 
Der pfiffige Zeck spann jetzt eine Intrige auf eigene 
Faust. 

„Wie?!" machte der Major, sich mit beiden Handen 
an den Tischrand haltend. 

„Au Yes! Den Vermogen 'abe ich ganz allein — 
ich — sehr viel — groBe Vermogen!" 

„Und Sie wiirden Ihrer Tochter nichts mitgeben?!" 
fragte der ewige Hochzeiter ganz starr. 

„Nix!" sagte Zeck sehr bestimmt. „WeiB ja nicht, 
ob ich nicht selbst wieder 'eirate!" 

„0 du miserabler Strumpf !" dachte der Major wii- 
tend. Aber nach der Art, wie die Dame aB und trank, 
traute er ihr eine gewaltige Energie zu und mit ra- 
scher Geistesgegenwart iiberdachte er die Situation. 
„Man soil sich nicht so blind hineinstiirzen, es ware 
doch viel verniinftiger, die Alte zu nehmen. Ich habe 
ja keine Zeit mehr, mich lange zu besinnen, und bin 
ich erst pensioniert, dann ist's aus. Was muBte mich 
denn der Bose reiten, bei der Jungen gleich loszu- 
schieBen. Es ist ja nattirlich, wenn das junge Mad- 

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chen, so hubsch wie es ist, auch noch reich ware, so 
ware sie doch keine acht Tage ledig, das kenne ich 



doch aus Erfahrung, da wurde sie ja nicht auf mich 
warten. Die Alte sieht gut aus, sie geht ganz elastisch 
einher, und bei diesem Appetit und Durst, den sie hat, 

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da konnte ich zwanzig, dreiBig Jahre auf die Erb- 
schaft warten, wenn ich die Junge nahme. Nichts 
da! Und am Ende heiratet sie wieder, dann hatten 
wir das Nachschauen, kenne das, wie das so zu gehen 
pflegt mit den Erbschaften! Nein! Haben ist haben! 
Die Alte ist gar nicht so tibel, je langer ich sie ansehe, 
desto besser gefallt sie mir!" 

„Mylady !** fuhr er dann laut fort, „Sie werden mich 
nicht miBverstehen, wenn ich Ihnen sage, daB es mir 
in meiner Stellung einfach unmoglich ist, eine arme 
Frau zu heiraten!" 

„0 ich begreife vollkommen!" sagte der iiber- 
mutige Lazarettgehilfe, der schon das sechste Qlas 
Champagner vertilgte und eben im Begriffe war, sich 
tiber das kostlich duftende Chateaubriand herzu- 
machen. „Es ist ganz natiirlich, daB eine Offizier 
reprasentieren muB — o ich Hebe die Off iziers sehr — 
besonders die Kavallerie — o Sie muBten eine sehr 
reiche Frau nehmen, 'err Major! — Sie ist nur meine 
Stieftochter — ich gebe ihr bloB Kleider — und so — 
aber Vermogen nix!" 

Dem Major hingen die Augen heraus. 

„Stieftochter! Ah, jetzt versteh , ich," dachte er 
und es wurde klar in seinem Qeist, die Zweifel ent- 
flohen. „Die Alte oder keine!" dachte er sich, „ein 
solcher Zufall kommt nicht wieder im Leben. Eine 
kanonenmaBig reiche Englanderin, die fur deutsche 
Kavallerie schwarmt, das stoBt einem nicht zum 
zweiten Male auf!" 

„Wenn ich wieder 'eiraten sollte," fuhr Zeck fort, 
indem er unheimliche Portionen einfuhrte, „ware mir 
am liebsten eine Kavallerieoffizier!" 

Na, das war deutlich. „QroBartig, diese Englande- 
rinnen," dachte der ewige Hochzeiter, „wie sie grad- 
aus gehen, kein solches Qeziere und Qetue wie unsre 
deutschen Damen ! QroBartig ! " 

„Und welche Eigenschaften," stotterte er, „miiBte 
ein solcher Mann haben, dem das Gliick zuteil " 

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Der ewige Hochzeiter hielt inne, denn Zeck warf ihm 
einen derartig schmelzenden, versengenden Blick zu, 
da8 jede weitere Frage iiberflussig wurde. 

„Sie wiirden es also nicht unpassend finden, wenn 
ich langsam zu der Ansicht bekehrt wurde, daB 

eigentlich unbewuBt der Eindruck, den ich 

empfing — nicht sowohl — das heiBt — daB ich mir 
augenblicklich nicht ganz klar war, von wem ich 
eigentlich den starkern Eindruck empfing!" 

Zeck fand es nicht im geringsten unpassend. Im 
Qegenteil, er wiederholte den mit so schonem Erfolg 
angewandten schmachtenden Blick, wahrend er zu- 
gleich einen ganzen Spargel verkehrt in den Mund 
schob. 

„Reden Sie of fen! Sie gef alien mir sehr gut! Au 
Yes!" 

„Ah!?" Der ewige Hochzeiter war iiber seinen Er- 
folg ganz paff. Einen Moment schoB ihm ein Zweifel 
durch den Kopf, ob das nicht am Ende zwei Abenteu- 
rerinnen waren. „Aber nein, was sollten die hier in 
dem winzigen Stadtchen suchen, dergleichen gibt es 
nur in GroBstadten. Nein! Es sind eben verruckte 
Englanderinnen und ich habe endlich einmal das 
Qliick, das ich mir immer wiinschte." Wenn es wahr 
ist, daB die Liebe blind macht, so ist dies im erhohten 
MaBe bei der Liebe zum Geld der Fall, und der ewige 
Hochzeiter war vor Geldgier blind und taub. Alle die 
Leute, welche ihr Geld gegen ubermaBige Prozente 
zu Schwindelbanken tragen, oder es an Hochstapler 
geben, alle die Spieler, alle Leute, die ihr Dasein nicht 
ihrer Arbeit und ihrem Verdienst verdanken wollen, 
sondern auf auBergewohnliche Glucksfalle spekulie- 
ren — alle sind sie sinnesverwirrt, sie gleichen dem 
sonst so schlauen Auerhahn, der in seiner Tollheit 
nicht hort und sieht. Erst spater, wenn sie griindlich 
hineingefallen sind, greifen sie sich an das weise 
Haupt und sagen : „Ich muB nicht recht bei Trost ge- 
wesen sein!" 

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Herr von Hosier war also vollkommen „wepsig". 
DaB Zeck den Kaviar mit dem Loffel und den Spar- 
gel verkehrt aB, sah er nicht, daB diese rasche An- 
nahme seiner Werbung doch sehr verdachtig war, 
merkte er in seiner Eitelkeit nicht, fur ihn gab es nur 
noch eine Frage : „Wieviel Geld hat sie?" 

„Mylady!" rief er, „ich bin hingerissen uber diese 
freie, vorurteilslose Art, womit Ihr Englander in wun- 
dervoller Riicksichtslosigkeit auf das Ziel losgeht. Nun 
verzeihen Sie auch mir, wenn ich, obschon unsere 
Sympathie also eine gegenseitige ist, vorher noch die 
Bitte an Sie richte, mich einen Blick in Ihre finanzielle 
Lage tun zu lassen. 

„Sie meinen, wieviel Qeld ich 'abe?!" sagte Zeck, 
sein Champagnerglas austrinkend. 

Der ewige Hochzeiter verbeugte sich stumm, er- 
griffen von so groBartig einfacher Lebensauffassung. 

„Wieviel meinen Sie?" lachte Zeck. 

„Darf man Sie auf eine Million schatzen?" lachelte 
der Major. 

„Und noch drtiber!" log Zeck mit holdseligem La- 
cheln. 

„In Pfund?" rief der Major, dem die Augen heraus- 
hingen. 

„Au Yes! Natiirlich," sagte Zeck, der die Frage 
nicht verstanden hatte. 

Dem ewigen Hochzeiter tanzte es himmelblau vor 
den Augen. Also uber zwanzig Millionen Mark. Das 
iibertraf seine kuhnsten Traume. „Auf unser kunf- 
tiges Gluck!" rief der ewige Hochzeiter strahlend, 
indem er das Champagnerglas erhob und mit Zeck 
anstieB. 

„Au Yes!" sagte dieser austrinkend. 

„Aber was sagen wir Ihrer Stieftochter?" meinte 
der gluckliche Brautigam. 

„Lassen Sie — jupp — mich" — Zeck hatte den 
Schluchzer bekommen — „mit ihr — jupp — reden. 
bleiben Sie unterdessen hier!" 

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Zeck stand auf — oho — was ware denn dieses — 
die gute Stube dreht sich ja im Kreise — oh — die 

Ttire ist etwas weiter links jupp — so — hat 

ihm schon ui jemine, da wirbelt und dreht sich 

alles drauBen. Zeck starrt auf einen Fleck und sieht 
nur mehr farbige Streifen, die sich durcheinander- 
schlingen. Zum Qluck tanzte Rudi eben mit einem 
Herrn voruber und nimmt ihn mit fort in das Zimmer, 
wo sie abgestiegen waren. 

Dort sprang Rudi vor Vergnugen herum wie ein 
Besessener und lachte sich einmal ordentlich aus, den 
Zeck um seine eigene Achse wirbelnd. „H6ren Sie 
auf — jupp" — stohnte dieser, — Jupp — ich bin ja 

— jupp, ich bin ja total be — jupp — be — " 
„Betrunken sind Sie — das merk' ich, Sie Kalfak- 

ter ! Sie werden uns schon in die Tinte bringen, wenn 
Sie sich nicht zusammennehmen. Zeck — ich bin 
Ballkonigin — die Damen des Stadtchens argern sich 
griin und gelb iiber mich! Nicht um alles gabe ich 
diesen Abend her! Und was die Herren fur erbSrm- 
lichen Blodsinn daher reden — jeder dasselbe!" 

„Ach was — jupp," schrie Zeck mit glasernem 
Blick, „Ballkonigin? Das ist noch gar nichts — ich 
bin ver — jupp — verlobt — mit dem — jupp — mit 
dem ewigen Hochzeiter!" 

Rudi schlug ein wahres Hyanenlachen auf : „Was? ! 

— Der hat doch um mich angehalten!" 

„Tut nichts — jupp — hab's ihm ausgeredet!" 

Rudi war auf dem Qipfelpunkt des Vergniigens an- 
gelangt 

Zeck ermunterte sich ein wenig mit frischem Was- 
ser. Arm in Arm betraten die beiden wieder den 
Schauplatz ihrer Triumphe. 

Unterdessen nahte sich das Unheil in Qestalt des 
geschwatzigen Friseurs. Dieser konnte der Neu- 
gierde nicht widerstehen und betrachtete von einer 
kleinen Qalerie aus seine beiden Schopfungen, die da 
unten im Saal Aufsehen erregten. Er empfand dabei 



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begrundeten Stolz und unter dem Siegel der Ver- 
schwiegenheit vertraute er einem neben ihm finster in 
den Saal blickenden Herrn das Qeheimnis der beiden 
Ladys an. 

Schwachheit, defn Name ist nicht nur Weib, denn 
die Manner konnen Qeheimnisse noch viel weniger 
bewahren. 

Der finster blickende Herr nahm die Mitteilung mit 
hochstem Interesse entgegen. 

„Wie? Wegen dieser dummen Jungen habe ich 
mich so schauderhaft blamiert!" 

Es war der entgleiste Apotheker, der dies dachte, 
der verungluckte Cellist des heutigen Abends, der 
nicht mit Unrecht den beiden SpaBvogeln seinen MiB- 
erfolg zuschrieb. 

Wutentbrannt erzahlte er dem Rittmeister, der im 
Bierstubchen tarockierte, die Geschichte. 

Dieser lachte ihn aus und fiel ihm auf den Scherz 
nicht herein. So hoch sei seine Zeche doch noch nicht, 
daB er seinen Fahnrich mit einer fremden Lady nicht 
unterscheiden konne. 

Da traf des Apothekers rachedurstiges Auge den 
Major. 

„Haben Sie schon gehort, Herr Major, von dem 
Unfug?" 

„Was?" fragte dieser traumverloren. Er hatte 
eben an eine groBe Papierschere gedacht, womit er 
im Qeiste Coupons abschnitt. 

„Der Fahnrich Tummelkam und der Lazarettgehilfe 
Zeck erlauben sich den frivolen Scherz, hier in Da- 
menkleidern als englische Ladys die Leute zum 
besten zu haben!" 

Der Major sprang empor, wie von einer Tarantel 
gestochen. 

Da kamen die Lady und ihre Tochter wieder. Der 
wackere Apotheker driickte sich. 

Der Major starrte die beiden ganz bleich an! „So! 
— Es ist alles in Ordnung — jupp!" sagte Zeck und 

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setzte sich wieder — ebenso Rudi, der jetzt ganz bar- 
barisch in die Speisen einhieb und entsprechend dazu 
trank. 

Der ewige Hochzeiter blieb eine Weile stumm, denn 
sein Herz wurde zwischen Furcht und Zweifel hin und 
her gerissen. Der fortgesetzte Schluchzer des Zeck 
war endlich ausschlaggebend : Nein! So benimmt 
sich eine wahrhaftige Lady nicht! 

„Wissen Sie?" sagte er auf einmal, wie aus einem 
Hinterhalt vorspringend, „wissen Sie, daB ich Sie fur 
den Fahnrich Tiimmelkam und den Qefreiten Zeck 
halte?!" 

Durchbohrend sah er die beiden an. Jetzt muBten 
sie sich verraten oder wenigstens erbleichen. 

Bei Rudi war dies auch der Fall, aber da er rot ge- 
schminkt war, so sah man es nicht. Zeck dagegen, 
der unaufhorlich Champagner trank, war bereits bei 
jenem seligen Stadium angelangt, wo die Welt und 
alles darinnen dem Menschen so rosig und hell, so 
selbstverstandlich und klar wird. Er grinste den 
ewigen Hochzeiter seelenvergnugt an und trank sein 
Qlas aus. 

Und ehe der ewige Hochzeiter recht wuBte, wie 
ihm geschah, war die junge Lady aufgestanden, hatte 
ihre wackelige Stiefmama beim Arm ergriffen und 
indem sie mit vernichtendem Blick dem Herrn von 
Hosier ein „shocking u zuschleuderte, verschwanden 
die beiden Damen, schwer gekrankt und tief belei- 
digt, in ihren Zimmern. 

Jetzt wuBte der Major gar nicht mehr recht, wie er 
daran war. Doch rasch entschlossen nahm er Sabel 
und Mutze und eilte fort: „Hochst einfach!" sagte er. 
„Sind die beiden Burschen im Arrest, dann ist's gut 
— nein, dann ist's erst recht nicht gut, denn dann 
habe ich die Damen grundlos beleidigt!" Mit solchen 
Qualgedanken eilte er hinaus in die Nacht, der Ka- 
serne zu. 

Nachdem Rudi die Tiir hinter sich verschlossen 

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hatte, packte er seine Stiefmutter tuchtig am Kragen. 
„Sie Saufaus — Sie haben uns verraten!" 

„Wa — a — s? — jupp — i — ich bin ver — lobt — mit 
-jupp r 

„Fort! Schnell nach Hause in den Arrest, das kann 
uns vielleicht noch retten! Vorwarts!" 

Das Zimmer lag im ersten Stock. Rudi nahm seine 
Rocke zusammen und turnte hinaus in den Hofraum. 

„Nehmen Sie mich doch mit, Herr Fahnrich 

jupp — " wimmerte Zeck oben. 

„Schnell! Springen Sie!' 4 

„Qleich ! — Jupp — die R6 — die Rocke — hindern 
mich — " krach — da hing er schon mit seinem Kleid 
am Fensterhaken, zwischen Himmel und Erde. 

„Kommen Sie doch — Sie Ungliicksrabe!" fliisterte 
Rudi. 

„Q1— igleich — Herr Fahnrich — jupp — ich hange 
ein wenig — ." 

Rudi war wlitend. Er packte eine Stange, die im 
Hof lag, und bemiihte sich, seinen SpieBgesellen her- 
unterzustochern. 

„Auweh!" brullte Zeck. Endlich, kritsch — kratsch, 
plumpste er wie eine reife Zwetschge herunter. Das 
schone Seidenkleid hing in Fetzen. 

„Jetzt aber vorwarts, sonst sind wir geliefert!" Die 
beiden schlichen sich zum Tor hinaus und durch 
einige enge GaBchen gerade gegen den FluB zu. 

„Wa — warum gehen wir — jupp — nicht iiber die 
Briicke?" keuchte Zeck hinterdrein. 

„Die Briicke ist viel weiter oben und wir mussen 
dem Major einen Vorsprung abgewinnen, wenn er in 
den Arrest kommen sollte. Hoffentlich hat Mutschr 
mann hier gewartet — hurra — da ist er ja!" 

Sie waren am Ufer angekommen, wo der treue 
Trompeter mit seinem Kahn wartete. Oberm FluB 
driiben schimmerten die Lichter der Kaserne. 

„Hurra!" rief Rudi und sprang ins Boot, den Zeck 
nachziehend. 

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In kurzen Worten erklarte er dem Trompeter die 
Lage. 

Dieser begriff sofort und stieB vom Ufer ab. Rudi 
beeilte sich, die Kleider abzuwerfen und wahrend der 
Oberfahrt wieder in seine Uniform zu schlupfen — 
als plotzlich, sie mochten den vierten Teil des Weges 
zuriickgelegt haben, ein lauter Plumps horbar wurde. 

„Wo ist Zeck?" rief Rudi. 

„Der Lali ist ins Wasser gefallen!" antwortete 
Mutschmann, indem er sich bereit machte, nachzu- 
springen. 

Da tauchte Zeck schon wieder auf und strebte im 
Hundeschwumm dem Lande zu. 

„Hierher — hierher, Zeck!" rief Rudi gedampft. 
Aber Zeck strampelte in seiner Todesangst gegen das 
Lapd und war schon so weit, daB er waten konnte. 
„Fahre ihm doch nach!" eiferte Rudi. 

„Still! Es ist keine Sekunde zu verlieren!" 
herrschte der Trompeter, wahrend er aus Leibes- 
kraften nach der Mitte ruderte. 

Zeck, der ans Land geplatschert war, winkte, was 
er konnte, wobei er einen Spriihregen von Wasser- 
tropfen von sich gab. ' Zu schreien wagte er nicht. 
Das kalte Bad hatte ihn wieder vollkommen niichtern 
gemacht. „Die werden mich doch nicht da stehen 

lassen ah so was! — " Zeck rang verzweifelt 

seine Arme in den triefenden Puffarmeln und klap- 
perte mit den Zahnen, denn der Morgen nahte und es 
war sehr frisch. Wahrend der Trompeter mit kraf- 
tigen Schlagen iiber den FluB fuhr, hatte sich Rudi 
rasch aus der bluhenden Lady wieder in einen 
Ulanenfahnrich verwandelt. Er wusch sich den Pu- 
der vom Qesicht und war eben fertig, als der Trom- 
peter bei der Kanaloffnung hielt. 

„Aber — wenn Zeck jetzt fehlt — ?" wollte Rudi 
sagen. 
„Vorwarts!" trieb der Trompeter, und befestigte 

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schnell sein Boot an einem Strauch, der aus der 
Mauer wuchs. 

Jetzt verstand Rudi. Beide krochen schnell durch 
den Kanal. Unter der Pritsche kam Mutschmaon 
nur mit Miihe durch, da er st&rker war, als die bei- 
den andern. Kaum waren sie drinnen, so wurden 
Stimmen laut. 

„Siehst du!" fliisterte der Trompeter, „hatte ich 
den Zeck geholt, so waren wir zu spat gekommen! 
Schlafen markieren!" 

Die Schliissel rasselten. Major von Hosier trat 
ein mit dem wachhabenden Unteroffizier. Bei dem 
Anblick der zwei schnarchenden Soldaten wollte sich 
ihm das Herz im Leibe umdrehen. „Also ganz zweck- 
los die Damen beleidigt. Vielleicht mein Qliick auf 
immer verscherzt!" dachte er. 

Rudi fuhr wie erschrocken in die Hohe und rieb 
sich die Augen, wahrend der Trompeter, den Mantel 
iiber den Kopf gezogen, nur von ruckwarts sichtbar 
war und auf der Pritsche in die Ecke gedrfickt 
schnarchte, als ob er seit Stunden so dalfige. 

,,'s ist gut!" machte der Major argerlich und ging 
wieder. „Ob sie mich jetzt noch nimmt?" sagte er 
laut in Qedanken. 

„Wie befehlen Herr Major?!" fragte der Unteroffi- 
zier, den Arrest wieder zusperrend. Dieser antwor- 
tete nicht und eilte nach dem Qoldenen Loffel. 

„Na — wenn's dem nicht rappelt?!" brummte der 
Unteroffizier, wahrend er wieder ins Wachlokal ging. 

Die beiden im Arrest sprangen auf, als die Qefahr 
vorbei war. 

„Jetzt will ich schnell den Zeck holen und dann mit 
dem Wirt vom Qoldenen Loffel reden, sonst kommt 
Ihr doch noch herau5!" 

„Mutsch! Du bist unser guter Engel gewesen!" 
lachte Rudi wieder seelenvergnugt. 

„Nur piano! Ihr s$id noch nicht im Trocknen. Von 
dem Zeck befiirchte ich noch allerlei Dummheiten! — 

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Ich muB eilen ! — Adieu ! Morgen werde ich dir die 
Leviten lesen, leichtsinniger Stride!" 

„Immer zu! Tausend Dank, Mutsch!" 
. Der Trompeter verschwand unter der Pritsche, 
kroch durch den Kanal und bestieg seinen Kahn 
wieder. 

Zeck irrte unterdessen zahneklappernd am Ufer 
herum. Eine Weile dachte er, die andern wurden ihn 
doch noch holen, als es ihm aber zu lange dauerte, 
entschloB er sich, auf eigene Faust einen Kahn zu 
suchen, um ungesehen wieder in den Arrest zu ge- 
langen. Dort, oberhalb der Briicke, erinnerte er sich, 
waren immer welche angebunden. Er nahm sein zer- 
fetztes, triefendes Kleid hoch und marschierte fro- 
stelnd und schimpfend auf das Ziel los. Alles war 
still und menschenleer und sacht begann es zu dam- 
mern. 

Auf einmal, als er aus einem kleinen GaBchen nach 
der Briicke zu einbog, stieB er an jemand, der eilig 
von der entgegengesetzten Richtung kam. Qerade 
unter einer Laterne fand der ZusammenstoB statt. 

„Mylady!" rief der Jemand. 

Zeck erkennt entsetzt den Major — an ihm vorbei 
— mit flatternden Qewandern — iiber die Briicke — 
die Stufen hinunter — ans Ufer — richtig, da sind 
Kahne, fiinf, sechs Stuck — er springt in den nach- 
sten — der ist angekettet — er reiBt den Pflock her- 
aus in heller Verzweiflung — dabei fallt ihm die graue 
Periicke ins Wasser — tut nichts — das Ruder ein- 
gelegt — und hallo! 

Der ewige Hochzeiter war ganz konsterniert bei 
der unverhofften Begegnung. „Mylady", rief er, 
„halten Sie — — Sie werden sich doch kein Leid an- 
tun — alles wird sich aufklaren — vergeben Sie mir!" 
Atemlos sabelte er hinter Zeck drein. Der stand schon 
im Kahn und stieB eben ab, als der Major hart heran- 

gekommen war. Myla — d — y !" das Wort er- 

starb ihm auf den Lippen, als er den fliehenden La- 

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zarettgehilfen ohne Perucke mit dem zerfetzten Kleid 
sah. — „Ihr Millionenhunde!" schrie er wiitend, „euch 
werd' ich das Handwerk legen!" Obwohl der Major 
den ganzen Zusammenhang augenblicklich noch nicht 
begreifen konnte, so war ihm doch klar, da8 er der 
mehrfach geprellte Mitteleuropaer sei. Und als er 
mit Zeck seine vermeintlichen zwanzig Millionen den 
FluB hinunterschwimmen sah auf Nimmerwieder- 
sehen, ergriff ihn eine so unbandige Wut, daB er in 
den nachsten Kahn sprang, den Strick schnell mit 
dem Taschenmesser abschneidend und wie alle Wet- 
ter hinter der falschen Lady drein! 

Eine regelrechte Regatta ging nun los. Die zwei 
zogen an, daB alles krachte. Zeck hatte zwar einen 
Vorsprung gehabt, aber der Major riickte ihm tiichtig 
auf, es war demselben klar, wenn er ihn entschliipfen 
lieB, war das Ratsel nicht zu losen. Doch schon 
winkte der rettende Hafen. Wie weiland Tell auf die 
Platte, so sprang Zeck in das rettende Kanalloch und 
lieB sein Schifflein auf den Wellen treiben. 

Der Major, hoch erstaunt, wollte schon das gleiche 
tun, aber miBtrauisch, wie er jetzt geworden war, 
dachte er auch an den Ruckzug. Er band seinen Kahn 
an den Strauch, der aus der Mauer ragte, und drang 
kiihn dem Zeck ins Kanalloch nach, um der Teufelei 
auf die Spur zu kommen. 

Zeck zwangte sich in einer schauerlichen Ver- 
fassung unter der Pritsche hervor und Rudi, der alle 
Qefahr beseitigt glaubte, iiberlieB sich seiner alten 
Heiterkeit. 

„Bscht — bscht!" machte Zeck sehr angstlich, „er 
kommt dicht hinter mir drein!" 
„Wer?" 
„Der ewige Hochzeiter!" 

„Also haben Sie uns doch wieder in die Patsche 
gebracht! Sie sind doch ein — !" 
„Bscht!" 
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Man horte den Verfolgcr im Kanalloch rumoren. 
Rudi und Zeck blieben atemlos. 

Wahrenddessen hatte der wachsame Trompeter, 
welcher sich auf der Suche nach dem Lazarettgehil- 
fen befand, von fern den drolligen Rudersport mit an- 
gesehen. Kaum war der ewige Hochzeiter im Loch, 
so ruderte er heran und band dessen Kahn los, ihn 
ins Schlepptau nehmend. Dann wartete er mit klop- 
fendem Herzen vor der Offnung. 

Der ewige Hochzeiter hatte sich indessen wieder 
bis zum Ausgang gekrabbelt, da er zu dick war, um 
unter der Pritsche durchzukriechen, und keine 
Ahnung hatte, wo er sich befand. Sehr verwundert 
riB er die Augen auf, als er im Morgengrauen den 
Trompeter mit den Kahnen lavieren sah. 

„Haben Sie den Kahn losgebunden? Fahren Sie 
augenblicklich her, daB ich einsteigen kann!" 

„Entschuldigen der Herr Major, aber ich muB zuvor 
die Bitte um Straflosigkeit fur meine Kameraden 
stellen!" 

„Ah — Sie stecken mit unter der Decke? Na, 
freut euch nur! Her mit dem Kahn!" 

„Ich bitte den Herrn Major gehorsamst, mir zuerst 
gutigst das Wort zu geben, iiber die Vorgange dieser 
Nacht zu schweigen!" 

„Frecher Hallunke!" schrie dieser, „ins Zuchthaus 
bring' ich euch alle zusammen wegen Betrugs! Her 
mit dem Kahn!" Der Trompeter wurde bleich, aber 
er ruhrte sich nicht. Er wuBte, daB sie alle drei ver- 
loren waren, wenn er die schlimme Lage des Vor- 
gesetzten nicht ausnutzte, und was er fur sich allein 
nie getan hatte, das fuhlte er sich unwiderstehlich ge- 
trieben fur den Kameraden zu tun, dessen ganze Exi- 
stenz auf dem Spiele stand, und die seiner Familie 
damit. 

„Wart\ Bursche!" schrie der Major, als der Trom- 
peter sich nicht vom Platze ruhrte. Er kehrte um. 
Es muBte doch da irgendwo hinausgehen. Durch 

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Zauberei konnte die vermeintliche Lady doch nicht 
verschwunden sein. Ah — da stieB er auf etwas 
Weiches — es raschelte wie Seide — eilig entfernte 
sich das Ding im dunkeln Gang. Den Major gruselte 
es einen Augenblick, aber sofort leuchtete es ihm ein, 
daB das nur der Verfolgte sein konne, und behend 
kroch er nach. 

Es war Zeck. Er hatte geglaubt, der ewige Hoch- 
zeiter sei schon abgefahren, und wollte nachsehen. 
Als er im dunklen Schlund auf den Herrn von Hosier 
stieB, krabbelte er mit Handen und FuBen zuruck, wu- 
tend tiber sein fortgesetztes Pech, das ihn jedesmal 
wieder seinem Verfolger auslieferte, wenn er ihm 
schon entronnen zu sein glaubte. 

„Ist er fort?" fragte Rudi, als Zecks Kopf unter der 
Pritsche auftauchte. 

„Helfen Sie — er hat mich beim FuB! u stohnte die- 
ser. Rudi zog, aber Herr v. Hosier hielt unten im 
Kanal Zecks Bein fest und lieB ihn nicht aus. „Sie 
miserabler Kerl!" schrie er, „wollen Sie dableiben!" 

„Zu Befehl!" schrie Zeck, 

„Wo sind Sie denn eigentlich?" tonte es von unten. 

„Im strengen Arrest, Herr Major," sagte Rudi, 
„man muB unter der Pritsche hervorkommen." 

„So? Sie sind auch da! Na wartet!" Der Major 
lieB Zeck los, der eilig heraufturnte, um selbst in den 
Arrest einzudringen. Aber es ging nicht. 

„Zum Donner — so hebt doch die Pritsche auf!" 

„Es geht nicht, Herr Major, sie ist in die Wand ein- 
gelassen!" 

Noch einen Versuch machte er, sich durchzu- 
zwangen, daB die Knopfe von der Uniform ab- 
sprangen. 

„Herr Major sind zu dick!" sagte Zeck mit inner- 
licher Freude. 

„Halt's Maul!" schrie dieser wiitend, indem er sich 
mit Miihe wieder zuriickzog. Er kroch zur Offnung. 
Der Trompeter war am selben Fleck. 
30* 

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„Wollen Sie jetzt gutwillig herfahren, so sichere 
ich Ihnen fiir Ihre Person Straflosigkeit zu! 44 

„Herr Major, ich kann meine Kameraden nicht im 
Stich lassen!" 

Nun bekam der Major einen Wutanfall. Er 
schimpfte und wetterte und drohte mit der fiirchter- 
lichsten Rache. 

„Herr Major," sagte der Trompeter bescheiden, 
„ich glaube, wie die Dinge liegen, w&re es sogar im 
Interesse des Herrn Majors, die Vorf&lle dieser Nacht 
als Scherz aufzufassen! Ich bitte noch einmal 
dringend um Verzeihung fur unsern jugendlichen 
Streich! 44 

„Fahren Sie her, oder ich rufe Leute herbei!" 

„Das sollten der Herr Major nicht tun, denn die 
Leute wiirden sich gar zu sehr wundern!" 

Da hatte der Trompeter recht. Das war ja einfach 
unmoglich, der Major hatte sich bis auf die Knochen 
blamiert — und so wie er angeschrieben war, wenn 
das der Oberst erfuhre — alles eher als das! 

Der Major lenkte notgedrungen ein. 

„Also seien Sie vernunftig, ich will die ganze Qe- 
schichte als Scherz auffassen — jetzt fahren Sie 
her! 44 

„Sobald der Herr Major mir Ihr Ehrenwort darauf 
geben! 44 sagte der Trompeter unerschiitterlich. 

„Es ist gut! 44 knurrte dieser, sich auf die Lippen 
beiBend. 

„Ichhabe also Ihr Wort?! 44 

„Es ist gut, habe ich gesagt; zum Donnerwetter, 
verstehen Sie nicht deutsch! VorwSrts! 44 

Der Trompeter, dem es uberhaupt einen furcht- 
baren Kampf gekostet hatte, so gegen einen Vorge- 
setzten aufzutreten, wagte nicht mehr langer zu zo- 
gern. Er fuhr heran. Der Major sprang ins Schiff. 

Der Morgen stieg herauf und vergoldete die Dacher 
des Stadtchens. Sonntagmorgen ! Der Trompeter 
ruderte eilig ans andere Ufer. 

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„Ich bitte den Herrn Major nochmals ganz gehor- 
samst um Entschuldigung," sagte er, wahrend er 
landete; „es stand fur meinen Freund zu viel auf dem 
Spiel. Esist * !" * 

„Was wollen Sie? u schrie der ewige Hochzeiter 
wiitend. „Halten Sie Ihr Maul. Ihr werdet exem- 
plar isch bestraft werden, ihr freches Gesindel!" 

„Aber Herr Major! Ich habe doch Ihr Wort!" rief 
der Trompeter bestiirzt. 

„Sie frecher Bengel! Ich habe gesagt ,es ist gut!* 
und was das bedeutet, werden Sie erfahren!" Der 
Major entfernte sich eilig nach dem Qoldenen Loffel 
zu. 

Der Trompeter wurde leichenblaB vor Zorn. Hatte 
er ihn doch sitzen lassen im Loch, bis er schwarz 
wurde! Einen Augenblick dachte der junge Mann 
nach, dann farbte wieder Rote seine Wangen und im 
Laufschritt eilte er nach der Kaserne. 

Dort war alles schon munter. Alles putzte und 
burstete, pfiff und sang, denn der Sonntag ist ein 
frohlicher Tag, besonders fur den Soldaten. 

Der Trompeter eilte zum Wachtmeister und bat, 
vom Mittagappell wegbleiben zu dtirfen. Dann stu- 
dierte er den Fahrplan. Um 6 Uhr 50 Min. frtih ging 
ein Schnellzug, mit dem fuhr der Major nach der Gar- 
nison zuruck, der Wachtmeister wuBte es, weil er 
noch an die Bahn befohlen war. Der Schnellzug kam 
um 8 Uhr 45 Min. dort an. Anfangs war der Trom- 
peter entschlossen, mit demselben Zug zu fahren und 
dem guten alten Oberst alles zu erzahlen, der seine 
Ulanen liebte wie ein Vater. Das war auf jeden Fall 
die einzige Rettung. Aber wenn er gleichzeitig mit 
dem Major fuhr, so muBte ihn dieser sehen und seine 
Absicht durchschauen. Dann war auch gar nichts 
geholfen, wenn er gleichzeitig mit diesem eintrafe. 
Er muBte den Oberst zuerst und allein sprechen. Es 
gait also zuvorzukommen. Eben schlug es 6 Uhr. 
Da besann sich der junge Reiter nicht langer. „Jetzt 

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gilt's!" rief er und eilte in den Stall. Dort sattelte er 
die Vollblutstute des Fahnrichs. die lichtbraune Mai- 
den", welche sich iiber die Unterbrechung des Friih- 
stiicks etwas argerlich zeigtfc. 

Fiinf Minuten sp&ter ritt der Trompeter in lang- 
samem Schritt zum Kasernentor hinaus. Eine Vier- 
telstunde lieB er das Pferd so gehen, trotzdem er vor 
Ungeduld fieberte. Wahrenddessen studierte er eine 
Karte, die er aus der Kanzlei mitgenommen hatte. 
Nach kurzer Berechnung sah er, daB, wenn er der 
LandstraBe folgte, bis zur Ankunft in der Stadt beim 
raschesten Tempo 2M> Stunden vergehen mtiBten. 

Nach der Karte waren es'gut iiber 80 Kilometer. 
„Es geht nicht!" seufzte der Trompeter, „selbst wenn 
ich das Pferd zuschanden reite, komme ich hoch- 
stens gleichzeitig hin, anstatt f riiher dort zu sein. 

Auf einmal wendete er sein Pferd von der StraBe ab 
und fing an, kurz iibers Feld zu traben. „Hurra!" 
lachte er vor sich hin, „ich reite auf der Luftlinie, da 
erspare ich 20 Kilometer, denn die StraBe macht 
zweimal einen sehr groBen Bogen, um Ortschaften zu 
beruhren, bei denen Brucken iiber den FluB fiihren, 
der sich in der Qegend mehrfach kriimmt! Was 
braucht denn ein deutscher Ulane Brucken, um durch 
den FluB zu kommen? HeiBa, Maiden — jetzt fangen 
wir an!" 

Er lieB das edle Tier in Qalopp ubergehen, den er 
langsam und stetig immer mehr verscharfte. Die 
Felder waren noch groBtenteils unbestellt, in blauem, 
sonnigem Duft lag das weite Land und der junge Rei- 
tef hob die Brust und erf reute sich des kostlichen Le- 
bens, das einem so voll zum BewuBtsein kommt, wenn 
man hoch zu RoB iiber die Fluren sprengt. Eine halbe 
Stunde war er mit der Uhr in der Hand ruhig und 
gleichmaBig fortgaloppiert — da kam der FluB zum 
erstenmal. Ohne Schwierigkeiten wurde er lustig 
durchschwommen. Driiben weiter! Alsbald ging es 
durch Wald. Auf jeden Stein am Wege gab der Rei- 

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ter acht, sein Pferd zu schonen, dazwischen lieB er es 
sorgsam nach der Uhr wieder ein paar Minuten im 
Trab und Schritt gehen, um dann aufs neue immer 
hohere Leistung zu fordern. Jetzt wurde der Weg 
schlecht. Aber da war keine Zeit zum Aussuchen; 
der Trompeter wich von seiner graden Linie nicht ab 
und wo es Hindernisse gab, da wurden sie einfach in 
hohem Sprung bewaltigt. Auf einmai endet der Waid 
und senkrecht geht es hinunter auf den FluB, der 
schon einmai durchschwommen, jetzt wieder im Weg 
liegt, da er einen weiten Bogen gemacht hat. Der 
Trompeter stoBt einen Ruf des Argers aus. Es sind 
mindestens fiinf Meter vom Ufer hinunter in den 
FluB. Er schaut nach links und rechts. Es ist nir- 
gends niedriger, eher noch hoher. Die Zeit ist kost- 
bar. „Pah — ein Sprung ist ja nicht so schlimm, das 
Wasser ist ja tief!" Er setzt die Sporen ein. Aber 
Maiden bedankt sich fur den SpaB. Sie geht bolz- 
gerad in die Hohe. Noch einmai will's der Trom- 
peter zwingen. Jetzt wird Maiden scheu und fangt 
an zu drehen und zu stampfen. Da brockelt es — da 
fangt es an zu rutschen — das unterwaschene Sand- 
ufer gibt nach und unter groBem Qetose sturzen 
beide, der Trompeter und sein Pferd nebst Sand und 
Geroll ins Wasser. Der Trompeter, dem es den Atem 
benahm, kam unter das Pferd zu liegen. Das Wasser 
war hier hart am Ufer nicht tief genug, um das Qe- 
wicht desselben ganz unwirksam zu machen. Der 
ktthne Reiter wurde einen Moment fast ohnmachtig 
unter dem Druck, stohnend und instinktiv er- 
faBte er einen Bugelriemen und lieB sich von Maiden, 
die unversehrt gleich zu schwimmen anting, hinuber- 
ziehen. Sonst ware er, obwohl er sonst ein sehr guter 
Schwimmer, untergegangen, denn seine linke Seite 
war wie gel&hmt und das Blut rieselte ihm vom Kopf 
iiber die Augen, daB er gar nichts mehr sah. So aber 
zog ihn das brave Pferd rasch durch die Stromung. 
Driiben angelangt, klopfle er zuerst seinem Pferd 

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zartlich den Hals, dann untersuchte er seinen eigenen 
Kopf. 

„BloB ein paar Stuckchen Fell eingebiiBt," sagte er 
zu sich selber, „aber mir scheint, der linke Fliigel ist 
kaput — oder doch nicht — hier alles ganz — weiter 
herauf auch nichts — oh — hier oben — da liegt der 
Has im Pf eff er — richtig — das Schlusselbein ist ab ! 
In Qottesnamen — konnte schlimmer ausgefallen sein 

— bin dem lieben Qott meiner alten Mutter wegen 
recht dankbar, daB es nicht das Genick gekostet hat. 
Den lumpigen Knochen, das ist der Rudi schon wert, 
er lieBe sich auch fur mich ein paar abschlagen! — 
Jetzt aber vorwarts." Nach diesem Selbstgesprach 
gab er seinem triefend und wie teilnahmsvoll da- 
stehenden Pferd einen KuB auf die Schnauze, legte 
die rechte Hand auf den Sattelknopf und sprang in 
den Sattel. Den Schmerz verbiB er und weiter ging 
es in scharfem Qalopp die Boschung hinauf und quer- 
feldein. Da wird ein Dunstkreis sichtbar am Hori- 
zont. „Hurra! das ist die Stadt!" 

Immer deutlicher zeichnen sich die Ttirme und Um- 
risse ab. Maiden geht in voller Flucht, denn der 
Trompeter denkt nicht mehr, daB er es vor Schmer- 
zen noch aushalten kann. 

Die Reiterkaserne befindet sich auBerhalb der 
Stadt, er sieht schon ihre Turmchen auftauchen. So 
braucht er nicht durch die StraBen zu reiten, denn die 
Leute gaffen schon nach dem nassen Reiter mit bluti- 
gem Kopf ohne Mtitze. 

Jetzt taucht eine neue Sorge im Herzen des tapfe- 
ren Reiters auf. Er kann ja den Oberst nicht so ohne 
weiteres sprechen. Er sollte sich vorschriftsmaBig 
bei seinem Wachtmeister zum Regimentsrapport ge- 
meldet haben. Ja, wenn er dem Oberst begegnen 
wiirde, er redet ihn ja immer an, wenn er ihn sieht! 

— Noch eine kleine Strecke Trab zum Ausschnaufen, 
jetzt Schritt — gliicklich am Ziel. Wie er zum Ka- 



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sernentor hineinreitet, sieht er auf die Uhr. Es ist 
genau zehn Minuten iiber acht Uhr. 

„Also eine gute halbe Stunde dem Herrn von Hosier 
abgewonnen! Die heiBt es jetzt ausnutzen!" sagte 
er ganz vergnugt trotz seiner Schmerzen. 

Und der Kiihne hatte Gluck ! Wahrhaftig, da stand 
der Oberst mitten im Kasernenhof, mit dem Adjutan- 
ten sprechend, als ob er schon auf ihn gewartet hatte. 

„Auf Leid folgt Freud' !" dachte der Trompeter und 
sprang ab. 

„Oho!" rief ihn gleich der Oberst an, ein alter, 
braver Reitersmann mit bluhend rotem Qesicht und 
schneeweiBen Haaren und Schnurrbart, „oho — wie 
schauen Sie aus?! — Ah — das ist ja der Trompeter 
von der dritten Schwadron!" 

„Zu Befehl, Herr Oberst!" 

„Ist das ein Dienstpferd?" fragte der Oberst naher- 
tretend und die schaumbedeckte Maiden mit Stirn- 
runzeln musternd. 

. „Nein, Herr Oberst! Das Pferd gehort dem Fahn- 
rich Baron Tummelkam!" 

„So, so! Dem kleinen Tummelkam — na und Sie 
reiten es ihm wohl krumm? Sie miissen ja toll ge- 
juckt sein — Sie sind wohl kopfunter gegangen? Und 
patschnaB sind Sie auch? Sie kommen wohl von 
Ihrer Garnison?" 

„Zu Befehl, Herr Oberst!" 

„Na, die StraBe ist doch ausgezeichnet! Wie kann 
man denn so ausschauen! Wann sind Sie denn drii- 
ben weggeritten?" 

„Sechs Uhr ftinf Minuten, Herr Oberst!" 

„Wa — was?" Der Oberst sah auf seine Uhr. „Was, 
Sie wollen in zwei Slfunden da herubergeritten sein?!" 

„Zu Befehl, Herr Oberst!" 

„Der Tausend ! Das ware ein sehr braver Ritt. Be- 
greife aber nicht, wie Sie das gemacht haben, mein 
Lieber!" 

„Ich bin auf der Luftlinie geritten, Herr Oberst!" 

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„Oho! Und vor lauter Luft ein biBchen ins Wasser 
gefallen? Wie?" 

„Ich muBte zweimal durch den FluB, Herr Oberst." 

„Ja, ja — ganz recht! Brav, mein Sohn, das muBt 
du mir erzahlen!" » 

Nun war's gewonnen! Wenn der Oberst „du" 
sagte, dann war er um den Finger zu wickeln. Und 
der Trompeter erzMhlte. Alles, Wort fur Wort, wie 
es gewesen war. 

Ein paarmai muBte der Oberst iaut auflachen, aber 
wenn vom ewigen Hochzeiter die Rede war, runzelte 
er gar bos die Stirne. 

Der Trompeter hatte geendet. Der Oberst sagte 
nichts, sondern ging ein paar Schritte weiter mit dem 
Adjutanten. 

„Sind das Schiingel! Den Arrest da druben mtis- 
sen Sie untersuchen iassen — notieren Sie gleich! 
Aber was sagen Sie, wie dieser Hosier sich auffuhrt. 
So ein verdachtiger Schiiefer und Schleicher — rennt 
hinter einer alten Lady drein, die ein verkappter La- 
zarettgehilfe ist, gibt einem anst&ndigen Burschen, 
der ihn aus einer niedertr&chtigen Situation befreit, 
sein Wort und h&lt es dann nicht. Na, Qott sei 
Dank, daB es so kam, denn diesmal werden wir ihn 
los, den Schiiefer, dafiir garantiere ich!" 

Dann wandte er sich zum Trompeter zurtick. „Du 
bist ein braver Soldat! Mut, Kameradschaft und Hu- 
mor, das sind mir die drei liebsten Eigenschaften bei 
meinen Jungen. Und wenn ihr auch iiber die Schnur 
gehauen habt, so soil es fur diesmal durch deinen 
schneidigen Ritt ausgeloscht sein! Ihr — tollen Bur- 
schen, ihr!" Der Oberst schaute dem jungen Mann 
freundlich in die Augen und schlug ihn mit der Hand 
auf die linke Schulter. Dieser konnte einen Schmer- 
zenslaut nicht unterdrucken. 

„Sind Sie aber wehleidig!" sagte der Oberst. 

„0 nein, Herr Oberst!" lachelte der Trompeter, 

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„aber ich habe mir vorhin bei dem Sturz ein wenig 
das Schliisselbein gebrochen!" 

„Ist das ein Bengel!" polterte der Oberst> um seine 
Ruhrung nicht sichtbar werden zu lassen, denn er be- 
kam ganz glanzende Augen, als er dem Soidaten aui 
die bluhenden Wangen kiopfte; „so ein ruppiger 
Bengel! Sagt kein Wort davon! Qlaubst du denn, 
du kannst dir auBer Diehst die Knochen brechen wie 
du wiilst?! Gleich laB dir deine Knochen einrichten. 
Marsch ins Revier mit dem Bengel!" 

Qiuckselig machte der Trompeter „Kehrt" und 
fuhrte zuerst sein Pferd in den Stall. 

„So!" sagte der Oberst, „jetzt werde ich mir den 
ewigen Hochzeiter ausborgen!" — 

Der Trompeter bestiirmte den Arzt so lange, bis er 
ihn mit dem Abendzug heimfahren lieB, nachdem der 
Bruch eingerichtet war. Maiden war nachmittags 
schon von einem Ulan zuriickgeritten worden. Dieser 
erzahlte von dem Sturz des Trompeters. Er machte 
die Sache natiirlich schlimmer, und wie es zu gehen 
pflegt, bis die Qeschichte zu den beiden in den Arrest 
hineingelangte, hieB es, Mutschmann habe sich samt- 
liche Rippen gebrochen und liege im Sterben. 

Diese Nachricht war ein Donnerschlag fur den 
lustigen Rudi. Er verbrachte qualvolle Stunden der 
Verzweiflung und machte sich die bittersten Vor- 
wtirfe, an diesem Ungluck schuld zu sein. Plotzlich, 
um halb neun Uhr etwa, klirrten die Schlussel, die 
Tur des Arrestes ging auf. 

„Du lebst!?" schrie Rudi, auBer sich vor Freuden, 
und umarmte gliickselig den Freund. 

„An diese Stunde werde ich denken!" sagte spater 
Rudi ernst; „ich bin in ihr um zehn Jahre alter ge- 
worden. 

Und er hielt Wort. Es war sein letzter dummer 
Streich. Er wurde Offizier und das FideikommiB fiel 
ihm infolgedessen zu. Seinen Freund, den Trom- 
peter, vergaB er nicht. Er gab ihm die Mittel zur 

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musikalischen Ausbildung, und heute ist der ehe- 
malige Trompeter ein Kiinstler auf dem Waldhorn, 
dessen Name weit in der Welt genannt wird. 

Auch dem Zeck hat Rudi in Erinnerung an gemein- 
sam bestandene Lustbarkeit und Qefahr zu seinem 
Qltick verholfen. Er hat ihm die Mittel vorgestreckt, 
in der Hauptstadt ein groBes Barbiergeschaft anzu- 
fangen, welches glanzend geht. Oft steht er mit 
seinem steifen Hals unter der Ladenture, und wenn 
der pensionierte Major von Hosier vorbeigeht, schreit 
er ganz absichtslos: „Au Yes!" Dann wird der knur- 
rige, gallige Pensionist ganz narrisch vor Zorn. 

Und das geschieht ihm recht! Denn wenn es einer 
gar zu gut haben will auf Erden und gar zu schlau 
sein, so kann es ihm leicht passieren, daB er das Gluck 
verfolgt bis — ins Kanalloch hinein, wo er dann schon 
blamiert sitzen bleibt — wie der ewige Hochzeiter! 



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Reiterleben eines Kunstlers. 



Eine meiner fruhesten Erinnerungen ist die an 
ein Pferd. Es hieB Hudibras und gehorte dem Ober- 
leutnant Vogel, der in Ansbach, wo mein Vater 
Staatsanwalt war, bei den Ulanen stand und in dem- 
selben Hause wie wir wohnte. 

Ich soli damais ein sehr hubsches Kind mit wallen- 
den, bionden Locken gewesen sein, was sich ja im 
Laufe der Zeit so ziemlich verlor, besonders die 
Locken. Oberleutnant Vogel verhatschelte mich und 
sein Pferdestall wurde meine Heimat. Hudibras, ein 
verstandiger und gemutvoller Brauner, wurde jeden 
Mittag ins Qasthaus „Zum Stern" gefiihrt, wo sein 
Herr aB, und ich durfte oben sitzen. 

Anfangs ging der Bursche mit, als aber einmal Hu- 
dibras allein mit mir hinging, blieb es dabei. Der 
Bursche setzte mich drauf und Hudibras schien sich 
seiner Verantwortung voll bewuBt. Der Verkehr 
war damais nicht beangstigend in Ansbach. Ich roch 
immer penetrant nach Stall, da ich dem Braunen im- 
mer zwischen den Beinen herumkroch, was ihm of- 
fenbar SpaB machte. Schon war's auch in der Be- 
dientenkammer und nach Hudibras war der Bursche 
mein bester Freund. 

Wie war es interessant, wenn er das Zaumzeug im 
Sande rieb oder auf die Wichsburste spuckte und die 
hohen Reitstiefel seines Herrn bearbeitete und dazu 
pfiff, daB einem die Ohren gellten. Ach, solche Stie- 

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fel zu besitzen, solche Stiefel mit Sporen dran, das 
ware doch der lnbegriff menschlicher Seligkeit ge- 
wesen. Oberleutnant Vogel lieB mir aus einer alten 
Ulanka eine Uniform machen, auch Tschapka, Sabel 
und Sporen bekam ich zum Christkindel. Nicht zu 
vergessen ein Schilderhaus aus Pappe, in dem ich 
stehen konnte. Stundenlang schritt ich mit gezoge- 
nem Sabel ernsthaft davor auf und ab, salutierend, 
wenn ein Offizier vorbeiging, der mir dann lachelnd 
richtig dankte. Das war schon! Zu schon, als daB 
es dauern konnte. 

Das Jahr 1866 kam. Hudibras und sein Herr zogen 
in den Krieg. Welcher Schmerz, weich brennendes 
Weh im Kinderherzen. 

Fremde Truppen zogen durch Ansbach: Oster- 
reicher, Badenser, Wurttemberger und die bosen 
PreuBen erwartete man. In der Kiiche, im Garten- 
haus, im leeren Stall, iiberall lagen Soldaten auf 
Stroh, den eigentumlichen Leder- und KommiBbrot- 
geruch zuriicklassend. Meine Mutter hatte Qeld und 
Pretiosen in die Rocke genaht. 

Eines Abends muBte mein Vater fortreisen. Sein 
Neffe, ein Infanterieoffizier, war bei Kissingen ge- 
fallen. Wie mochte es Hudibras gehen ! Die weiteren 
Erinnerungen sind verblaBt. Wir Kinder bekamen 
die Masern, mein Vater wurde nach Bayreuth ver- 
setzt, ich kam in die Lateinschule. GraBlich! Kein 
Garten, kein Pferd mehr. Der Ulanka war ich ent- 
wachsen, meine kleine Schwester zog sie noch 
manchmal an. Abends vor dem Einschlafen, nach dem 
eiligen Nachtgebet, versuchte ich mir immer intensiv 
vorzustellen, daB ich ritte, und wahrend dieses Phan- 
tasierittes schlief ich immer ein. Die drei Jahre, die 
ich in Bayreuth zubrachte, verstrichen pferdelos. 
Auch die gefangenen Franzosen, die 1870 einmar- 
schierten, kamen zu FuB. Im Jahre 1871 wurde mein 
Vater nach Miinchen versetzt, kurz darauf starb 
meine Mutter. Das Gymnasium kam, aber nie mehr 

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fand sich eine Qelegenheit, meine Sehnsucht nach 
Pferden zu stillen. Damals wollte ich, da ich, meiner 
Zeit vorauseilend, das Qriechische hochst iiberfliissig 
fand, musikalischer Clown werden, was bei meinem 
Vater nicht auf das gebuhrende Verstandnis stieB. 
Ich konnte recht gut auf den Handen gehen und, den 
Fiedelbogen zwischen den Knien, die Qeige in den 
Handen, Stuckchen geigen. H&tte ich den zwanzig- 
sten Teil der Zeit auf die unregelmaBigen Verba ver- 
wendet, so ware ich ein groBer Grieche geworden, 
aber wie gesagt, der Zirkus schien mir anziehender. 
SchlieBlich absolvierte ich dennoch mit Hilfe meiner 
guten Augen und trat als EinjMhriger in das 3. Feld- 
artiilerie-Regiment Konigin-Mutter, da mein Vater 
Schwolischeh und Budget nicht zu reimen vermochte. 
Reiten kann er ja bei der Artillerie auch, hieB es, und 
es ist viei billiger. Reiten? Na ja! Die 2. Feidbatterie 
nahm mich auf. Die Uniform war da. Besonders 
schon war sie nicht, auch fand ich den „Brrrd" ent- 
setzlich. „Brrrd" nannte man beim Haufen das ro- 
mische Qiadiatorenschwert, das der bayerische Kano- 
nier zwischen den Beinen zu baiancieren pfiegt, und 
das bei jedem Schritt mit einem deutiichen „Brrrd" 
gegen die Waden haut. Machen kann man weiter 
nichts damit, nicht einmai Spane, es hat nur noch 
den ausgesprochenen Zweck, wenn man im Achssitz 
fahrt, ins Rad zu kommen, wobei man achtzugeben 
hat, daB man nicht selbst zur Spirale gedreht wird. 
In Gottes Namen, in einem haiben Jahre war man Qe- 
freiter, dann gab es Schleppsabel, Sporen und die 
hochgeschatzte Streifenhose, unten Qiockenform und 
das Rote so breit wie das Blaue. Mit diesem roten 
Streifen muB ein Naturphanomen verbunden sein. Es 
schwilit immer an, wird durch Kommandanturbefehl 
wieder in die normaie Breite gebracht, alsbald aber 
dehnt es sich wieder aus, bis eine rote Hose mit 
blauem Einsatz fertig ist. 
Als ich meinem Pferde vorgestellt wurde, befiel 

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mich ein Schreck/ Es schien eine Kreuzung von Ka- 
mel und Kleiderschrank zu sein. Es war so hoch, 
daB ich kaum zum Widerrist langen konnte, hatte 
einen Kopf wie ein beleidigter Elch und Haare wie 
eine Wildsau, aus denen ich, wie mir zur patriotischen 
Pflicht gemacht wurde, zehn Striche Staub taglich 
herauszuputzen hatte. Das wurdige Tier hieB Unhold. 
Qanz passend. Aber eineriei, es war ein Pferd. Nun 
kam die schone Zeit, wo man abends nicht mehr die 
Treppe hinaufkommt vor Reitweh, wo man urn fiinf 
Uhr friih durch den Kasernenhof patscht, im dick- 
dunstigen Stall die zehn Striche herausputzt, wobei 
Unhold von hinten beiBt, wo man schweiBbedeckt am 
gefrorenen Brunnen steht, wo im grauen, loheduften- 
den Nebel der Reitbahn schattenhafte Qestalten Knopf 
im Ziigel auf der Decke mit verzweifelt emporge- 
reckten Armen wie Korkstopsel auf den Wellen tan- 
zen, wo beim Kommando „Stange herein!" unklare 
Erinnerungen vom Qesetze der Beharrung und der 
Tangentenbewegung einem durch den Kopf gehen. 
Unser Instruktionsoffizier war kein Mann der grauen 
Theorie. Am ersten Tage hatte er uns ohne Sattel und 
Bugel gleich im Freien ein Rennen reiten lassen. Die 
meisten fielen herunter, es sah aus wie nach einer 
Schlacht. Ich war unter den Obenbleibenden und kam 
als guter vierter an. Das war ganz schneidig, aber 
reiten haben wir eigentlich doch nicht gelernt. Von 
einer Wechselwirkung zwischen Faust und Schenkel, 
worin doch der ganze Witz des Reitens besteht, horte 
ich zehn Jahre spater in Wien zum erstenmal. 

Eine der hiibschesten Obungen war entschieden das 
Einzeln-aus-dem-Glied-reiten. Der Leutnant erklarte 
uns begierig nach den Qeheimnissen der Hippologie 
Horchenden, wir miiBten uns „mit dem GesaB am 
Sattel ansaugen und eine schiebende Bewegung dazu 
machen". Wir saugten wie die Blutegel und scho- 
ben, daB es einer besseren Sache wiirdig gewesen 
ware. Aber kein RoB riihrte sich vom Platze, Der 

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Saugapparat schien durch den KommiBsattel durch 
nicht gehorig zu wirken. Nachdem auch ich erfolg- 
los eine Zeitlang hin und her gewebert hatte, flusterte 
ich dem hinten stehenden Kanonier, der zum Aus- 
misten bestellt war, zu: „Stupf 'n a bissel!" Der 
Kanonier stach grinsend meinen edlen Unhold mit der 
„Mistkralle" unter den Schwanz, und freudig eiste 
ich mich von der Menge los und trabte auf unseren 
hippologischen Leutnant los. „Na also, es geht ja!" 
rief dieser. Meine Kameraden aber weberten erfolg- 
los weiter. 

Reit- und Singlehrer haben viel Verwandtes. Jeder 
hat seine M&tzchen. Bald muB man den Ton im 
Nabel, bald hinter den Ohren bilden, bald ein Stuck 
Holz in den Mund nehmen, bald einen Stein behufs 
deutlicher Vokalisierung; geradeso ist dies durch den 
Sattel saugen. Schulmeistern ist schwer. Ob es 
wirklich der preuBische Schulmeister war, der die 
Schlacht von Sadowa gewann? Die Balladendichter 
mit den gewissen „verhangten Ztigeln" wissen ganz 
gut, daB der Ritter in seinem „Zoren", dem RoB die 
„Sporen 4t gibt. Warum es unser Leutnant nicht 
wuBte? 

Nachdem ich ein halbes Jahr auf Unholden herum- 
gehopst war, wurden wir vorgestellt. Es war sehr 
ehrenvoll fur mich, daB ich fur diese Vorstellung mit 
einem Kameraden das Pferd tauschen sollte. Dieses 
war ein kitzliches Aas und muBte immer als letzter 
gehen, weil es nach alien Seiten hin auszufeuern be- 
liebte. Die Ursache dieser unzufriedenen Gemtits- 
auBerungen zu ergriinden, gab sich niemand die Miihe. 
Ach, wer sich mit einem Pferde so richtig unterhalten 
konnte! Der biedere Unhold zum Beispiel, wirklich 
ein hochanstandiger Charakter, hatte eine Schwache : 
er konnte absolut nicht husten horen. Wie einer 
hustete, fuhr er drauf los, und wenn's der Herr Oberst 
gewesen ware. Offenbar hatten muBige Stallwachen 
ihm eine ganze falsche Erklarung dieses dem Men- 
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schen eigentiiinlichen Gerausches gegeben. Als ich 
spater in meinem Berliner Theater den beruchtigten 
Hustenukas erlieB, muBte ich oft an Unhold denken. 
Wenn er im Zuschauerraum gewesen ware, hatte 
bald keiner mehr gehustet. 

Also ich sollte das bucking horse reiten. Natiir- 
lich wollte ich sehr schon sein. Ich lackierte darum 
meine Wichsstiefel zu Hause und ging in die Kaserne. 
Um nicht verdorben zu werden — ich war damals 
achtzehn Jahre alt — hatte man mich zu einer be- 
kannten Familie in die LiebigstraBe gegeben. Von 
da in die Artilleriekaserne ist es eine gute Stunde. 
Meistens schlief ich noch im Qehen und war schon 
mude beim Antreten. Item ich wanderte mit den 
frisch lackierten Stiefeln durch die morgendammern- 
den StraBen. „Marzenstaub bringt Qras und Laub" 
— aber mir entschieden nur Mittelarrest, denn als 
ich ankam, waren die Stiefel so grau wie samisch- 
lederne. Verzweifelt arbeitete ich nun auf dem Lack 
und Staub wieder mit Wichse. Das scheint die Stie- 
fel geargert zu haben, den jetzt wurden sie griin. Ich 
sttirze in den Stall, die Kameraden sind schon ange- 
treten ; in meiner Wut und Hast reiBe ich eine Strippe 
am Sattelgurt ab — Teufel! Herunter kann ich die 
Halfte nicht hangen lassen. Also ganz heraus den 
Qurt. Jetzt ist's ja doch alles eins, mit den grunen 
Stiefeln werd' ich doch nicht Qefreiter. 

Qerade wisch ich noch mit in die Bahn, bevor die 
Schranke geschlossen wird. Orlando, so hieB das 
Beast, freut sich koniglich, daB er keinen Qurt hat 
und fangt an der Bande Xylophon zu spielen an, der 
Sattel tanzt am Hals herum. Auf gesessen ! Oben bin 
ich. Das Vieh hat entschieden Humor. Es schreit 
wie ein Waldesel und bemiiht sich, in regelmaBigem 
Tempo mich und den Sattel wieder auf den Hals zu 
balancieren. „Flinzerl", so nannten wir den Herrn 
General, weil er mit den Augen zwinkerte, fangt schon 
an, herzublinzeln, ihm nach der Oberst, der Major, 

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die ganze militarische Hierarchic Und dazu griine 
Stiefel und keinen Sattelgurt. Mich packt die Wut 
der Verzweiflung — Tarab — Orlando bemuht sich, 
die Vorderflossen auf der Kruppe des nachsten Pfer- 
des, den ganzen Schwindel auf den Hinterbeinen ab- 
zumachen. Qalopp! Jetzt geht's ios. Buff alio Bill, 
wo bist du! 

Bei den Ecken heiBt's aufpassen — mein Qott, wenn 
Flinzerl sich doch um die anderen kummern mochte, 
unverwandt dreht er sich mit und die anderen glotzen 
pflichtschuldigst auch mit. Jetzt ruft er den Leut- 
nant — der stiirzt hin mit hochrotem Kopf — er fragt 
ihn was — natiirlich, wie das Schwein heifit mit den 
khakifarbigen Stiefeln — wir sind sterbliche Men- 
schen, drei Wochen Mittelarrest — aber was liegt 
daran — der entsetzliche „Brrrd" taucht vor mir auf. 
Aus ist's mit dem Schleppsabel, ich werde auch das 
zweite halbe Jahr mit dem „Brrrd" in der Maximilian- 
straBe gehen — hupp, hupp — da reiBt mir die ger- 
manische Qeduld — ein Dutzend Sporenstiche 
blitzschnell hintereinander, dazu ebenso schnell die 
gleiche Anzahl Stockzahnparaden, daB Orlando vor 
Erstaunen buchstablich auf den Hintern fallt. So, 
mein Junge, und ein paar Stahlschenkel dran, vorn 
eine Eisenfaust, gelt, jetzt geht's. Orlando seufzt, 
gibt den Kopf her und geht wie ein Affe. DaB die 
Zweibeiner so wenig SpaB verstehen, denkt er sich. 
Mir lauft die Sauce zu den Stiefeln — Herrgott, wenn 
das eine chemische Verbindung eingeht, schlieBlich 
werden sie noch blau! Endlich SchluB. Flinzerl lobt. 
Er lobt sogar sehr. Der Leutnant ist dunkelrot. Flin- 
zerls Auge sucht. Wen sucht er denn? Hat mich 
schon. Er deutet auf mich. „Einjahriger Bonn!* 4 
briillt der Leutnant. Ich verlasse mich nicht auf den 
Saugapparat, sondern hau' dem lieben Orlando ein 
paar in die Seiten, daB er einen Hupfer auf Flinzerl 
losmacht. Dieser schaut mich freundlich an, mit ihm 
grinst die ganze militarische Hierarchic Was? Nichts 
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von den Stiefeln, nichts vom Sattelgurt? Er lobt mich 
iiber den griinen Klee, daB ich das Mistvieh so ruhig 
geritten. Qerettet. Zu einem Links schwenkt — 
rnarsch! 

Wenn der Mensch Qliick hat, dann schadet ihm 
selbst das Pech nicht. Ich hatte namlich gleich wie- 
der Pech. Der „Brrrd" tauchte noch einmal drohend 
auf. Unser Leutnant hatte uns tags vorher antreten 
lassen und jedem der Reihe nach gesagt, was er mor- 
gen fragen werde. Beim Hineinmarschieren ins In- 
struktionszimmer tritt mir mein Hintermann den 
Sporn herunter, ich stolpere, die anderen drangen 
nach, kurz, ich bin plotzlich um einen weiter unten. 
Ich hatte mich auf eine sehr gelehrte artilleristische 
Frage eingefuchst und hore entsetzt, wie mein Nach- 
bar die Frage bekommt und sie mit Hangen und Wtir- 
gen, nebst einem wiitenden Seitenblick auf mich, be- 
antwortet. Jetzt kommt's an mich. 

„Aus welchen Teilen besteht die Hinterhand des 
Pferdes?" 

„Die Hinterhand des Pferdes besteht aus — aus 
dem Schweif!" war meine prompte Antwort. 

„Weiter?" 

Weiter wuBte ich nichts. Ich war iiberzeugt, es 
gab noch mehr, aber nicht um zehn Hauser fiel es 
mir ein. BloB ein groBer „Brrrd" taucht vor mir auf 
und klappert an zwei griinen Reitstiefeln. 

Aber schon greift Flinzerl ein. „Das ist ja der 
brave Reitersmann von vorhin. Was studieren Sie?" 
usw. Der nachste! Nun schnurrten wieder die Ant- 
worten. Wir wurden Gefreite. Schleppsabel, Spo- 
ren, rote Streif en, so breit wie blau. Adieu Brrrd ! 

Bei der Batterie ritt ich alles mogliche Qetier, am 
Lechfeld durfte ich mit den Chargen Remonten rei- 
ten. Mein schonster Dienst war aber, zu Ende des 
Jahres in der TheatinerstraBe taglich den Komman- 
danturbefehl holen. Einen famosen alten Knaben aus 
dem Siebziger-Feldzug ritt ich, Bourbaki hieB er. Auf 

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dem Kugelfang lieB ich ihn Leine Ziehen und druckte 
mich dann so lange herum, bis er wieder trocken 
war. 

Manchmal kam ich auch auf ein Vollblutpferd. Die 
gingen mir immer durch. 

Ein Vollblutpferd hat mit einer italienischen Qeige 
viel Ahnlichkeit. Wer auf einer Schachtel geigen, auf 
einem KommiBgaul reiten gelernt hat, merkt, daB er 
nicht geigen und nicht reiten kann, sobald er eine 
Stradivari oder ein Vollblut in die Hand kriegt. Das 
sind feine Gefuhlssachen, die eben den Reiz des Le- 
bens ausmachen. 

Im nachsten Jahr riickte ich als Unteroffizier und 
Vizefeldwebel ein und stopselte auf verschiedenen 
Dienstmopsen herum. Verschiedene wundervolle Ritte 
verdankte ich der Qtite des jetzigen Generals Baron 
v. Horn (damals Oberleutnant). Namentlich eine 
Mondnacht wird mir unvergeBlich sein. Ober die 
duftende Heide galoppierten wir stundenlang bis ge- 
gen Augsburg, schweigend und trunken von der 
Schonheit der Welt, dem Kraftgefiihl der Jugend, auf 
den edlen Pferden. Einmal im Winter ritten wir um 
den Starnbergersee herum, und sogar spater, als ich 
einmal in Munchen gastierte, holte mich Baron Horn, 
der meine Reitleidenschaft kannte, mit den Pferden 
im Hotel ab, und wir ritten bei dem greulichsten 
Schneegestober hinaus — weit in die Feme. Men- 
schen, die mich auf ihren Pferden reiten lieBen, sind 
uberhaupt in meiner Erinnerung geheiligt. Da war 
auch der damalige Leutnant Wenninger, Harlander, 
Baron Redwitz, v. Qropper, Kustermann, Qraf Moy, 
der ErzgieBer v. Miller, lauter edle Manner, die in 
der Walhalla meiner Erinnerung stehen. 

Da kam die groBe Lebenswende. Ich feuerte das 
Corpus juris an die Wand und ging unters Theater, 
auf Anhieb alle Misere durchmachend, die sich bei 
anderen auf viele Jahre verteilt. Als dreiundzwanzig- 
jahriger Witwer war ich in Wien auf der Riickkehr 

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von einem Engagement in RuBland. Zum erstenmal in 
meinem Leben hatte ich etwas Qeld. Wo wohnt der 
nachste Pferdehandler? Ich kaufte ein Pferd. Dies 
oder keines paBt fur Sie, hatte der Pferdehandler ge- 
sagt. Ich sah ihm nicht ins Maul — dem Pferd nam- 
lich, obwohl es nicht geschenkt war. Achthundert 
Gulden — fiinfzig wir es unter Briidern wert. 

Ich fuhr mit meinem RoB im Gepackwagen 
nach Munchen. Im Pelzmantel, Zylinder, den 
Gaul an der Hand, so zog ich ein im bier- 
frohen Munchen. Beim Stachus behielten sie mich 
endlich. Also ich besaB ein Pferd! Armes Tier! 
Wenn es Seelenwanderung gibt, so gebe Qott, daB 
ich nicht auch einmal bei einem solchen Reitfexen 
Pferd sein muB, wie ich es war. 

Ich nannte das Tier „Nitschewo", und so ritt ich es 
auch. Tag und Nacht. Alle Augenblicke lag ich da 
mit dem alten, struppierten Vieh, irgendwo bei 
SchleiBheim oder im Isartal wurde ich dann aufge- 
lesen. In den Sommerferien nahm ich Nit- 
schewo an den Starnbergersee mit. Dort liebte 
ich gerade jemand und kam wochenlang 
nicht mehr zum Vorschein. Den Gaul stellte 
ich, ohne zu fragen, einer alten Cousine, die 
dort eine Villa hatte, in den Stall. So wie den armen 
Nitschewo behandelte ich damals auch meine Gesund- 
heit, und so kam es, daB ich eines Abends aus dem 
Hoftheater mit einem schweren Nervenfieber fortge- 
tragen wurde. „Broken down", sagten die Damen 
der Gesellschaft. Als ich Monate spater aus dem 
Spital kam, hatte Leutnant von Hellingrat, der so 
giitig war, das Tier in seinen Stall zu nehmen (wie 
ein Kuckuck in fremde Nester, begluckte ich meine 
Freunde und Kameraden), den alten Nitschewo in 
eine Droschke verkauft. 

In meiner damaligen Jugendroheit sah ich mich 
gar nicht weiter nach dem armen Tier um und kaufte 
sofort wieder ein Pferd, ein ehemaliges Renn- 

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pferd. Ich war inzwischen Leutnant der Reserve ge- 
worden und wegen meiner „Qewandtheit im Reiten" 
zur reitenden Abteilung versetzt worden. Ich platzte 
vor Stolz! Qleichwohl hatte ich vom Reiten noch 
immer keine blasse Ahnung. So oft ich auf ein Voll- 
blut kam, war es aus. Ich wuBte damals von Schen- 
keln nichts. Ich wuBte damals iiberhaupt recht wenig. 
Vor allem nicht, daB man ein edles Pferd nicht mit 
dem Ziigel halt, daB man ein edles Weib nicht mit 
Qrobheit behandelt und eine Stradivari mit dem Stock 
streicht. 

Nach solchen MiBerfolgen beschloB ich einmal, zu- 
nachst reiten zu lernen. Leutnant Byschl, der meine 
Passion sah, nahm sich meiner an, brachte mir zu- 
nachst bei, daB ein Pferd kein Mobel und die Reiterei 
eine Kunst sei, gab mir Biicher und erteilte mir ganz 
regelrechten Unterricht. Leider wurde er alsbald 
Gesttitsdirektor ; damals ware sicher was aus mir ge- 
worden ! 

Merkwiirdig, wie reizend einst alle Menschen mit 
mir waren, wo ich eigentlich nur ein ungegorener, 
dummer Junge war. Spater als Mann, wo ich das 
Qute und Edle verfocht, welche Ftille von HaB muBte 
ich erfahren! 

Zur Ubung auf das Lechfeld einberufen, bat ich den 
Hauptmann, mir das schwierigste Pferd der Batterie 
anzuweisen. Er lachelte verschmitzt und bestimmte 
mir einen gewissen Wolf — es war das Strafpferd 
der Batterie. Nie gab es ein harteres, zaheres Vieh, 
nie ein hartmauligeres und stiitzigeres. Nicht zu hal- 
ten, nie zu ermuden. Aufsitzen lieB er unter keiner 
Bedingung. 

Doch das war eine Kleinigkeit fur mich. Ich konnte 
damals mit gleichen FiiBen iiber ein mittleres Pferd 
wegspringen. Ich sprang also immer ohne Bugel in 
den Sattel, was Wolf sehr erstaunlich fand. Beim 
Exerzieren war er immer in der vorderen Abteilung, 

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was bin ich da angeknurrt worden! Mit seinen lan- 
gen Beinen konnte er springen wie ein Heuschreck. 
Einmal sprang ich mit ihm die samtlichen ausgerich- 
teten Protzkastendeichseln des Regiments. Das trug 
mir eine Mordsnase vom Herrn Obersten ein, dem 
der „Zirkus" nicht gefiel. Bei einem furchtbaren Qe- 
witter legte ich Wolf den Sattel auf ohne Zaumzeug 
und lieB ihn mit verschrankten Armen im stromenden 
Regen unter einer Kanonade von Blitzen durchgehen 
bis gegen Augsburg. Das war herrlich! Mein eigenes 
Tier, das ehemalige Rennpferd, ritt ich abwechselnd 
mit dem harten Wolf. Zum SchluB der SchieBubun- 
gen kam das Kanonierfest und die Brigaderennen. 
Zum Kanonierfest schrieb ich ein Stuck: „Die Prin- 
zessin Radibumbserl". Sehr fein und literarisch war 
es nicht, aber es fand groBen Anklang und regte nicht 
die ganze deutsche Presse gegen mich auf, wie meine 
spateren Werke. Es spielte bei den Zulus. Die Ko- 
stume waren daher einfach. Ich strich die Darsteller 
mit Schuhwichse schwarz an. Nun das Rennen. Ob 
ich wohl mitmachte? „Nu nee!" sagt der Berliner. 
Zu samtlichen Rennen nannte ich, immer mit dem- 
selben alten Rennpferd, Wolf war nicht schnell ge- 
nug. Mit einem Dutzend Herren ging es zur Steeple 
chase an den Start. 

Beim Kanter zitterte ich am ganzen Leib vor Auf- 
regung. Das sind Sachen, die sich nicht analysieren 
lassen, wenn beim Rennen die Flagge sinkt, wenn's 
beim Duell heiBt: „Los!" wenn man als Dichter bei 
der Premiere den Vorhang emporrauschen hort oder 
wenn die angebetete Frau . . . kurz, es gibt Momente 
von hochster Spannung im Leben, die durch nichts 
ersetzt werden konnen. Also die Flagge fiel. Fast 
in einer Reihe ward die erste Hiirde genommen. Ich 
hatte den schlechtesten Platz ganz auBen. Qleich 
nach dem Sprung nahm ich die Fuhrung und ritt 
schief auf das zweite Hindernis los, um in meiner Qe- 
winnsucht gleich die Innenseite zu nehmen. Da — 



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nach dem Sprung ein Qefiihl des Erstaunens, keine 
Luft, Pferdebauche mit weiBen Qurten und blinkende 
Hufe tiber mir. Ich springe auf. Weit drtiben galop- 
piert das Feld, neben mir liegt bewuBtlos Hauptmann 
Baron Redwitz, aus Mund und Nase blutend, dessen 
Pf erd tiber mich gefallen war. Eine schreckliche Ver- 
zweiflung erfaBte mich. Ich war schuld! Wenn ich 
nur wenigstens auch irgend etwas gebrochen hatte! 
Der BewuBtlose wurde auf einer Bahre weggetragen. 
Zerknirscht folgte ich. Einige schnitten nur Qesicht- 
ter. Baron Redwitz dagegen, als er am nachsten 
Tage zu sich kam, trostete mich echt kameradschaft- 
lich. Es hatte mir doch auch passieren konnen, 
meinte er. 

Mein nachstes Pferd war ein sehr nettes 
Jagdpferd. Mit ihm ritt ich auch oft die Jagden 
der koniglichen Equitations - Anstalt. Kein ktinst- 
lerischer Erfolg hat mich damals so froh ge- 
macht, als das Reiten hinter den Hunden. Wenn 
es so hinausgeht im rotlichen Schimmer des Herb- 
stes, die Hunde mit den Schweifen in der Hohe, die 
Hornklange, die einen so ubermutig stimmen, die 
roten Rocke in dem braunen Qezweig — wer das nie 
mitgemacht hat, der kennt nicht einen der Hohe- 
punkte des Lebens. 

Herzog Max Emanuel und seine rechte Hand, Ritt- 
meister (jetzt General) Buxbaum, fuhrten damals 
einen ritterlichen und reiterlichen Geist in Miinchen 
ein, der schone Bltiten getrieben hat. Wie imponierte 
mir der Pikorstall mit den sinnvollen Spruchen an 
den Wanden und der wundervollen Ordnung. Man 
sah, daB Rittmeister Buxbaum nicht nur ein vorbild- 
licher Reiter, sondern auch ein geistvoller Mann, eine 
Liebe, eine Begeisterung hergab, die sich bald auf 
das Qanze ubertrug. Schneidig genug waren die 
Jagden, nicht so zahm wie in Berlin. Wenn man auf 
einen Koppelrick losackerte und die niederste Stelle 
ersah, wurde man weggedrangt und muBte wohl oder 

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iibel an der allerhochsten springen, oder wenn es 
durch Kiesgruben und Wassertumpel ging oder bei 
Hubertus der Schneewind pfiff, daB man dachte, vom 
Knie und Ellbogen ab sei man amputiert, da fiihlte 
man hundertfach, daB man lebte, daB man jung war, 
daB einem die Welt gehorte, denn dem gehort sie, 
der um nichts den Hals dran wagt. Das ist's, was 
der Philister nie begreifen wird, was den Edelmann 
von ihm unterscheidet. Mein passioniertes Jagdreiten 
wurde sehr verschieden beurteilt. Eine Anekdote, 
die manchmal wieder bei einem Qastspiel in einer 
Zeitung auftaucht, illustriert das Verhaltnis. Mein 
amerikanischer Biograph hat sie folgendermaBen er- 
zahlt: 

„Herzog Max Emanuel hatte einmal dem passio- 
nierten Schauspieler vor alien Herren ein Lob iiber 
sein beherztes Reiten ausgesprochen. Dariiber 
argerte sich einer, der beim Nachhausereiten Bemer- 
kungen iiber die Schauspieler machte, welche fur ihr 
biBchen Qesichterschneiden Qagen wie Generate be- 
zogen. Bonn erwiderte nichts, sondern zwang sein 
Pferd plotzlich, iiber eine Steinmauer zu springen, 
welche die StraBe entlangging. 

,K6nnen Sie das auch?' rief er dem Sprecher her- 
uber. 

Dieser brachte seinen Gaul nach einigem Kampf 
schlieBlich auch hinuber. 

,So,' meinte Bonn lachend, Jetzt habe ich bewiesen, 
daB ich mindestens ebensoviel reiten kann wie Sie 
— aber — nun spielen Sie einmal heute abend den 
Hamlet." 

Qanz und gar nicht einverstanden waren mit der 
Jagdreiterei die Kollegen im Hoftheater. Der rote 
Rock argerte sie wohl, wenn ich am Theater vorbei- 
ritt. Einmal traf es sich, daB um elf Uhr General- 
probe eines Stiickes von Heyse war, im Kostiim na- 
tiirlich, und um zehn Uhr war Rendezvous zu einer 



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Regimentsjagd beim Hirschgarten. Die Jagd aus- 
lassen — nie und nimmer! Beim Buhneneingang 
standen die Kollegen. Na, diesmal fallt er hinein. Der 
kann sich freuen, wenn er nicht da ist, und wir freuen 
uns auch. Ich muB gestehen, ich sah ziemlich oft 
nach der Uhr. Ich rechnete und rechnete. Vor halb 
zwolf Uhr durfte mein Stichwort kaum fallen. Die 
Jagd begann. Ich dachte an nichts anderes mehr. 
Halali! Fiinf Minuten nach elf. Nun aber Beine. Da 
fangt's zu regnen an. Auf einmal sitzt die Decke 
hinten auf der Kruppe. Na, ich komme ja noch hin; 
schon tauchen die Hauser der Stadt auf; ich steige 
ab und mache den Sattel los, den ich neben mich lege, 
richte die Decke und will den Sattel wieder auflegen. 
Ja, hat sich was. Mein edles RoB faBt die Sache 
humoristisch auf. Wir tanzen im Kreis herum, in der 
linken Hand die Ziigel, in der rechten den Sattel, dazu 
schuttet es, was herunter kann. Ich werde wtitend, 
die Minuten entfliehen, niemand weit und breit, den 
ich rufen konnte. Wie werden sich die Kollegen 
freuen ! Mein Pf erd schaut mich hohnisch an, wie ich 
die Hand mit dem Sattel hebe, geht das Tanzen los. 
Eine Viertelstunde dauert das. Nun aber SchluB! 
Der Sattel fliegt in den Schmutz, ein Sprung, droben 
bin ich und jetzt Sporen rein, was rausgeht. „Hopp! 

— hopp!" schrei ich nur immer. Menschen schreien, 
alte Weiber purzeln, Qendarmen schreiben ins Notiz- 
buch oder drohen hinter mir her. Ein Verruckter oder 
einer, dem der Qaul durchgeht? Nein, nur ein auBerst 
pflichteifriger Hofschauspieler, der nicht zu spat kom- 
men will. Da Land — das Hoftheater — runter vom 
Qaul — wird allein nach Hause finden, rauf die 
Treppe. „Mein Stichwort schon gefallen?" — „Nein, 
aber sofort." 

Runter, runter das triefende Zeug, an jedem Bein, 
an jedem Arm zieht einer, hinein in die paar Lumpen 

— einen Schafer hatte ich zu spielen. „Herr Bonn, 
auftreten!" ruft der Inspizient, fur die Sandalen hat's 

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nicht mehr gereicht — warum soil ein Schafer nicht 
barfuB gehen? Stichwort — da bin ich. Die Ge- 
sichter von den Kollegen! Ich war so auBer Atem, 
daB ich kaum schlucken konnte, zum Gluck hatte ich 
irgend etwas Aufgeregtes in meiner Rolle zu sagen. 
Der Intendant kam nach dem Akt herauf und sagte: 
„Dies Atemlose und Nervose in der Erzahlung haben 
Sie mit einer solchen Naturwahrheit gemacht, daB 
ich Ihnen nachstens wieder eine groBe Rolle gebe. 
Sie machen ja riesige Fortschritte!" 

Ein braver Reitersmann kommt eben iiberall durch. 

Wenn man sich vorstellt, was fur ein anderes Qe- 
sicht die Weltgeschichte bekommen hatte, wenn Lud- 
wig XVI. ein Reitersmann gewesen ware. Bei Varen- 
nes noch, ein Sprung iiber den umgestiirzten Wagen 
an der Briicke, und kein Napoleon existiert in der Qe- 
schichte. AuBerst charakteristisch ist, daB Robes- 
pierre, als er zur Macht kam, reiten lernte. Es fehlte 
ihm aber jedes Talent dazu, er muBte es aufgeben 
und zu FuB beim Fest des hochstens Wesens erschei- 
nen. Die eifersuchtigen Kollegen verulkten ihn, traten 
ihm auf die Hacken und mit dem Imponieren war's 
nichts. 

Meine wilde Reiterei war aus, als ich ans Burg- 
theater kam. Ich ritt dann und wann auf Mietpferden, 
aber das viele Qastieren und der harte Kampf um 
die Position vertrieben den frohen Reitergeist. In 
Berlin bin ich dann wieder fleiBig geritten, aber auch 
nur auf Manegepferden. Die vier Amerikafahrten 
und die sonstige Unruhe der Existenz verboten einen 
Luxus, der schlieBlich nur fur den Diener dagewesen 
ware. Erst im letzten Jahre als Theaterdirektor, als 
ich daran war, gemiitskrank zu werden, weil ich 
monatelang aus dem Zivilkabinett keine Antwort 
durchsetzen konnte zur Erlaubnis eines patriotischen 
Dramas, kaufte mir meine Frau eine dreijahrige un- 
gezogene Stute, die mich wieder aufriittelte. Einmal 
begegnete ich dem Kaiser im Tiergarten. Er hatte 



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mich sehr gern gehabt — ich sah es in seinem Blick, 
daB er dachte, „der Mensch sieht eigentlich dem gar 
nicht gleich, was man mir von ihm erzahlt hat". Ich 
machte Front. „Schones Pferd," sagte der Kaiser 
im Vorbeireiten. „Der junge Fritz ist viel schoner, 
Majestat!" rief ich, daB die Baume wackelten. Er 
lacht, schiittelt den Kopf, „verriickter Kiinstler," 
denkt er, „man kann ihm nicht bos sein". „Der junge 
Fritz," so heiBt namlich der erste Teil meiner Hohen- 
zollern-Trilogie, die ich fiir den Kaiser geschrieben 
und auf die ich keine Antwort bekam, weil eine Ber- 
liner Zeitung mich wie einen Hochverrater hinstellte. 

Mein Biograph sagt: „Dies Stuck ist ein starkes 
patriotisches Werk,ware mit einem hohen Preis zu 
belohnen gewesen. In einer Zeit, wo alles nur zer- 
setzend und niederreiBend schreibt, wo der nur auf 
Erfolg hoffen konnte, der negierte, Ehre, Heimat, Fa- 
milie, Ehe, Religion angriff, in dieser alle Funda- 
mente unserer Kultur unterwiihlenden, nach abwarts 
sinkenden Zeit fand ein Kiinstler begeisterte Worte 
fur Konigtum, Ehre, Treue, Qlauben, Mut und alle rit- 
terlichen Eigenschaften. Man hatte gar nicht genug 
tun konnen, um ein solches Talent auf dem idealen 
Weg zu befestigen, ein Talent, das nicht um das gol- 
dene Kalb der Tantieme tanzen wollte und weitab von 
dem dekadenten Literaturpobel eine positive Kraft 
zeigte, die in eine schone Feme blicken lieB." Und 
der Kaiser ritt vorbei — mas man i h m sagte, das hat 
gewiB ganz anders gelautet! Ich gab vor geladenem 
Publikum eine Qeneralprobe, da kam die Polizei, fast 
hatte es Tote gegeben, da sagte ich mir, jetzt ist es 
Zeit, den Sabel einzustecken. 

Hier, auf meinem Gut in Bernau am Chiemsee, bin 
ich natiirlich viel im Sattel. Mein stammiger Hunter 
ist ganz manierlich geworden, springt iiber alles, ob- 
wohl das Tier friiher vor jeder Katze, jedem Sperling 
umkehrte. So Qott will, krieg' ich auch Fohlen, die 
werden gleich ins Zimmer gewohnt. Etwas Wahres 

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ist sicher daran, was mir jungst cin hervorragender 

Kavallerist schrieb, als ich auf geistigem Qebiet eine 

siegreiche Schlacht geschlagen: 
„Das macht eben, weil Sie ein Reitersmarm sind." 
Freilich, „ein tuchtiger Regen und ein braver Reiter 

kommen tiberall durch". 

Qeschrieben 1909 fur die 

Kavalleristischen Monatsliefte. 



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Franz Mejo Nachf. Dr. F. Poppe, Leipzig-R. 



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fl100b32«H33 



I 




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